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Ausgabe:

1894 Nr. 8

Spalte:

217-222

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hughes, Henry

Titel/Untertitel:

Principles of naturel and supernatural morals 1894

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 8. 21S

in fich bcftändige und nach aufsen ftets bewegliche
Lebenskraft, die durch wirkfames Zeugnifs in Schrift
und Rede vermittelt wird .... Sie will den köftlichen
Kern mit allen Mitteln wahrheitsliebender Forfchung
in feinen Hüllen aufzeigen, den köftlichen Schatz in
feiner Mannigfaltigkeit darlegen, die fich in den ver-
fchiedenen Perfont n und unter verfchiedenen Umftänden
in immer neuer Herrlichkeit zeigt . . . .' Der Verfaffer
erhebt nicht den Anfpruch, neue Gedanken an den
Tag zu fördern; er verfteht es aber vortrefflich, ver-
hängnifsvolle Mifsverftändnifse zu zerftreuen, landläufige
Einwendungen zu widerlegen, fchwere Anftöfse zu be-
feitigen: man lefe z. B. die lichtvolle Auseinanderfetzung
mit denjenigen, die ,fofort bereit find, von Fälfchung und
Betrug zu reden, wenn wiffenfchaftliche Forfcher behaupten
, diefe oder jene Schrift gehöre nicht dem Verfaffer
und flamme nicht aus der Zeit, wohin man fie zu
legen gewohnt ift' (S. 34L). Aus der Prüfung des That-
beftandes, aus dem Character der biblifchen Schriften,
aus der Gefchichte ihrer Entftehung, Sammlung und Aufbewahrung
greift Petran die für die Löfung der Probleme
entfcheidenden Momente heraus, fo dafs fich aus feiner
Darfteilung unabweislich die Aufgabe ergiebt, an Stelle
der herkömmlichen dogmatifchen Betrachtung der Schrift
die hiftorifche Behandlung derfelben einzuführen. Freilich
wird man den klaren, durchaus vornehmen, bei aller
Breite ftets feffelnden Ausführungen des Verfaffers vorwerfen
müffen, dafs das ,zur Verftändigung' gefprochene
Wort die Frage nicht tief genug fafst und nicht fcharf
genug formulirt. Es zeigt fich dies befonders an zwei
Punkten, die ich hier nur flüchtig berühren kann. Einmal
weift zwar Petran darauf hin, dafs der Schlüffel zum
Verftändnifs des Problems in der Richtigftellung des
evangelifchen Glaubensbegriffs liegt; nichtsdeftoweniger
hat er nirgends eine principielle, alle Confequenzen aufweifende
Darlegung des Wefens diefes Heilsglaubens
gegeben: hätte eine zufammenhängende, grundfätzliche
Erörterung des Gegenftandes nicht überzeugender gewirkt
, als die zahlreichen (S. 28—29. 33. 39. 47—48. 49—50.
61. 67) aber mehr zufällig in die Darftellung eingeftreuten,
die Sache bei weitem nicht erfchöpfenden Bemerkungen?
Zum Zweiten ift das Centrum des Streites kaum an-
geftreift worden. Die vom Verf. geftellte Frage wird fich
fchliefslich doch immer zur engeren Frage zufpitzen: Hat
der evangelifche Glaube an Chriftus von der kritifchen
Bearbeitung der neuteftamentlichen Schriften, fpeciell der
evangelifchen Quellen nichts zu fürchten? Wie verhält
fich jener Glaube zur wiffenfchaftlichen Erforfchung des
Lebens Jefu, zum hiftorifchen Verftändnifs feiner Perfon
und feines Werkes? Dafs fchliefslich Alles auf die Beantwortung
diefer Frage ankommt, beweifen manche Zeichen
der Zeit, und es ift auffallend, dafs ein fo tüchtiger Kenner
der theologifchen Literatur der Gegenwart jene Zeichen
nicht beachtet hat. Trotz diefer Auslaffung find wir ihm
für das Gebotene zu aufrichtigem Dank verpflichtet,
und wünfchen feinem Büchlein die Verbreitung, die es
verdient.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Hughes, Rev. Henry, M. A., Principles of natural and
supernatural morals. 2 vols. London, Kegan Paul,
Trench, Trübner, & Co., 1890,91. (XII, 369 u. XI,
321 S. gr. 8.) geb.

