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Ausgabe:

1893 Nr. 5

Spalte:

134-135

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Michalski, F.

Titel/Untertitel:

De Sylvestri Prieriatis Ord. Praed. magistri sacri palatii (1456 - 1523) vita et scriptis. Particula 1. Dissertatio theologica 1893

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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133 Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 5. 134

mache deine Feinde zum Schemel für deine
Füfse'. Im Midrafch zu Pf. 104, 35: ,Es follen die
Sünder verfchwinden von der Erde', überfetzt Wünfche:
,R.Jehuda fagt: Sie mögen tadellos (vollkommen) werden'.
Der Lefer erfährt nicht, wie Jehuda zu feiner Deutung
kommt. Er wäre durch Einfchaltung von Tafii in die
Schriftftelle und von D^ttn in die Deutung hinreichend
inftruirt worden.

Auch abgefehen von der gerügten unvollkommenen
Wiedergabe mancher haggadifchen Anfpielungen finden
fich. wie an den oben mitgetheilten Beifpielen zu fehen,
in Wünfche's Ueberfetzung nicht wenig Ungenauigkeiten
in kleinen Einzelheiten. Damit foll aber nicht geleugnet
werden, dafs die Aufgabe, welche der Ueberfetzer fich
ftellte, den Midrafch zu den Pfalmen einem gröfseren
Leferkreis zugänglich zu machen, im Grofsen und Ganzen
glücklich gelöft wurde. Der wiffenfchaftlichen Forfchung
bleibt freilich noch Vieles zu thun übrig.

Leipzig. Guflaf Dal man.

Strack, Prof. Dr.Herm.L., Der Blutaberglaube in der Menschheit
, Blutmorde und Blutritus. Zugleich eine Antwort
auf die Herausforderung des ,Osservatore Cattolico'.
4. neu bearb. Aufl. [Schriften d. Institutum judaicum
in Berlin Nr. 14.] München, C. H. Beck, 1892. (XII,
155 S. gr. 8.) M. 2. —

Die qrfte Auflage diefes Buches wurde im Jahrgang
1892 diefes Blattes^Sp. 258 angezeigt. Die Aufregung
weiter Kreife aus Anlafs der Ermordung eines Knaben
in Xanten am 29. Juni 1891 und die daran geknüpfte Behauptung
eines rituellen Blutgebrauchs der Juden hat
den Verfaffer bewogen, das von ihm in der erften Auflage
mitgetheilte Material zur Beurtheilung der ,Blutfrage
' noch bedeutend zu erweitern. Neu hinzugekommen
find die Abfchnitte über den Blutaberglauben als
Veranlaffung von Verbrechen, den Aberglauben bei
Wahnfinnigen, das Menfchenopfer (mit einem Beitrag
von Carl Schmidt, betreffend die grauenvollen Riten
gnoftifcher Secten), weiter ein befonderer gegen den
Hauptvertreter der Behauptung vom rituellen Blutgebrauch
, Profeffor Rohling in Prag, gerichteter Abfchnitt,
eine Unterfuchung des Zeugnifses der Gefchichte für
jüdifche Ritualmorde und Blutmorde und eine Zufammen-
ftellung von alten und neuen Zeugnifsen gegen die Blut-
befchuldigung, wobei von befonderer Wichtigkeit die
bisher zum Theil noch wenig bekannten Bullen von
Papft Innocenz IV (S. 122 ff. 147 f.) und die nach einer
Handfchrift des Statthalterei-Archivs zu Innsbruck mitgetheilte
Bulle von Gregor X (S. 148 f.). Aus den ent-
legenften Quellen ift mit der dem Verfaffer eigenen
Sorgfalt zufammengetragen, was irgendwie zur Aufhellung
der Blutfrage dienen konnte. Mafsgebend war ihm —
laut Vorwort — dabei der Wunfeh, nicht nur eine gegen
die Juden gerichtete Anklage zu entkräften, fondern zugleich
die Aufmerkfamkeit der Geiftlichen und Richter
auf das oft von ihnen zu fehr überfehene Gebiet des
Volksaberglaubens zu lenken. Es wird nicht oft eine
gleiche Summe mühfamer Arbeit von Männern der Wiffen-
fchaft im Intereffe der Volksaufklärung auf einen fo
undankbaren und oft widerlichen Stoff wie den des Blutaberglaubens
verwandt. Um fo lebhaftere Anerkennung
ziemt dem felbftlofen Arbeiter.

Als Beitrag zur Vervollftändigung des Materials fei
hier zu S. 79 hingewiefen auf bab. Talm. Keritt. 22a vgl.
Chull. 36*, wo mit Hinweis auf Num. 23, 24 gefagt
wird, dafs ftrömendes Blut als /Trinkbares' im Sinne
des Gefetzes von Levit. 11, 38 vgl. V. 34 mit der
Wirkung Getreide einer Verunreinigung fähig zu machen
zu betrachten ift. Die Discuffion hat dabei das Intereffe,
feftzuftellen, was das Blut fei, deffen Genufs die Strafe
der Ausrottung nach fich zieht. Kein praktifcher Fall

ift ins Auge gefafst, nur eine Schulfrage wird in der
dem Talmud eigenen Weife befprochen.

