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Ausgabe:

1893

Spalte:

165-169

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Amabile, Luigi

Titel/Untertitel:

Il Santo Officio della Inquisizione in Napoli. Narrazione con molti documenti inediti. 2 vol 1893

Rezensent:

Reusch, Franz Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 6.

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kann. Nur in einer Beziehung hätte der Bearbeiter
unferes Erachtens etwas mehr thun können. Man ver-
mifst nämlich eine Aufklärung über die ziemlich verwickelten
Verhältnifse im Bisthum Münfter, die fo eng
mit denen des Erzftifts Köln verknüpft find und namentlich
im erftenTheil eine ziemlich bedeutende Rolle fpielen.
Wer nicht aus Loffen's Buch oder fonft mit diefen Dingen
vertraut ift, wird die hierauf bezüglichen Stellen der
Depefchen fchwerlich verdehen. Auch in den Anmerkungen
und Ueberfchriften hätten wir eine gröfsere Ausführlichkeit
gewünfcht. Wenn der Bearbeiter offenbar
mit Rückficht auf den Raum zu einer allzugrofsen
Sparfamkeit veranlafst worden ift, fo hätte der Verluft
unferer Anficht nach ohne Schaden durch eine därkere
Anwendung des Auszugs bei minder bedeutenden Depefchen
wieder eingebracht werden können.

Ueber die Quellen, aus denen das veröffentlichte
Material entnommen ift, berichtet der Bearbeiter jedesmal
zu Anfang der beiden Theile, in denen es zum Abdruck
kommt. Diefen Angaben folgen dann einige biogra-
phifche Notizen über die einzelnen Nuntien und anderen
Vertreter der Curie, deren Berichte in dem betreffenden
Abfchnitt mitgetheilt find.

In einem Anhang zu den Nuntiaturberichten bietet
uns der Bearbeiter zunächft eine dankenswerthe Abhandlung
über die Begründung der händigen Nuntiatur in
Köln und über die Organifation der deutfchen Nuntiaturen
im Zeitalter der Gegenreformation. Das dem Verfaffer
zur Verfügung flehende umfangreiche und neue Material
fetzt ihn in den Stand, die bisher hierüber herrfchenden
Anfchauungen wefentlich zu berichtigen. Im Speciellen
weift er gegenüber Loffen nach, dafs die Errichtung der
händigen Kölner Nuntiatur nicht von 1573 fondern erh
von 1584 datirt, und dafs auch für diefen Zeitpunkt jene
Nuntiatur keineswegs von Anfang an als händige geplant
war. Am Schluffe des Bandes endlich hat der
Bearbeiter die fchon Ranke bekannte, bisher aber noch
nicht veröffentlichte Denkfchrift des Minutio Minucci
über den Zuftand der kath. Kirche in Deutfchland aus
dem Jahre 1588 abdrucken laffen. Wir zweifeln nicht,
dafs er fich hierdurch den Dank aller derjenigen verdienen
wird, die diefe Zeit zum Gegenhande ihrer Studien
gewählt haben. Denn in der That kann es kaum
etwas Inhructiveres über die damalige Lage der katho-
lifchen Kirche in Deutfchland geben, als die Denkfchrift
diefes Italieners, der, wie auch die von ihm herrührenden
Depefchen der vorliegenden Sammlung zeigen, von allen
päphlichen Diplomaten jener Zeit die deutfchen Verhältnifse
am behen kannte und zu beurtheilen vermochte.
Aufserdem aber hat die Denkfchrift auch noch dadurch
ein befonderes Intereffe, dafs ihr Verfaffer hierin ge-
wiffermafsen das Programm entwirft, das die Curie nach
feiner Anficht einzuhalten hat, um weitere Verlüde zu
vermeiden und dafür im Gegentheil das bis dahin verlorene
Gebiet zurückzuerobern. In der Hauptfache hat
die Curie in der folgenden Zeit an diefem Programm
durchaus fedgehalten.

Weimar. Virck.

Amabile, Luigi, II Santo Officio della Inquisizione in Napoli.

Narrazione con molti documenti inediti. 2 vol. Gitta
di Castello, S. Lapi, 1892. (XV u. 368, 112 u. 103 S. 8.)
9 Lire.

Der Verf. bezeichnet fich auf dem Titelblatte als
früheren Profeffor der pathologifchen Anatomie an der
Univerfität zu Neapel. Er hat 1858 bis 1878 eine Anzahl
von medicinifchen Schriften veröffentlicht. Den Theologen
und Hidorikern hat er fich 1882 vortheilhaft bekannt gemacht
durch ein dreibändiges Werk über Campanella 1),

welches Chr. Sigwart in feinem Auffatze über diefen
merkwürdigen Mann ') als die genauede und volldändigde
Arbeit über ihn bezeichnet. Das gleiche Lob verdient
das vorliegende Werk. Es id um fo dankenswerther,
als es gröfstentheils auf ungedruckten und unbenutzten
Quellen beruht (S. V), unter denen aufser vielen Procefs-
acten für die Reformationszeit namentlich die Papiere
des Cardinais Seripando, f 1563, zu erwähnen find (I,
124 u. f.).

