Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1893 Nr. 26

Spalte:

651-652

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Couard, Herm.

Titel/Untertitel:

Das Neue Testament, forschenden Bibellesern durch Umschreibung und Erläuterung erklärt. 2., 8. u. 9. Bd 1893

Rezensent:

Everling, Otto

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

651 Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 26. 652

eingehalten werde, die Auflöfung der heutigen Landeskirchen
bevorftehe. Ref. kann die Sachlage als fo bedrohlich
nicht anfehen. Sollte jene Eventualität früher
oder fpäter ernftlich in Frage kommen, fo würde es fleh
zeigen, dafs wir trotz allem dem nicht von einander laffen
können; es gilt von der Kirche deutfeher Reformation
noch immer, was feiner Zeit Friedrich Rückert von dem
deutfehen Vaterlande gefagt hat, ,dem tief in fleh ge-
fpaltenen, von einem tieferen Lebensbande zufammen
doch gehaltenen'.

Darmftadt. K. Köhler.

Couard, Paft. Herrn., Das Neue Testament, forfchenden
Bibellefern durch Umfchreibung und Erläuterung erklärt
. 2., 8. u. 9. Bd. Potsdam, A.Stein, (gr. 8.) M.4.60.
Inhalt: 2. Der Brief Pauli an die Römer. 2. verb. Aufl. (192 S.)
1892. M. 1. 60. — 8. Die Briefe Pauli an die Theffalonicher, an
den Timotheus, Titus und Philemon. (148 S.) 1890. M. 1. 40. —
9. Der Brief an die Hebräer und der Brief des Jakobus. (195 S.)
1892. M. 1. 60.

Diefe Erklärungen des N.T. find unzweifelhaft das
Erzeugnifs eines liebevollen Refpectes vorder heil. Schrift,
eines forgfältigen Fleifses und eines bewundernswerthen,
jedenfalls nur mühevoll erworbenen Gefchickes, den
Luthertext mit dem verdeutfehten Urtext und der Auslegung
zu meift verftändlichen und lesbaren Satzgefügen
zufammenzuweben. Dennoch wirkt diefe Erklärung mehr
wie eine Künftelei als wie eine Kunft Ohne nach den
bezeichnendften Beifpielen zum Beweife diefer Behauptung
zu fuchen, greife ich irgend eine Stelle zur Charakteriftik
heraus. Die Umfchreibung von Rom. 8, 3 (Bd. II, S. 94)
lautet: ,Denn was dem mofaifchen Gesetz unmöglich war
zu vollbringen, sintemal es, wie bereits gefchildert (f. z.
7, 14 ff.), durch das Fleisch geschwächet, durch die fleh ihm
widerfetzende fündhafte Menfchennatur in feiner Wirk-
famkeit gelähmt und darum unvermögend war, die Sünde,
welche es verdammte, in folcher Weife zu verdammen,
dafs fie ihrer Herrfchaft beraubt, weggefchafft und ausgetilgt
wurde — das that Gott in feiner grofsen Liebe
zu der gefallenen und verlorenen Welt (Joh. 3, 16). War's
doch fein Liebftes und Beftes, das er ihr sandte, als er
seinen eigenen (Gr.), von ihm in Ewigkeit gebornen,
ihm völlig wefensgleichen Sohn zu ihrer Errettung Menfch
werden liefs, freilich nicht in der Gleichheit — dann hätte
diefer ja felbft fündig fein müffen und war_ doch ohne
Sünde (Hebr. 4, 15)! — wohl aber in der Ähnlichkeit des
sündlichen Fleisches, fo alfo, dafs die menfehliche Er-
fcheinung desfelben fleh in nichts von der eines gewöhnlichen
, mit Sünde behafteten Menfchen unterfchied (Phil.
2, 7; Hebr. 2, 14; 4, 15). Und zwar fandte er ihn ihr in
diefer und in keiner andern Geftalt der Sünde halben,
deren Sühnung und Tilgung ja eben der Zweck der
Fleifchwerdung des Sohnes war. So ftrafte und verdammte
er die Sünde in jener für das Gefetz unmöglich gewefenen
Weife, da er fie in dem gekreuzigten Leibe Chriffi mit
tötete (1. Petr. 2, 24) und ihr damit zugleich die Herrfchaft
im Fleisch entrifs, welche fie über die ihr bisher
völlig unterthänig gewefene Menfchennatur in unbe-
fchränkter Machtfülle ausgeübt hatte'. — Wer den Urtext
nicht kennt, wird oft genug kopffchüttelnd vor diefer
Erklärung flehen, deren tiefere Begründung ihm ein
Räthfel bleiben mufs. Aber abgefehen von diefer Künftelei
fcheint mir überhaupt die Paraphrafe keine geeignete
Erklärungsart für eine derartige Auslegung. Der Erklärer
drängt mit feiner Auffaffung und feinem Wortreichthum
den Autor in den Hintergrund oder führt ihn doch nur
in feiner Ausftaffirung vor. Es ift bezeichnend, dafs
Couard dies felbft empfindet. Bd. II, S. 109 druckt er
Rom. 8, 33—39 ohne Umfchreibung ab und beginnt dann
einen erklärenden Excurs mit den Worten: ,Um den
Eindruck diefer grofsartigen Stelle, deren wundervolle

