Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1894 Nr. 9

Spalte:

247-249

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Landwehr, Hugo

Titel/Untertitel:

Bartholomäus Stosch, kurbrandenburgischer Hofprediger 1612-1686 1894

Rezensent:

Kawerau, Gustav

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

247

Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 9.

248

Kolde felbfl in (einem Kampf gegen Majunke's geradezu
unbegreifliche Wiederaufvvärmung eines alten Märleins
bevviefen hat.

Die zweite Hälfte des zweiten Bandes giebt auch
die Anmerkungen und Beweife für den ganzen zweiten
Band und damit ein fehr willkommenes Hülfsmittel für
den Forfcher, das man bisher für die erfte Hälfte ver-
mifste. Es deckt in diefen Anmerkungen viel werthvolles
Capital. Doch (cheint Kolde die Literatur für die erfte
Hälfte fchon früher aufgezeichnet zu haben. Denn z. B.
zu Seb. Lotzer (S. 87, 572) wäre auf die Abhandlungen
Von Vogt, Zeitfchr. f. kirchl. Wiffenfchaft 1885, 213 u. 479
und mir Bl. f. w. KG. 1887, 25, wo Lotzer's Flugfchriften
befprochen find, hinzuweifen gewefen. Den Stand der
Frage über die Entftehung der zwölf Artikel der Bauern
habe ich in der Einleitung zu Luther's Ermahnung in
der Braunfchweiger Lutherausgabe 7,305 ff. dargeftellt.
Befonders zu beachten ift die Abhandlung Radlkofer's
über die Entftehungsgefchichte und Autorfchaft der zwölf
Artikel in der Zeitfchrift des hiftor. Vereins für Schwaben
und Neuburg 1889 (auch Separatabdruck).

Die locale Verfchiedenartigkeit der Forderungen der
Bauern in Süddeutfchland ergiebt fich am klarften aus
den von W. Vogt in der Correfpondenz des Ulrich Arzt
mitgetheilten Artikeln der einzelnen Bauerngemeinden.
Die Syngrammatiften, welche Zwingli fo verächtlich abfertigte
, habe ich biographifch in den Blättern f. w. KG.
1892, 3 behandelt.

Zum Wormfer Gefpräch S.498 vgl. das bezeichnende
Urtheil des Legaten: 1 Catholici viandomo molto lieti et
i Protestanti mesti et humili, credo, liypocritamcntc bei
Lämmer, Monnmenta Vaticana 332.

Zum Schlufs einige kleine Berichtigungen. S. 331
find 400 Befchwerden des Wormfer Reichstags nach dem
Druck von Luther's Schrift angegeben, aber mit Recht
hat hier die Braunfchweiger Lutherausgabe 5,352 vierhundert
für einen Druckfehler angefehen. Denn es waren
in Wahrheit 104 Befchwerden. S. 335 ifft dieUeberfetzung
von Melanchthon's Worten mit: Du wirft nach deinem
Geht über das ganze Schriftftück befinden, wenigftens
für den Süddeutfchen nicht verftändlich. Melanchthon
fagt CR. 2,45: statues, was wohl eher heifst: das Schlufs-
urtheil abgeben. S. 331 Z. 3 v. u. hat Kolde den derben
Ausdruck Luther's von den Mönchen bei feinem Be-
flreben nach Kürze nur mit ,Wanzen in feinem Pelz'
wiedergegeben, während Luther, dem ein Sprüchwort
vorfchwebte, daneben die Läufe genannt hatte. Das in
Franken gebräuchliche Sprüchwort lautet: Man braucht
keine Läufe in den Pelz zu fetzen, fie wachfen von felbft
darin. S. 428 ift ftatt Furfeld Fürfeld zu lefen.

Den Eindruck, den das ganze Werk Kolde's auf den
Referenten gemacht hat, kann er nicht beffer wiedergeben
, als mit dem Wunfche, dafs Kolde nun auch eine
Biographie Melanchthon's fchaffen möchte, die uns den
ganzen und wahren Melanchthon darftellt. Immer wieder
hellt man von einzelnen Geiftern Melanchthon in den
Vordergrund gefchoben, weil ihnen Luther's Originalität
und ftarker Geht zu mächtig ift, und doch kann das nur
gefchehen, wenn man den kleinlichen, ängftlichen Geht
Melanchthon's, der befonders in Augsburg kläglich hervortritt
, und die unedle Art, mit der er in vertrauten
Briefen über Luther urtheilt, nicht beachtet. Auf der andern
Seite find wir auf dem beften Wege über Melanchthon's
Schwächen all das Gute zu vergehen, das ihm die Reformation
verdankt, und das Luther in feiner edlen Weife ' Theologen in eine Unionspolitik, bei welcher der luther.
nie vergafs, auch wenn er Grund genug hatte, mit ihm Theil als der irrende und belehrungsbedürftige behandelt
unzufrieden zu fein. wurde und allein die Kotten tragen foilte, fortgebildet

N he G Boff t wurde. Mit vollem Rechte tritt er der beliebten Darfteilung
jener Conflicte als einer ganz einfeitig von
reform. Standpunkt aus entworfenen entgegen und fucht
auch der Haltung des luth. Theiles gerecht zu werden.
Ohne den Inhalt der intereffanten Studie hier weiter re

[Aus: ,Forfchgn. z. brandenburg. u. preufs. Gefchichte'.]
Leipzig, Duncker & Humblot, 1893. (50 S. gr. S.)
M. 1. 40.

