Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1894 Nr. 8

Spalte:

223-224

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ballerini, Antonii

Titel/Untertitel:

Opus theologicum morale in Busembaum medullam 1894

Rezensent:

Reusch, Franz Heinrich

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

223

Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 8.

224

die ihm im Zufammenhang der modernen philofophifchen
Bewegung zukommt, fofern es von der Erfahrungsgrundlage
der gefchichtlichen Entwicklung des Sittlichen aus
den Utilitarismus bekämpft und energifch die Auffaffung
des Selbftwerths des Sittlichen vertritt. Die 2. Auflage
ift in den allgemeinen Anfchauungen unverändert geblieben
, hat aber im Einzelnen manche Berichtigungen
und Ergänzungen erfahren. Umfänglichere Erweiterungen
zeigen die Abfchnitte über die Gefchichte der Ethik
und über Gefellfchaft und Staat. Zu jenem ift abge-
fehen von den neu hinzugekommenen Darftellungen der
Ethik Feuerbach's und Comte's befonders die fchöne
Ausführung hervorzuheben, wie die Reformation der Ethik
neue Bahnen durch ihre gänzliche Umgeftaltung der reli-
giöfen und fittlichen Lebensauffaffung angewiefen, indem
fle den Glauben als die die Gefinnung erneuernde Kraft
verftanden, nicht die Erkenntnifs fondern den Willen,
der das Gute um feiner felbft willen erftrebt und freudig
vollbringt, als das Höchfte im Menfchen hingeftellt, dem
Chriften in der wirklichen Welt, im Beruf feine Aufgabe
gezeigt hat. In dem Abfchnitt über Gefellfchaft
und Staat findet fleh an Neuem eine treffliche Ausführung
über die fittliche Seite der focialen Frage, aber
auch die utopifche Forderung eines ftaatlichen, undogma-
tifchen Religionsunterrichts für beide Confeffionen.

Tübingen. J. Gottfchick.

Ballerini. Antonii, S. J., Opus theologicum morale in Busem-
baum medullam. absolvit et edidit Dominicus Palmieri
ex eadem Societate. Volumen VII., continens trac-
tatum XI. de censuris et irregularitatibus cum indice
auetorum et totius operis indice analytico. Prati,
Giachetti, Fil. et Soc, 1893. (537 S. 8.)

Mit diefem Bande ift das umfangreichfte moraltheo-
logifche Werk, welches in diefem Jahrhundert von den
Jefuiten veröffentlicht worden ift, fertig geworden. Den
erflen Band habe ich in der Theol. Litztg. 1889, 527 angezeigt
. Ich habe damals auch über das Verhältnifs diefes
Werkes zu der grofsen Moraltheologie von Liguori und
zu dem Compendium von Gury gefprochen und bemerkt,
wenn die moraltheologifchen Anfchauungen diefer beiden
Autoren auch im wefentlichen mit denen des Bufem-
baum und feiner beiden Commentatoren übereinftimmten,
fo müffe doch jeder, der die Jefuitenmoral genau kennen
lernen und darftellen wolle, jetzt in erfter Linie diefes
Werk benutzen, das im ausdrücklichen Auftrage der
Ordensoberen veröffentlicht worden fei. Ich habe damals
, wie früher in der Gefchichte der Moralftreitigkeiten
S. 437 auch von dem Streite zwifchen Ballerini und den
Redemtoriften über den Probabilismus und Liguori's
Stellung zu demfelben gefprochen. Auf Einzelheiten
bin ich nicht eingegangen und habe auch die folgenden
Bände nicht angezeigt, weil ein Eingehen auf Einzelheiten
hier nicht am Platze fein würde. Den vorliegenden Band
bringe ich zur Anzeige, weil mit ihm das Werk zum
Abfchluffe gebracht worden ift und weil er S. 421—442
ein auch für weitere Kreife intereffantes alphabe-
tifches Verzeichnifs der katholifchen Moraltheologen enthält
, ,die öfter citirt zu werden pflegen oder von
Nutzen fein können'. Bei den meiften wird durch ein
Zeichen oder durch ein paar Worte auch die Richtung
(Probabilift, Probabiliorift, Rigorift, Laxift) angegeben.
Unter den neueren Werken von deutfehen Jefuiten
wird die feit 1883 wiederholt aufgelegte zweibändige
Theologia moralis von Auguftin Lehmkuhl als opus cer-
titudine prineipioruni, selectione verum et usu scientificae
methodi omnibus probatum bezeichnet. Sie kann alfo für
den oben angegebenen Zweck denjenigen, denen Balle-
rini's Werk zu voluminös ift, empfohlen werden. Ein
folches Autorenverzeichnifs durfte bei Ballerini um fo
weniger fehlen, als auch bei ihm als einem richtigen Probabiliften
bei den Entfcheidungen mehr oder weniger
wichtiger Cafus das Verhören der Autoren eine grofse
Rolle fpielt. So bekämpft er, um nur Ein Beifpiel anzuführen
, im 6. Bande S. 156—161 die Behauptung der
Redemtoriften, eine beftimmte, von Liguori vorgetragene
Meinung fei communissima, durch Citate aus ungefähr
dreifsig Autoren, die das Gegentheil fagen. Kurz vorher,
S. 153 bekämpft er, wie an anderen Stellen, (mit Recht)
die Meinung, als ob durch die Liguori 1831 von der
Römifchen Poenitentiarie ertheilte Approbation (Moralftreitigkeiten
S. 463) den Moraltheologen verboten fei.
irgend eine feiner Meinungen abzulehnen.

