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Ausgabe:

1894

Spalte:

183-187

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Carl

Titel/Untertitel:

Gnostische Schriften in koptischer Sprache aus dem Codex Brucianus 1894

Rezensent:

Preuschen, Erwin

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183

Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 7,

184

Schmidt, Dr. Carl, Gnostische Schriften in koptischer Sprache I deffen Verbindung mit den übrigen Stücken der Hf. wohl

aus dem Codex Brucianus, hrsg., überfetzt und bearb.
|Texte u. Unterfuchungen zur Gefchichte der altchriftl.
Literatur, hrsg. von O. v. Gebhardt u. A. Harnack,
VIII. Bd., I. u. 2. Hft.] Leipzig, Hinrichs, 1892. (XII,

nur aus äufseren Gründen zu erklären ift.

S. geht bei feiner Anordnung der Refte des erden
Werkes von folgenden Erwägungen aus: der am Schlufs
von p. 53 erfcheinende Titel: ,Das Buch vom grofsen
löyog v.ma itcoTr'tQiov' id nicht, wie Woide und Arne-

692 S. gr. 8.) M. 22. — lineau meinten, die Ueberfchrift zu der mit p. 54 be

Im Jahre 1778 hatte Woide (Cramer, Beitr. zur ; ginnenden Abhandlung, fondern vielmehrUnterfchrift der

Beförderung theolog. und anderer wichtigen Kenntnifse
von kielifchen und auswärtigen Gelehrten III, 83 ff.) von
gnodifchen, in koptifcher Sprache erhaltenen Schriften
Kunde gegeben; 1812 edirte Münter (Odae gnosticae

vorhergehenden. Mit p. 54 beginnt alfo ein neuer Ab-
fchnitt. Da nun aber in der Pistis Sophia an zwei
Stellen (p. 245 f. 354) auf ein anderes, früheres Werk,
betitelt ,die zwei Bücher Jeu' Bezug genommen wird,

Solomon tributae) fünf Oden. Die Schrift, der de ent- in deJ. Yon den geringeren Myftenen gehandelt fei,
nommen waren, gab dann 1851 Petermann aus dem "nd df. ferne>; ZUT Anfang der erften Abhandlung die
Nachlaffe von Schwartze heraus. Ueber hundert Jahre j Emanationen der Jeu s aufgezahlt werden fo erfcheint
hat die Theologie auf die Publicirung der anderen, eben- 1 «S- mch ™ gewagt, d.efe beiden Schriften zu idenü-
falls von Woide (a. a. O. S. 93 ff.) angekündigten Werke 1 nc.ren und er nennt demnach che erde Abhandlung das
warten muffen. Jetzt liegt nicht nur der Text und die ! d,<? zweite Abhandlung das zweite Buch Jeu. Ift

Ueberfetzung, fondern auch eine eingehende und umfang- dlf/e F}o]S^% "chtig fo ergeben f.ch daraus für das
reiche Untersuchung von einem jungen Aegyptologen vor, i A.lter. der Schrift und das Vernahm.fs zur Pistis Sophia
der fich zu diefer Arbeit zugleich mit einem ausreichenden , wichtige Schluffe. Es ift demnach geboten, dm Grunde

kirchenhiftorifchen Wiffen ausgerüftet hat. Die Freude 1 genaJJ zu P™ . c , ,T ....... . „

... . iv , r~ u p -i u w j- rp S. 331 ff. erörtert S. das Verhaltnifs der erften Ab

über das endlich Gebotene wird auch über die oft er- • - ■ - • .......

müdende Breite und unnöthige Weitfchweifigkeit der
Darftellung, wie über den nicht immer erfreulichen Stil
hinwegfehen laffen.

Man darf wohl S.'s Ausgabe der Werke des Papyrus
Bruce die editio princcps nennen. Zwar ift bereits 1891
eine fehr fplendid gedruckte Ausgabe mit franzöfifcher
Ueberfetzung von Amelineau erfchienen (Notices et ex-
traits XIX 1); allein wie S. gezeigt hat (Gott. Gel. Anz.
1891, 640 ff. 1892, 201 ff.), kann weder die Textausgabe,
noch die Ueberfetzung den Anfprüchen genügen, da A.
es nicht für der Mühe werth gehalten, den Papyrus
felbft zu collationiren — was bei feinem gegenwärtigen
Zuftande freilich kein erfreuliches Gefchäft fein mag —
fondern fich mit Woide's oft unzuverläffiger Abfchrift
begnügt hat. Dafs fich diefe Polemik auch noch in S.'s
Publication hineinzieht, ift zu bedauern. Mit fterbenden
Feinden foll man nicht zu graufam umgehen.

