Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1893 Nr. 25

Spalte:

622-627

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Walther, Fr.

Titel/Untertitel:

Die christliche Glaubenslehre, als Wissenschaft vom Lebensmut dargestellt 1893

Rezensent:

Ritschl, Otto

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4

Download Scan:

PDF

621

Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 25.

622

örterungen über die Glaubwürdigkeit der biblifchen
Schriftfteller eine entfcheidende Bedeutung für die
Begründung unferes Glaubens nicht befitzen. Statt deffen
mufs diefe Begründung in der inneren Erfahrung gebucht
werden. Von ihr als Grund fittlich-religiöfer Ueber-
zeugung handelt daher der dritte und längffe Abfchnitt
(S. 63—124). In ihm wird zuerft derUrfprung der Religion
und des allgemeinen fittlichen Bewufstfeins befprochen:
beide gehen hervor aus einem unmittelbaren Innewerden
des Göttlichen und feiner fittlichen Autorität. Danach
wird gezeigt, dafs es auch im neuen Teftament fo vorausgefetzt
ift. Und zum Schlufs, nachdem der Verf. die Anficht
von der inneren Erfahrung als Grund unferes Glaubens
in den verfchiedenen Formen, in denen fie in der
neueren Theologie auftritt, zur Darfteilung gebracht hat,
zeigt er, wie feiner Meinung nach diefe Anfchauung
richtig zu faffen fei. Der Glaube entfteht, wo unferem
Mangel und Bedürfnifs die fie befriedigende Offenbarung
Gottes in der Gefchichte, wie fie vor allem in Jefus
Chriftus gegeben ift, innerlich begegnet. Oft jedoch fo,
dafs allererft durch die Offenbarung das volle Verbänd-
nifs unferer Mängel und Bedürfnifse geweckt wird.

Man fieht: es ift nicht gerade etwas Neues, was hier
entwickelt wird. Wenn ich recht verbanden habe, ift
es auch nicht die Abficht des Verfaffers, eigentlich etwas
Neues zu bringen. Er will vielmehr eine von anderen
und früher fchon von ihm felbft (in feinem Buch über
den Glauben) vertretene Anfchauung nochmals darlegen
, um fie abweichendea Meinungen und andersartigen
Formulirungen gegenüber in der Form zu fiebern,
die ihm als die richtige erfcheint. Es handelt fich darum,
eine Wahrheit, über die erfreulicher Weife ein weitgehender
Confenfus befteht, immer fchärfer herauszuarbeiten
und präcifer zu formuliren. Es fragt fich alfo,
ab das gelungen ift. Und einige Bedenken dagegen will
ich nicht unterdrücken.

Einmal fchon fcheint mir die durch die Erörterung
fich hindurchziehende kritifche Bezugnahme auf die von
anderen vertretenen Anflehten die Sache nicht fehr zu
fördern, weil vielfach auf das, was diefe gemeint haben,
und wie es fich im Rahmen ihrer Gefammtanficht ftellt,
doch nicht eingegangen wird. Die Folge ift, dafs die,
die in dieler Weife mit kritifchen Bemerkungen bedacht
find (wenn ich von mir auf andere fchliefsen darf) fich
gegen das hier von ihnen gezeichnete Bild höflichft verwahren
werden. Natürlich! Oder ift ein Satz, den ich
gefchrieben, und werde er felbft wörtlich angeführt,
noch mein Satz, wenn er in einen Gegenfatz gebellt
wird, an den ich dabei gar nicht gedacht? wohl gar in
Gegenfatz zu einer Anfchauung, die ich theile, nur dafs
ich fie in anderer Weife ausgefprochen und abgeleitet
wiffen möchte? Man mufs die Gefammtanficht eines andern
zu faffen fuchen und diefe kritifiren, wenn man es für
der Mühe werth hält, oder ihm feine Weife laben. Bei
diefem kritifchen Kleingefecht kommt nichts oder doch
nur etwas Falfches heraus.

