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Ausgabe:

1893

Spalte:

49

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mirbt, Carl

Titel/Untertitel:

Die Wahl Gregors VII 1893

Rezensent:

Mueller, Karl

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49 Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 2.

Mirbt, Carl, Die Wahl Gregors VII. Marburg, Elwert, 1892.
(56 S. gr. 4.) M. 2. —
Es ift immer ein fchwieriges Unternehmen, die Wahrheit
herauszufinden aus dem erbitterten Gezänk der Parteien
und aus Urkunden, die von vornherein unter dem
gerechten Verdacht flehen, dafs ihre Verfaffer es mit
Fälfchung der Thatfachen nicht allzu fchwer nehmen,
ja bei denen die Fälfchungen fchon durch die groben
Widerfprüche bezeugt find. Mirbt hat diefe Aufgabe
für einen kleinen Ausfchnitt der Gefchichte Gregor's VII.
mit mufterhafter Sorgfalt gclöft. Seine Ergebnifse find
kurz folgende: 1) Die einzig correcte Darfteilung der
Vorgänge in der Wahl Gregor's liegt in den Schreiben
des neuen Papftes vom 24. und 26. Apr. 1073 (Reg. r, 1*—4).
Das Wahlprotocoll (L 1) fälfcht den Thatbeftand. Die
Wahl ift tumultuarifch durch das Volk vollzogen worden.
Die Cardinäle haben nur zu der fertigen Thatfache
nachträglich Stellung nehmen können. An dem Wahl-
gefetz von 1059 — Mirbt fpricht meift vom Wahldecret;
darunter verfteht man aber fonft die Urkunde über die
vollzogene Wahl — an diefem Gefetz gemeffen ift alfo
die Wahl gefetzwidrig. 2) Die Anwendung von Gewalt
und Beftechung durch Gregor ift Verleumdung, und für
feine Anhänger wenigflens nicht nachzuweifen. 3) Gregor
hat wahrfcheinlich dasPapftthum nicht gefucht, fondern fich
ihm wirklich zu entziehen gefucht. Aber hat er den Dingen
den Lauf gelaffen. 4) Der nsscnsus rcgius vor der Wahl
ift nicht eingeholt worden. Gregor hat auch die Regierung
fofort als electus geführt. Erft zwifchen der Inthronifa-
tion und Confecration hat er den nachträglichen assensus
erbeten und trotz der Gegenvorftellungen einer Partei
am königlichen Hofe erhalten. Ein königlicher Bevollmächtigter
hat feiner Weihe beigewohnt. Mirbt fleht
gerade in diefem Punkt mit der befonders durch Giefe-
brecht beherrfchten allgemeinen Meinung der letzten Zeit
im Widerfpruch, aber in Uebereinftimmung mit der nicht
lange vor ihm erfchienenen Arbeit L. von Heinemann's
(Hift. Zeitfchr. N. F. 2944ff.). Ich kann mich nur damit
einverftanden erklären. Diefer nachträgliche asscnsus
hatte freilich fo gut wie nichts mehr zu bedeuten.
Gregor war fchon im Befitz und Gebrauch der Macht.
Gewifs hat gerade auch diefe Erwägung am deutfchen
Hof dazu veranlafst, dafs man die Gedanken an Ein-
fpruch fallen liefs.

Breslau. Karl Müller.

Bess, Privatdoc. Repet. Lic. Bernh., Zur Geschichte des
Konstanzer Konzils. Studien. 1. Bd. PTankreichs Kirchenpolitik
und der Prozefs des Jean Petit über die Lehre
vom Tyrannenmord bis zur Reife König Sigismunds.
Marburg, Ehrhardt, 1891. (XIV, 236 S. gr. 8.) M. 5. —

In feiner Arbeit über König Sigmund und Heinrich V
von England (1874) und in feiner Anzeige von Tfchackert's
Ailli (Revue histonque 9, 464 ff.) hatte Max Lenz den
Einflufs der politifchen Gegenfätze namentlich Frankreichs
auf die Haltung der Nationen und kirchlichen
Parteien während des Schisma's und des Konftanzer
Concils dargethan und den Grundfatz aufgeftellt, dafs
man die Führer nicht als theologifche Gelehrte und
Theoretiker, fondern als Verfechter lebendiger Intereffen
der Kirche, ihres Volkes und ihres Standes beurtheilen
müffe. Diefes Programm hat eine neue »Epoche in
der Forfchung über jenes Concil eingeleitet. Nachdem
nun in den letzten Jahren H. Finke die Abficht einer
umfaffenden Gefchichte des Concils kundgegeben und
als Vorbereitung dazu eine grofse Zahl forgfältiger Ein-
zelunterfuchungen mit neuem werthvollem Material veröffentlicht
hatte, hat Bcfs es unternommen, in den Bahnen
von Lenz einen Durchfchnitt durch die erften Jahre des
Concils zu geben.

