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Ausgabe:

1893 Nr. 5

Spalte:

136-138

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kahl, Chr.

Titel/Untertitel:

Das Werk der Erlösung das Werk der heiligen Liebe Gottes 1893

Rezensent:

Ritschl, Otto

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 5.

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Fehler ift es, dafs er den Herausgeber der Zeitfchr. f.
Kirchengefch. Rieger (ftatt Brieger) nennt. In der Bibliographie
fällt auf, dafs das unter Nr. 1. befchriebene
Compendium dialccticae mit Bl. 73» beginnt; es bedürfte
hier doch einer Erklärung, welchem anderen Werke
dasfelbe beigedruckt ift, da doch ein Buch nicht mitBl. 73
anheben kann.

Kiel. G. Kawerau.

Menusier, Dr. Ernest, Les cahiers de I' eglise de France.

Paris, chez 1' auteur, rue Milton, et dans toutes les
librairies catholiques de France, 1891. (97 S. gr. 4.)

Verf., der als Redacteur zweier Zeitungen, der tlglise
de France catholique romaine und des tlteudard national
bekannt ift, veröffentlicht in dem bis jetzt erfchienenen
Heft zwei kleine Abhandlungen, von denen die erfte be-
fonders den Zuftand der franzöfifchen Kirche im Revolutionsjahre
1789 fchildert, die andere den amtlichen
lateinifchen, den urfprünglichen? allerdings recht fchlechten
franzöfifchen Text, eine verbefferte franzöfifche Ueber-
fetzung desfelben vom Verf., fowie Wort- und Sacherklärungen
zu jedem einzelnen der 17 Artikel des 1802
zwifchen Papft Pius VII und dem erften Conful Bonaparte
gefchloffenen Concordats enthält.

Der erfte Theil, S. 1 —16, bietet zunächft ein unter
Benutzung amtlicher Materialien entworfenes, rein äufser-
liches Verzeichnifs des Perfonalbeftandes der einzelnen
Metropolen, Diöcefen, Parochien, kirchlichen Seminare
und Kirchengemeinden Frankreichs, alsdann fehr genaue
Angaben über die Kloftergüter und kirchlichen Einkünfte
in allen Landestheilen. Ferner finden wir hier abgedruckt
verfchiedene, die Geiftlichkeit in Frankreich betreffende
Decreteaus den Jahren 1790—93, von denen uns Proteftan-
ten die fogenannte, 1793 leider wieder aufgehobene Constitution
civile du clerge (12—24. Auguft 1790) befonders
intereffiren wird. In ihr werden die Geifthchen für
Gemeindebeamten erklärt, ihre Pflichten und ihre Ein-
kommensverhältnifse je nach der Einwohnerzahl der betreffenden
Stadt genau vorgefchrieben.

Recht beachtenswerth ift im zweiten Theile der Arbeit
die wirklich treffliche verbefferte franzöfifche Ueber-
fetzung des Concordats, denn die urfprüngliche franzöfifche
Form ift thatfächlich fo mangelhaft, dafs fie ohne
Vergleichung mit der lateinifchen nicht einmal überall
verftändlich ift. Menusier führt 32 Auslaffungen, 23 Wider-
fprüche und 25 Ungenauigkeiten der alten franzöfifchen
Form an und giebt daher im Ganzen 80, durchweg be-
achtenswerthe Verbefferungen derfelben.

Im Allgemeinen bezweckt die Arbeit, den franzöfifchen
Geifthchen der Jetztzeit eine genaue, juriftifch begründete
Zufammmenftellung aller ihrer Pflichten und Rechte zu
liefern, weshalb fie als eine rein kirchenrechtliche Studie
zu betrachten ift. Bei feinem ftreng römifch-katholifchen
Standpunkte hält Menusier felbftverftändlich das Con-
cordat, fowie alle durch die Revolution veranlafsten
kirchlichen Veränderungen, obwohl fie thatfächlich,
wenigftens fo lange fie beftanden, fehr fegensreich gewirkt
haben, für ein nationales Unglück.

Der Anhang enthält zwei das Concordat betreffende
Bullen, die fogenannten articles organiques der Convention
des 26. messidor vom Jahre IX und das Gefetz vom 18.
germinal des Jahres X, fowie die vom Cardinal Caprara
gegen die Artikel verfafste, an den Minifter der auswärtigen
Angelegenheiten Talleyrand gerichtete Reclamation vom
18. April 1803.

Dresden. Dr. K. Löfchhorn.

