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Ausgabe:

1894

Spalte:

210-211

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krüger, G. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Sammlung ausgewählter kirchen- und dogmengeschichtlicher Quellenschriften, als Grundlage für Seminarübungen. 5. Hft 1893

Rezensent:

Meyer, Philipp

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 8.

210

Homer's darftellenden Relief perfonificirt erfcheint, fo hat I
das kaum eine Bedeutung für den Paulinifchen Glaubensbegriff
. Auch ift bei zvnog fchwerlich an die Modelle j
des Künftlers zu denken, und der echt helleniftifche Be- j
griff der oiMVfiivq ift von Paulus als altteftamentliches
Qtat übernommen (Rom. 10, 18). Ebenfo ift die Vor-
ftellung einer räumlichen und zeitlichen Abgrenzung der
Völker dem A.T. nicht fremd (Deut. 32, 8). Andererfeits |
laffen fich die Nachweife helleniftifcher Einwirkungen
nicht nur vermehren, fondern auch ihr Schwerpunkt darf
beftimmter bezeichnet werden. Die Berührungen mit der I
griechifch-römifchen Popularphilofophie, insbesondere mit i
den kynifch-ftoifchen Beftandtheilen derfelben, find dafür
entfcheidend. Mit dem Stoicismus verbindet Paulus, wie
auch Curtius betont, eine wirkliche Wahlverwandtfchaft
trotz der entgegengefetzten Grundanfchauungen. Dies
ift gefchichtlich verftändlich. Der Kyprier Zeno hat unter
femitifchem Einfluffe geftanden, ehe er als Kaufmann j
nach Hellas kam, um dort zum Philofophen zu werden.
Mit gefchichtlichem Tacte charakterifirt daher Jofephus
die Pharifäer als Geiftesverwandte der Stoiker (Vita c. 2).

Es handelt fich nicht allein um die bei Kynikern und
Stoikern mit Vorliebe ausgenutzten Athletenbilder, auf
die fie fchon ihr Tugendheld und Vorbild Herkules wies |
(Nachweife bei Schweighaeufer zu Arrian Epiktet I 18, 21),
auch nicht um die oft überrafchend zufammentreffende
Terminologie (z. B. zu fitt ■/.ubKr!v.nviu, (pvaig, avveidrjaig,
ul'a{rrtaig, t.oyiy.ij XazQeia, die Verwendung des dem
Hellenen fo gehaltvollen anovdulog, anovdd^siv, OTtovöi],
die ebenmäfsige Ablehnung der noXvnguy/.ioavvri, des I
nsgiegyttLsad-ui, des qpvaüatrai). Auch die augenfällige j
Verwandtfchaft der dialektifchen Mittel des Paulus mit j
der Art, wie die ethifchen Vorträge des Epiktet fich
aufbauen, ift nicht das Wichtigfte. Aber die teleologifche
Gefchichtsbetrachtung, die Tendenz auf Verftändnifs der
religiöfen Entwickelung, die Weife der ethifchen Welt- !
beurtheilung, die Anerkennung der ayganza v.ctotpaXri
PO/UjUCt (Soph. Antig. 454 h) im Unterfchiede von dem 1
codificirten Gefetze, die Idee des übernationalen Welt- |
bürgerthums (z. B. Arr.-Epikt. II 10, 9), die Schätzung J
der focialen Verhältnifse, der Beziehungen in der Ehe, J
die Beurtheilung des Werthes der Lebensftellung (1. Kor.
7, 18—24. Epiktet Ench. 17. 22) find von Motiven geleitet, j
die in der kynifchen und ftoifchen Weltanfchauung ihr I
Widerfpiel finden. Verwandtfchaft fowohl als Gegenfatz |
tritt am kräftigften in der Werthung der fittlichen Per-
fönlichkeit hervor. Dadurch, dafs der um fein Heil
ringende Chrift, und nicht nach altteftamentl. Anfchauung
die Gemeinfchaft in dem Mittelpunkte fteht, dafs die
Perfönlichkeit des Gläubigen, ihr Wefen, ihre Pflichten,
ihre Hoffnungen, ihre Herrlichkeit die Eermente der Erwägungen
liefern, bietet das Evangelium des Apoftels !
den höchften religiös-fittlichen Leiftungen des Hellenismus
die Hand. Auch der Stoiker fordert von dem Weifen,
dafs er ein Tempel Gottes fei; — allerdings denkt er
bei Schilderung der uov.r:oig, durch die der Weife dazu
fich ausbaut, nicht an 'die Heiligung des Leibes zur
Keufchheit; — vor allem aber erwartet er vom Weifen
die Weltherrfchaft auf Grund fittlicher Freiheit. In dem
ftolzeften Ausdruck perfönlichen Selbftgefühls trifft Paulus
mit der Stoa zufammen. Tlävzu v/liwv eozi, fchreibt er
den Korinthiern (I, 3, 21); nävza eozi zdiv aoq>wv, ver-
fichert die Stoa, fo wie vor ihr der Kynismus (Diog. Laert.
VI 11. 37. 72. VII 125). So ift es denn auch kein Zufall,
dafs die Betonung der ilev&egia und die Verwendung
des ganzen mit diefer Idee verbundenen Vorftellungs-
kreifes ({/.(«>', ctmov, h.ovoio); uvfraigezog, etjovoia, e§&-
oziv — vergleiche das ftoifche e^ovoia avznngayiag, —
ngoalgeotg) die Auslagen der Paulinifchen Briefe durchzieht
. Und doch öffnet fich gerade an diefem Punkte
am tiefften die unüberbrückbare Kluft der chriftlichen
und der antiken Weltanfchauung. Der Weife bethätigt
feine Freiheit gleich dem Herkules der Lehrmythe als

