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Ausgabe:

1894 Nr. 11

Spalte:

289-292

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nösgen, C. F.

Titel/Untertitel:

Geschichte der neutestamentlichen Offenbarung. In 2 Bd 1894

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. Ii.

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verliehenen Amte. Anders als bei Heinrich war bei Otto
auch feine Stellung zum Epifkopat (S. 27; nicht 28):
der Epifkopat ward der natürliche Bundesgenoffe der
Krone, eine politifche Gröfse im Reiche. Vom Könige
trotz formeller Nachwirkung des kanonifchen Wahlverfahrens
ernannt, hatten die Bifchöfe an dem Könige,
aber auch nur an ihm, nicht an den Herzögen, ihren
Herrn. Je mehr hierdurch das Wefen des Epifkopats
umgeftaltet wurde, defto weniger kann der Widerftand
einzelner Bifchöfe (S. 34; nicht 33) überrafchen. Spe-
cififch kirchliche Gefinnung war hierbei — auch bei Friedrich
v. Mainz — letztlich das Motiv der Oppofition. Die
Mehrzahl der Bifchöfe aber ging auf die Abfich-
ten des Königs ein (S. 40), und in Brun v. Cöln und
Ulrich von Augsburg zeigte fich die Vereinigung der
weltlichen und geiftlichen Aufgaben des Epifkopats von
fo gewinnender Seite, dafs auch kirchliche Gefinnung fich
an die Zwitterftellung der Bifchöfe gewöhnte. Das feit
ca. 900 zu beobachtende Aufkommen der Inveftitur
(S. 52), in deren rechtlicher Unklarheit diefe Zwitterftellung
einen deutlichen Ausdruck erhielt, gab keinen An-
ftofs. Dem Könige aber war fie eine Bürgfchaft feiner
Herrfchaft über die Kirche: das Kirchengut wurde fac-
tifch Reichsgut, Otto I. und feine Nachfolger trugen
deshalb auch kein Bedenken, grundfätzlich die weltliche
Macht der Bifchöfe zu fördern: die nothwendige Folge
davon, dafs die Unterordnung der Bifchöfe unter die
Herzöge verhindert war, war die Begründung der bi-
fchöflichen Territorialgewalt (S. 56). Die deutfche
Kirche erhielt durch diefe Entwicklung den fcharf ausgeprägten
Charakter einer Nationalkirche — freilich nicht
in dem Sinne, wie im Reiche Karl's d. G.; Otto regierte
die Kirche nicht felbft, er beherrfchte fie durch die Bifchöfe
, die Kirche blieb römifch-katholifch; diefe Dop-
pelfeitigkeit war die fpäter verhängnifsvoll gewordene
Schwäche der deutfchen Kirche—; und aus diefem ihrem
Charakter erwuchfen ihr ihre Aufgaben. Weil das deutfche
Reich des 10. Jahrh. erobernd war, deshalb wurde die
deutfche Kirche zur Miffionskirche Europas.

(II) Durch die politifchen Verhältnifse (69) an
der deutfchen Nordoftgrenze, durch die weltgefchichtliche
That Heinrichs I., die Unterwerfung der Wenden, war
Otto I. die Aufgabe zugefallen, die gewonnenen Gebiete
zu behaupten und eine Verfchmelzung derfelben mit dem
Reiche anzubahnen. Verfchmelzung war nur möglich bei
Chriftianifirung. Als Otto König ward, war kaum von
Miffionsanfängen (78) jenfeits der alten Grenze zu
reden. Karl d. G. hatte an Chriftianifirung jener Grenzländer
nicht gedacht, Heinrich I. hatte nur als Soldat
erobert. Auch die Kirche hatte faft nichts gethan. Nur
Unni v. Bremen (917—34) hatte fich als Nachfolger Ansgars
und Rimbert's bewiefen, aber für Hamburg-Bremen
drängte die nordifche Miffion die wendifche zurück. Von
den übrigen Bifchöfen hatte nur Adalward von Verden
im Wendenlande (bei den Abodriten) zu wirken verflicht,
aber ohne wirklichen Erfolg. Das wendifche Heidenthum
(84) war noch ungebrochen. Otto erkannte die
Nothwendigkeit der Chriftianifirung. Die Aufgabe war
überaus fchwer wegen des nationalen Gegenfatzes
(86), der in der Verfchiedenartigkeit der Nationen begründetwar
und infolge der barbarifchen Art des Kampfes
zum glühenden, kein Mittel verachtenden Nationalhafs
geworden war. Ueberdies ward die Miffionsarbeit unter
Otto I. (92) vom deutfchen Epifkopat nicht genügend
unterftützt. Nur Adaldng v. Bremen erkannte, was der
Moment forderte. Er ficherte nicht nur durch eine Aus-
einanderfetzung mit Cöln Bremens Miffionsaufgabe und
Stellung für den Norden, auch der Slavenmiffion hat er
wie ein Fürft, Miffionare fendend, fich angenommen.
Friedrich v. Mainz wäre wahrfcheinlich nicht unthätig
gewefen, hätte ihn nicht fein gefpanntes Verhältnifs zu
Otto gehindert. Feldprediger in den Burgen wie Bofo,
der fpätere Bifchof v. Merfeburg, einzelne bekehrte Wen- I

