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Ausgabe:

1894 Nr. 12

Spalte:

320-323

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmitt, Ludw.

Titel/Untertitel:

Der Karmeliter Paulus Heliä 1894

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 12.

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,Mehrere der zum Lutherthum abgefallenen Mönche . .
verrathen eine aufserordentliche Belefenheit in der Schrift,
wie fie nur durch jahrelange Uebung und Studium erworben
wird. Sie brachten diefelbe mit aus der
kath. Kirche' (S. 107).

Kiel (Breslau). G. Kawerau.

Glaube und Busse. Ein Beitrag zur Beurteilung neuefter
Streitfragen von K. W. F. Riga, Hoerfchelmann, 1893.
(III, 161 S. gr. 8.) M. 3. -

In diefer Schrift hat zum erften Male ein orthodoxer
Lutheraner uns in demjenigen Recht gegeben, wodurch
fich unfere Pofition am fchärfften nach Rechts und Links
abgrenzt. Er urtheilt, dafs wir durch unfere Lehre vom
Glauben die Kernlehre der Reformation erneuern. Der
Verfaffer reproducirt meine Darlegungen über das Thema
und fragt dann, wie man angeflehte deffen den Vorwurf
der Unkirchlichkeit und des Rationalismus aufrecht erhalten
könne. Man könne das nur deshalb, weil man
entweder uns nicht hören und verliehen, fondern nur
verurtheilen wolle oder weil man felbft in diefem Hauptpunkt
auf katholifche Gedanken zurückgekommen fei.
Das Erftere illuftrirt der Verfaffer an Frank, das Zweite
an E. König. Wenn er aber von dem Buche König's
urtheilt, es gereiche der orthodoxen Theologie zur Unehre
, fo flimmt das nicht mit der Thatfache, dafs das
Buch der einzige, mit eindringendem Fleifs unternommene
Verfuch zur Widerlegung unferer Sätze ift. Man mufs
doch anerkennen, dafs König es fich redlich fauer werden
läfst, die Lehre des Tridentinum als die in der evan-
gelifchen Kirche berechtigte zu erweifen. Bei der Mehrzahl
unferer Gegner find wir es anders gewohnt. Nicht
ihre Verdammungsurtheile fchmerzen uns, fondern ihre
Unluft, energifch auf die Sache einzugehen. Sie wollen
es mit dem auf den Synoden und im Kirchenregiment
herrfchenden Geifte halten und wenden deshalb beftändig
die Vorftellung an, der Chrift müffte fich entfchliefsen,
den Inhalt von Lehren und Berichten als Thatfachen
anzufehen, und alsdann auf folche Thatfachen fein Vertrauen
gründen. In der berühmten Formel von den
,Thatfachen, die einfach Glauben fordern' hat diefe Vorftellung
ihren fchönften Ausdruck gefunden. Aber als
evangelifche Theologen haben fie eine fehr begreifliche
Abneigung, fich mit einer folchen Gedankenrüftung in
eine tiefere Discuffion einzulaffen. Denn es müfste dann
fofort offenbar werden, dafs fie in der Lehre, in der die
Bekenntnifse der Reformation ihren Gegenfatz gegen
Rom zufammenfaffen, mit der römifchen Kirche einig
find. König hat nun gerade diefes Ergebnifs nicht ge-
fcheut, und das gereicht ihm zur Ehre. Er hat feine
Pflicht als Theolog beffer erfüllt als die anderen, die dazu
mitwirken, das evangelifche Volk auf katholifchen Glauben
einzuüben, aber mit der Theorie ihrer Praxis nicht hervorzukommen
wagen.

Das kräftige Eintreten des Verfaffers für unfere Auf-
faffung des Glaubens könnte ihm den Verdacht zuziehen,
dafs er felbft von Ritfchl'fcher Theologie angefteckt fei.
Aber dagegen weifs er fich gefichert. Er hält es zwar
für eine Schwäche einer fogenannten kirchlichen Theologie
, dafs fie der von uns angeregten Arbeit fich ver-
fchliefst, die doch nur eine dem chrifllichen Glauben
durch unfere Zeit geftellte Aufgabe fei. Wie viel er aber
im Uebrigen an uns zu tadeln hat, will er befonders
an meinem Auffatz über die Bufse (Zeitfchrift für Theol.
und Kirche 1890) zeigen. Er fagt zwar auch hier, nachdem
er den Inhalt fkizzirt hat, für eine Reihe von
wefentlichen Punkten dürfe ich bei evangelifchen Theologen
nur auf Zuftimmung rechnen. Aber er fagt doch
fchliefslich: ,Wir glauben einer Anfchauung nicht folgen
zu dürfen, ja nicht einmal mit ihr pactiren zu können,
welche die Schuld des Sünders vor Gott zu würdigen,

