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Ausgabe:

1894 Nr. 11

Spalte:

292-300

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hauck, Albert

Titel/Untertitel:

Kirchengeschichte Deutschlands. 3. Thl. 1. Hälfte. Konsolidierung der deutschen Kirche 1894

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 11.

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wie Otto I. die Erhebung Magdeburgs'. So kam Pili-
grim zu feinen Fälfchungen. Sie follten den Papft und
den Kaifer beftimmen, zu thun, was Piligrim wünfchte,
ohne dafs fie wüfsten, was fie thaten. Der Plan fchei-
terte; nicht durch einen deutfchen Bifchof, fondern durch
einen eingeborenen König ift Ungarn chriftianifirt. —
Auch auf das mährifche Miffionsgebiet (184), auf
dem das Chriftenthum gewifs nicht ganz verfchwunden
war, erftreckten fich Piligrim's Pläne. Ein Miffionsbifchof
wurde freilich ernannt, aber dies mährifche Bisthum ver-
fchwand bald: feit Otto's I. Tod gab es keine folgerichtig
feftgehaltenen Pläne mehr. — Das füdöftliche und das
nordöftliche Miffionsgebiet waren auseinander gehalten
durch die Tfchechen (186). Der Anlehnung derfelben
an das oflfränkifche Reich (Fürltentaufe zu Regensburg
845) folgte in der Verfallszeit ein Anfchlufs an die mährifche
Miffion. Boriwoi liefs fich durch Methodius taufen,
die flavifche Liturgie ward in Böhmen heimifch. Doch
hatte die politifche Trennung von den Mähren feit 895
zweifellos die kirchliche zur Folge. Beziehungen zu Regensburg
werden wieder angeknüpft fein, wahrfcheinlich
unter paffivem Widerftand der Schüler des Methodius.
Mit Nachrichten über eine tiefgehende Spaltung der
Nation beginnt demgemäfs die beglaubigte Gefchichte
der Nation: Liudmilla, Boriwoi's Gattin, war flavifch-
chriftlich, ihr Sohn Wraftislaw deutfch-chriftlich, deffen
Gattin Dragomir gegen Chriftenthum und Deutfehthum.
Verhängnifsvoll wurde unter diefen Verhältnifsen der
frühe Tod Wraftislaw's (vor 929): Wenzel endet 935, von
feinem Bruder gemordet, als ein Märtyrer feiner deutfchen
Gefinnung. Seit 950 unterworfen, mufste aber auch fein
Mörder Boleslaw dem Chriftenthum treu bleiben. Regensburg
hatte daher feit 950 eine grofse Miffionsaufgabe.
Doch was B. Michael (941—972) gethan, fand fein Nachfolger
Wolfgang ungenügend; er widerftrebte daher nicht,
als, von Heinrich v. Bayern angeregt, Otto II. das Bisthum
Prag (199) gründete und Mainz unterftellte. Wohl
Januar 976 ward Deothmar, ein Deutfcher, confecrirt.
Seine Mifserfolge haben diefen zur Verzweiflung gebracht:
die Lage des Chriftenthums war in Böhmen nicht ficherer
als an der Havel und Spree. — Durch die Unterwerfung
der Wenden war auch Polen (202) in das Gefichtsfeld
der Deutfchen gekommen. Obwohl 963 von Markgraf
Gero zur Anerkennung der deutfchen Oberhoheit gebracht
, entfehied fich der Polenherzog Mifeco doch erft
967 infolge feiner Heirath mit Boleslav's Tochter (966)
zur Taufe. Aber er unterftellte das 968 in Pofen begründete
Bisthum dem Erzbisthum Magdeburg. Die Erfolge
der Chriftianifirung waren hier fchwerlich gröfser
als in Böhmen.

