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Ausgabe:

1894

Spalte:

216-217

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Petran, J.

Titel/Untertitel:

Hat der evangelische Christ von der kritischen Behandlung der Bibel etwas zu fürchetn? 1894

Rezensent:

Lobstein, Paul

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215

Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 8.,

216

ift der in der Gegenwart viel umftrittenen Frage nach
dem Verhältnifs der Ethik zur Dogmatik gewidmet.
Nach dem Verf. mufs die fyflematifche Theologie heutzutage
in diefer Richtung fortfchreiten, dafs Sie einer-
feits ein einheitliches Syftem der chriftlichen Lehre giebt,
und andererfeits, den befonderen praktischen Bedürf-
nifsen entfprechend, die fpeciellen ethifchen Forderungen
des Chriftenthums mit Bezug auf das Individuum und
die Gefellfchaft in gefonderten fpeciellen Unterfuchungen
ausführt.

Die Gründe, die W. für die Eingliederung der Grundgedanken
der chriftlichen Ethik in ein einheitliches
Syftem der chriftlichen Lehre geltend macht, fowie die
Correctur, die er den in Schleiermacher's Richtung fich
bewegenden Verfuchen zu Theil werden läfst, verdienen
alle Beachtung. Indeffen erregt der von ihm felbft vor-
gefchlagene Weg doch manche Bedenken. Für die Los-
löfung der Probleme der fogen. fpeciellen Ethik aus der
fyftematifchen Gefammtdarftellung der chriftlichen Lehre
könnte allerdings die hohe Wichtigkeit vieler in den
einfchlägigen Unterfuchungen zu behandelnden Fragen
fprechen; allein es ift doch fehr zu befürchten, dafs
durch eine folche Detaildarfteilung der innere Zufam-
menhang der erörterten praktischen Probleme mit den
religiöfen Grundgedanken des Chriftenthums aufgelöst
werde oder doch in den Hintergrund trete. Die Gefahr,
welche aus diefem Uebelftand hervorginge, könnte vielleicht
durch eine befonders vorfichtige Behandlung des
Gegenstandes bis zu einem gewiffen Grade befchworen,
nicht aber principiell und endgiltig überwunden werden;
es würde allzuleicht die fogen. fpecielle Ethik auf das
Niveau einer äufserlichen Technik herabsinken, oder in
eine mehr oder minder bunte Reihe zufälliger, dilettanten-
hafter Apercus auseinanderfallen, wobei die theologifche
Ethik bald ihre fpecinfch christliche Grundlage zu verleugnen
, bald ihre Streng wiffenfchaftliche Haltung ein-
zubüfsen in Gefahr wäre. Aufser der hier behandelten
Hauptfrage, enthält W.'s Vorlefung noch eine Reihe
anregender, fruchtbarer Gedanken, für welche namentlich
auch feine auf demfelben Gebiete thätigen Mitarbeiter
ihm aufrichtig danken werden.

Strafsburg iE. P. Lobflein.

Der Weg zum Frieden. Ein Nachtrag zu dem Buche: ,1m
Kampf um die Weltanschauung'. 1. u. 2. Aufl. Freiburg
i/B., J. C. B. Mohr, 1893. (76 S. 8.) M. I. —; geb.
M. 1. 50.

Die neuefte Schrift Wimmer's reiht Sich den früheren
würdig an die Seite. Der Verf. bezeichnet Sie als Nachtrag
zu dem Buche ,1m Kampf um die Weltanschauung'.
Und in der That bilden die hier gebotenen Betrachtungen
in mancher HinSicht eine Fortfetzung zu jener beliebten
, weitverbreiteten Schrift. Auch hier begegnen
uns .Bekenntnifse eines Theologen', unbekümmert um
die Gunft oder Ungunft der Parteien, von dem Bewufst-
fein durchdrungen, dafs Gott nicht geehrt wird durch
Unwahrheit (68), mit vollem Ernft der Aufgabe zugethan,
das alte Evangelium in feiner ewig jungen Kraft zur
Geltung zu bringen und fruchtbar zu machen. Und
diefer Theologe redet nicht die Sprache der Schule,
fondern des Lebens; er wendet Sich an Herz und Ge-
müth, er verfleht es, die von ihm ausgefprochenen religiöfen
Gedanken auch auf moderne praktifche Verhält-
nifse anzuwenden. ,Den Kindern gehört das Himmelreich',
,der Gott des Gefetzes und unfer Gebet', ,das Chriften-
thum', ,die Aufgabe der freien Theologie in der evangelischen
Kirche', fo lauten die Ueberfchriften der vier
Capitel, in denen der Verf. in zwanglofer Form und
ohne Anfpruch auf fyflematifche Gliederung den reichen
Ertrag feiner Erfahrungen und Beobachtungen, feines
Denkens und Sinnens zum Ausdruck bringt. Man würde

