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Ausgabe:

1893 Nr. 2

Spalte:

58-59

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kauffmann, E.

Titel/Untertitel:

Justinus Heinrich Knecht, ein schwäbischer Tonsetzer des 18. Jahrhunderts 1893

Rezensent:

Köstlin, Heinrich Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 2.

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Werkes ferner nicht blofs durch die Einleitungen, welche
biographifche Skizzen von A. Court und P. Rabaut
geben, fondern noch weit mehr durch die fehr zahlreichen
Anmerkungen und die ausführlichen genauen Regilter.
Die Hugenotten jener Zeit bildeten gewiffermafsen eine
grofse Familie, zufammengehalten durch ihren Glauben
und durch die Verfolgungen, denen fie ausgefetzt waren.
Unzählige Namen begegnen uns in diefen 4 Bänden;
mit emfigem, fehr anzuerkennendem Fleifs haben die
Verfaffer die Notizen, welche zur Erklärung derfelben
dienen könnten, in den Anmerkungen zufammengetragen,
und wenn diefelben felbft bis in die Gegenwart hereinragen
, fo ift dies eben aus diefem Bewufstfein der Zu-
fammengehörigkeit zu erklären und für die gegenwärtige
Generation der Reformirten Frankreichs intereffant. Für
alle aber, welche diefen Zeitraum des franzöfifchen Prote-
ftantismus (tudiren, ift das Werk ein äufserft bequemes
und gute Auskunft gebendes Nachfchlagebuch, deffen
Werth um fo höher zu fchätzen ift, da die zweite Ausgabe
der France Protestantc fehr langfam vorwärts
fchreitet und begreiflicherweife eine Menge Namen nicht
enthält und enthalten kann. Wir ftehen nicht an, diefe
Publication zu dem Wichtigften zurechnen, was die letzten
Jahre dem Forfcher über jene Zeiten gebracht haben.

Stuttgart. Theodor Schott.

Souvenir du troisieme centenaire de I eglise wallonne de La
Haye. Notice historique par E. Bourlier, pasteur, et
sermon par E. Lacheret, pasteur. Publie par le
consistoire. La Haye, NijhofT, 1891. (II, 106 S. m.
5 Taf.) Fl. 1.50.

Am 27. September 1891 feierte die wallonifche Kirche
im Haag die 300 jährige Feier ihres Beftehens; zur bleibenden
Plrinnerung an dies Ereignifs, welches weite Kreife
der franzöfifch redenden Bevölkerung in den Niederlanden
intereffirte, liefs das Confiftorium der Kirche
die vorliegende Schrift erfcheinen, welche aufser der bei
der Feier gehaltenen Predigt des Pfarrers Lacheret und
einigen anderen kleineren Notizen (Namen des dermaligen
Confiftoriums, Bericht über die Feftfeier u. f. w.) einen
gut gefchriebenen gefchichtlichen Ueberblick über die
Schickfale diefer Kirche bis zu Ende des 17. Jahrhunderts
enthält, verfafst nach guten Quellen von Pfarrer E.
Bourlier. Franzöfifchredende Niederländer (Wallonen),
welche vor den Verfolgungen Albas und fpäterer fpanischer
Statthalter aus den füdlichen Provinzen nach Holland
flüchteten, waren die erften Mitglieder diefer Kirche, welche
durch die Ueberfiedlung und auf das Betreiben von
Luife von Oranien, der Tochter Coligny's und der
Witwe Wilhelm's des Schweigfamen eine felbftändige
Kirche wurde und in Uitenbogaert ihren erften felb-
ftändigen Prediger erhielt (1591). Sie wurde die Hofkirche
, bis der arminianifche btreit auch unter der wallo-
nifchen Bevölkerung, welche immer wieder durch neue
Flüchtlinge verftärkt wurde, eine Spaltung hervorrief, und
eine neue Kirche mit orthodoxer Richtung gegründet
wurde, der fich auch Moriz von Oranien anfchlofs 1618.
Mit dem Regierungsantritt feines Bruders Heinrich Friedrich
trat die alte wallonifche Kirche wieder in ihre
Rechte, fie blieb, auch mit ihrem Gotteshaufe, deffen
Schickfale ebenfalls erzählt werden, die franzöfifche Hofkirche
bis zum J. 1806. Als folche fpiclte fie ftets eine
wichtige Rolle, zumal nachdem die Aufhebung des Edictes
von Nantes fo zahlreiche franzöfifche Proteftanten in die
Niederlande geführt hatte, darunter ihren berühmteften
Kanzelredner, Jacques Saurin. Diefer Theil der Schrift,
in welchem die Zeit von Luife von Oranien und Uitenbogaert
ausführlich erzählt werden, fowie die aus den
Confiftorialacten gefchöpfte Schilderung des inneren
Lebens der Kirche während des 17. Jahrhunderts (Geift-
liche, Predigt, Gefang, Verwaltung der Sacramente u. f. w.)

ift auch für einen weiteren Kreis nicht unintereffant. Es
wäre fehr zu wünfehen, dafs der Verfaffer die Studie fortfetzen
und fie über das 18. Jahrhundert ausdehnen würde;
feit 1685 war die Kirche im Haag eine fehr wichtige und
auch im folgenden Jahrhundert ftand fie in fortwährendem
Verkehr mit ihren evangelifchen Brüdern in Frankreich. —
Gute Bilder von Luife von Oranien, Uitenbogaert und
Saurin, fowie Anflehten der Kirche find der Schrift beigegeben
.

