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Ausgabe:

1894

Spalte:

300-303

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haupt, Hermann

Titel/Untertitel:

Ein oberrheinischer Revolutionär aus dem Zeitalter Kaiser Maximilians I 1894

Rezensent:

Bossert, Gustav

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= befchwert, fondern eingefchnürt, eingeengt, gefchmälert. I
Ebd. Z. 3 ift geitlich = geizig. Z. 3 v. u. lies ftatt be-
kentnus bekenknus = Begängnifs. Z. 2 ift Banfchatz nicht
der Lohn des Baumwarts = fondern bannalia, bifchöfliche
Strafen für fittliche Vergehen. S. 130 Z. 1 ift wiffend
nicht in niefsend zu ändern, fondern = erfahrend. Z. 6
1. ftatt hinderfach hinterfacz (bekannte Verwechfelung J
von h und z) = hinterfaffe, vgl. Z. 1. Z. 1 v. u. grofen j
= gröfen, graufen, hat mit grofs nichts zu thun. S. 131 i
ift ftatt notterzehnten wohl wocherzehnten = Wucherzehnten
, d. h. Blutzehnten (vgl. wuocher bei Lexer) zu
lefen. S. 132 ift das Fragezeichen nach vier opfer zu
ftreichen. Die vier Opfer an den 4 Hochgeziten, da jede i
Seele, die zum Sacrament geht, dem Pfarrer ihre Opfer
am Altar geben mufs, waren eine reiche Einnahmequelle
der Priefterfchaft. S. 140 Z. 8 ift ficher ftatt armuffer
armuffe n zu lefen. Bei den Sendgerichten S. 165 hat
der Anonymus das Vorbild der noch im Anfang des
16. Jahrh. in Franken beftehenden bifchöflichen Sittengerichte
vor Augen, welche der Archidiakonus oder fein
Official je für 4—5 Pfarreien hielt, vgl. Württb. Kirchen-
gefchichte (Calw u. Stuttgart 1892) S. 73. So wird die
Hereinziehung der Beichte verftändlich. S. 174 ift Betzona
wohl Schreibfehler für Ricina (Recanati) oder Lautver-
fchiebung für Potenza, was das Wahrfcheinlichfte ift.
S. 184: Der Teufel Naafin ift eine Erinnerung an die ophi-
tifche Gnofis (©TO die Schlange). S. 205 ift Bruft nicht
== Brunft, fondern = Ertbruft, Erdfall, Erdbeben (Stamm
berften). S. 216 Anm. 10 ift dirigi wahrfcheinlich ein
falfch gebildetes Perfect, das zu dem jämmerlichen Latein
des Anonymus wohl pafst.

Nabern. G. Boffert.

Benrath, Prof. D. Karl, Oes Papstthums Entstehung und

Fall. Ein Gefpräch von Bernardino Ochino aus Siena.
MDXLVIIII. Aus dem Italienifchen überfetzt und mit
einer gefchichtlichen Einleitung verfehen von K. B.
Halle a/S., Strien, 1893. (68 S. gr. 8.) M. 1.20.

In der Monographie über Bernardino Ochino hatte
Benrath eine fehr eingehende Analyfe der urfprünglich
lateinifch gefchriebenen und von Dr. John Pounet ins
Englifche überfetzten ,Tragödie' Ochino's gegeben und
in Beyfchlag's Deutfchevangelifchen Blättern eine Ueber-
fetzung derfelben veröffentlicht, die er jetzt mit einer
kurzen Biographie Ochino's zu weitefter Verbreitung in
deutfchen Kreifen darbietet. Und diefe Streitfchrift verdient
wirklich Beachtung. Wenn fie auch 1549 gefchrie-
ben ift, fo ift fie doch nicht veraltet. Wie genau Ochino
das Papftthum kennt, ergiebt fich fchon daraus, dafs er
als notwendigen Schlufsftein des Papftthums die Infalli-
bilität vorausfetzt, wie fie dem Bau 1870 als Krone aufgefetzt
wurde. Seine Schilderung des Concils mit dem
draftifchen Schlufs des Tedeum, das der Caplan des
Papftes auf ein Zeichen anftimmt, dafs aller Widerfpruch
verftummt, ift fo meifterhaft, dafs man unwillkürlich das
Tagebuch Friedrich's vom vatikanifchen Concil zur Hand
nehmen und vergleichen mufs. Fein fchildert Ochino
die Machtmittel des Papftthums, Ablafs, Beichte, Abfolu-
tion, Fegfeuer, Brotverwandlung, Meffe, Cölibat, die Ce-
remonien und all den Pomp des Gottesdienftes. Die
Mittel, wodurch die Geifter an den päpftlichen Stuhl gekettet
werden, die Befriedigung der materiellen Intereffen
bis auf die verfchiedenen feinen Weine mufs Ochino fehr
genau gekannt haben. Unwillkürlich wird man an Lu-
ther's Streitfchrift: ,Wider das Papftthum zu Rom vom
Teufel geftiftet' von 1545 erinnert. Gemeinfam ift beiden
der diabolifche Urfprung des Papftthums, in dem fich der
Antichrift darftellt, beide laffen das Papftthum unter
Bonifacius III. durch Phokas gegründet werden, da beide
von Platina's Gefchichte der Päpfte ausgehen. Eine nähere j
Vergleichung des Inhalts der beiden Streitfchriften wäre |

