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Ausgabe:

1894

Spalte:

189-194

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesammtausgabe. 9. Bd 1894

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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befonderes Intereffe für unfere Dichterheroen (Leffing
Herder, Goethe u. A.), andererfeits, was den Stand
punkt betrifft, einen entfchiedenen Drang zur Behauptung
der theiftifchen Gottes- und Weltanfchauung an

Vaterunferpredigten (1519), Cranach's Pafiional Chrifti
und Antichrifti (1521). Dazu kommen weiter Documente,
die gleichfalls fchon früher bekannt, aus verfchiedenen
Gründen anfangs von der kritifchen Ausgabe bei einer

den Tag legt. Diesmal kehrt er zu demjenigen feiner engeren Faffung der Editionsprincipien ausgefchloffen
,Lieblingsfchriftffeller' zurück, dem vor Zeiten feine j waren, nun aber erwünfehter Weife eingereiht worden
Doctordiffertation mit gegolten hatte, zu Auguftinus (vgl. ' find: Bucer's Bericht über die Heidelberger Disputation
d. Abh. u. d. T.: Augustini et Cartesii placita de mentis , fowie eine fchon 1876 von Seidemann publicirte Auf-
humanat siä cognitiotie, Bonn 1860). Er will fein nicht ; Zeichnung Luther's über diefelbe; ferner Luther's Ausunangefochten
"gebliebenes Recht wahren, auch diefen gäbe der Thefen feines Gegners Eck (Febr. 1519) fowie
als Bundesgenoffen im Kampfe für den Theismus zu Luther's eigenhändige Eintragungen ins Wittenberger
betrachten, befchränkt fich jedoch hier auf den Nachweis, Decanatsbuch von 1515—1520. Zu diefen fchon früher
dafs Aug' das Caufalitätsverhältnifs Gottes zur : bekannten, theilweife auch fchon leicht zugänglich geWelt
nicht pantheiftifch, fondern eben theiftifch faffe. wefenen Nachträgen gefeilen fich zweitens Lutherfunde
Dabei zieht er dreierlei in Betracht, die Lehre desfelben j aus den letzten Jahren, und zwar zunächft folche, die
1) über die vorzeitlichen Vorausfetzungen der Welt in von den Findern fchon vor dem Erfcheinen von Bd. IX,
den Ideen und dem Willen Gottes, 2) über die Ver- ! aber nach dem Erfcheinen der betreffenden Bände der

wirklichung der Weltidee in der Schöpfung durch Gott
3) über che Erhaltung der gefchaffenen Welt durch
Gott, und kommt zu folgendem Ergebnifs: Ewig find

kritifchen Ausgabe, in denen fie ihren Platz hätten finden
follen, bekannt gemacht wurden: durch Dolefchall die
Originalhandfchrift zu Luther's Auslegung von 109

nach Aug. in Gott die Weltideen, die in ihm entfpringen, ! (110), durch Buchwald die in allen früher bekannten
frei von ihm erzeugt. Ewig ift in ihm der Schöpferwille, j Exemplaren der Acta Augustana durch kurfürfll. Cenfur
und frei hat er aus reiner Güte die Welt erfchaffen den | gefchwärzte Stelle'); durch Nie. Müller die Originalhand-
Ideen gemäfs, fo dafs fie Theil nimmt an diefen. Nicht I fchrift von Luther's Sermon von den guten Werken fowie
aus feinem Wefen oder einem von Ewigkeit her neben j von Ein Urtheil der Theologen zu Paris. Auch zwei von
ihm vorhandenen Stoffe hat er fie gebildet, fondern mit | Kolde und von Kawerau inzwifchen ans Licht gezogene
der Zeit und dem Räume gefchaffen aus Nichts, keim- Thefenreihen find hier zu nennen. Eine dritte Gruppe
haft, damit fie fich entfalte nach den ihr von Gott ein- bilden Funde aus neuerer Zeit, über die zwar fchon Mit-
gepflanzten Gefetzen, von demfelben Gott erhalten und ! theilung in der Oeffentlichkeit gemacht war und aus
geleitet zu dem ewigen Ziele, dem Ziele der Vereinigung J denen fchon Proben bekannt gegeben waren, deren voll-
mit ihm in feiigem Leben für die Guten, während die : Händige Veröffentlichung aber hier zum erften Male er-
Böfen in unfeliger Abkehr von ihm der Seligkeit ver- folgt. Buchwald's fchöner Fund der theilweife bis aufs
luftig gehen. Uebrigens leugnet M. weder, dafs fich bei Jahr 1509 zurückreichenden Ran dbemerkungen Luther's
Äugt der Einflufs des Neuplatonismus ftark geltend zu allerlei Büchern feiner Bibliothek: zu Augullin, Anfelm,
machte, noch, dafs viele Fragen bei ihm ungelöft, Petr.Lombardus, Tauler, Tritheim [Zwickauer Bibliothek],
viele Refultate unfertig und unklar bleiben. Viel feither j fowie die (ganz unbedeutenden) Randbemerkungen in
etwa unbeachtet gebliebenes Material aus den Schriften j einem hebr. Pfalter [Frankfurt a. M.]; ferner der Vöhdes
Kirchenvaters felbft konnte Verf. nun freilich nicht j Händige Abdruck des von Tfchackert entdeckten Bandes
beibringen. Aber die Einführung des Lefers in den ! handfehriftlicher Predigten Luther's von 1519—21 aus
jetzigen Stand einer der Hauptfragen aus dem Gebiete | Poliander's Belitz. Endlich find viertens auch einige

