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Ausgabe:

1893 Nr. 3

Spalte:

72-76

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lods, Adolphe

Titel/Untertitel:

Le Livre d‘Hénoch, Fragments grecs, découverts à Akhmîm (Haute-Égypte), publiés avec les variantes du texte éthiopien, traduits et annotés 1893

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 3.

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Europas der Prophetismus annoch eine Kraft der Zukunft
fei.

Den Ausgangspunkt diefes Gedankenganges, wie er
zufammenhängend in der Vorrede entwickelt ift, bildet
die Sehnfucht des heutigen Gefchlechtes nach einer
frohen Botfchaft. Die Religion ift oder foll fein der
höchfte Ausdruck der Wiffenfchaft und des Gewiffens.
Die Religion erftarrt aber bald im Dogma, und der Zwie-
fpalt entlteht zwifchen Glauben und Wiffen. Das gefchah
im Katholicismus, der im Kampfe mit der Wiffenfchaft
unterlag, und auch auf dem Gebiet des Gutthuns fich
unfähig zeigte, die Leitung der Menfchheit zu behalten,
indem er, ftatt die Gerechtigkeit zu unterftützen, fich für
berufen erachtete, die Gewalt zu rechtfertigen. Die Wiffenfchaft
wollte nun die Führerrolle übernehmen, mit Aus-
fchlufs der Religion; aber vor dem Sieg fchon war die
Enttäufchung da, und die Sittlichkeit um lie herum verfiel
. So kann es aber nicht fortdauern. Der Myfticismus
vermag nicht zu helfen; denn er ift eine unfruchtbare
Reaction, der Tod der Seele. Das moderne Gewiffen
wird das alte Joch nicht wieder auf fich laden; denn es
kann das Wiffen nicht verleugnen. Die Rettung ift nur
möglich durch eine ,affirination de conscience' — alfo
durch einen Glaubensact, und zwar im Sinn des Ver-
faffers, fo viel ich zu fehen vermag, durch den Glauben
an das littliche Lebensideal und an den Sieg des Guten
auf der Erde — welche die Wiffenfchaft nicht dictiren
könne, und welche fich dem Wiffen aufdringen müffe.
Die rettenden Wahrheiten aber find nicht erft zu entdecken
; ellcs courcnt les rues; fie brauchen nur durch
eine autorifirte Stimme verkündigt zu werden, um zu
lebendiger Wirklichkeit zu werden. Diefe Stimme ift keine
andere als die der Propheten Israels.

Der Prophetismus aber wird keine neue Religion
gründen, noch die Welt zum Judenthum bekehren. Seine
Miffion ift die Belebung der Religion der Wiffenfchaft
und der Religion Chrifti, welche fich um den Belitz
Frankreichs ftreiten (der Verfaffer hat vorwiegend fran-
zöfifche Verhältnifse im Auge), und morgen fich darin
in Frieden theilen werden, und zwar fo, dafs zwifchen
beiden eine Geiftesgemeinfchaft gegründet wird, um zu-
fammenzuwirken im Kampfe gegen Elend, Lafter und
Traurigkeit.

Der Prophetismus kann diefen Dienft der Wiffenfchaft
leiften, indem er von ihr keinen Verzicht auf
irgend eine wiffenfchaftliche Erkenntnifs verlangt, fondern
nur Recht und Gerechtigkeit predigt, fammt dem
Glauben an die beffere Zukunft der Menfchheit auf Erden
. Er kann ihn der Kirche, dem Chriftenthum leiften,
wenn diefes, in feinem Geifte erneuert, das Wort der
Propheten auf der Kanzel in den Mund Chrifti legt.

Diefe Gedanken durchziehen das ganze Buch. Es
ift viel Wahres und Beherzigungswerthes darin: in dem
was gefagt wird von der Sehnfucht unlerer Zeit nach
Erlöfung, vor der hemmenden Macht der katholifchen
Kirche (auch der gegen die Reformation gerichtete Vorwurf
der Inconfequenz ift nicht unverdient), von dem
Bankrott der Wiffenfchaft und dem Verfall der Sittlichkeit
im Gefolge, von der Unmöglichkeit, unter das alte
Joch zurückzukriechen, vom Unvermögen des Myfticismus
, von der Rettung durch einen Glaubensact, und
der Verföhnung von Glauben und Wiffen — nun wirklich
durch den Prophetismus?