Stuttgart. Theodor Schott.

Kauffmann, Univ.-Mufikdir. Dr. E., Justinus Heinrich Knecht.

ein fchwäbifcher Tonfetzer des 18. Jahrhunderts. Tübingen
, Laupp, 1892. (73 S. m. 1 Silhouette u. 22 S.
Mufikbeilagen. gr. 8.) M. 2 —

Der Verf. hat fich ein Verdienft damit erworben,
| dafs er das Andenken eines hochachtbaren Tonkünftlers
aufgefrifcht und deffen Bedeutung für die Gefchichte der
I Mufik mit umfichtiger Gerechtigkeit abgewogen hat, dem
i die ihm gebührende Würdigung noch nicht allerfeits zu
Theil geworden ift. Knecht's künftlerifche Leitungen
find ja freilich durch den Stern Mozart's verdunkelt und
in unferem Jahrhundert durch die von Bach und Händel
beftimmte mufikalifche Renaiffance in den Hintergrund
j gedrängt worden. Auch zweifeln wir trotz der dem
j Büchlein beigegebenen Proben, ob Vieles von Knecht's
I Compofitionen auf mehr, als nur hiftorifches Intereffe
heutzutage wird rechnen dürfen. Aber vermöge feines
ehrlichen und klar beftimmten künftlerifchen Strebens,
! vermöge des Einfluffes, den er durch feine Thätigkeit
mit der Feder als Vorkämpfer der Vogler'fchen Ideen
ausgeübt hat, nicht zuletzt auch wegen feiner kirchen-
mufikalifchen Thätigkeit, verdient er, auch aufserhalb
| feiner engeren Heimath Württemberg gekannt und mit
| Ehren genannt zu werden. Darauf hat er, von allem
andern abgefehen, fchon um feiner Beziehungen zu Wieland
willen ein Recht, wie wir ja mit Schiller gerne auch
Zumfteeg, mit Goethe Zelter nennen. In diefer Zeit-
fchrift nennen wir obige Schrift, fofern fie einen ver-
dienftlichen Beitrag zur hymnologifchen Literatur bildet.
Knecht hat 1799 mit Chriftmann ein Choralbuch herausgegeben
, das nicht weniger als 97 Melodien feiner Com-
poiition enthält, von denen ein Theil heute noch in
Württemberg im Gemeindegefang fortlebt und einzelne
in den evang. Kirchengefang überhaupt übergegangen
find. Auch für Bayern, Hamburg u. a. ift Knecht in
beftimmender Weife auf diefem Gebiete thätig gewefen.
Er ift alfo als hervorragender Vertreter des kirchen-
mufikalifchen Gefchmackes jener Periode zu betrachten,
für welche das Charakteriftifche des Chorals darin be-
ftand, dafs er ,der langfamfte Gefang fei, der nur gedacht
werden könne' (Knecht's Worte). Aus diefem
Grunde wären wir dem Verf. fehr dankbar gewefen,
wenn er nicht blofs angegeben hätte, auf was fich Knecht's
hymnologifche Arbeit erftreckt hat, fondern wenn es
ihm gefallen hätte, den kirchenmufikalifchen Standpunkt
Knecht's fcharf zu zeichnen. Es hätten fich daraus leicht
die Erklärungsgründe für die Thatfache ergeben, dafs
Knecht's Kirchencompofitionen fo rafch der Vergangenheit
verfallen find und auch feine Kirchenmelodien —
von einzelnen wenigen abgefehen — doch nur da fortleben
, wo für die Gemeinden ein Stück religiöfer Erfahrung
und Erinnerung damit verknüpft ift. Die kirchen-
mufikalifche Thätigkeit, welche fich in Württemberg
wefentlich an den Namen Faifst (S. 56) knüpft, bewegt
fich denn doch in gerade entgegengefetzten Bahnen zu
derjenigen eines Knecht, fie knüpft an die Wendung
des Gefchmacks an, welche von Mendelsfohn ausgegangen
ift und durch die Wiederaufführung der Matthäuspaffion
(1829) eingeleitet wurde. Viel eher konnte auf
die zuerft in Württemberg wieder neu aufblühenden