Der Verf. ift feit längerer Zeit mit Vorftudien zur
Kirchenpolitik des Grofsen Kurfürften befchäftigt gewefen
; mehreren früheren, das abfchliefsende Werk vorbereitenden
Publicationen fchliefst fich diele Studie über
Stofch an, der feit dem Beginn der fechziger Jahre neben
Otto v. Schwerin den gröfsten Einflufs auf die kirchen-
politifchen Entfchliefsungen des Fürften geübt hat. Geb.
1604 zu Strehlen aus einem verarmten Zweige der fchlef.
Adelsfamilie v. Stofch wächft er als Glied des reform.
Bekenntnifses auf, zu dem der Vater vom Lutherthum
übergetreten ift. Er wird Zögling der Schönaich'fchen
Lehranftalt in Beuthen, einer der letzten Zufluchtsftätten
des Philippismus, an der man neben Luther's Katech.
auch Melanchthon's loci fefthält, neben den drei
ökumen. Symbolen nur folgende vier Artikel als fundamental
hervorhebt: Rechtfertigung im Glauben, Annahme
nur zweier Sacramente, Nothwendigkeit des Gebets und
der guten Werke als Frucht des Glaubens, und mit den
böhm. Brüdern in Liffa freundliche Beziehungen unterhält
. (Den Beuthener Irenikern blieb der Vorwurf auch
arianifcher Neigungen nicht erfparl.) Empfohlen an den
brandenb. Hofprediger Füffel wendet er fich nach der
Mark, ftudirt noch in Frankfurt, tritt dann als Hauslehrer
und Reifebegleiter in nahe Verbindung mit hervorragenden
preufs. Adelsfamilien; er wird Pfarrer auf einem Gute
der Familie Dönhoff in Livland, wofür er fich die Ordination
in Liffa bei den böhm. Brüdern holt. Nach einer
Probepredigt vor der Mutter des Gr. Kurfürften wird er
1643 als Hof- und Domprediger nach Berlin berufen und
wird in feiner Beftallung bezeichnender Weife ,in Lehren
und Gottesdienft allein an das Wort Gottes, welches in
den Schriften der Propheten und Apoftel verfafst, verbunden
' — eine merkwürdig freie Form der Lehrver-
pflichtung, ein intereffantes Document der Unionsgedanken
des jungen Kurfürften. Der Kurf. Luife Henriette
trat er unter allen Geiftlichen am nächften, dagegen verlor
er diefen Einflufs unter der Holfteinerin Dorothea.
Durch feine Beförderung zum Confiftorialrath als Nachfolger
des Joh. Bcrgius 1659 wurde er Mitglied auch der
höchften Regierungsbehörde, des Geh. Rathes. Unter-
ftützt von Stofch beginnt jetzt Schwerin feine dem Lutherthum
gegenüber aggreffive Kirchenpolitik. Stofch zeigt
uns fein Programm in einer 1653 gehaltenen, aber erft jetzt
auf kurfürftl. Ordre gedruckten Predigt: Vereinigung mit
den Päpftlichen ift unmöglich, aber Lutheraner und Re-
formirte find einig in den vier Punkten: die Schrift ift
Richtfchnur des Glaubens und Gottesdienftes; der dreieinige
Gott will im Geift und in der Wahrheit angebetet
werden; unfere Gerechtigkeit und Seligkeit gründet fich
auf Chrifti Verdienft; Chriftus ift unfer Haupt, Heiland,
Mittler und Fürfprecher im Himmel. In anderen Punkten
befteht zwar ein Disscusiis, aber auch hier ift nicht
das ftreitig, ,was zur Seligkeit praccise nöthig und in
Gottes Wort klärlich gefchrieben ift'. Und nun kündigt
er den Lutheranern an, die Reformirten wollten ihnen
ihren Glauben laffen, aber zugleich auch ,ihnen die Wahrheit
bringen'. Natürlich fträubten fich die Lutheraner
gegen diefe Rolle; fie hatten gar keine Neigung, den
Reformirten ,in loco peccatorum1 gegenüber zu flehen.
Landwehr führt treffend aus, wie des Kurfürften Verträglichkeitspolitik
befonders durch die reformirten

Landwehr, Hugo, Bartholomäus Stosch, kurbrandenbur-
gifcher Hofprediger 1612—1686. Ein Lebensbild.