handlung (Jeu I) zur zweiten (Jeu II) und er kommt zu
dem Schlufs, ,dafs das ganze Werk einer und derfelben
Secte angehört' und ,einem und demfelben Verfaffer'
zuzufchreiben fei. Aber die Gründe, die er dafür anführt,
reichen nicht aus. S. benutzt zum Beweife einerfeits
p. 35—38, die aus dem Zufammenhang herausfallen, und
deren Einordnung in den Context nicht wohl angeht.
S. felbft fpricht fich an anderem Orte (S. 33. 393) dafür
aus, dafs diefes Stück nichts mit Jeu I zu thun habe.
Es ift alfo ein methodifcher Fehler, diefes zum minderten
unfichere Stück zu einem fo wichtigen Beweife zu benutzen
. Andererfeits nennt er eine Anzahl von Ausdrücken
, die in beiden Abhandlungen vorkommen. Aber
auch damit ift nichts gewonnen, da fich diefelben Ausdrücke
auch in der Pistis Sophia finden. Man wird alfo
kaum ein Recht haben, mehr zu fagen, als dafs Jeu I
und Jeu II beftenfalls derfelben Secte angehören. Damit
ift nun aber die Identificirung der beiden Abhandlungen

Was S. bietet, ift eine über die Gefchicke und den 1 mjt den in der P.S. citirten .Büchern Jeu', die doch ohne

gegenwärtigen Zuftand der Hf., fowie über die von S
vorgenommene Anordnung der Blätter orientirende Einleitung
; darauf der Text nebft Ueberfetzung, fodann die
mehr als die Hälfte des Bandes füllende Unterfuchung,
die fich mit der Compofition und dem Inhalt des erften

Frage ein einheitliches Werk gewefen fein werden, erheblich
erfchwert. Die Combination löft fich vollends in
Luft auf, wenn man die beiden Stellen P. S. p. 245 f.
354 etwas näher in's Auge fafst. Zunächft ift zu bemerken
— worüber S. kein Wort verliert — dafs fich

gnoftifchen Werkes, dem Verhaltnifs der zweiten Ab- j m der der von der Unterfchrift gebotene Titel ,Das
handlung zu der erften, dem Verhältnifs des erften gnofti- ; Buch vom grofsen loyog v.ura pvOtiqQiov' überhaupt
fchen Werkes zur Pistis Sophia, dem Syfteme des erften I mcht findet, dafs dort vielmehr nur von den Bb. Jeü
gnoftifchen Werkes, dem Syfteme des zweiten gnoftifchen , die Rede ift, in denen von den niederen Myfterien geWerkes
befafst und dann Urfprung, Zeit und Ort der J handelt fei. Dazu kommt noch ein weiteres. Nach p. 354
koptifch gnoftifchen Originalwerke erörtert. Ein Nach- i follen die beiden Bücher Jeü im Paradiefe von Henoch
wort fetzt die Polemik gegen Amelineau fort. j gefchrieben fein, der fie auf den Felfen Ararad gelegt

Ueber die Zuverläffigkeit der Ueberfetzung kann ich I habe; der Archon Kalapatauroth habe fie dann während
nicht urtheilen, da ich kein Koptifch verftehe. Doch j der Sintfluth vor der Befchädigung durch feindliche
haben mir Sachkenner verfichert, dafs die Arbeit ver- Archonten befchützt. S. hat Recht, wenn er den Ein-
läfslich fei. wand gegen die Identificirung ablehnt, den man daraus

Dafs die Blätter des Papyrus Bruce kein einheitliches I herleiten könne, dafs in dem jetzigen Texte von Henoch
Ganze ausmachen, fondern zwei Abhandlungen umfaffen, 1 keine Rede fei (S. 495 Anm. 1). Das kann irgendwo in

hatte bereits Woide erkannt, der in Cramer's Beiträgen
a.a.O. (vgl. das pro memoria bei S. S. 19) als Titel an-
giebt 1) ,Das Buch der Kenntnifs (yvwatc) des Unficht-
baren', 2) ,Das Buch des grofsen Xoyov v.ar.u /.umißinv'.

dem nun verlorenen Anfang geftanden haben, oder auch
blofse Schultradition gewefen fein. Aber es ift auffallend,
dafs S. den Haupteinwand gegen feine Thefe völlig
überfehen hat. Hält S. es wirklich für möglich; dafs ein

Ihm fchliefst fich auch Amelineau an. Dagegen theilt j Buch von Henoch gefchrieben fein wollte, oder ihm von
S. den Stoff in zwei Gruppen, deren erfte den Reft eines einer Schule beigelegt wurde, in dem von Anfang bis
in zwei Abhandlungen zerfallenden Werkes ,Das Buch zu Ende des auferftandenen Chriftus Verkehr und Unter-
vom grofsen Xöyog y.ata pvotTjotov' bildet, während die j haltung mit feinen Jüngern mitgetheilt wird? Ein folches
zweite ein am Anfang und Ende unvollftändiges, aufser- j vovtgov 7rghrt.gov erfcheint mir doch auch für den ftarken

dem gegen Ende lückenhaftes Werk darfteilt, deffen
Titel nicht erhalten ift. Dazu kommt dann noch ein
einzelnes Blatt, einen Hymnus auf das ,vor allen äyihgrjTni
und allen äjisgavToi exiftirende Myfterium' enthaltend,

Magen gnoftifcher Phantafie zu unverdaulich. Damit fällt
alfo jeder Grund hin, die beiden Abhandlungen als zwei
Theile eines und desfelben Werkes aufzufaffen und mit
dem in der P.S. citirten zu identificiren. Man wird daher