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Ausgabe:

1894 Nr. 1

Spalte:

323-326

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Glaube und Busse. Ein Beitrag zur Beurteilung neuester Streitfragen 1894

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 12.

gleich ich felbft von der vergleichenden Religionsforfchung
vorläufig, bei der grofsen Unficherheit, mindeftens Un-
fertigkeit des Materials, mir noch nicht viel verfpreche
für die Religionsphilofophie, am wenigften für die Reli-
gionspfychologie (alfo gerade R.'s Gebiet), kann ich
doch nur zugeftehen, dafs wir nicht anders vorwärts
kommen, als wenn wir den Verfuch machen, das vorhandene
Material zu verarbeiten und nach nothwendig
fcheinenden Gefichtspunkten zu verwerthen. E. Rohde
(Pfyche; Seelencult u. Unfterblichkeitsglaube d. Griechen
— leider konnte Runze noch nicht das ganze Werk benutzen
, fondern nur die 1890 erfchienene erfte Hälfte)
meint feftftellen zu müffen, dafs wir der griechifchen
Religion, der er doch mit der ganzen Ausrüftung des
Fachmanns hat nachgehen können, grofsentheils, zumal
in Bezug auf ihre ,innerften Motive', nur ahnend gegen-
überftehen. Er fügt hinzu: ,es fehlt ja nicht an Solchen,
die aus dem eigenen wackeren Herzen und dienftwilliger
Phantafie uns allen gewünfchten Auffchlufs heraufholen
zu können, ficher find'. Ich bin daran zuweilen erinnert
worden, indem ich Runze's Auseinanderfetzungen folgte.
Dennoch meine ich, es fei nicht werthlos, wenn Einer
fympathifch nachfühlend fremde Religionen zu deuten
unternimmt. Hätte R. fich mehr befchränkt auf gewiffe
Hauptgeftalten des Unfterblichkeitsglaubens, ftatt mög-
lichft alle heranzuziehen, fo würde er wohl ficherere Er-
trägnifse für fein Problem davongetragen haben. Vielleicht
hätte er dann auch ein leichter lesbares, ein über-
fichtlicheres Buch fchaffen können. So fchön er manches
Mal zu fchreiben weifs, fo überlaftet find feine Entwicke-
lungen oft. Offenbar möchte er nichts von dem, was
ihm feine reiche Literaturkenntnifs an Notizen aus den
verfchiedenen Religionen zugeführt hat, unverwerthet
laffen; dazu berückfichtigt er gern alle Meinungen anderer
Forfcher. Dadurch kommt es nicht feiten dahin, dafs
man als Lefer zwar noch feine unverwüftliche Frifche im
Vergleichen und Combiniren, im dialektifchen Kampfe,
bewundern kann, felbft aber einigermafsen müde wird.
Doch das find zuletzt nur die Fehler der Tugenden des
Buches. Und dadurch darf fich Niemand abhalten laffen, es
durchzulefen. Es find viel anregende, gute Ideen in diefem,
wie auch fchon in früheren Werken, von R. niedergelegt.

Um der Pflicht der Berichterftattung über den Inhalt
der Schrift zu genügen, hebe ich das Folgende heraus.
R. legt fich zwei Fragen vor, zuerft die: ,wie, aus welchen
Urfachen und unter welchen Bedingungen hat fich der
Unfterblichkeitsglaube pfychologifch - gefetzmäfsig im
ganzen und im einzelnen entwickelt? Und fodann die
andere: wie erklärt es fich, dafs der Unflerblichkeitsge-
danke gefchichtlich nicht allenthalben in gleicher Stärke
aufgetreten ift, fo dafs er gerade auf höherer Culturftufe
und gerade vom religiöfen Standpunkt nicht feiten verleugnet
worden ift?' Nachdem er einige kritifche Bemerkungen
über /Problem, Methode, Eintheilungsprincip'
vorangefchickt, kommt er S. 23 zur ,Dispofition der Motive
' des pofitiven Unfterblichkeitsglaubens. Er unter-
fcheidet nach den Gefichtspunkten, welche die Beobachtung
der pfychologifchen Entwicklung des geiftigen Lebens
darbietet. Wie diefe uns vier Stufen zeigt, die des ,naturlichen
Begehrens', der,Einbildungskraft', der, Verftandes-
thätigkeit', zuletzt das ,Werden des Ethifchen', fo giebt
es vier Arten oder richtiger Stadien der Entwicklung des
Glaubens an Fortexiftenz des Menfchen nach dem Tode,
auch der Vorftellungen von der Art des Lebens im Jen-
feits, der Beziehungen zwifchen den Todten und den noch
imDiefseits Lebenden. ,Der Unfterblichkeitsglaube entfteht
1. aus der fubjectiven Triebfeder der Todesfurcht und
dem entfprechenden pofitiv-eudämoniftifchen Wunfche,
das Grab zu überwinden und noch am Grabe die Hoffnung
aufzupflanzen; 2. aus der Phantafiethätigkeit
namentlich des Traumlebens in feinen Analogien mit
dem wirklichen Leben; 3. aus dem Verftandesräthfel
welches durch die eirffchneidende Thatfache des Todes

