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Ausgabe:

1893

Spalte:

153-157

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Theologische Abhandlungen, Carl von Weizsäcker zu seinem siebzigsten Geburtstage 11. Dezember 1892 gewidmet von 1893

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

m e.

18. März 1893.

18. Jahrgang.

Theologifche Abhandlungen, Carl von Weizfäcker

gewidmet (Schürer).
Addis, The docurnents of the Hexateuch(Budde).

C 0 rffen, Der cyprianifche Text der Acta aposto-
lorum (Jülicher).

Nuntiaturberichte aus Deutfchland, 3. Abth.
1572—1585, I. Bd. Der Kampf um Köln
1576—1584, bearb. von Hänfen (Virck).

Amabile, II Santo Officio della Inquisizione
in Napoli, 2 voll. (Reufch).

Destombes, Histoire de leglise de Cambrai,

3 vols. (Löfchhorn).
Wäntig, Die Penfionsgefetze für die evange-

lifchen Geiftlichen und die Disziplinarordnung

für die ev.-luth. Landeskirche im Königr.

Sachfen (Koehler).

Theologische Abhandlungen, Carl von Weizfäcker zu

feinem fiebzigften Geburtstage II. December 1892

gewidmet von Adolf Harnack, Emil Schürer,

Heinrich Julius Holtzmann, Hermann von Soden,

Theodor Häring, Hermann Ufener, Adolf Jülicher,

Eduard Gräfe, Karl Müller, C. F. Georg Heinrich
Freiburg i. B., J. C. B. Mohr, 1892. (352 S.

gr. 8.) M. 8.—
Zur Feier von Weizfäcker's 70. Geburtstage hat
fich eine Anzahl Schüler, Freunde und Fachgenoffen
vereinigt, um durch eine Sammlung kleiner Abhandlungen
dem Jubilar ihre Verehrung zu bezeugen und zugleich
dem Bewufstfein geiftiger Gemeinfchaft mit dem-
felben auf den von ihm vertretenen Forfchungsgebieten
des Neuen Teftamentes und der Kirchengefchichte
öffentlichen Ausdruck zu geben. Die etwas bunte
Reihenfolge ift — wie hier bemerkt werden mag — dadurch
entftanden, dafs die Manufcripte in derjenigen
Ordnung abgedruckt wurden, in welcher fie zur Ein-
fendung gelangten. Der Inhalt der zehn Stücke ift
folgender:

1. Harnack, Die Briefe des römifchen
Klerus aus der Zeit der Sedisvacanz im Jahre
250 (S. 1—36). Nach dem Märtyrertode des Bifchofs
Fabian am 20. Januar 250 blieb die römifche Gemeinde
in Folge der decianifchen Verfolgung über ein Jahr
lang (13—14 Monate) ohne Bifchof, denn ,ein Bifchof,
der heute gewählt worden wäre, wäre morgen fchon
nicht mehr gewefen' (Harnack S. 21). Trotzdem blieb
fie feftgefügt, ja fie wufste fich auch in diefer Zeit als
die leitende Gemeinde im Abendlande zu behaupten,
dank der Energie und Charakterfeftigkeit ihres Klerus,
deffen geiftiger Führer Novatian war. In welchem
Mafse dies der Fall war, wie die Gemeinde auch in
diefer Zeit ihren Primat behauptete, zeigt Harnack an
der Hand der Briefe, welche der römifche Klerus damals
ausgehen liefs. Es laffen fich noch fechs folche
nachweifen: 1. an Cyprian, den Tod des Fabian anzeigend
(verloren), 2. an den karthaginienfifchen Klerus
(= epist.. 8 in Hartel's Ausgabe der Briefe Cyprian's),
3. an denfelben (verloren), 4. an die ficilianifchen
Chriftengemeinden (verloren), 5. an Cyprian (= cpist. 30),
6. an Cyprian (= cpist. 36). Die beiden letzten find
ficher von Novatian verfafst, wahrfcheinlich auch die
beiden vorhergehenden.

