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Ausgabe:

1893

Spalte:

129-131

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Koetsveld, C. E. van

Titel/Untertitel:

Die Gleichnisse des Evangeliums, als Hausbuch für die christliche Familie erarbeitet 1893

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Hamack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 5. 4- März 1893. 18. Jahrgang.

Koetsveld, Die Gleichnifse des Evangeliums j Menusier, Les cahiers de l'eglise de France j nifses in einem Jahrgang von Predigten (Ka-

(Jülicher).' (Löfchhorn). werau).

Wünfche, Midrafch Tehillim (Dalman). ! Kahl, Das Werk der Erlöfung das Werk der J Heid rieh, Handbuch für den Religionsunterricht

heiligen Liebe Gottes (Ritfehl). in den oberen Klaffen, 3 Thle. (Bornemann).

Hoensbroech, Chriftund Widerchrift (Ritfehl). I Kraufse, Studie zur altchrifllichen Vokalmufik
Borgist, Der chriflliche Glaube nach den drei
Artikeln des Apoftolifchen Glaubensbekennt-

Strack, Der Hlutaberglaube in der Menfchheit
(Dalman).

Michalsk'i, De Silvestri Prieriatis vita et
scriptis (Kawerau).

in der griechifchen und lateinifchen Kirche
(Köftlin).

Koetsveld, C. E. van, Die Gleichnisse des Evangeliums, als

Hausbuch für die chriflliche Familie bearbeitet. Mit
Genehmigung des Verf.'s aus dem Ilolländifchen über-

meiner Empfehlung. Es ift die fpätere, flark zufammen-
gezogene und neu disponirte mit Hinweglaffung aller gelehrten
Ausführungen und Beifügung praktifcher und
erbaulicher Betrachtungen und Rathlchläge vorgenom-

fetzt von Pfr. Otto Kohlfchmidt. Mit einem Vor- j mene Umarbeitung der grofsen zweibändigen Mono

worte von Prof. Dr. F. Nippold. Jena, Mauke, 1892.
(XVIII, 346 S. gr. 8.) M. 4. 80.

Es war ein glücklicher Gedanke, dem Grofsherzoge
von Sachfen-Weimar und feiner Gemahlin, bekanntlich
einer niederländifchen Prinzeffin, zur goldenen Hochzeit
gerade ein Werk als Feftgabe zu überreichen, das, als
eins der edelften Erzeugnifse der neueren holländifchen
Literatur allgemein gewürdigt, nunmehr in deutfeher
Ueberfetzung fo recht geeignet ift, allen denen ein lieber
Freund zu werden, die mit religiöfem Empfinden Ver-
ltändnifs für eine künftlerifche Individualität verbinden.

Der Arbeit des Ueberfetzers Otto Kohlfchmidt —
nicht zu verwechfein mit dem Mitarbeiter am ,Theolog.
Jahresbericht' Lic. Ose. Kohlfchmidt, der ebenfalls Pfarrer
im Weimarifchen ift — wird man feine Anerkennung
nicht verfagen. Etwas weniger Vorliebe für das Rela-
tivum .welcher' wäre wohl wünfehenswerth; vereinzelte
Fehlgriffe wie S. 306 ,bei ihrer ängftlichen Genauigkeit
gegen die äufsern Formen' kommen vor; öfters würde
ich ,aan»itnlijk lieber durch ,angefehen' als durch ,an-
fehnlich' im Deutfchen wiedergeben. Aber im Ganzen
lieft fich die Ueberfetzung ohne Anftofs; man kann ver-
geffen, dafs man eine folche vor fich hat, und die fo
eigenartige Tonfarbe der v. Koetsveld'fchcn Darftellung
hat durch die Umgeftaltung fo gut wie gar nicht gelitten
. Nur zwei Wünfche hätte ich für eine neue Auflage
: dafs nicht blofs hin und wieder, fondern regelmäfsig
(wenn nöthig, mit Hülfe des gröfseren Werkes von
v. Koetsv.) die angeführten Bibclftellen identificirt würden,
z. B. S. 193 wird bei dem Satze: ,Und haben die Jünger
den Herrn buchftäblich gezwungen in ihrem Haufe ein
Nachtmahl zu geniefsen?' mancher Lefer über die gemeinte
Situation im Zweifel fein; ein ,Luc. 24, 29' in
Klammern würde jeden Anftand befeitigen. Und zweitens
follten Citate aus deutfchen Schriften, die van Koetsv. in
feiner Sprache einführt, nicht mühfam aus dem Niederländifchen
in's Hochdeutfche zurücküberfetzt, fondern
nach dem Urtexte gegeben werden. In einzelnen Fällen
bei feltenen Büchern mag das Schwierigkeiten haben;
aber Luthers Hauspoftille IV, 223 wäre z. B. S. 190 f.
doch aufzufinden gewefen, und es macht einen faft ko-
mifchen Eindruck, etwa wo der wirkliche Luther fagt:
,Das find harte, fcharfe und fchreckliche Worte, wer fie
recht bewegen will, denn er redet auch mit eitel Grund-
fchälken' ihn nun fagen zu hören ,Es find harte Worte,
aber auch rechte Spitzbuben, mit denen der Herr fpricht'.

