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Ausgabe:

1893 Nr. 3

Spalte:

83-85

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Buchwald, 1893

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 3.

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kürzeren Fällung von 1480 aus einer Handfchrift der
Univ.-Bibliothek in Upfala, zugleich mit der Rede, die
Wimph. als Dekan der Artiftenfacultät bei der Promotion
von 16 Baccalaureen und Licentiaten gehalten. Es erhellt
daraus, dafs diele Comödie bei diefem Anlafs zuerft
vorgetragen worden ift in der Abficht, den jungen
Akademikern die Folgen der Unwiffenheit und Trägheit
warnend vor Augen zu führen. Sachlich wie technifch
ift diele .Comödie' unbedeutend, aber doch läfst lieh für
die kirchliche Culturgefchichte des ausgehenden Mittelalters
einiges aus ihr lernen. Wie aber Holftein dazu
kommt, die ,via moderna1, der die Baccalaurei angehörten,
von dem feit 1452 in Heidelberg angeblich aufgekommenen
Realismus zu erklären und diefem den Nominalismus
als die via antiquorum entgegenzuftellen, ift mir
unerfindlich; fchwerlich wird in Heidelberg die Gefchichte
der Scholaftik in umgekehrter Entwicklung verlaufen fein.

Kiel. G. Kawerau.

Luther's Werke für das christliche Haus. Hrsg. von Diac.
Lic. Dr. Buchwald, Prof. D. Kawerau, Confift.-R.
Prof. D. Köftlin etc. 8. (Schlufs-)Bd. [4. Folge:
Lieder, Tifchreden, Briefe. 2. Bd.J Braunfchweig,
Schwetfchke & Sohn, 1892. (VIII, 472 S. 8.) Ausg.
A: M. 1. 80; Ausg. B. gr. 8.: M. 3. —

Mit dem achten Band ift die Braunfchweiger Lutherausgabe
zu ihrem Abfchlufs gekommen. Auch der Schlufs-
band theilt die Vorzüge der bisherigen Bände. Die Auswahl
der Schriften ift glücklich, die Bearbeitung des
Textes und die Erläuterung desfelben für die Bedürf-
nifse des chriftlichen Haufes gefchickt und anfprechend.
Die Correctur hätte etwas forgfältiger fein dürfen. S. 321
Z. 2 v. u. gehört gar nicht in jenen Zufammenhang,
fondern mufs die letzte fehlende Zeile auf S. 323 bilden.
Auch fonft finden fich mehr Druckfehler als in den früheren
Bänden (S. 10 Z. 10 päftlich. S. 49 te thalamo.
S. 77 caelestus. S. 142 not. 2, 3 ftatt 1 u. 2. S. 159 Z.
3 v. u. dei. S. 195 Anm. 4 u. 5 verfetzt. S. 270 Z. I.
Phrophetis. S. 377 Z. 2 u. Deine ftatt Dein. S. 450 Z. 2
u. 1. vom linken Horn Mofis ftatt Herrn Mofis).

Die Lieder Luther's hat Ew. Schneider bearbeitet
und eine eingehende Einleitung in blühender Sprache
dazu gefchrieben, die nur hie und da auf das Verftänd-
nifs des chriftlichen Haufes zu wenig Rückficht nimmt.
Der Jurift, der Kaufmann, die Frau Paftorin, der Volks-
fchullehrer, in deren Händen wir diefe Lutherausgabe
fehen möchten, werden den Sinn des Satzes S. 4 nicht
unmittelbar faffen: Der greifenhaft gelehrten Wefenlofig-
keit wie dem fchwellenden Leben und Bildern (!) des
Kindes eignet feine Sprache, und aQQTjza Q^uaxa find
nach Jahrhunderten aus ihr erklungen, oder auch die
Kennzeichnung des evangelifchen Kirchenliedes durch
die Worte S. 18: ,Es ftellt fich bewufst auf den Cantus
firmus theologifcher Gedankenreihen, aber es führt ihn
nicht wie jede andere Kunftdichtung ihren Cantus firmus
in fcharf berechneten oder himmelanwogenden Fugen
und Modulationen weiter, fondern löft feine Starrheit auf
durch die Unterdominante des Herzensgefpräches mit
Gott'. Den Ton der Darftellung für das chriftliche Haus
zu treffen ift nicht leicht, ebenfowenig ift es eine einfache
Gabe, das Kirchenlied und Luther's Eigenart als
Dichter richtig zu fchildern, aber Schneider hat fonft
genugfam dargethan, dafs er der Aufgabe gewachfen ift,
fo dafs derartige dunkle Stellen wohl aus dem Drang
der Arbeit zu erklären find, welcher den Blick von dem
vorausgefetzten Leferkreis ablenkte. Mit Recht hat
Schneider die lehrreichen Vorreden Luther's zu feinen
Gefangbüchlein abdrucken laffen. Seine Erläuterungen
derLutherdichtungen find fleifsig gearbeitet. S. 69 Anm. 1
zu ,ein Wörtlein kann ihn fällen' wäre noch die Ver-
fuchungsgefchichte Jefu anzuführen, der Luther's Wort

genau entfpricht. Der Ausdruck S. 76 Z. 3 ,zur rechten
und zur linken Hand' wird wohl aus 2 Cor. 6,7 flammen.