Was mich an dem Buch von vornherein angezogen
und bis zum Schlufs gefeffelt hat, ift vor allem feine
Methode: das Einzelne wird nie blofs in feiner Verein-
I zelung, fondern ftets im Zufammenhang mit dem leben-
i digen Flufs der Dinge erfafst. Es foll ftets als ein
j Spiegelbild der augenblicklichen Gefammtlage und zu-
j gleich als ein Glied in der weiteren Entwickelung des Ganzen
erfcheinen. Dafür ift fchon der Titel bezeichnend. Denn
der Procefs des Jean Petit kann kaum ein fclbftändiges
Intereffe beanfpruchen. Aber er bildet, wie fchon Lenz
hervorgehoben, vielleicht das bedeutendfte Symptom, an
dem man die Bewegung der Parteien meffen kann. In
diefem Sinne behandelt denn auch B. die Sache allein.
Die Hauptgegenfätze, die fich da treffen, find Burgund
und Orleans. Denn Petit hat die Rechtfertigung des
Herzogs Johann von Burgund unternommen, auf deffen
i Geheifs der Herzog von Orleans, Nov. 1407, ermordet
worden ift. Aber diefer Gegenfatz tritt nicht rein und
unvermifcht auf. Es dringen noch andere Motive herein
und erft allmählich fchliefsen fich diefe mit den politifchen
Gegenfätzen zufammen, ohne fich jedoch in ihnen
zu verlieren.

An keiner Perfönlichkeit läfst fich das klarer zur
Anfchauung bringen, als an Gerfon. In ihr fammelt fich
denn auch das Intereffe mindeftens der erften Hälfte
des Buches.

Gerfon ift feinen Anfängen nach Pflegling des bur-
gundifchen Haufes und in den erften Jahrzehnten des
Kampfes der burgundifchen Partei mindeftens nahe geblieben
. Aber er hat doch immer feine Selbftändigkeit

; gewahrt. Die Intereffen der Univerfität, vor allem der theo-
logifchen Facultät, dann das Nationalgefühl des Franzofen
und ehemaligen Zöglings des Navarra-Kollegiums, endlich
die gereifte fittlich-religiöfe Perfönlichkeit, das find die
Factoren, die neben der Anhänglichkeit an Burgund
fein Handeln überall beftimmen. Sein politifches Ideal
ift das ftarke nationale Königthum über den Parteien.
Er hat es damals in der Zeit eines Königs, deffen geiftige
Umnachtung nur durch kurze Zeiten der Gefundheit
unterbrochen wurde, zeitenweife von Burgund erhofft, da
nur die Wahl zwifchen ihm und Orleans war und von
den Orleans eine finanzielle Mifswirthfchaft fchnödefter
Art ausging, von Burgund aber umfaffende und dauernde
Reformen zu erhoffen fchienen. Auch die Ermordung
Orleans durch Burgund hat, wie B. nachzuweifen fucht
— ich flehe dem Beweis nicht ganz ohne Bedenken gegenüber
— Gerfon darin vorerft nicht erfchüttert. Denn
die unbedingte Verwerflichkeit des Tyrannenmords hat
keiner der gelehrten Zeitgenoffen vertreten. Was Gerfon
aus dem burgundifchen Lager treibt, ift vielmehr die
Revolution des Jahres 1413. Damals hat Burgund die
Erwartungen der Patrioten, wie Gerfon's, völlig enttäufcht.
Er läfst (ich von der Revolution tragen, ftatt fie zu überwältigen
, und fo trifft der Rückfchlag gerade ihn am här-
teften. Die Patrioten fagen fich jetzt endgiltig von ihm
los und Gerfon insbesondere nimmt nun das Programm
auf, es zu erzwingen, dafs Burgund fein Unrecht, auch
das der Ermordung Orleans' anerkennen und damit dem
öffentlichen Rechtsbewufstfein eine Sühne geben müffe.

1 Damit beginnt feine Arbeit, die Verurtheilung der Sätze
Petit's durchzufetzen. Diefe Arbeit fleht nicht im Dienfte
der Orleans. Aber die Frage ift, wie lang fich Gerfon
und feine Gefinnungsgenoffen davor retten können, von
ihr ins Schlepptau genommen, in ihre Zwecke hineingezogen
zu werden.

In der That nimmt die Partei den Gedanken Gerfon's
auf und fetzt die Erhebung der Anklage durch. Und
nun beginnt das Ringen der Parteien um den Procefs,
deffen Verlauf Befs durch alle Stadien hindurch verfolgt.
Gerfon und die Seinen Stehen den Procefs aller persönlichen
Momente zu entkleiden und lediglich die Glaubensfrage
zu Hellen, theils um den Kampf der Parteien
abzufchwächen, theils um das Schere Forum der über-