den und die Coloniften in den jungträulichen Wäldern:
das waren die Pioniere des Chriftenthums. Und der
fummirte Einflufs unfcheinbarer Einwirkungen begann
langfam die Verhältnifse etwas zu ändern. Einen Halt
erhielt die Arbeit durch die Grün dung derBisthümer
(100). Schleswig, Ribe, Aarhus (100) find i. J. 947,
wahrfcheinlich bald nach dem chronologifch nicht fixir-
baren Tode Gorm's des Alten begründet. Ein ähnlich
günftiges Ereignifs, die Wiedereinnahme Brandenburgs,
wird i. J. 948 zur Errichtung der Bisthümer Brandenburg
und Havelberg (103) den Anftofs gegeben haben.
Ift für Oldenburg's (106) Gründung ein ähnlicher An-
lafs vorauszufetzen, fo wird man mit ihr bis in's Jahr 968
hinabgehen müffen. Dafs auf dem ficherften Boden, im
Süden des eroberten Wendenlandes, die kirchliche Or-
ganifation am fpäteften zuftandekam, war nicht Otto's
Schuld, fondern die Folge der Behinderung feiner Pläne
mit Magdeburg (109). Erft 968 waren alle Hindernifse
aus dem Wege geräumt, und gleichzeitig mit dem Erzbisthum
traten die neben Brandenburg und Havelberg
ihmzugewiefenenSuffraganbisthümerMerfeburg, Meif-
fen, Zeitz (132) in's Leben. Damit war der äufsere Rahmen
der wendifchen Kirche fertig; aber das bedeutete
bei der Unficherheit der Erfolge (138) nichts weniger
als einen Abfchlufs der Chriftianifirung. Am meiften
war bei den Abodriten erreicht; äufserlich war das Land
chriftlich, aber das Volk hatte den Uebertritt des Fürften
nicht mitgemacht. Weit geringer waren die Erfolge in
den Bisthümern Brandenburg und Havelberg. Im Bisthum
Magdeburg geftaltete die ftärkere deutfche Einwanderung
die Verhältnifse günftiger; in feinen füdlichen Suffra-
ganbisthümern aber gab es nach 981 nur wenige Kirchen.
Klöfter fehlten rechts der Elbe ganz: das Wendenland
galt noch als Feindesland. Um fo mehr bedurfte die
junge Pflanzung der Pflege und Schonung. Allein die
ausfchliefslich durch perfönliche Intereffen i. J. 981 herbeigeführte
Aufhebung des Bisthums Merfeburg
(144), eineUnklugheit, an der Bifchof Gifiler, Otto II. und
Benedict VII. in gleicher Weife fchuldig waren, zeigt das
Gegentheil. Eine Ablenkung des politifchen Intereffes
vom Often, vollends eine Erfchütterung der deutfchen
Macht mufste für die unfertigen Zuftände des wendifchen
Mifiionsgebietes verhängnifsvoll werden.

(III) Unter günftigeren Bedingungen fland die Wiederaufnahme
der füdöftlichen Miffion. Hier ward
kein Neubau aufgeführt: man baute auf Ruinen. Seit
die Ungarn (150) durch ihren entfcheidenden Sieg über
die Bayern (907) fich eine offene Einfallspforte nach
Deutfchland hinein gefchaffen hatten, hatte namentlich
Bayern von ihnen viel gelitten, die Kirche hatte ihr
Miffionsgebiet verloren, — nicht allein Pannonien, in der
Oftmark wird es nicht beffer ausgefehen haben. Doch
feit dem Siege auf der Weifer Heide (944) wandte fich
das Blatt und der Zurückwerfung der Ungarn folgte die
Neubefetzung der Marken (156; nicht 155). Die zu-
rückftrömenden Coloniften waren Chriffen, ihre kirchliche
Verforgung fchuf eine Miffionsaufgabe für die Thätig-
keit der bayrifchen Kirche (158; nicht 160). Vornehmlich
Friedrich v. Salzburg und Piligrim v. Paffau
(971—991) nahmen diefer Aufgabe fich an. Ja Piligrim
von Paffau (166), deffen geiftige Gröfse deshalb nicht
uberfehen werden darf, weil ,eine Ader perfönlichen
Ehrgeizes1 in ihm war, begnügte fich nicht bei ihr. Die
politifche Annäherung der Ungarn an das Reich und
feine Cultur öffnete der Miffion bei ihnen die Thore.
Piligrim war kühn genug, den Gedanken einer Chriftianifirung
der Ungarn in's Auge zu faffen, und klug genug,
die Nothwendigkeit von Bisthumsgründungen einzufehen.
Sollte trotz derfelben die kirchliche Verbindung mit
Deutfchland gewahrt werden, fo mufsten fie einem deutfchen
Erzbisthum unterftellt werden. ,Aber es war kein
Herrfcher da, der Piligrim's Gedanken mit fo klarem
Sinn ergriffen und mit fo fteter Kraft durchgeführt hätte,