Rival der Götter in felbftherrlichem Erringen göttlicher
Vollkommenheit; der Chrift behauptet feine Freiheit kraft
der Gnade Gottes in der Aneignung des nvtv^iu, das
ihn zu einer fittlichen Perfönlichkeit ausgeftaltet. Der
Weife beurtheilt feine Unvollkommenheit nicht als Schuld,
und wenn er der Vorfehung vertraut, fo führt ihn diefe
nicht zur Erlöfung. In der Confequenz diefes grund-
fätzlichen Gegenfatzes liegt es, dafs für Paulus der
Keimpunkt des neuen Lebens die Rechtfertigung des
Sünders aus Gnaden ift, und dafs er die Rechtfertigung
im Zufammenhange mit dem gefchichtlich gewürdigten
göttlichen Heilsrathfchluffe begreift (Rom. 3, 1—8). Dem
Stoiker dagegen erfchliefst die ngovoia die Bahn zur
Athletik und Askefe der Tugend, die er durch eigene
Kraft erringt.

Epiphanius berichtet, die Ebioniten hätten Paulus
einen Hellenen genannt, der fpäter Profelyt geworden
wäre (haer. 30 c. 25). Der Kenner des Hellenismus wird
die relative Berechtigung diefes Urtheils ebenfo würdigen
, wie der Kenner des Chriftenthums die eigentlichen
Kraftquellen der Glaubensgedanken des Apoftels nicht
im Hellenismus, auch nicht im Alten Teftamente oder
in der Literatur des Spätjudenthums, fondern im Evangelium
von dem Kvgiog 'Iinooig aufweift.

Leipzig. G. Heinrich

Sammlung ausgewählter kirchen- und dogmengeschichtlicher
Quellenschriften, als Grundlage für Seminarübungeu
herausgegeben unter Leitung von Prof. D. G. Krüger.
5. Hft. Freiburg i. B., J. C. B. Mohr, 1893. (gr. 8.)
M. 4. —

Inhalt: Leontios', von Neapolis Leben des heiligen Johannes
des Barmherzigen, Erzbifchofs von Alexandrien, herausgegeben von
Heinr. Geiz er. (XLVIII, 202 S.)

Diefes in jeder Beziehung, fo viel ich urtheilen kann,
vorzügliche Werk, beginnt mit einer Einleitung, die von
der Bedeutung des Johannes Panteleemon, von der
Perfon und den Werken feines Biographen, des Leontios
v. Neapolis, im befonderen von dem vorliegenden, endlich
von den Codices handelt, nach denen der Text zu-
fammengeftellt ift. Es folgt fodann der Text der Uta
(S. 1—103) mit zwei Anhängen (S. 104—112), deren einer
eine Epifode der Vita nach einem befonders erzählenden
Codex, deren zweiter ein Bruchftück aus einer fonft nicht
weiter überlieferten Vita des Johannes von Johannes
Mofchos und dem Sophiften Sophronios enthält. Wir
gelangen fodann zu den Anmerkungen (S. 113—154), die
für einzelne fchwierige Sachen und Perfonen eine grofse
Fülle erklärenden Materials herbeifchaffen. Vier Ver-
zeichnifse machen den Schlufs, von denen das Wörter-
verzeichnifs mit feinen vielen Erläuterungen wieder für
die Gefchichte und Literatur fehr inftructiv ift. .

Leontios von Neapolis auf Kypros, von hier auch
wahrfcheinlich gebürtig, von 611—619 in Alexandrien fich
aufhaltend und noch unter Kaifer Konftans am Leben
(647—668), hat geiftliche Reden verfchiedener Art, aber
befonders erbauliche Biographien im naiven Volkston
gefchrieben, zu denen auch die vorliegende gehört, zu
der er als Quellen die fchon erwähnte / 'ita von Johannes
Mofchos und dem Sophiften Sophronios, Mittheilungen
frommer Männer aus der Umgebung des Johannes Eleemon
und endlich Selbfterlebtes benutzt hat.

Handfchriftlich fcheint die vorliegende Vita häufiger
vorzukommen. Der Herausgeber hat im Ganzen 9 Codices
benutzen können, von denen 6 ganz, die übrigen
theilweife verglichen find. Dazu ift eine alte lateinifche
Ueberfetzung und die Bearbeitung der Vita von Symeon
Metaphraftes herangezogen. Was die Geftaltung des
Textes belangt, fo hat der Herausgeber das eigenthüm-
liche Sprachgemifch zwifchen Schriftfprache und Volks-
fprache, in dem die Vita gefchrieben ift, mit Recht feft-

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