uns nahe tritt und mit welchem fich ein objectives Grauen
vor der Vernichtung des Lebens verbindet, ein intellec-
tueller horror, der zu der Frage nöthigt: was wird nachher
fein? 4. Aus den Poftulaten des fittlichen Wollens
und zwar zuerft negativ aus den Bedürfnifsen des verletzten
fittlichen Selbftgefühls, infonderheit aus der Vergeltungsforderung
des Gewiffens, fodann pofitiv aus dem
Streben nach Vollkommenheit in dem Bewufstfein des
unendlichen Werthes der menfchlichen Perfönlichkeit'.
Diefe vier Motive treten nicht feiten in den gefchichL
liehen Formen des Unfterblichkeitsglaubens, die es zu
analyfiren gilt, combinirt, durch einander beeinflufst auf.
Vor Allem find fie überall irgendwie folidarifch verknüpft
mit den Motiven des Gottesglaubens. Der letztere ftützt
oder hindert im Einzelnen die Entwicklung des Unfterblichkeitsglaubens
, vermittelt für denfelben eigenthümlich
concrete Formen. Oft treten Ideenreihen auf, die fich
widerfprechen, ja ausfchliefsen würden, wenn fie confe-
quent verfolgt würden. Aber die Bedürfnifse des Menfchen
veranlaffen in Wirklichkeit nur, dafs fich entgegengefetzte
Vorftellungen bei einander erhalten, fich ergänzen. Es
ift R.'s Meinung nicht, dafs überall, wo Unfterblichkeitsglaube
fich regt, die vier Motive zufammen wirkfam find:
je eines für fich kann ihn erzeugen und tragen; umgekehrt
löfen fie fich auch oft ab oder durchkreuzen fich. Auf
der höchften Stufe und in der reinften Geftalt, die der
Unfterblichkeitsglaube hat, auf der chriftlichen, find aber,
wenn ich recht verftehe, nach R. alle Motive wirkfam und
zu eigenthümlicher Verklärung gelangt. Freilich widmet
R. dem chriftlichen Unfterblichkeitsglauben als folchem
keine gefonderte, zufammenhängende Betrachtung. Er
berührt ihn, neben den anderen gefchichtlichen Geftalten,
da wo er ihm zur Illuftrirung der einzelnen Motive Material
zu gewähren fcheint. Ueberhaupt geht feine Dar-
ftellung in den vier Abfchnitten, in denen er der angedeuteten
Dispofition zufolge die Unfterblichkeitsideen
befpricht, Itets durch die verfchiedenften Religions- und
Culturarten hindurch. Nebeneinander werden Ideen,
richtiger gefagt: Sentenzen, Bräuche, Stimmungsbilder
von heterogenfter Herkunft vorgeführt, gedeutet, mit einander
verglichen. Dabei kann es nicht ausbleiben, dafs
fehr Vieles in einer fubjectiven Auffaffung auftritt, die
zwar oft fcharffinnig und auch feinfinnig heifsen darf, doch
aber nichts Zwingendes an fich hat. R. verwirft mit Bewufstfein
das ,geographifch-ethnologifche Princip' der Behandlung
des Stoffes, ebenfo wie das ,dogmatifche'.
Letzteres, das zuletzt auf Widerlegung oder Rechtfertigung
eines beftimmten Unfterblichkeitsglaubens abzielt,
hat mit feiner Aufgabe überhaupt nichts zu thun. Zwar
ift er nicht ängftlich in diefer Richtung; er deutet wiederholt
klar genug an, wie er zur ,Wahrheit' des Unfterblichkeitsglaubens
flehe, nämlich durchaus bejahend, infonderheit
die geläuterten, echt chriftlichen Ideen fich aneignend
, ihnen die Zukunft verheifsend. Aber das wird
immer nur geftreift; er verweift dabei auf fpätere Erörterungen
. Dagegen das ,geographifch-ethnologifche' Princip
der Behandlung hätte doch mehr berückfichtigt werden
follen. R. meint, diefe Betrachtung ,ignorire leicht das
Identifche'. Das ift gewifs richtig, aber das braucht nicht
der Fall zu fein. Und es hätte doch den Verf. vor manchen
Identificirungen bewahren können.

Da R. feine vier Motive elaftifch und lebendig mannigfaltig
fich vergegenwärtigt, nicht als abftracte Schemata
, fo kann man fie wohl gelten laffen als im Allgemeinen
ausreichende Gefichtspunkte zur Vertheilung
der bunten Mannigfaltigkeit der concreten gefchichtlichen
Ideen über das Jenfeits, über das ,Sterben' und
den .Todeszuftand' (welche beiden Momente R. ganz
richtig auseinanderhält). Etwas anders fleht es hinficht-
lich der Deutung diefer Ideen. Eben hier müffen die
,geographifch-ethnologifchen', daneben die hiftorifch-chro-
nologifchen und die perfonalen Momente, die genera
dictionis bei den einzelnen Aeufserungen etc. ficher mehr