der Philofophie und der von diefer leider zu wenig ge- ; neuere Funde, deren Veröffentlichung gleich für die
fchiedenen Theologie des grofsen Kirchenlehrers, fowie I Weimarer Ausgabe aufgefpart wurde, hier zum Abdruck
die Auseinanderfetzung nicht nur mit älteren Forfchern j gelangt: ein wiederaufgefundenes Blatt des Wolfenbüttler
wie Günther, fondern auch mit neueren wie Konr. Scipio, ' Pfalters, der von Steif? in Stuttgart entdeckte erHe Ent-
Chriffinnecke, A. Dorner, Th. Weber, A. Harnack u. A. | wurf eines Schreibens Luther's an den PapH, fowie eine
rechtfertigt hinlänglich die Veröffentlichung der Ab- 1 kurze Aufzeichnung für eine Predigt Auch die Original-

1 handfehrift des erHen Entwurfs von Luther's .Erbieten'
1520, die in Bd VI. nur nach E. S. Cyprian's Abdruck
reproducirt war, ifi jetzt von Knaake herangezogen und
danach ein neuer, genauerer Druck veranfialtet worden.
Dazu kommen dann im Anhang zahllofe Nachträge und
Nachbefferungen zu den in Bd. I—VIII veröffentlichten
Schriften, dabei befonders auch die nachträgliche Verzeichnung
der Varianten von Ausgaben, die früher nicht

handlung. Mit der Auffaffung des Verf.'s kann fich Ref.
in allem Wefentlichen einverffanden erklären.

Kiel. F. Nitzfeh

Luther's, Dr. Martin, Werke. Kritifche Gefammtausgabe.
9. Band. Mit Nachbildungen von 27 Holzfchnitten
und 7 Handfchriftenfacfimile. Weimar, Böhlau, 1893.

iXVT Sr6 c- y, ,,, h>< »,t - f Zur Hand gewefen oder überhaupt nicht beachtet worden

(AVI, 806 S. 4.) M. 23. -; Einbd. M. 5. - ware„ C0 bilnVt Rd IX ein „nPn^hrlirh« 5»«tt1.m-«f

Nachträge, Ergänzungen und Berichtigungen zu den
früher erfchienenen Bänden I—VI und VIII, d. h. von
den uuha Luther i bis zum Wartburgaufenthalt, bietet
diefer noch am Schlufs des alten Jahres ausgegebene

waren. So bildet Bd. IX ein unentbehrliches Supplement
zu den früheren Bänden von ebenfo mannigfaltigem wie
intereffantem Inhalt. Alle bisherigen Herausgeber und
aufserdem Steiff und Dolefchall haben für diefen Band
Beiträge geliefert, zu den Nachträgen auch Karl Müller.

Band und damit einen reichen, mannigfaltigen, in der J Freilich liegt die Frage nahe: wenn nach wenigen Jahren
Hauptmatte allen früheren Lutherausgaben fehlenden, 1 800 Seiten Nachträge nöthig werden konnten trifft dann
zum 1 heil überhaupt hier zum erHen Male veröffent- nicht das Unternehmen der Vorwurf, ungenügend vor-
lichten Inhalt. Man darf vier verfchiedene Kategorien | bereitet an die Oeffentlichkeit getreten zu fein? Das

Vorwort des Sekretärs redet jetzt S. XIII von den böfen
Folgen davon, dafs eine fyffematifche Auffpurung der
auf unfere Tage gekommenen Lutherhandfchriften alseine
nothwendige Vorarbeit unterblieben iff; und das Gleiche
wird wohl auch betreffs der Bibliographie der Luther-

des hier — natürlich der Chronologie gemäfs — Nachgetragenen
unterfcheiden. Zunächff Stücke, die zwar
längff bekannt waren, die aber, weil nur indirect oder
unficher auf Luther als Autor weifend, bisher zuriiek-
geffellt und event. für einen Supplementband aufgefpart
waren. So erhalten wir jetzt die von Agricola beforgte
Ausgabe der Vaterunferpredigten (1518), die gegen Luther's . }) ff J™1 r,ch dab<,; ergeben, dafs von den 62 gefchwtetan Worten
Willen erfolgte Ausgabe feines Sermons vonAhel. Stand !

(1519), den von Amsdorf vertalsten Auszug aus Luthers | fcheidemlen Stelle den Sinn verfehlt hatte.