ja nur zu erwähnen verfchmäht'. Ich kann den Verfaffer
nur bitten, den Auffatz noch einmal durchzulefen. Er
wird ohne grofse Anftrengung bemerken können, dafs
da von Schuld oft geredet wird, auch wenn das Wort
Schuld nicht gebraucht wird. Auch die übrigen Vorwürfe
des Verfaffers treffen mich nicht. Ich habe auszuführen
gefucht, dafs kein Menfch fich felbft zu wahrhaftiger
Reue bringen könne. Wer die Einwirkung Gottes
durch Chriftus erfährt oder im Glauben lebt, wird von
der perfönlichen Macht des Guten fo beeinflufst, dafs
er fortwährend gedemüthigt und in dem Schmerz darüber,
dafs er nicht gut ift, feftgehalten wird. Das Gefetz wird
ihm eine ihn richtende Macht durch den Glauben. Den
Andern aber ift nicht damit zu helfen, dafs man fie einfach
auf das Gefetz verweiftt. Denn was fie mit dem
Gefetz anfangen können, bringt fie nicht zur Reue, fondern
höchftens zur Furcht vor den Folgen der Sünde
oder zur ,Galgenreu'. Ich habe keinen Zweifel darüber
gelaffen, dafs felbftverftändlich für einen folchen Menfchen
das Gefetz eine ihn richtende Macht werden foll,
die feiner Gewohnheit, an feinen Vortheil zu denken,
ein Ende macht und ihn zwingt, an feine Sünde zu denken.
Aber diefes Verftändnifs des Gefetzes findet er nicht in
fich felbft, fondern es wird ihm erfchloffen, wenn er mit
Menfchen zufammentrifft, die angefangen haben, da im
Guten zu leben, wo bei ihm die Triebe des Fleifches
herrfchen. Es ift fehr wenig angebracht, dafs der Verfaffer
mich zur Widerlegung auf Rom. 7 verweift. Denn
da redet Paulus zwar davon, dafs der von dem Gefetz
ergriffene Menfch durch das Gefetz unfelig wird, nicht
aber davon, wie das Gefetz diefe Gewalt über den Sünder
gewinne. Der Verfaffer wird es wohl ernftlich nicht
unternehmen wollen, vom N. T. aus den Satz zu widerlegen
, dafs wir andern durch unfere Liebe zur Reue
helfen follen. Nur Eines gebe ich bereitwillig zu. Nach
meiner Darfteilung fleht es fo aus, als ob die Furcht,
die in dem Sünder durch feine eigene Erwägung des
Gefetzes und durch die Predigt des Gefetzes erregt wird,
wegen ihres felbftfüchtigen Charakters überhaupt werthlos
fei. Das ift unrichtig. Denn wenn auch diefe Furcht die
Fortfetzung der Sünde ift, fo ift doch eine folche Entwicklung
als von Gott gewollt anzufehen.

Abgefehen von diefem Punkte habe ich durchweg
den Eindruck, als ob der Verfaffer einen Gegenfatz
1 zwifchen uns zu conftruiren fuchte, und als ob es dabei
ohne ftarke Mifsgriffe nicht abginge. Der Verfaffer hätte
aber folche Gewaltfamkeiten gar nicht nöthig, um fich
als Vertreter feiner Richtung und Gegner unferer Be-
ftrebungen zu legitimiren. Wenn freilich bei dem Schuldbegriff
eine Differenz zwifchen uns beliehen follte, fo
müfste ich fie mir nach einer Andeutung des Verfaffers
fo vorftellen, dafs er zwar den juriftifchen Schuldbegriff
und den des fittlichen Idealismus handhabt, aber die eigen-
thümliche Verfchärfung, die diefer Begriff in dem Ver-
j hältnifs des Chriften zu feinem Gott erfährt, nicht be-
| achtet, während ich diefen Unterfchied für fehr wichtig
| halte. Aber es befleht zwifchen uns eine andere Differenz
, die viel deutlicher ift, und die fofort erkennen läfst,
dafs der Verfaffer trotz feines lebhaften Eintretens für
unfere Auffaffung des Glaubens auf die Seite unferer
Gegner gehört. Die Selbftändigkeit des Glaubens, die
auch der Verfaffer für den evangelifchen Chriften behauptet,
ift nur dann möglich, wenn der Chrift fehen kann, dafs
fein Glaube durch die Macht einer äufseren Autorität
gefchaffen wird.deren innere Berechtigung er empfinden
kann und foll. Das ift aber das Eigenthümliche des chrifllichen
Glaubens, dafs bei ihm diefe Bedingung durch
die wunderbare Wirklichkeit der Perfon Jefu erfüllt ift.
Diefe Erlöferbedeutung der Perfon Jefu wird aber von
unfern Gegnern zur Rechten und Linken in gleicher
Weife verkannt. Das, worauf der Chrift feinen Glauben
gründet, kann er nicht in fich felbft finden wollen. Der
Glaube foll nicht aus dem innern Leben des Menfchen