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Ausgabe:

1894 Nr. 9

Spalte:

254-256

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scharling, Henrik

Titel/Untertitel:

Christliche Sittenlehre, nach evangelisch-lutherischer Auffassung dargestellt 1894

Rezensent:

Nitzsch, Friedrich August Berthold

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 9.

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für Lefer nicht lein kann, welche fchnell Refultate
wünfchen. Die im Abfoluten der Vernunft zunächft fich
uns offenbarende Seinsmöglichkeit, Utvemunft, Urpotenz
ift heute ein kraufer Gedanke geworden. Dafs wir fie
aber gar in der unbegründeten Sicherheit unferes Thuns,
d. i. in intellectualer Anfchauung erfaffen follen; dafs
wir fie dann genau mit dem gleichen Rechte objectiviren,

Seydel aber fehlt der intime Gefchichtsfinn; Wirklichkeit
und Theorie, die religiöfen Thatfachen und ihre dogma-
tifche refp. philofophifche Prägung treten viel zu weit bei
ihm auseinander. Jeder Kenner der Naturwiffenfchaften
könnte ihn darüber belehren, dafs zwifchen diefen beiden
Seiten des Wiffens eine Wechfelbeziehung befteht, welche
den Werth der zweiten ganz und gar davon abhängen

wie wir die Dinge, die Nebenmenfchen objectiviren; dafs läfst, wie zart und richtig die primäre erfte gefehen ift.
endlich in diefer UrÜberzeugung auch die fpec.-religiöfe i Und fo fcheint mir namentlich mangelhaft und einer wefent-

Ausgeftaltung der Gottesanfchauung und ferner die Theo
dicee und die Heilsordnung ihre letzte Wurzel und
folglich aus ihrer Erregung ihre kräftigfte Entfaltung befitzen
— wer follte, wer könnte mit folchem Nachweis
heute wohl Glück machen?! Hier alfo kommt Seydel's
Kraft und Tiefe in einer Weife zur Geltung, welche auch
den ewigen Werth der Gefchichte des Denkens erkennen
läfst. Deswegen eben meine ich, dafs ein angehender
Dogmatiker von urfprünglicher Geifteskraft bei Seydel
für manches Wichtigfte recht wohl eine glückliche Vorübung
finden würde.

Auch über die religiöfe Aefthetik und Ethik mufs
ich mit einem Worte hinweggehen. Das Gefühlselement,
aus dem Centrum herausgetreten, aber noch religiös be-
ftimmt, treibt zu Darftellungen Gottes, die allemal individuell
verfchieden und befchränkt find, aber doch eine
unentbehrliche Stütze bilden. Daher werden fie eingehend
erörtert, auch die Darftellung des Widergöttlichen und
der Mittelfphäre des Heilslebens. — Das in der Religion

liehen Ergänzung bedürftig, was er über Offenbarung
und Glaube fagt. Die Elemente des geiftigen Lebens
entfpringen — fo behaupte ich — unverkürzt, rein und
tief nur in dem möglichft intenfiven unmittelbaren Erleben;
jede Verallgemeinerung mufs fie zugleich auch einengen
oder verftümmeln. Ein guter Theil der modernen
Philofophie ift eben der Ausdruck unferer Gymnaiial-
und Zeitgeift-Verbildung, dafs man nicht fühlen und
empfinden zu dürfen glaubt, ehe man nicht zuvor fchon
eine Thefe nebft Beweis zur Grundlage hat; dafs fich
alfo das Chriftenthum vor allem erft ,wiffenfchaftlich'
rechtfertigen müffe.

Wie dem aber auch fein mag — in meinen Augen
bleibt der Entfchlafene in der Unruhe feines Suchens
eine vorbildliche Geftalt. Als Kind gegenüber dem ratio-
naliftifchen Vater faft fanatifch der orthodoxen Mutter
ergeben, dann fchwärmerifcher Verehrer Schiller's, wandte
er fich als Student von der Philologie und den exaeten
Herbartianern zu Chn. Hm. Weifse und zur Theologie.

wurzelnde Wahrheitwollen bedarf endlich eines Gemein- j Einen guten Theil feiner Jugend abforbirte die Frei

fchaftslebens; des Cultus, bis zur Lebensgemeinfchaft mit
Chriftus. Es zeigt ftets den Charakter des Gebets, refp.
der Gebetsftimmung, und es befefligt das über das weltliche
Treiben hinausdrängende Verlangen nach göttlichem
Leben in einer vorausnehmenden Veranfchaulichung des-
felben. Im Intereffe des Religionslebens anderer geht
aber das Handeln in eine Miffionsthätigkeit über, die
jedoch kein ,heiliges' Gebiet z. B. in der Krankenpflege
oder Armenpraxis mit Geringfehätzung der ,Welt' für
fich allein in Befchlag nehmen darf. —

