Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1893

Spalte:

70-72

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Darmesteter, James

Titel/Untertitel:

Les prophètes d‘Israel 1893

Rezensent:

Horst, L.

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

69

Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 3.

Einrichtung des Buches ift diefelbe wie in dem früheren
über Jefaia. Der erfte Theil (S. 11 —122) giebt ,the text qf
Scripturt' in 15 Capiteln, nämlich die prophetifchen
Stücke ohne Capitel- und Verszahlen nach dem Sinn ein-
getheilt und mit paffenden Ueberfchriften verfehen, eingeleitet
durch die in die Zeit der einzelnen Propheten
einfchlagenden Nachrichten aus den Büchern der Könige
und der Chronik. Es befremdet, in die Reihe diefer
Propheten auch Oded aus 2 Chron. 28, 8 ff aufgenommen
zu fehen. Im zweiten Theil (S. 123—219) findet man in
einer gleichen Anzahl von Capiteln die Verarbeitung des
Stoffes: die gefchichtliche Zeit des Propheten wird gezeichnet
, feine Ausfprüche werden danach gedeutet und
in ihrem urfprünglichen Sinne verftändlich zu machen
gefucht. Der dritte Theil enthält S. 220—227 flie ruling
religious coneeptions of the Propluts1, eine Zeittafel und
eine Erklärung einzelner Namen und Ausdrücke. Der
Verf. betont in der Vorrede, dafs er kein Buch für Gelehrte
, fondern für den populären Gebrauch fchreibe,
um unter Benutzung der wiffenfehaftlichen Ergebnifse
,die Propheten für fich felbft fprechen zu laffen und von
allen unhiftorifchen Auslegungen zu befreien'. Er begründet
damit, dafs er feine Ueberfetzung, die nicht
feiten von der autorifirten abweicht, nicht kritifch be- j
gründet, auf literarifche Nachweife im Ganzen verzichtet
und in der Unterfuchung des Einzelnen fich befchränkt.
Infofern hierdurch zugleich die Aufmerkfamkeit des Lefers
um fo mehr auf die Worte der Propheten felbft gelenkt
wird, ift diefes Verfahren ganz zweckgemäfs.

Dafs der Verf. fortfährt, fich diefer Aufgabe zu !
widmen, fpricht für feinen gefunden religiöfen Sinn und
ift eine lobenswerthe Verwerthung der exegetifchen und
gefchichtlichen Forfchungen zum allgemeinen Beften. Es
ift erfreulich, mit welchem Freimuth er die Fragen über !
die Zeit der Propheten und ihrer Schriften befpricht
S. I30f. 134. 173. i8of., 213f.). Dafs dennoch das Buch
ona in den Anfang der Reihe geftellt wird, um von ihm
Anlafs zu nehmen, über Ninive's (Affur's) Bedeutung für j
die Gefchichte Ifraels zu reden, fcheint mir damit nicht
auareichend begründet zu fein. Sacharja 9—11 (+ 13, |
7—9) wird in das 8. Jahrhundert, Sach. 12 —14 in den
Anfang des 6. Jahrhunderts, Joel zwifchen 520—480 angefetzt
. Auffallend ift die Gewifsheit, mit der Hofea
als ein judäer bezeichnet wird S. 153 f. Von den gefchichtlichen
Angaben ift mir aufgeftofsen, dafs Ufia Mitregent
feines Vaters gewefen fein foll, dafs den Synchronismen
in den Büchern der Könige zu viel Werth beigemeffen
wird, dafs Manaffe's Gefangenfchaft und Bekehrung mit
beftimmten Zahlen (680 und 676) als fichere Begebenheiten
bezeichnet werden (vgl. S. 146. 148. 153. 184f.).

Es wird dem Verfaffer nicht entgangen fein, dafs die
Aufgabe, die er fich geftellt hat, an dem Buch Jefaia leichter
zu löfen ift, als an den kleinen Phropheten. Für die
Zeit des Jefaia befitzen wir eine bei allen fühlbaren Mängeln
doch erfreuliche Kenntnifs der Zeitverhältnifse; wie arm
find wir aber an Mitteln, um einem Propheten wie Hofea
z. B. auch nur ein leidliches Mafs von gefchichtlichem
Verftändnifs abgewinnen zu können? Diefe Unterfchiede
laffen fich immerhin etwas mindern, wenn wir die Propheten
rein in ihrer gefchichtlichen Folge betrachten
und von der Anordnung ihrer Schriften im Kanon ganz
abfehen. Es follten für einen folchen Zweck, wie der
Verf. ihn verfolgt, z. B. die Propheten der affyri-
fchen Periode zufammengeftellt werden. In gefchichtlichen
Gruppen müfsten überhaupt die Propheten behandelt
werden; dann würde es leichter fein, von den
bekannteren Gröfsen Licht auf die weniger bekannten
fallen zu laffen und zugleich die Unterfchiede der gleich- |
zeitigen oder doch nicht weit von einander entfernten
Propheten hervorzuheben.

