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Ausgabe:

1894

Spalte:

258-259

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Buchdrucker, Karl

Titel/Untertitel:

Der Schriftbeweis im Katechismusunterrichte 1894

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

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257 Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 9, 258

Händen der Socialdemokraten, die überall an der Arbeit
find, wo es etwas zu thun giebt gegen Religion, Chriften-
thum und Kirche. Diefer Spröfsling ift die ebenfalls in
der Reichshauptftadt gegründete Vereinigung, ,die fich
kurzweg „Ethifche Gefellfchaft'1 nennt, gegen die von
der deutfchen Gefellfchaft vertretene Ethik der Bour-
geoifie fich ablehnend verhält, dagegen den Anfpruch
erhebt, die proletarifche, das heifst unverfälfcht focial-
demokratifche Ethik zur Geltung zu bringen' (S. 5).

Ohne Zweifel ift diefe höchft bemerkenswerthe Er-
fcheinung für den fein beobachtenden und fcharf fehenden
Verfaffer der vorliegenden kleinen, aber inhaltreichen
und auf den gründlichften Studien beruhenden Schrift
die Veranlaffung gewefen, ihr den bezeichnenden Titel
zu geben: ,Die fogenannte Ethifche Bewegung und die
Socialdemokratie'. Denn von der Religion wollen
beide Gefellfchaften nichts wiffen und fomit felbftver-
ftändlich auch nichts von der Trägerin der chriftlichen
Religion, der chriftlichen Kirche und ihren Dienern. Die
gemeinen Schimpfreden der Socialdemokraten gegen ,die
Pfaffen' find bekannt und brauchen nicht weiter angeführt
zu werden. Aber, was foll man dazu fagen, wenn
Herr Stanton Coit, vormals in New-York, jetzt Prediger
einer der ethifchen Gefellfchaften in London und an der
Gründung der Deutfchen Gefellfchaft für ethifche Kultur
hervorragend betheiligt, in feinem von Herrn Prof. Georg
von Gizycki überfetzten Buche ,Die ethifche Bewegung
in der Religion' die Geiftlichkeit befchuldigt, Lehren zu
verkündigen, die fie nicht glaubt, und an Ceremonien
fich zu betheiligen, die fie für finnlos hält'. Herr Coit
fucht diefe Befchuldigung zu begründen durch die Annahme
einer feineren Art von Unwahrhaftigkeit, der ,in-
tellectuellen Unredlichkeit'. Diefe aber befteht nicht
darin, zu fagen, was man nicht glaubt, fondern zu glauben
, was man zu glauben keinen zureichenden Grund
hat, wozu man nicht durch fein eigenes geiftiges Streben
und Erfahren gekommen ift. Beim gewöhnlichen Lügen
ift, je mehr man das glaubt, was man fagt, um fo geringer
die Schuld: aber bei der intellectuellen Unredlichkeit
ift, je fefter man glaubt, um fo gröfser die Schuld'.
,Nun letzteres doch nur', bemerkt Köhler mit Recht zu
diefer mehr als lieblofen Verdächtigung, ,weil man fich
mit Wiffen und Willen in das Lügengewebe hat verwickeln
laffen und felbft verwickelt hat. Kann man
fich etwas Verächtlicheres denken?' (S. 13). Unbedingt
nein! Schlimmeres können auch die Socialdemokraten
nicht über uns fagen; gefchieht es aber von den Trägern
der ethifchen Bewegung, fo ift der Titel der Köhler'fchen
Schrift, der ihnen wahrfcheinlich nicht gefallen wird,
vollftändig gerechtfertigt.

Gegenüber diefem ,einfeitigen hlthicismus' ftellt der
Verf. die einfache Behauptung auf: .Religion und Sittlichkeit
gehören zufammen, und wer das Eine abtrennen
will, verdirbt beides' (S. 16). Die Wahrheit diefes Satzes
weift er theils aus der Religionsgefchichte, theils durch
eine fehr lichtvolle pfychologifche Begründung nach. Nicht
nur das böfe, fondern auch das gute Gewiffen fordert,
jenes zu feiner Entlaftung, diefes zu feiner vollen Befriedigung
die Erhebung zu Gott, das gefammte Geiftesleben
des Menfchen aber nicht weniger. ,Es ift nicht blofs
der Defect in den Wirkungen und Erfolgen des guten
Gewiffens, es find überhaupt nicht blofs mit dem Gewiffen
in Zufammenhang flehende Thatfachen und Be-
dürfnifse, die zu Gott hintreiben, — es ift vielmehr das
ganze nienfehliche Geiftesleben, das in Leid und Preude,
Genufs und Entbehrung, Armuth und Reichthum, in allen
Lagen, fei's abfichtlich, fei's unwillkürlich, ja widerwillig
, immer und immer wieder die Richtung nimmt zu
dem Einzigen, Erhabenen und Guten, von dem ihm zu-
ftrömt, was es für den Augenblick nöthig hat zum Ausgleich
des Mangels wie zur Weihe des Befitzes, und was