Ein recht glücklicher Gedanke ift, dafs Kawerau die
Stücke aus den Tifchreden an der Hand von Luther's
Lebensgang mittheilt, fo dafs fie doch zufammen ein
Ganzes in fchöner Ordnung bilden, und der Lefer Luther
gleichfam fein Leben felbft erzählen hört. Der Eindruck
, den die Tifchreden vielfach machen, dafs fie doch
nur eine mittelbare Quelle bilden können, weil fie mannigfach
umgeprägt find, auch da und dort auf einem lapsus
memoriae oder einem Mifsverftändnifs beruhen, tritt hier
mehr zurück. Die Vorrede Kawerau's zu den Tifchreden
ift namentlich den Herren Evers, Röhm, Gottlieb etc.
zu empfehlen, welche die Tifchreden in erfter Linie zur
Schmähung Luther's mifsbrauchen. Es wäre ein überaus
nützliches Unternehmen, Tifchreden gut katholifcher Zeit-
genoffen Luther's, etwa aus der Chronik der Grafen
von Zimmern, zufammen zu ftellen. Man kann nur bedauern
, dafs wir keine Tifchreden von Eck haben, aber
hier waren keine dankbaren Schüler, welche auch die
Tifchreden des Meifters als goldene Aepfel in filbernen
Schalen anerkannt und aufgezeichnet hätten. Noch beffer
wäre, wenn uns ein Zeitgenoffe einmal Tifchreden jener
Herren felbft mittheilte, welche fo ftolz und verächtlich
auf Luther's Tifchreden herabfehen. Man würde dann
fehen, wo mehr Geift und Gehalt ift, und die Läfter-
zungen fchwiegen. Dafs die Tifchreden nicht immer leicht
zu verftehen find, ift begreiflich, fobald man die Art
ihrer Abfaffung und Ueberlieferung bedenkt. Es wird
hier immer unlösbare Knoten geben, wie z. B. das Datum
S. 223: Am Tage Viti, der da war Montag, den 8. nach
Trinit., wo weder der Wochentag noch der 8te ftimmt.
Gern möchte man noch etwas hören über den Grafen
von Naffau S. 263, über die zu Paris Verbrannten S. 272,
über den epikureifchen Herrn von Seckendorf S. 279.
S. 259 ift die Virgilftelle Aeneis 4, 326 k Auch ein Nachweis
des griechifchen Fluches wäre erwünfeht gewefen.
Jener Hutten, der von den ,Goldinfeln' an Graf Albreclit
von Mansfeld fchrieb, ift Philipp von Hutten, der in
Mittelamerika reifte und eine Reifebefchreibung hinter-
laffen hat, S. 276.

Den letzten Theil das Bandes bildet eine Auswahl
von Luther's Briefen in deutfehem Text. Es ift zu bedauern
, dafs Rade und Albrecht, der die Briefe von 1525
an bearbeitet hat, ftatt der urfprünglich beabfichtigten
dreihundert nur achtzig Briefe geben konnten; doch
dienen auch die gut ausgewählten Briefe zur Charakte-
riftik von Luther's Geiftesart, wie fie im Verkehr mit
vertrauten Freunden, wie mit feinen Landesfürften oder
einem Gegner, wie Er/.bifchof Albrecht von Mainz oder
gar gegenüber dem Papft Leo X., fich kund gab. Dem
Referenten ift nicht recht verftändlich geworden, warum
die Herausgeber die chronologifche Reihenfolge nicht
ftreng feft gehalten haben. Denn der Brief an Barthol.
v. Stahremberg, den übrigens Enders in ein anderes Jahr
zu fetzen fcheint, da er ihn nicht unter den Briefen des
Jahres 1523 mittheilt, fleht nicht an der richtigen Stelle.
Ebenfo gehört der Brief an Lucas Cranach S. 357 vor
den Brief an die Fürften und der an die Wittenberger
S. 364 vor den Brief an Haugold von Einfiedel. Auch
haben die Herausgeber die werthvollen kritifchen Bemerkungen
Kawerau's zum erften Band von Enders' Ausgabe
des Briefwechfels Luther's nicht benutzt, fonft wäre
ihnen z. B. nicht entgangen, dafs der Mesner Konrad
in Eifenach nicht Konrad Luther heifsen kann, da er
Luther's affinis heifst. Auch wäre zu wünfehen gewefen,
dafs S. 312 die Ueberfchrift Jefus und Maria nicht weggeblieben
wäre. Es ift ja überaus bezeichnend, dafs
fchon der Brief an Spalatin S. 313 nur noch die Ueberfchrift
trägt: Jefus Chriftus, die ebenfalls fehlt. Solche
kleine Züge find überaus lehrreich für Luther's Stellung
fchon vor dem 31. October 1517. S. 347 follte bei
dem Brief an Staupitz durch Punkte wie fonft ange-