Leipzig. Guftaf Dalman.

Michalski, F., De Sylvestri Prieriatis Ord. Praed. magistri
sacri palatii (1456—1523) vita et scriptis. Particula I.
Dissertatio theologica. Münfter i'W., Coppenrath'fche
Buchdr., 1892. (34 S. gr. 8.)

Der Verfaffer, der in vorliegender Doctordiffertation
nur ein Bruchftück einer von ihm geplanten gröfseren,
in deutfeher Sprache abzufaffenden Arbeit über Sylvefter
Prierias einftweilen der Oeffentlichkeit übergeben haty
ftellt die fpärlichen Notizen, die fich für das Leben des
Dominikaners aus der Literatur feines Ordens und aus
etlichen Notizen, die aus feinen eigenen Schriften zu gewinnen
find, hier zufammen und giebt ein Verzeichnifs feiner
Schriften. Aus einigen Angaben, die Prierias felber über
fein Alter macht, ermittelt der Verf., dafs fein Geburtsjahr
, welches herkömmlich auf 1460 gefetzt wird, vielmehr
fchon das Jahr 1456 ift. Er ftellt ferner feft, dafs Prierias
fich felber meiftens Sylvefter de Prierio oder Prierias
nennt, nur feiten die neuerdings von Knaake angenommene
Schreibung Prieras anwendet, fo dafs die
Reformationsgefchichte wohl bei der üblichen Namensform
auch ferner bleiben wird. Ueber feine Lebensgefchiclite
laffen fich nur fehr dürftige Angaben machen, nicht nur
weil des Mönches Leben naturgemäfs in enge Grenzen
eingefchloffen ift, fondern vor allem weil gleichzeitige bio-
graphifche Quellen nicht zur Verfügung flehen. Wir fehen
ihn in jungen Jahren bereits in Genua einem Domini-
kanerklofter übergeben werden, nach der Priefterweihe
der Ausübung des Predigtamtes fich widmen, daneben
die Theologie feines grofsen Ordenslehrers Thomas
ftudiren und dann felber lehren, die klöfterliche Laufbahn
bis zum Priorat und bis zu der Würde eines General-
vicars der lombardifchen Provinz durchlaufen; in Rom
verwendet man ihn erft als Profeffor der thomiftifchen
Theologie, bis er 1515 zur Würde eines Magister Sacri
Palatii aufrückt. Als folcher hat er Cenfur an allen in
Rom gedruckten Büchern zu üben und zugleich das Amt
eines Inquifitors wahrzunehmen. In diefer Eigenfchaft
wurde er auch mit unter die Theologen berufen, welche
in dem Handel Reuchlin's mit den Kölner Theologen
mit der Unterfuchung vom Papfte betraut wurden, und
von hier flammt bereits der üble Ruf, der auf feinem
Namen in dem weiten Kreife der Freunde Reuchlin's
haftete. Noch bekannter aber als durch die Reuchlin'fche
Sache wurde er 1518 durch fein Vorgehen gegen Luther.
Es find ftolze Worte, mit denen der damals auf hohen
literarifchen Ruhm felbftbewufst fich Berufende dem
Auguflincrmönch entgegentrat. ,Meine Schriften', fo
konnte er fchreiben, ,find in Deutfchland in gröfseren
Ehren und Würden, als deine es find und etwa fein
können', und nun zählt er die Titel feiner verbreitetften
Lehrbücher auf und erinnert Luther daran, dafs auch
an der Leipziger Univerfität über das eine feiner Lehrbücher
Vorlefungen gehalten würden. In der That
haben einige feiner Schriften weitere Verbreitung gehabt,
allen voran feine Poflille, welche den Namen Aurea Rosa
führt und nicht weniger als 20 Auflagen erlebt hat. Für
die Behandlung des Streites mit Luther und ein näheres
Eingehen auf die Theologie des Prierias muffen wir bis
auf das Erfcheinen der vollftändigen deutfehen Arbeit
warten. Unbekannt fcheint dem Verf. geblieben zu fein,
dafs auch in den Unfch. Nachr. von 1717 eine Befprech-
ung der Aurea Rosa nebft einigen weiteren Angaben
fich findet. Unklar ift mir, woher der Verf. weifs, dafs
Luther's Thefen bereits im November 1517 in Rom bekannt
waren; die officielle Zufcndung an die Curie durch
Albrecht von Mainz erfolgte jedenfalls erft fpäter; vgl.
Enders, Luther's Briefwechfel I, 118. Ein wunderlicher

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