diefem Büchlein nicht gerecht werden, wenn man an
dasfelbe den Mafsftab anlegen wollte, den man zur Be-
urtheilung einer ftreng fyftematifchen Schrift anzuwenden
berechtigt ift; der Hauptmangel aber, den Ree. aus-
zufprechen Sich gedrungen fühlt, ift nicht durch den
Charakter und die Form des Buches, fondern durch den
Inhalt felber bedingt. W. weifs von der Liebe Schön und
innig zu reden, er vertraut der Macht derfelben, er verkündigt
ihren fchliefslichen Sieg und ihr ewiges Recht,
er erblickt in ihr die Löfung der Räthfel des Einzellebens
wie der Weltgefchichte. Welche Antwort hat er
aber auf die von ihm felbft aufgeworfene Frage nach
der Berechtigung eines folchen Vertrauens, nach der unerschütterlichen
Grundlage jener weltüberwindenden Zuverficht
? ,Wenn wir Menfchen fein wollen, reine, edle,
gute Menfchen, die das Kleinod der Menfchheit bewahren
und das Bild Gottes in Sich unverkümmert zum Ausdruck
bringen; wenn wir glücklich fein, auf wahres Glück und
reine Freude nicht verzichten und die innerften Bedürfnisse
unferes Herzens nicht unbefriedigt laffen wollen;
wenn uns daran liegt, dafs überhaupt das Menfchenleben
auf Erden Sich menschenwürdig geftalte, dafs etwas dabei
herauskommt, das der Mühe werth ift, eine Frucht er-
wachfe, die der Natur des edlen, von Gott gepflanzten
Stammes entfpricht; wenn wir wünfehen, dafs die Schäden
der Menfchheit geheilt, ihre Fragen gelöft, ihr Harren
erfüllt werde; kurz, wenn wir nach dem Himmelreich
verlangen für uns und für die Welt: dann kann nur die
Liebe zum Ziele führen . . . Die Menfchheit müfste Sich
felbft aufgeben, wenn Sie daran verzweifeln wollte?' . . .
Wie aber? wenn diefe Verzweifelung dennoch als die
höchste Weisheit gepriefen wird? wenn der PefSiimismus
als Lebensftimmung oder als Weltanfchauung Sich geltend
macht? wenn die Erlebnifse des Einzelnen oder die Er-
eignifse der Weltgefchichte jenes Vertrauen Lügen Strafen?
Nur Eine Antwort kann die Zweifel zerftreuen und die
Anfechtungen überwinden: diefe Antwort heifst Jefus
ChriStus. Wohl kennt der Verf. diefelbe, und er empfiehlt
Sie auch; es geht ihm kein Name über den Namen JeSu
von Nazareth. Allein thatfächlich zieht er die Confe-
quenzen nicht, welche aus jener principiellen Stellungnahme
Sich ergeben müfsten: in der von ihm gefchilderten
Glaubenswelt nimmt ChriStus eine hervorragende Stellung
ein, es kommt ihm nicht die Alles beherrfchende Bedeutung
zu. Auch darin bildet das Schriftchen nur einen
,Nachtrag', eine Fortletzung, nicht aber eine pofitive Ergänzung
zu dem Buche: ,1m Kampf um die Weltanfchauung
'. Wie überzeugender, wie gewaltiger wäre
das Wort des Verf.'s, wenn nicht nur des Glaubens Frucht,
fondern auch des Glaubens Grund feinen vollen, klaren,
ungefchwächten Ausdruck in feinen ,Bekenntnifsen' gefunden
hätte!

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Petran, Paft. J., Hat der evangelische Christ von der kritischen
Behandlung der Bibel etwas zu fürchten? Ein Wort
zur Verständigung. Braunfchweig, Schwetfchke& Sohn,
1893. (71 S. gr. 8.) M. 1. -

Die im Titel des Schriftchens aufgeworfene Frage
verneint der Verf. mit grofser Entfchiedenheit, indem er
alle Motive aufzählt, die zur Aufklärung und Beruhigung
der ängstlichen Gemüther beizutragen geeignet Sind.
Seine Worte find in erfter Linie an diejenigen unter den
frommen Laien gerichtet, die gegen die ,böfe Kritik'
j mifstrauifch geworden, das Heil der Kirche in der fum-
: marifchen Verurtheilung jeder freien Schriftforfchung zu
finden wähnen. .Rechte kritifche Behandlung der Bibel
j hilft die UnantaStbarkeit und weltüberwindende Macht
des Chriftenthums erweifen, indem Sie erkennen lehrt,
dafs ,Gottes Wort' eben nicht eine in bestimmte Worte
und Formen eingefchloffene Lehre ift, fondern eine