Mein Widerfpruch nun gegen den Entfchlafenen
gründet fich auf deffen principielle Entgegenfetzung
einer rein empirifchen Religionskunde und einer ent-

maurerei, der dann eine hervorragende Bethätigung im
deutfehen Proteftantenvereine folgte. In feinen Mannesjahren
endlich hat er in Gohlis, wo er feit früher Jugend
wohnte, viele Jahre lang im Gemeinde- und Kirchen-
vorftand einen bedeutenden und fehr heilfamen Einflufs
ausgeübt. Eine raftlofe, aufrichtige, durchaus lautere
Seele war er allem Wefentlichen und Grofsen immer
geöffnet. Seine Berufsthätigkeit aber fand er an der
Univerfität Leipzig, wo er von feiner Habilitation im
Jahre 1860 bis zu feinem Tode im December 1892 gewirkt
hat, ohne ein Ordinariat zu erreichen. Wohl ver-
fchmähte er es, perfönliche Beziehungen zu cultiviren;
aber er war, wie feine Freunde und ihm fernflehende

fprechenden Religionswiffenfchaft gegen die Philofophie, ! Fachgenoffen mir bezeugen, als wiffenfehaftliche Capa-
welche den idealen ReligionsbegrifT aus der ,Natur der : cität und zudem als anima Candida anerkannt, die überall
Sache' deduciren foll. Aus feinen eigenen Gedanken, ■ nur die Sache wollte. Und obwohl er die in feiner amtmeine
ich, geht hervor, dafs es die erfteren gar nicht , liehen Laufbahn erfahrenen Enttäufchungen und Zurückgeben
follte; es ift eine gefälfehte, depotenzirte, fchon : fetzungen tief empfand, refignirte er doch im letzten
entäufserte Empirie und eine entfprechende Caufal- I Jahrzehnt feines Lebens ohne Verbitterung. Er hatte
erklärung, die der Verf. im Auge hat. Ereilich gegen die es gelernt, die Freiheit der Wiffenfchaft darin zu fehen,
thatfächliche moderne anthropologifche Weisheit flehe j dafs eine energifch kund gegebene abweichende Anficht
ich ja ganz auf feiner Seite. ,Man follte nicht nur die voll- 1 von der herrfchenden Richtung der Fertigen eben nur
endete Religion, fondern auch den richtigen Religions- J mit Stillfchweigen tolerirt wird. Mögen diefe Zeilen dazu
begriff nicht zuerft bei felbftifch-finnlichen Wilden auf- J beitragen, feiner Lebensarbeit nach dem Tode wenigftens

fuc'hen, die fich Gott nur als Helfer und Lückenbufser im
Kampfe mit Welthindernifsen herbeiholen, fondern bei
Jefu' (S. 149). Ich leugne aber, dafs feine Soll-Religion nun
bei Jefu gefunden ift. Sie erhebt fich bei ihm ja fcheinbar
ganz ifolirt aus dem Denken! In feinem Sinne aber mufs
ich behaupten: das Sein felbft bricht in der Gefchichte
heraus, in der unbegründeten Sicherheit unferes Thuns,
vor und neben der deduetiven Er-(und wie häufig: Zer-)
klärung! Das echte (nicht einfeitig philofophifch gewendete
) Ideal tritt in den inneren Kämpfen der Seele heraus

einen Theil der verdienten Beachtung zu fichern.
Kiel. Guftav Glogau.

Scharling, Prof. C. Henrik, Christliche Sittenlehre, nach
evangelifch-lutherifcher Auffaffung dargeftellt. Aus
dem Dänifchen von P. O. Gleifs. Autorif. deutfehe
Ausg. Bremen, Heinfius' Nachf., 1892. (VII, 680 S.
gr. 8.) M. 10. —

und 'entfaltet fich unter dem Reize der ungebrochenen I Eine neue chriftliche Sittenlehre von der Hand eines

gefchichtlichen Lebensimpulfe. Hier liegt feine unmittel- , damfchen Theologen erinnert uns deutfehe Collegen
bare Frifche, hier leuchten feine Grundfäden voll auf. fotort an die chriftliche Ethik Martenfcn's, des be-
Daher findet'auch Jefus nur im liebevoll nacherlebenden , ruhmteften Vertreters der deutfehen fyftematifchen Theo-
Geifte feine echte und erfte Geftalt, nicht in logi- Jogie auf dänifchem Boden. Wie nahe diefe Combination
fchen Deductionen. Ich kann ,<üe pfychologifche Auf- ■ liegt, verräth nun auch der Verfaffer felbft, indem er im
gäbe' nur denken, wenn und fofern fie implicitc die I Vorwort fofort eben zu Martenfen Stellung nimmt. Als
metaphyfifche bereits einfchliefst. Das vollendete Ideal | abhangig aber von diefem (auch von ihm geachteten)
ift nicht zu erfaffen, es fei denn nach einer fozufügen : ""heren Amtsgenoffen will er nicht gelten, nicht nur
mikroskopifchen Belebung feiner urfprünglichen Wurzeln, deshalb, weil er fchon vor dem Erfcheinen der M.'fchen