Gegenüber dem Beftreben, durch eine lediglich natürliche
Moral den religiöfen Glauben zu erfetzen (Mill,
Spencer), will der Verf. die conftitutive Bedeutung des
auf Offenbarung, fpeciell des in Chriftus beruhenden
religiöfen Verhältnifses für das fittliche Leben darthun.
Er verfügt über eine Reihe von Erkenntnifsen, die zur
Löfung diefer Aufgabe nöthig find. Ihm ift das Chri-
ftenthum nicht nur die Kraft, die Hemmung der Verwirklichung
des Guten durch die Sünde aufzuheben,
fondern auch die Quelle der Vollendung der fittlichen
( Idee, die fich eine Moral, welche nur natürliche fein
will, nicht anzueignen berechtigt ift. Er verwirft die
Anficht, dafs Gott ein objectives identifches Sittengefetz
von Haufe aus dem Gewiffen jedes Einzelnen eingepflanzt
habe, und läfst die Idee der Entwicklung oder der göttlichen
Erziehung zu ihrem vollen Rechte kommen. Er
hält die Eigenart der fittlichen Motive feft, vermöge deren
t fie weder eine Erfcheinung des Wunfehes nach Glück
1 find, noch lediglich aus diefem abgeleitet werden
: können, fondern fich als Gehorfam gegen eine als felbft-
werthig empfundene Forderung (constraint) darftellen.

Aber wie führt er nun feine Abficht durch? Er
meint, es gebe nicht eine, fondern drei Wiffenfchaften
der Moral, die natürliche, die jüdifche (in typifchem
Sinne gemeint), die chriftliche. Die natürliche handelt
von den Motiven und Zielen des Verhaltens, die dem
Menfchen eignen, fofern er lediglich als ein willensmäfsig
handelndes Wefen betrachtet wird, das einen Theil
| der Natur bildet. Das fittlich Verpflichtende ift hier
die Abficht der Natur. Wie jedes Ding, fo hat auch
der Menfch, und zwar jedes Individuum, im Syftem der
Natur feine Aufgabe, die diefelbe ift wie die jedes Organismus
, Aufrechterhaltung und Entwicklung feines individuellen
Lebens in dem Mafse, als es unter Berück-
fichtigung des Platzes im Leben Anderer möglich ift
(stibordinated life). In jedem Augenblick giebt es dem-
gemäfs für das Individuum nur eine Verhaltungsweife,
die für es ,natürlich' d. h. angemeffen ift. Sie ift die
Refultante der fämmtlichen Motive, die es im Moment
erregen, fowie auf dem fonftigen Gebiet der Natur das
einzelne Gefchehen die eine angemeffene Folge der
jedesmal wirkfamen Naturkräfte ift. Reason und pereeption
d. h. reflectirte und intuitive Erkenntnifs befähigen es,
in jedem Augenblick die ihm gerade jetzt geltende, nach
dem Grade feiner Entwicklung und nach feinen befon-
deren Umftänden fich richtende Forderung der Natur zu
erkennen. Es find zwei constraints, die fich fo geltend
machen. Wo wir überzeugt find, dafs ein beftimmtes
Handeln zu unferem Glücke dient, wiffen wir uns zu ihm
verbunden. Wo diefe Ueberzeugung fehlt — und die
Meinung, dafs wir ficher wiffen, was unfer Glück befördert
, tritt in der fittlichen Entwicklung je länger, je
mehr zurück — macht fich der constraint of order geltend,
die Forderung, der Weifung der Natur zu folgen, die
uns fchon fchliefslich zum Glück leiten wird. Diefer
constraint zerlegt fich in vier. Zwei davon gehen auf
das objectiv natürliche d. h. für alle Menfchen unter den
gleichen Umftänden gültige Verhalten, der constraint zur
Conformität mit der Natur und der des Gefetzes. Der
erftere fordert 1) dafs wir die von der Natur uns eingepflanzten
Wünfche in einer der Abficht der Natur ent-
fprechenden d. h. letztlich mäfsigen Weife befriedigen
und Verhaltungsweifen üben, die wie Fleifs und Muth,
Mittel für diefen Zweck find, 2) dafs wir uns mit dem
Verfahren der Natur fortfehreitend bekannt zu machen
und fie nachahmend in nützlich und zweckmäfsig geordneter
Thätigkeit mit ihr zufammenzuwirken fuchen.
Das zweite ift ein Specialfall des in der Natur herr-
fchenden Princips der unveränderlichen Gefetzmäfsigkeit.
Es fordert Gleichmäfsigkeit des Verhaltens, wie fie fich
in gewohnheitsmäfsigem Thun, im Halten von Verbrechen
, in der Wahrhaftigkeit, in der Nachahmung
Anderer, im Gehorfam gegen Befferwiffende, fpeciell
gegen die Regeln der Gefellfchaft, in der austheilenden
Gerechtigkeit zeigt. Aus beiden Principien ergeben fich
die Regeln für die social amity. Das Wohl der Gemein-
fchaft, zu der der Einzelne gehört, fich zum Ziele zu
machen und thätiges Wohlwollen gegen Einzelne zu
beweifen, ift durch den Trieb der uneigennützigen Liebe
wie durch den Gefichtspunkt der Nützlichkeit des Aus-
taufches von Dienftleiftungen, fowie durch die Erwartung