Leipzig. H. Guthe.

Darmesteter, James, Les prophetes d' Israel. Paris, Cal-
mann Levy, 1892. (XX, 387 S. gr. 8.) Fr. 7.50.

J. Darmefteter's nicht gewöhnliche Bedeutung liegt
auf einem anderen Gebiet als dem der alt-teftamentlichen
Wiffenfchaft und der jüdifchen Gefchichte. Die im vorliegenden
Buch zufammengeftellten, im Lauf der letztver-
floffenen elf Jahre gefchriebenen Auffätze find darum nicht
weniger intereffant. Vier derfelben gehören dem Gebiet
des Alten Teftaments an, ein fünfter handelt von der Gefchichte
der Juden und ihrer Wichtigkeit für die allgemeine
Gefchichte, nichtaber ohne ftarke Uebertreibung;
von den zwei übrigen ift einer Jofef Salvador gewidmet;
der andere, Raffe und Ueberlieferung betitelt, ift ein
Stein in den leider üppig blühenden Garten des modernen
Antifemitismus und der Raffenpolitik.

Von den dem alten Israel gewidmeten Auffätzen
behandelt einer die Gefchichte Israel's von Graetz; in den
zwei anderen, ,Die Propheten Israels' und ,Die Gefchichte
Israels und Herr Renan', ift Darmefteter bei aller Wahrung
feiner Eigenthümlichkeit jenem Gelehrten in erfter
Linie zinspflichtig. Er zeigt fich aber für einen Nicht-
Specialiften vorzüglich orientirt. In fehr kräftiger Zeichnung
werden die gröfsten vorexilifchen und exilifchen
Propheten, die wirklichen Träger der Religion Israels
vorgeführt, während die fpäteren Prophetchen (propheti-
cules), die Zeitgenoffen der Reftauration, als degenerirte
Epigonen mit einem Worte abgethan werden. Hie und
da hätte Renan noch mit gröfserer Vorficht befolgt
werden follen. Auch ift es nicht geradezu ein Neues
gewefen, wenn Renan die Propheten in den Mittelpunkt
der Gefchichte Israels ftellte. Das war fchon vor ihm
gefchehen; aber richtig ift die Bemerkung, dafs der Reiz
und die Anziehungskraft der Propheten bei ihm ,in dem
Aufflackern der unerwarteten Verwandtfchaft zwifchen
ihrem Herzen und dem Herzen des XX. Jahrhunderts' begründet
ift. Freilich ift die Entdeckung diefer Verwandtfchaft
eben nicht fo unerwartet; freilich auch hat gerade
hier Renan manchmal des Guten zuviel gethan, und
Darmefteter's Ausdrucksweife mag dazu etwas fangui-
nifch fein; denn wer möchte vorausfagen, was das Herz
des XX. Jahrhunderts fein wird?

Es ift kaum nöthig hervorzuheben, dafs Darmefteter's
Auffätze mit der vornehmen Eleganz und Klarheit ge-
fchrieben find, die bei franzöfifchen gelehrten Schrift -
ftellern nicht feiten find, worin Renan felbft ein Meifter
erfter Gröfse war, und welche ein jüngeres, der Detail-
forfchung ausfchliefslicher ergebenes Gefchlecht fich ja
hüten mufs abhanden kommen zu laffen, Langweile
mit Gründlichkeit, Gelehrtenballaft mit Gelehrfamkeit,
Dunkelheit mit Tieffinn verwechfelnd.

Darmefteter's Artikel ,Ueber die Echtheit der Propheten
' ift eine geradezu muftergültige kritifche Studie.
Es ift nicht möglich, eine Thefe gründlicher zu ruiniren,
alle ihre Schwächen mit gröfserer Feinheit hervorzukehren
, fie entfeheidender abzuthun, ohne im geringften
zu verletzen, bei Bewahrung des richtigen Einblicks in
das Werthvolle in Havet's unhaltbarer Aufftellung, um
welche es fich in diefem Auffätze handelt.

Ich wüfste, bei dem gegenwärtigen kirchen-politi-
fchen Anfturm gegen gewiffe in dogmatifchen Dingen
freier denkende Perfönlichkeiten, kaum etwas ergötzlicheres
, als die Schilderung der Schilderhebung der Ver-
theidiger von Thron und Altar gegen Jofef Salvador, den
Verfaffer des Essai sur la loi de Moise (1822), unter
dem Titel Histoire des Inslitutions de Moise 1828 neu er-
fchienen. Der diesbezügliche Zeitungsftreit damals, vor
ungefähr fechzig bis fiebzig Jahren, ift wirklich inftruetiv.

Allein nicht in alledem liegt das Hauptintereffe der
Auffätze Darmefteter's. Diefelben hängen nicht blofs
dadurch zufarnmen, dafs fie Themata aus der jüdifchen
Gefchichte behandeln, fondern auch durch den Gedanken
welcher fie durchzieht, dafs in der religiöfen Regeneration