Das Werk van Koetsveld's felber bedarf nicht erft

graphie von 1869: De gehjkenissen van den Zaligmaker.
Ein ,Hausbuch für die chriflliche Familie' ift es geworden,
nicht als wäre der Wiffenfchaft etwas vergeben; meifter-
haft vielmehr verlieht es der Verfaffer, den Lefer für die
Relültate feiner gelehrten Forfchung, auch für Details der
Archäologie, zu intereffiren, und kritifche Aeufserungen
wie die S. 249 ,obwohl ich mir kaum vorftellen kann,
dafs diefes Gleichnifs Luc. 19, 12 ff. ganz unverfehrt auf
uns gekommen ift' oder S. 190: ,Es ift nicht recht gehandelt
, wenn man folche Worte Jefu — Luc. 14, 14 —
nach der Dogmatik des Paulus verdrehen will, und fo
den Herrn felbft zu einem Ketzer macht' find keineswegs
feiten. Aber nirgends tritt die wiffenfehaftliche
Genauigkeit der erbaulichen und freundlich anregenden
Tendenz hinderlich entgegen, fo wenig wie die bewunderungswürdige
Vertrautheit Koetsveld's mit allen Theilen
der Bibel ihn je verleitet, Parallelftellen blofs der Voll-
ftändigkeit halber anzuführen. Jeder Satz, den er mittheilt
, ob aus Profan- oder heiligen Schriften, ob aus
Talmud oder neueren Exegeten und Reifebefchreibei n,
dient zur Förderung des Verlländnifses für den vorliegenden
Text und zur Anknüpfung feiner, eindrucksvoller
Betrachtungen. Viel reichlicher als in dem grofsen Werk
find Erinnerungen aus des Verf.'s eigenem Leben einge-
ftreut; das Buch beginnt gleich mit einer rührenden
Schilderung aus feiner Kinderzeit: ,üie Natur ift mir von
früher Jugend an lieb gewefen, noch lieber als die Men-
fchenwelt, die ich auch nur wenig kennen lernte, obfehon
ich mitten in dem grofsen und dicht bewohnten Rotterdam
lebte. Eine halbe Stunde weit vor der Stadt hatte ich
ein ganz, ganz kleines Gärtchen' u. f. w. Gerne wendet
fich der Schriftfteller direct, als hätte er fie vor Augen,
mit einer Apoftrophe an die Lefer; fo kann auch der
Lefer nicht anders, als diefem liebenswürdigen Interpreten,
diefem in feiner Schlichtheit fo feffelnden Erzähler, diefem
geift- und tactvollen Pfychologen und Seelforger gleichkam
ins Auge blicken und fich liebevoll hingeben. Durch
und durch perfönlich ift das Buch gehalten, vgl. z. B.
S. 336, wo er zu dem Schlufsabfchnitt — gleichnifsartige
Bilder, Mtth. II, 16 f. 12, 43 ff. —- übergeht. ,So habe ich
denn auch diefes Werk noch in meinem achtzigften
Lebensjahr zu Ende bringen dürfen, und ich danke
meinem Gott dafür. Wird es das letzte fein? Das weifs
nur Gott, mir fehlt es noch nicht an der Luft; und der
Gedanke, dafs ich, mit dem Evangelium in der Hand,
das Haus und das Kämmerlein von fo Vielen befuchen
darf, deren Antlitz ich hier auf Erden nicht fehen werde,
ift für mich verlockend und wohlthuend genug'.

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