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Ausgabe:

1894

Spalte:

277-279

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmoller, Otto

Titel/Untertitel:

Geschichte des Theologischen Stipendiums oder Stifts in Tübingen. 1 1894

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 10.

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nismus heifst. Auf das Nähere darüber einzugehen, ift
hier nicht wohl möglich.

Darmftadt. K. Köhler.

Stein, Prof. Dr. Ludw., Friedrich Nietzsche's Weltanschauung

und ihre Gefahren. Berlin, G. Reimer. 1893. (VII, 103 S. J^,'"^ ^ ireie" ^me'' ™e ,uc \ Tc"

„. «. ' ?J v iheu des Nietzlche-Pubhcums bilden, kennt der Verl. ja

nach meinem Gefühl des Verf.'s Arbeit gewonnen, wenn
er feine Chrakteriftik knapper und runder gehalten
hätte. Er tritt N. überall mit zu viel Worten, um nicht
zu fagen zu ernft und kritifch entgegen. Denn feine
Hoffnung ,die Gefahren, die N.'s Ideen gerade für unfere
Zeit haben', damit zu befchwören, halte ich für ganz
eitel. Jene .freien, fehr freien Geifter', die den einen

8.) M. I. 80. gut. r0 weifs er, dafs diefer Theil Bücher wie das feinige

In gewandtem und geiftvollem Plauderton, wenn auch j als befchränkten Krimskrams höchftens verhöhnen kann,
in einiger Breite, entwirft der Verf. eine ,kecke Feder- Nicht viel anders aber fleht es mit dem kleineren, geiftig

Zeichnung' von Nietzfche und feinen Lehren, die als ein
Warnungsfignal gemeint ift. Er reiht ihn im erften Ca-
pitel in die feit den Cynikern literarifch zu verfolgende
Richtung der .Werthftürzler' ein, weift ihn aber zugleich
mit Glück als den zügellofeften theoretifchen Genufs-
menfchen auf, der j'e mit cynifchen Mitteln nach hedo-
nifchen Zielen gerungen hat. Als Meifter des Aphorismus
werde erfich .binnen Kurzem die Zeitungsredactionen,
die focialiftifchen Volksbibliotheken und, was noch verfänglicher
ift, auch die Salons und Boudoirs erobern'.
Denn ernfte Texte hülle er in prickelnde Cynismen, die
jenen brutalen Inftincten fchmeicheln, welche auch der
veredelte Culiurmenfch in fich vorfinde. — Im zweiten
Capitel fchildert der Verf. N.'s Lebensgang und Charakter,
im dritten giebt er eine Kritik von deffen Metaphyfik
und Erkenntnifstheorie, die freilich nur apotiori fo heifsen
können. N's centrales Problem war nicht die Welt, ihr
Urfprung und Zweck, fondern der Menfch: die Vollendung
des Individuums, die volle Perfönlichkeit, der Wille
zur Macht! Die bei Sokratcs-Plato einer Idiofynkrafie
entfprungeneGleichfetzung von Vernunft=Tugend=Glück
habe die heitere hellenifche Dionyfos-Natur verunftaltet
und angekränkelt. Ihr gegenüber nun feiert N. die noch
ungezähmte menfehliche Urbeftie in ihrer wilden Willkür,
was der Verf. mit auf feine flavifche Abftammung zurückführt
. Die fehr biegfamen erkenntnifstheoretifchen
Ausladungen aber zeigen N. als Senfualiften und Nominaliften
. — Das vierte Capitel betrifft den negativen Theil
der Sociologie und Ethik. Das bisherige Culturideal habe
die Menfchheit phyfiologifch degenerirt, fie ins ,Dümmere,
Gutmüthigeie, Klügere, Behaglichere, Mittelmäfsigere,
Gleichgültigere, Chinefifchere, Chriftlichere' gewandelt.
N. nennt fich daher geradezu einen .Immoraliften und
Antichriften'. ,Die Inftincte bekämpfen müffen, das
ift die Formel für die Decadence; folange das Leben
auffteigt, ift Glück=Inftinct'. Er treibt einen förmlichen
Cultus der Leiblichkeit. Die Schwachen haben mehr
Geift — wer die Stärke hat, entfehlägt fich des Geiftes:
die Graufamkeit macht die grofse Feftfreude der
Menfchheit aus. Die Sklaven-Moral, die Askefe dagegen
zieht die Eigenfchaften hervor und übergiefst fie
mit Licht, welche Leidenden das Dafein erleichteren,
und die Prieftcr-Ariftokratie kommt der Sklaven-Moral
zu Hilfe, weil fie an fich die ohnmächtigfite ift. Hier
haben die Juden ihre Stelle, welchen Europa den
grofsen Stil in der Moral verdanke. Das Chriftenthum
gar ift die gröfsefte Falfchmünzerei der Gefchichte. —
Das letzte Capitel endlich befpricht die pofitiven Lehren
N.'s und ihre Gefahren. Cefare Borgia preifl er als
eine Art Uebermenfch dithyrambifch. Der Verbrecher-
Typus ift der unter ungünftigen Bedingungen krank gemachte
fitarke Menfch — Luther, Zwingli, Calvin dagegen
find die pöbelhaften Verderber der Menfchheit. .Nichts
ift wahr, alles ift erlaubt': diefer Satz ift die Freiheit des
Geiftes, denn mit ihm ift der Wahrheit felbft der Glaube
gekündigt. Freilich ,man mufs privilegirt fein, um ein
Recht auf ein fo hohes Privilegium zu haben'. Aber
der aus der morfchen Gegenwart erlöfende Menfch der
grofsen Liebe und Verachtung wird kommen — das wird
•n zukunftstrunkener Begeifterung ausgemalt.