(IV) In der Zeit, da Deutfchland fo fich erhob, war
die Lage des Papftthums (205) die denkbar unwür-
digfte. Roms Einflufs litt darunter, aber die Autorität
des Papftthums überdauerte den Verfall. Auch die elen-
deften Päpfte fchrieben hohe Worte über Petri Stuhl.
Es waren Worte ohne Thaten, aber Worte, die eine
grofse Idee lebendig erhielten. Und diefe Anfprüche
begegneten auch in Deutfchland keinem principiellen
Widerfpruch. Anders als vor Pippin blieb der kirchliche
Zufammenhang der deutfchen Kirche mit Rom ununterbrochen
. Eine Erneuerung der politifchen Beziehungen
zu Italien (213), die feit Arnulf abgebrochen
waren, hat Otto I. nicht von vornherein beabfichtigt.
Selbft dann, als Berengar vor Hugo nach Deutfchland
floh (941), blieb Otto neutral. Das Refultat des von
Berengar unternommenen Zuges hat ihn dann doch nach
Italien gezogen; nicht weil er durch eine bewufst auf das
Kaiferthum hinzielende Politik getrieben wurde: ,es reizte
ihn, ein Königreich zu erobern und eine fchöne Frau
als Gemahlin zu gewinnen'. Die fchnellen Erfolge lenkten
dann freilich Otto's Blick auch auf Rom; aber ohne
Murren nahm er die Abfage Alberich's hin. Erft die
gerade nach 952 von Otto energifch betriebene Erhebung
des Epilkopats trieb weiter; denn des Epifkopats
war Otto erft ficher, wenn er des Papftthums ficher war.
Diesmal rief der Papft (Octavian-Johann XII.). Sein Hül-
| fegefuch wird von der cluniacenfifchen Partei in Rom
1 erzwungen fein, welcher des Papftes Treiben ein Aer-
! gernifs war. Das erft nach fchwierigen Verhandlungen
' mit dem Papfte erreichte Refultat des Zuges war das
I Kaiferthum Otto's I. (226), keine Doublette desjeni-
| gen Karl's d. G.: die Nationen waren inzwifchen felbftän-
j dig geworden, in Italien erfchien Otto wie ein fremder
Barbar. Kaiferliche und päpftliche Gewalt (231)
| ftanden auch in einem fehr viel anderen Verhältnifs als
| in Karl's d. G. Zeit. Die Papftidee, wie fie geworden
j war, hatte Otto gelten laffen; er handelte gegen Johann
XII. und feine Nachfolger unter dem Zwang der
i Verhältnifse, ohne die Confequenzen zuziehen: die Kirche
j Roms ift keineswegs ,eine Vafallin Deutfchlands' geworden
. In Rom machte man, was gefchehen war, bald
1 durch legendarifche Darftellung unfehädlich. Auch das
Verhältnifs des Kaiferthums zum Papftthum war wie
alles, was Otto begonnen hatte, noch unvollendet, als er
j ftarb. Um fo verhängnifsvoller war, dafs Otto II. (242;
j nicht 241) folgte, von dem H. (S. 242 ff.) eine höchft un-
günftige Charakteriftik giebt: , Vorwurfsfrei war feine
! Jugend nicht: feine Sinnlichkeit hatte ihn zu Ausfchrei-
tungen geführt, die jedermann tadelte. Aber man fah
I darüber hinweg; denn feine Lebhaftigkeit täufchte über
feine Begabung. Da er fich für vielerlei intereffirte,
! hielt man ihn für ein Genie; in Wirklichkeit charakteri-
I firt ihn die Verbindung von übergrofsem Selbftgefühl
und geringem Talent. Kein Kaifer war mehr durch-
1 drungen von dem Bewufstfein der Erhabenheit feiner
Stellung als er: er wähnte, für den Willen des Königs
j gebe es keine Schranke; aber es fehlte ihm dabei der
hohe Sinn; fein Selbftgefühl artete in offene Rückfichts-
lofigkeit aus: fogar feine Mutter hatte das zu erfahren.
Seine mangelnde Geiftesfchärfe zeigte fich überall: er
glaubte Verleumdern und war empfänglich für Schmeicheleien
'. Das Verhältnifs von Kaiferthum und Papftthum
blieb dasfelbe: es bildete fich kein neues Recht.
Selbft Roms war Otto II. nicht ficher: nach feinem Tode
erneuerte Crescentius die Herrfchaft Alberich's. Die
pofitiven Refultate einer 20jährigen Kaiferzeit waren 983
gleich Null. Um fo verhängnifsvoller waren bei der
Unficherheit auf dem Miffionsgebiete (245) die
negativen: den Ungarn flieg der Muth; wie es in Böhmen
ftand, zeigt die Leidensgefchichte Adalbert's v. Prag.
Freilich pafste Adalbert's das 11. Jahrh. antieipirende
afketifche Frömmigkeit in keiner Weife für die ihm zu-
gewiefene und trotz zweimaliger Flucht (988,9 und 992/3)
ihm zweimal wieder zugefchobene Stellung; dennoch war
fein Mifserfolg auch in den Verhältnifsen begründet: der
Beftand der kirchlichen Organifation in Böhmen war
ernftlich gefährdet. Einen völligen Zufammenbruch erlebte
die kirchliche Organifation in Dänemark, bei den
Wenden der Mark und bei den Abodriten. So war die
Lage, als Otto III. (257) felbft zu regieren begann. Otto III.
war nicht ohne grolse Gaben, aber ihm fehlte die Kraft,
den Zwiefpalt zu überwinden, den der Gegenfatz feines
Titels und feines Urfprungs — war er doch fo ganz
Sachfe, dafs er nicht einmal das römifche Klima ertrug
(S. 257!) —, den die verfchiedenartigften Eindrücke in
feine Seele brachten. Das Imperium wollte er zur Wahrheit
machen. Auch dem Papftthum gegenüber hat er
es verfucht. Freilich wirkten bei Gregor V. die Traditionen
feit Nikolaus I. nach — nach Nikolaus und Pfeu-
doifidor war es unmöglich, dafs die Päpfte wieder wurden,
was fie unter Karl d. G. waren —, auch bei Silvefter II.
bewies fich die Regierungstradition fo unüberwindlich
wie , niemals' fonft. Dennoch wirkten diefe Gedanken
Otto's III. nach, ,fie waren das Erbe des jugendlichen
Herrfchers an Deutfchland'. Unheilvoll dagegen war die
unmittelbare Einwirkung der imperatorifchen Politik Otto's