Bonn. F. H. Reufch.

Krauss, weil. Prof. Dr. Alfr., Lehrbuch der praktischen

Theologie. 2. Bd. Katechetik. Paftoraltheorie. Freiburg
i/B., J. C. B. Mohr, 1893. (X, 461 S. gr. 8.)
M. 9. —

Es ift dem theuren Verfaffer nicht vergönnt gewefen,
fein Werk noch felbft zu vollenden. Am 31. Mai 1892
ift er aus der Arbeit heimgerufen worden. Nur einen
kleinen Theil des in dem vorliegenden zweiten Bande
behandelten Stoffes hat er noch felbft für den Druck
vorbereitet (S. 1—50). Für alles weitere mufste das
Collegienheft aufkommen. Es ift ein Beweis für die ge-
wiffenhafte Treue und Pünktlichkeit, mit welcher der
verewigte Verfaffer feine Collegienhefte durchgearbeitet
hat, dafs diefer zweite Band durchaus den Eindruck des
Fertigen, Abgerundeten, wohl Ausgereiften macht, und
man faft nirgends auf blofs fkizzenhaft Hingeworfenes
ftöfst. Es ift aber auch ein Beweis für die Sorgfalt und
Pietät des Herausgebers, H. Holtzmann, dafs für den
Lefer fleh nirgends das Eingreifen einer fremden Hand
bemerklich macht, ihm vielmehr überall unverkürzt und
treu die Eigenart des Verfaffers entgegentritt. Die kleinen
Wiederholungen, aufweiche der Herausgeber felbft hin-
weift, ftören um fo weniger, als ein Buch diefer Art ja

| nur feiten in Einem Zuge gelefen, fondern ftückweiie
ftudirt wird, zurückdeutende Wiederholungen wie S. 212
u. a. alfo nach Umftänden recht zweckdienlich fein können.
Die eigenthümlichen Vorzüge des Verfaffers, wie wir fle
fchon bei der Anzeige des erften Bandes, Theol. Lit.-Ztg.

I 1891. Nr. 25, Sp. 629, hervorgehoben haben, Klarheit und
Durchfichtigkeit der Anordnung, Befchränkung des dar-
gebotenen Stoffs auf das Nothwendige, Wefentliche und
Sachdienliche, Ebenmafs und Glätte des Ausdrucks —
treffen auch bei dem 2. Bande in hohem Mafse zu. Ja,
derfelbe lieft fleh um des hier behandelten Stoffes willen
noch angenehmer und flüfflger als der erfte; der Verf.
weifs den Lefer nicht blofs zu unterrichten, fondern zu
feffeln und zu intereffiren, fodafs wir an vielen Stellen
bedauerten, dafs das Buch fleh als ,theologifches
Lehrbuch' einführt und nicht an weitere Kreife der
kirchlich intereffirten Gefellfchaft wendet. Gerade die
Vertrautheit mit den Bedürfnifsen der gebildeten Gefellfchaft
und des modernen Lebens, die den Verfaffer kennzeichnet
, tritt in dem 2. Band, der die Katechetik und die
Paftoraltheorie behandelt, noch deutlicher in's Licht, als
im 1. Band. Unterricht und Seelforge, Schule und Haus
find die Gebiete, auf welchen der Theologe, der Diener
des Worts, fleh mit dem modernen Geift, feinen Vor-
urtheilen, Forderungen, Bedürfnifsen und Verfluchungen

1 unmittelbar und unausweichlich berührt. Selbft fichere
Tritte zu thun und Andere dazu anzuleiten vermag nur
der Theologe, in deffen Perfon ernfte chriftliche Ueber-
zeugung fleh mit vielfeitiger allgemeiner Bildung har-
monifch verfchmolzen hat und welcher in langjährigem
praktifchem Dienfte auf das hingeführt worden ift, was
noth thut, was gerade heutzutage noth thut. Manchen
wird nun Kraufs gerade hierin nicht weit genug, andern
vielleicht zu weit gehen. Wer in der praktifchen Theo- .