Eine fo eingehende Federzeichnung von Nietzfche's

viel höher flehenden Theile von N.'s Verehrern. Ihnen
ift Helmholtz und überhaupt die Naturwiffenfchaft das A
und ü aller Wahrheit. Die Gefchichte aber, der mancher
von ihnen mit Ernft und wirklichem Erfolge dient, ift
ihnen doch nur ein Spiel von Wahngebilden, die zu verfolgen
ja ganz interefiant ift, weil auch fie gefetzlich fich
ablöfen. Da ift ihnen fo ein Kerl wie Nietzfche nun ein
wahrer Schmaus. Stein aber wandelt für fie in ausgetreten
Pantoffeln. Es ift diefe weithin herrfchende weichliche
Geiltreichigkeit, die in vielfeitigen Kenntmfsen ihren
Körper hat, welche N. recht eigentlich Relief giebt, und
an die fich dann weiter der füfse Pöbel zujauchzend herandrängt
. Für erlöft fie, ein zweiter Kallikles, mit deffen
uraltem Gegenfatz einer Herren- und Sklavenmoral von
dem hier und da noch ängftigenden Wahngebilde der
Wahrheit, und damit zugleich von jener felbfitverleugnenden
Arbeit, vor der die brutalen Inftincte in keinerlei Verkleidung
und Umbildung zu Rechte beftehen können. So
rechtfertigt er ihr Bedürfnifs nach üppigem Lebensgenufs
und allem, was man als weltmännifche Bildung bezeichnet
, z.B. dem als Selbftzweck betriebenen mufikalifchen
Kunftgenufs. Ich fürchte aber, dafs Stein diefen Herren
felbft Conceffionen macht, wenn er z. B. als etwas Selbft-
verftändliches ausfpricht, dafs auch der ,veredelte' ,Cul-
turmenfeh' folche brutale Inftincte in fich finde. Diefes
felbftherrliche Dilettantenthum ift nun ebenfalls keines
Menfchen Feder erreichbar. Es verblendet fich völlig
in feinem Hochinuth und kann nur, wie fein neuer Gott,
aus inneren Gründen, wenn die Saite endlich zerfpringen
mufs, zerfchellen. Hilfe dagegen aber kann und wird
allein eine gehaltreiche Gegenbewegung bringen. Diefe
müfste jedoch in den gefunden Kreifen anfetzen, hier
das Gefühl für die ewige Wahrheit aufs neue anfachen,
unbekümmert um das Bedürfnifs und das Urtheil von tonangebenden
Cotterien. Die Jugend gilt es durch ernfte
Vertiefung vor dem zerfetzenden Schmeichlerton weichlicher
Geiftreichelei zu bewahren!1)

Kiel- Guftav Glogau.

Die Frömmigkeit und die Kirche. Nachgedanken eines Mitgliedes
der XXII. Rheinifchen Provi nzialfynode. Freiburg
i/B., J. C. B. Mohr, 1894. (60 S. gr. 8.) M. 1. —

Der Verfaffer, er hat feinen Namen nicht genannt,
war Mitglied der jüngften rheinifchen Provinzialfynode.
Er beklagt es, dafs er fich an den Verhandlungen der-
felben, welche fich ja zum Theil um Fragen von weittragender
Bedeutung, wie namentlich den Agendenentwurf
, gedreht haben, nicht lebhafter als gefchehen betheiligt
hat, und möchte den Mangel durch die vorliegende
Rechenfchaft über feinen Standpunkt ergänzen.
Es ift zu beklagen, dafs diefe Stimme nicht in der Syn-

n r uirrJtlg laut &eworden wenn fie auch an den

Belchluffen nicht viel geändert haben würde. Der Verf.
wird feinen Platz unter den Vertretern der Mittelpartei

1) Soeben ift eine andere Charakteriftik N.'s von feiner langjährigen
breundm, Frau Lou Andreas-Salome, erfchienen. Hier wird der neue
Kalhkles uns menfehlich näher gebracht, feine rafende Selhftüherhebung
c.ne ,o emgenenue r euc, «.umung von ö.c«iwu«: = s^JT^8^^ verftändlich gemacht, jemand wird ohne BeBilde
mufs neuerlich vielen belehrend fein. Doch hätte | Hand feg" n ^ Hocl>~*»"g vor der Verfalfenn d.es Buch aus der