2. Schürer, Die Prophetinifabel in Thyatira,
Offenb. Joh. 2,20 (S. 37—58). Zu dem Thema diefes
kleinen Auffatzes ift Ref. veranlafst worden durch eine
längft bekannte und fchon im vorigen Jahrhundert mehrfach
befprochenelnfchrift zu Thyatira, wahrfcheinlich aus
der Zeit Trajan's, auf welcher ein ZapßaHelov erwähnt

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wird .(Corp. Inscr. Gracc. n. 3509). Diefes kann nichts
anderes gewefen fein, als ein Heiligthum der Sambethe,
d. h. der chaldäifchen Sibylle, die uns als folche
durch fpätere Quellen, vor allem durch den Prolog zu
unferer Sammlung der fibyllinifchen Orakel bezeugt ift.
Damit ftimmt, dafs das Sambatheion fich nach der angeführten
Infchrift iv aj> Xulöainv 7CSQißnl(to befand,
alfo in einem heiligen Bezirk, der einem Chaldäer gehörte
oder durch einen Chaldäer geftiftet war. Da alle
Sibyllen weisfagende Frauen waren, und da das Orakel-
wefen in der römifchenKaiferzeit inKlein-Afien in üppiger
Blüthe ftand, fo kann kein Zweifel fein, dafs in jenem
Sambatheion auch wirklich von einer weisfagenden
Frau Orakel ertheilt wurden. Ift es nun nicht erlaubt,
damit die Stelle Offenb. Joh. 2,20 zu combiniren, in
welcher der Engel der chriftlichen Gemeinde getadelt
wird, weil er ,das Weib Kabel gewähren läfst, die fich
für eine Prophetin ausgiebt und lehrt und bethört die
Knechte Chrifti, Hurerei zu treiben und Götzenopfer-
fleifch zu effen'? Ifabel ift ficher nur fymbolifcher Name
für eine Frau, welche die Chriften zu heidnifchem oder
halbheidnifchem Leben verführte, und zwar, indem fie
fich für eine Prophetin ausgab. Die Combination mit
der Sambethe liegt nahe: 1) weil Zeit und Ort ftimmen
(das für die Zeit Trajan's bezeugte Sambatheion kann
felbftverftändlich auch fchon ein paar Decennien früher
in Thyatira exiftirt haben), 2) weil der Apokalyptiker
auch fonft auf gewiffe heidnifche Einrichtungen in den
betreffenden Städten Rückficht nimmt (Pergamum ift die
Stadt, wo der Thron des Satans fich befindet, d. h.
wahrfcheinlich der Tempel für den Kaifercultus oder
fonft eine prunkvolle heidnifche Cultusftätte), 3) weil
die Sambethe gerade die chaldäifche, d. h. orienta-
lifche Sibylle war. Auch die jüdifchen und chriftlichen
Kreife Thyatira's hatten ihre Wurzeln im Orient. Wie
leicht konnte es gefchehen, dafs Anhänger der Sambethe
in Thyatira auch nach ihrem Eintritt in die chriftliche
Gemeinde noch auf ihre Worte laufchten und durch fie
in einem halbheidnifchen Leben feftgehalten wurden.
Nur dann würde die Combination unftatthaft fein, wenn
die Ifabel, wie noch gewöhnlich angenommen wird, dem
Schofs der chriftlichen Gemeinde felbft angehört hätte.
Ich glaube aber, dafs es nach den eigenen Angaben der
Apokalypfe wahrfcheinlicher ift,- dafs fie aufserhalb derselben
geftanden hat. Uebrigens kann ja auch die
Sambethe jüdifch oder chriftlich beeinflufst gewefen
fein. Trotz alledem möchte ich aber durch meinen
Auffatz nur auf eine Möglichkeit hingewiefen haben und
wünfche keineswegs, diefe Möglichkeit als Thatfache angenommen
zu fehen.

3. H. J. Floltzmann, Die Katechefe der
alten Kirche (S. 59—110). Die umfangreiche und
gehaltvolle Abhandlung behandelt nicht etwa nur die