ein trefflicher Stoff für eine Seminararbeit. Schon der
ganze Ton, in dem beide Schriften reden, ift hochinte-
reffant. Ochino fchont das Papftthum fo wenig als Luther.
Auch ihm ift der Papft ,der mächtigfte, liftigfte, boshaftefte
und graufamfte Tyrann' (S. Ii), das Papftthum ein Reich
,voll von Götzendienft, Aberglaube,Unwiffenheit, Irrthum,
Falfchheit, voll von Betrug, Gewaltthätigkeit, Erpreffung,
Verrath, Zank, Zwietracht, Tyrannei, Graufamkeit, von
Raub und Ehrgeiz, von Beleidigungen, Parteiung, Secten,
Bosheit und Unheil, ein Reich, in welchem alle Arten
von Greuel begangen werden' (S. 14). Aber Luther behandelt
das Papftthum mit Humor, wohl mit derbem, vor
den tiefftehendften Ausdrücken nicht zurückfchreckendem
Humor; Ochino kennt keinen Humor, hier athmet alles
den von bitterem Ernft getragenen tiefften Abfcheu.
Ueberall bricht bei Luther das deutfche Gemüth wieder
hervor; bei Ochino fpürt man den feingebildeten Italiener,
der nie derb wird, aber fein Stahl trifft ficher bis ins
Herz hinein.

Die dramatifche Anlage von Ochino's Tragödie ift
hübfch. Trefflich wählt er die Perfonen, welche fich unterreden
, fo im erften und fechften Gefpräch Lucifer und
Beelzebub, trefflich find die Vertheidiger des Papftthums
gefchildert, die er mit fehr charakteriftifchen Namen benennt
, Hypokrit, Falfidicus, Pfeudologus, Thrafybriftes.
Doch ift zuzugeftehen, dafs die Gefpräche leicht zu Abhandlungen
werden, fo dafs der dramatifche Wechfel
etwas vermiffen läfst. Aber mit Recht fagt Benrath, dafs
die Tragödie ,nach Anlage und Ausführung' ,den her-
vorragendften Erzeugnifsen der damaligen Polemik auf
deutfchem Boden ebenbürtig zur Seite tritt' (S. 4).

Die Ueberfetzung lieft fich leicht und angenehm.
Nicht klar ift, woher die italienifche Vorlage kommt, der
die Ueberfetzung nach dem Titel entnommen ift. Wie
Benrath in feiner Monographie angiebt, ift das Original
lateinifch gefchrieben; neben der oben angegebenen eng-
lifchen exiftiren noch polnifche Ueberfetzungen, aber eine
italienifche nennt Benrath nirgends.

Nabern. G. Boffert.

Bienemann jun., Dr. Fnedr., Werden und Wachsen einer
deutschen Kolonie in Süd-Russland. Gefchichte der evan-
gelifch-lutherifchen Gemeinde zu Odeffa. Odeffa 1893.
[Riga, Hoerfchelmann.] (X, 460 S. m. I Plan gr. 8.)
M. 5. —

Diefe Gefchichte begleitet die deutfche evangelifche
Gemeinde in Odeffa von ihren Anfängen bis in die jüngft-
vergangene Zeit (1803—1889). Manches aus derfelben
wird auch auf allgemeineres Intereffe Anfpruch erheben
können. So die gute Darfteilung der Urfprünge deutfcher
Colonien in Süd-Rufsland überhaupt, der politifchen,
focialen, religiöfen Motive, die zur Anwanderung namentlich
aus Württemberg (Pietismus, Fr. v. Krüdener) und
Baiern (.evangelifche Bewegung', Ignaz Lindl) führten.
Ebenfo die immerhin denkwürdige Spaltung der einheitlichen
evangelifchen Gemeinde in 2 confeffionell getrennte
(1842). Mit folcher Willkür und aus fo unlauteren Beweggründen
wie damals in der fernen Diafporagemeinde
wird das confeffionelle Gefpenft nicht oft heraufbefchworen
worden fein. Aber zu andrer Zeit hätte ein folcher Mifs-
brauch mit den Namen lutherifch und reformirt nicht getrieben
werden können. Und das Kirchengefetz für die
lutherifche Kirche in Rufsland bot zwar nicht den Anlafs zur
Spaltung, war aber fehr geeignet, diefelbe zu fanctioniren.
Mit Theilnahme wird gewifs jeder, der fich für unfere
Diafpora intereffirt, den Schwierigkeiten und Verwicklungen
folgen, mit denen die leitenden Männer in der
Gemeinde fortwährend zu kämpfen hatten. Erft feit den
70er Jahren fleht man eine wirklich gedeihliche Gemeindearbeit
, namentlich durch dieThatkraft desPropftes Bienemann
, fich entwickeln. Aber eben der letzte Abfchnitt