In den beiden erden Capiteln wird die mittelalterliche
Inqufition behandelt. Die erde Verfolgung von
Ketzern kommt in Neapel um 1230 vor. Es handelt fich
bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts hauptfächlich um Al-
bigenfer, Fraticellen (I, 63. 67—69) und Pateriner, auch
um folche, die zum Judenthum oder Islam abgefallen,
und um getaufte Juden, die rückfällig geworden waren
(Marranen, I, 81—85). — Das umfangreiche dritte Capitel
(I, 84—347) und die erde Hälfte des vierten (II, I—78)
behandeln die Zeit der fpanifchen Herrfchaft (1500—1700).
Auf der Infel Sicilien wurde 1500 die fpanifche Inquifi-
tion (I, 85) eingeführt. Der Vernich, diefe auch in Neapel
einzuführen, fcheiterte an dem Widerdande des Volkes
(die Oppofition, die fich 1510 kundgab, wird I, 102 ff.
ausführlich dargedellt). Es blieb alfo bei der bisherigen
Inquifition der Bifchöfe und der von Rom aus delegirten
Dominikaner. Aber von der Mitte des 16. Jahrhunderts
an dehnte die von Paul III. 1542 errichtete Römifche
Inquifition ihre Jurisdiction auch über Neapel aus (aucli
über Malta I, 321). Es fungirten in Neapel Delegirte
derfelben und viele Angeklagte wurden nach Rom abgeführt
, um dort abgeurtheilt zu werden (Doc. p. 15). Es
gab für ihren Transport eine eigene barca oder feluca
del Santo Officio (I, 344. II, 26). Auch die Römifche
Inquifition diefs auf vielfache Oppofition, fchon 1547 und
1564 (I, 200. 273), namentlich wegen der Confiscation der
Güter der Verurtheilten (I, 101), wegen der Geheimhaltung
der Namen der Denuncianten und der Beladungszeugen
und wegen anderer Fehler ihres Verfahrens und wegen
der Härte, deren lieh manche Inquifitoren fchuldig machten.
Aber erd gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde die
Oppofition förmlich organifirt durch die Bildung einer
befonderen Deputation der Stadt Neapel zur Ueberwachung
der Inquifition, und erd 1746 unter dem Bourbonen Carl III.
(II, 78—112) wurde fie förmlich aufgehoben. Die zahlreichen
1661 —1761 darüber verfafsten, meid nicht gedruckten
Schriften, werden im Anhang S. 94—98 verzeichnet
und im Buche felbd befprochen. Unter den
königlichen Beamten id nicht der Minider Tanucci, fondern
der Marchefe Nicola Fraggianni derjenige, der die Aufhebung
durchfetzte (II, 110). Da die Inquifition fich nicht
blofs mit Härerfie, fondern auch, und in Neapel im 17.
und 18. Jahrhundert vorzugsweife, mit anderen Vergehen
befafste, frivolen Reden über religiöfe Dinge, gottesläder-
lichen Flüchen [bestemmie ereticali), Bigamie und anderen
Unzuchtfünden, Standesvergehen von Geidlichen, Ueber-
tretungen der Kirchengebote (namentlich Pdeifcheffen an
Fadtagen), Zauberei und Schatzgräberei, fogar Wucher
(I, 305. 328. II, 21 u. f.), fo gedaltete fich der Kampf
gegen fie zugleich zu einem Kampfe gegen Eingriffe in
die Jurisdiction der ordentlichen geidlichen und weltlichen
Gerichte. Bei den letzten Processen, 1738 ff., handelte es
fich namentlich um wenig refpectable Geidliche (II, 84).

Ueber die Einführung und Organifation der Inquifition
in Neapel, die Thätigkeit der einzelnen Inquifitoren,
ihre Beziehungen zu Rom, den Bifchöfen und der Staatsregierung
, die Oppofition gegen fie u. f. vv. berichtet der
Verf. im einzelnen mit ermüdender Volldändigkeit und
Genauigkeit (er berichtigt auch mehrfach die Dardellung
der Neapolitanifchen Hidoriker Giannone und Colletta
und namentlich die von Cefare Cantü, S. X). Diejenigen,
die nicht die Geduld haben, das ganze Werk durchzu-

I) Fra Tommaso Campanclla, la sua congiura , suoi processi t
In sua pazzia.