Diefe Behauptung hängt zufammen mit einer voll-
ftändigen Verkennung des Chriftenthums, als einer reinen
Metaphyfik, einer Religion des Jenfeits, welche die Aufgaben
des Diesfeits verfäume, eines Zweiges der arifch-
femitifchen Mythologie, deffen wefentliche Dogmen feien
die Fleifchwerdung, die Auferftehung, das Myfterium
der Meffe. ,Die Stimme, welche vor 18 Jahrhunderten
kam, fchweigt heute, weil ein Theil ihrer Worte abrogirt
ift, Worte, gefprochen um einer Welt zum Sterben zu
helfen, nicht um ihr zum Leben zu helfen, und fchwach

über einer nach Gerechtigkeit, Leben und Licht hungernden
Welt. Es ift die landläufige Identificirung von Chriftenthum
und katholifcher Kirche. Es ift dies um fo merkwürdiger
, als der Verfaffer nicht allein den israelitifchen
Prophetismus aller nationalen Befchränktheit, aller zeit-
gemäfsen Unvollkommenheiten zu entledigen weifs, die

' ihm weder den Gottesbegriff, noch das Ideal der Sittlichkeit
, noch den meffianifchen Gedanken frei und rein
zu entfalten erlaubten, fondern auch im Judenthum felbft
fehr wohl Wefentliches und Nebenfächliches zu unter-
fcheiden vermag, indem er uns belehrt, dafs Wunder
und Gefetzeswerke eigentlich gar nicht dazu gehören, und
einft wegfallen werden, fo dafs fchliefslich nur die zwei
grofsen Dogmen übrig bleiben, welche, feit den Propheten
, den ganzen Judaismus ausmachen: Einheit Gottes,
und Meffianismus, d. h. Einheit des Gefetzes in der Welt,
und Sieg der Gerechtigkeit in der Menfchheit. Es ift ein ganz
grofsartiger religionsgefchichtlicher Fehlgriff, Prophetismus
und Chriftenthum alfo in Gegenfatz zu einander zu
bringen. Dafs der Perfon Jefu die gebührende Stelle nicht

| eingeräumt wird, verfteht fich dabei von felbft. Aber dem
Prophetismus ift mit dem Ausfchlufs deffen, der gerade die
Religion der Propheten ,erfüllt' hat, ein fehr zweifelhafter
Dienfterwiefen—andererfeitsder erwachten Sehnfucht nach
einer guten Botfchaft ein fehr ungenügender durch die
Aufftellung nur eines fittlichen Lebensideals. Das reli-
giöfe Bedürfnifs geht leer aus; es kann nicht befriedigt
werden durch die Verkündigung eines Gottes, der eigentlich
nichts ift als die Vergottung der menfchlichen Seele,
das in den Himmel projicirte menfchliche Gewiffen, oder
das einige Weltgefetz. Wird auch die Wiffenfchaft, die
es zu verföhnen gilt durch den Prophetismus, mit einer

I derartigen Interpretation des prophetifchen Gottesglaubens
fich zufrieden geben? Welche Autorität können
Israels Propheten noch ausüben, wenn fie zuerft durch
allerhand Kunftgriffe mundgerecht gemacht werden müf-
fen, damit ihr Gottesglaube die ,Wiffenfchaft' nicht fcheu
mache? Dabei die unfelige, in der Definition der Reli-

i gion gleich gefetzte und beftändige Verquickung von

j Wiffenfchaft und Religion, wie fie gerade in der Entwicklung
der chriftlichen Kirche fo unheilvoll gewirkt
hat. Hier gälte es Klarheit zu fchaffen. Für meinen Theil
bekomme ich von den diesbezüglichen Erörterungen
Darmefteter's den Eindruck des mühevollen Ringens und
Umhertaftens eines unficheren und, ohne es zu erreichen,
nach feinem Objecte fuchenden und fich fehnenden reli-
giöfen Gefühls, das fich doch nicht felbft aufgeben will,
am fittlichen Selbftbewufstfein fich feftklammert und
durch ein gewiffes poetilches Schwärmen für das Ideale
den Fall in den blofsen Moralismus zu verhüten ver-
fucht. Wir haben hier einen intereffanten und beach-
tenswerthen Beitrag zu der religiös-fittlichen Bewegung
unferer Zeit. Aber diefe Stimme eines Prophetismus,
ohne den, der die Propheten erfüllt hat, diefe Predigt
vom Göttlichen ohne den lebendigen Gott, mufs wirkungslos
verhallen als die Stimme eines Predigers in der
Wüfte, vox clamantis in deserto.

Strafsburg i. E. L. Horft.

Lods, Adolphe, Le Livre d'Henoch, Fragments grecs, de-
couverts ä Akhmim (Haute-Egypte), publies avec les
variantes du texte ethiopien, traduits et annotes. Paris,
Leroux, 1892. (LXVI, 199 S. gr. 8.) Fr. 15. —

Dillmann, A., Ueber den neugefundenen griechischen Text
des Henoch- Buches (Sitzungsberichte der Berliner Akademie
1892, S. 1039—1054, 1079—1092).

Nicht nur die pfeudopetrinifchen Schriften, welche
durch den in Aegypten gefundenen Codex uns bekannt
geworden find, haben das lebhafte Intereffe der Gelehrten
auf fich gezogen. Auch das grofse griechifebe Fragment
des Buches Henoch, welches wir demfelben Codex ver-