Schönheit auch Luther's Ueberfetzung meifterhaft wieder-
fpiegelt und zu vollendetem Ausdruck bringt, in keiner
Weife abzufchwächen, haben wir darauf verzichtet, fie
nach ihrer zweiten Hälfte im Text zu umfehreiben u. f. w.
Wenn er doch ftets verzichtet ünd den hier befchrittenen
Weg eingehalten hätte! Sehr oft wird der Ausleger gezwungen
, in einer Erläuterung auf den griechifchen Text
genauer einzugehen, wobei er auch griechifche Wörter
in lateinifcher Schrift citirt. Den Zweck diefes Verfahrens
fehe ich nicht ein. Wer griechifch verfteht, kann
auch griechifche Buchftaben lefen, und wer es nicht verfteht
, hat von dem Wort keinen Gewinn. — Ueber die
Einzelheiten in der exegetifchen Auffaffung ift natürlich
eine Auseinanderfetzung an diefer Stelle ausgefchloffen,
aber das Eine möchte ich doch betonen, dafs es mir
fchwer wird, mich in Gedankengänge zu verfetzen, die
fich in folcher Weife über neuteftamentliche Art, das
A. T. zu citiren, verbreiten, wie es z. B. Bd. IX, S. 23;
II, S. 135 gefchieht. Ueber die Citate des A. T.'s im
N.T. könnte man unferer Gemeinde ohne Schaden einleuchtendere
und begründetere Dinge fagen. Die Auslegung
ftattet die biblifchen Autoren mit einer ange-
i meffenen dogmatifchen Correctheit aus, fo dafs fich keiner
von ihnen vor einem rechtgläubigen lutherifchen Paftor
zu fchämen braucht. Dafür fehlt ihr aber vielfach die
herzbewegende Schilderung und Erfaffung der religiöfen
Tiefe. Wohl ift ein warmer Herzenston und frommes
Verftändnifs vorhanden (vgl. z.B. den Brief an den Philemon,
Bd. VIII, 139), aber die Lefer werden fchwerlich zu dem
Geftändnifs der Emmausjünger getrieben: Luc. 24, 32.
Und das mufs doch das höchfte Ziel der Auslegungen
für die Gemeinde bleiben. Aber find denn diefe Para-
phrafen wirklich für Gemeindeglieder geeignet? Wahrscheinlich
werden fie nur wenigen ,forfchenden Bibellefern'
der Gemeinde einen Dienft leiften. Deshalb kann ich in
die zahlreichen Empfehlungen, die den Umfchlag des
Bd. VIII und IX bedecken, nicht unbedingt einftimmen,
vielmehr machen mich gerade die rühmenden Lobfprüche
auf Bd. IX ftutzig. Wenn da eine Zahl Studenten und
Candidaten der Theologie die trefflichen Dienfle preifen,
die ihnen Couard's Umfchreibungen geleiftet, fo beftätigt
mir dies die Berechtigung meiner geheimen Befürchtung,
dafs Theologen fich das ernfte Studium wiffenfehaftlicher
! Werke durch folche Auslegungen abnehmen laffen.

St. Goar a. Rh. Everling.

Bibliographie

von Bibliothekar Dr. Johannes Müller.

Berlin W., Opernplatz, Konigl. Bibliothek.

jDeutfcbc Hitcratur.

Hefte zur Chriftlichen Welt. Nr. 11 u. 12. Leipz., Grunow. 1893.
(gr. 8.) —. 90

Inhalt: 11. Der Glaube an Jefus Chriftus u. die gefchichtliche Erforfchung
feines Lebens v. M. Reifchle. (46 S.) —. 40. — 12. Wider den Reichsboten
. In Sachen des Evangeliums u. der Freiheit v. G. Hab er mann.

(64 S.) —. 50.

Volksbibliothek, religiofe, hrsg. vom Bibliographifcheii Bureau zu Berlin
unter Red. v. C. Werckshagen. I. 7. 8. Berlin, Bibliograph.
Bureau, 1893. (8.) 1. —

Inhalt: AI Koran. Leben u. Lehre des Propheten v. II. Spiefs. (VIII,
118 S.)

Schulze, M., Zur Frage nach der Bedeutung der hl. Schrift. 2 Vor-

lefgn. Halle, Kraule, 1893. (VII, 49 S. gr. 8.) 1. —

Arndt, F., Die Bibel ein Volksbuch. Ein dring. Mahnwort an die evan-

gel. Chriftenheit deutfeher Nation. Leipz., Strübig, 1893. (72 S.

gr. 8.) —. 80

Bäck, S., Die Gefchichte des jüdifchen Volkes u. feiner Litteratur vom

babylonifchen Exile bis auf die Gegenwart. Ueberflchtlich darge-

ftellt. 2. Aufl., bereichert m. Anh.: .Proben der jüd. Litteratur'.

Frankf. a. M., Kauffmann, 1893. (XVIII, 546; V, 104 u. XII S.

gr. 8.) n. 4. —; geb. in Leinw. 5. —; in Halbfrz. n. 5. 50

Baudiffin, W. W. Graf, Die altteftamentliche Spruchdichtung. Rede.

Leipz., Hirzel, 1893. (24 S. gr. 8.) —. 60

Caro, H. J., Beiträge zur älteften Exegefe des Buches Threni m. bef.
.Berückf. d. Midrafch u. Targum. Inaug.-Diff. philof. d. Univ. Giefsen.

Berlin, 1893. (53 S. 8.)