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genügt es nicht, wenn man fich begnügen will mit dem
,kalten, ftarren, kategorifchen Imperativ, der nichts giebt,
nichts verheifst und feinem Erfinder thatfächlich felbft
nicht genügte'. Er ,wird ohne Hilfe unfehlbar gerade
dem Egoismus, den völlig auszurotten feine Beftimmung
fein foll, je mehr und mehr den Weg bereiten und
fchliefslich das Feld räumen. Die Hilfe kann ihm nur
zu Theil werden durch die Religion und zwar in gründlicher
und nach Möglichkeit befriedigender Art nur durch
die Religion Jefu Chrifti' (S. 28). Wie in Chriftus die
Einheit von Religion und Sittlichkeit gegeben ift (S. 21.
22), wie in der chriftlichen Religion durch den Anfchlufs
an ihn das höchfte fittliche Gut, die wahre Freiheit, die
Freiheit der Gotteskindfchaft (S. 28. 29) erworben und
ein gefunder Eudämonismus (S. 30—32) verwirklicht wird,
fchildert der Verf. nach der gefchichtlichen und pfycho-
logifchen Begründung feiner oben angeführten Thefe,
dafs Religion und Sittlichkeit zufammengehören, mit
warmen, von Herzen kommenden Worten. Was wird
aber, wenn den Leuten das Chriftenthum genommen
wird, an feine Stelle treten, da ,ohne Weltanfchauung
ein vernünftiger Menfch nicht auskommen kann' (S. 33)?
Ohne Zweifel der Materialismus, durch den dann .beides'
verdorben wird: ,Religion und Sittlichkeit.' Ihm wird
eine .kurze Abfertigung' (S. 33—42) zu Theil, die jedoch
nicht oberflächlich, fondern kernig und gediegen ift. Mit
einem lehrreichen Blicke auf die in Auslicht genommene
rein ethifchejugenderziehung'fchliefst die treffliche Schrift,
die Jedem, der fie lieft, reichen Genufs darbieten wird.

Crefeld. F. R. Fay.

Buchrucker, Ob.-Konfift.-R. D.Karl v., Der Schriftbeweis
im Katechismusunterrichte. Eine katechetifche Studie.
Gotha, Schloefsmann, 1893. (VI, 151 S. gr. 8.) M. 2.40.

Ob es wirklich nothwendig war, um von dem Schriftbeweis
im Katechismus zu reden, vorher ,das Wefen
des Chriftenthums', ,Bekenntnifs und Theologie' und ,die
beiden Grundpfeiler des Katechismus' zu erörtern, fo-
dann den .Gedankengang des Kat. im Einzelnen' darzulegen
, und ,die Bedeutung der Schrift für die Kirche'
erft noch feftzuftellen, das dürfte Mancher mit mir billig
bezweifeln. Fünf Capitel von den fieben des Buch-
rucker'fchen Buches Icheinen mir fonach überflüffig zu
fein; erft das fechfte S. 114—130 handelt einzig von der
.Verwendung der Schrift zum Beweife'; das fiebente
giebt eine praktifche Ausführung als Beifpiel. Die Ur-
fache diefer feltfamen Anlage kann wohl nur darin gefunden
werden, dafs der Verf. allzuviel auf dem Herzen
hatte gegen die böfe Ritfchl'fche Theologie, mit der
übrigens hier ,die moderne Theologie' oder der .moderne
Proteftantismus' angenehm abwechfeln. Das ift er nun
losgeworden. Dafs die Welt dabei etwas Neues erfahren
hätte, könnte man nicht behaupten; es müfste denn
fein — was ich nicht weifs — dafs noch Niemand bisher
fo handgreiflich Verkehrtes über die ,moderne Theologie
' ausgefprochen hat, wie auf S. 127 z. B. zu lefen
fleht: fie habe das gröfste Intereffe daran, ,die hiftorifche
Seite des Chriftenthums möglichft zu eliminiren oder
doch vom religiöfen Gefichtspunkt als bedeutungslos
hinzuftellen'. Man kann alfo den Haupttheil des Buches
fugheh übergehen. Was ift aber fein Zweck und Ertrag
m eigentlich katechetifcher Hinficht? Man würde fich
enttäuscht fehen, wenn man etwa genauere Anweifung
über Art und Methode des katechetifchen Schriftbeweifes
hier erwartete — ein Thema, worüber gewifs Manches
konnte gefagt werden. Allein der methodologifche Satz,
,dafs alle Schriftftellen, mit welchen man Beweis führen
will, in der Schrift den nämlichen Zufammenhang haben
muffen, welcher ihnen im Katechismus angewiefen wird'
hm für die Zukunft Erfüllung verbürgt der Sehnfucht (b. 127), iteht vereinzelt und wirkt mehr in der Weife

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nach dem Vollkommenen und Ewigen' (S. 27. 28). Da eines Urnamentes als eines Trägers oder einer Säule,