Kahl, Paft. Chr., Das Werk der Erlösung das Werk der
heiligen Liebe Gottes. Roftock, Stiller, 1891. (374 und
XVII S. gr. 8.) M. 6.—

Der Verfaffer, ein 74jähriger Paftor, hat fein Werk
,der theologifche Jugend unferer Kirche' gewidmet. Mit
der Bitte feine ,alte Hand' nicht zurückzuweifen, fondern
in fie einzufchlagen, bietet er den jungen Theologen
feine Auffaffung vom Chriftenthum als die Wahrheit dar,
während er in der modernen Theologie nur eine Ver-
anftaltung des Böfewichts erkennt. ,Beim rechten Licht
befehen und mit dem rechten Namen genannt, ift folche
falfch berühmte Kunft der reinen, exacten Wiffenfchaft-
lichkeit, wie fie fortan getrieben werden foll und dazu
man auch die Jugend von diefer und jener Seite anleiten
will, nichts anderes und Befferes, als leeres Stroh
drefchen, als fich auf hohle Nüffe knacken legen, nichts
Befferes, als das Thun der Kinder, die, was fie gebauet
und woran fie eine Zeitlang ihre Luft und ihr Vergnügen
gehabt haben, und womit fie auch meinen, Wunder was
Grofses aufgerichtet zu haben, doch nach kurzer Zeit,
wenn fie deffen überdrüflig geworden, felber wiederum
zerftören, um das Spiel von neuem zu treiben. Und was
insbefondere diejenige Theologie anbetrifft, die in unteren
Tagen feit einigen Decennien (!) als ein neues Licht
der Wahrheit aufgefteckt ift und fich als folches hat geltend
machen wollen und auch manchen Zulauf, Billigung

' und Anklang, ja eine Art von Schule gefunden hat, fo
ift fie in Wahrheit doch nur ein aus allerhand, diefem
und jenem zufammengerührtes Gericht, das jeden recht-
fchaffenen Glaubigen, der weifs, an wen er glaubt, wenn
er es nur anfieht und ihm nur ein Qualm davon zu-
fchlägt, mit rechtem Widerwillen erfüllen mufs, und es
darum mit Proteft von fich weifen, ob man fchon auch
von denen, die recht was Rares und Exquifites an ihm
finden und diefe Theologie als den Anhub einer neuen
Aera derfelben achten, darum mit wer weifs was für
Namen belegt, und wer weifs wozu fchon reif geachtet
und verurtheilt würde' (S. 4f.).

Mag es fich nun mit den erften Behauptungen diefer
beiden Sätze und mit der Betheiligung des Teufels an

j der gegenwärtigen Theologie verhalten, wie es wolle,
die letzten Zeilen geben einer Verfolgungsvorftellung

| des Verfaffers Ausdruck, zu der ihm doch vielleicht die
thatfächlichen Gründe fehlen. Denn wie ich es gern von
mir bekenne, fo zweifle ich auch nicht, dafs ebenfo die
anderen Theologen, denen ich nahe flehe, von der Leetüre
des vorliegenden Buches den Eindruck haben würden,
dafs der Verfaffer ein ernfter, treuer und aufrichtiger
Chrift mit warmem Herzen und tiefem Gemüth fein mufs.
Er lebt ganz in der Bibel, und er hat einen brennenden
fclifer, den in diefer gebotenen Stoff zu beherrfchen und
zu durchdringen. Möchten nur auch feine Ermahnungen
(S. 9), die Schrift und das Bekenntnifs der Kirche gründlich
zu ftudiren, von allen feinen Gefinnungsgenoffen
recht beherzigt weiden. Auch abgefehen von diefem allgemeinen
Eindruck dtr Perfönlichkeit des Verfaffers berührt
einen der Muth und die Entfchiedenheit wohlthuend,
womit er feinen Glauben an die Infpiration der Bibel,
ohne irgend welche Compromiffe zuzulaffen, geltend
macht. Kurz, er ift ein ganzer Mann, ein Feind jeder
Halbheit, ein Charakter von altem Schrot und Korn.

Aber der theologifche Standpunkt des Verfaffers ift
allerdings in unferer Zeit ein Anachronismus. Er hat
keine Ahnung von den Fragen und Aufgaben der Gegenwart
. Es fehlt ihm jede P'ühlung mit den geiftigen Be-
dürfnifsen und Strebungen unferer Zeit. Seine Ausführungen
find ein Monolog. Sie werden keinen für feine Auffaffung
gewinnen, der fie nicht fchon in Voraus mit ihm
theilte. Ein ferneres Hindernifs für den Erfolg der vorliegenden
Schrift wird der Stil fein. Die Gedankenentwicklung
ift fehr breit, die Sätze find meiftens Ungeheuer,
und viele von ihnen gar nicht zu überfehen. So beginnt