Ferner mufs m. E. bebimmter noch, als es hier ge-
fchicht, unterfchieden werden zwifchen der Begründung
unferer perfönlichen Glaubensüberzeugung und der theo-
logifchen Pflicht, diefen Glauben nun auch in der geibi-
gen Atmofphäre der Gegenwart mit guten Gründen zu
vertheidigen und zu vertreten. Was jene betribt, kann
ich auf das Wefentliche gefehen nur dem beibimmen,
was hier entwickelt wird: da handelt es fich um innere
Erfahrung, darum, dafs wir perfönlich Gott fuchen und
durch Jefus Chriftus finden. Aber meines Bedenkens
dürfen wir das nun nicht ohne weiteres in die zweite
Aufgabe hineintragen oder diefe überhaupt abweifen,
wie Köblin dazu geneigt zu fein fcheint. Es wird fich
vielmehr darum handeln, diefe zweite Aufgabe fo zu
gehalten dafs ihre Löfüng zu der eigentümlichen inneren
Begründung der rcligiöfen Ueberzeugung überleitet.
Weifen wir fie überhaupt ab, dann geben wir die Theologie
als ein eigenartiges Glied am Ganzen der Wiffen-
fchaft einfach auf.

Endlich habe ich mich wieder überzeugt, wie ver-
fchiedenartig die Anfprüche an die wiffenfehaftliche
Ausdrucksweife und Methode find. Was Köblin meint
und dem ich durchaus zuhimme, glaube ich am präci-
feben auszudrücken, wenn ich fage: Die Glaubensfätze
find theoretifche Urtheile, die fich auf Werthurtheile
gründen. Denn darin liegt ja, dafs die Glaubensfätze
im Sinne des Gläubigen wirkliche Erkenntnifs find, von
deren Wahrheit er durch perfönliche Erlebnifse, die in
der Willensfphäre liegen, überzeugt ib. Köblin verwirft
jedoch diefen Satz (in der Formulirung von Lipfius, der
,Seinsurtheile' batt ,theoretifche Urtheile' fagt, was das-
felbe ib) als unzutrebend. Umgekehrt bin auch ich der
Meinung (die ja vom Chribenglauben unabtrennbar ib),
dafs allem, was Religion und Sittlichkeit heifst, letztlich
das fchöpferifche Walten Gottes und feines Geibes
zu Grunde liegt, verbehe aber nicht, inwiefern das
wiffenfehaftliche Verbändnifs diefer gefchichtlichen
Phänomene durch das Ausfprechen diefer Ueberzeugung
gefördert wird, während Köblin das als die allein zureichende
wiffenfehaftliche Erklärung anfleht. Auch
fcheint man mir, wenn man dabei behen bleibt, auf die
Begründung zu verzichten, die diefer chriblichen Ueberzeugung
aus einer eingehenden Analyfe erwächb, wenn
fich nämlich zeigt, dafs diefe fchliefslich über fich felbb
auf den transfeendenten Faktor hinausweib.

Zum Schlufs noch eine Frage. Auf S. 78 wird die
Meinung, dafs das entfeheidende Moment der fittlich-
religiöfen Ueberzeugung nicht in intellectuellen Vorgängen
, fondern im unmittelbaren Erfahren zu fuchen
fei, als unhaltbar bezeichnet. Das ib doch wohl ein
Schreibfehler, der beim Druck überfehen worden ib?
Nach allem, was vorangeht und folgt, mufs es umgekehrt
heifsen, dafs es unhaltbar ib, das entfeheidende
Moment in intellectuellen Vorgängen zu fuchen.

Berlin. Kaftan.

Walt her, Dr. Fr., Die christliche Glaubenslehre, als Wiffen-
fchaft vom Lebensmut dargebellt. Stuttgart, Kohlhammer
, 1893. (VIII, 403 S. 8.) M. 6.—

Das vorliegende Werk würde ich als eine von
eklektifch orthodoxem Standpunkt aus entworfene Apologie
der chriblichen Weltanfchauung im grofsen Stil
bezeichnen, wenn der Verfaffer feine Leibung nicht mit
höheren Anfprüchen begleitete. Er meint eine Auf-
faffung vom Chribenthum zu vertreten, die, wenn fie
durchgeführt würde, eine gewaltige Umwälzung im Leben
und in der Wiffenfchaft hervorbringen müfste. Aber hat
denn der Verf. das Zeug zu einem Reformator der Theologie
und mittelbar der Wiffenfchaft überhaupt? Allerdings
ib ihm eine gewiffe Originalität, eine hervorragende
Energie des religiöfen Erkenntnifsbrebens und im Einzelnen
auch eine feine Beobachtung nicht abzufprechen.
Aber es fehlt ihm doch die Folgerichtigkeit des Ge-
dankenfortfehritts, der vollbändige Ueberblick über die
vorliegenden Probleme und die umfaffende Beherrfchung
des biblifchen und dogmengefchichtlichen Stoffs, die man
erwarten müfste, wenn man fich feiner Führung vertrauensvoll
follte überlaffen können.

Die Methode des Verfaffers ib fpeculativ. Und zwar
find feine Speculationen urfprünglich ,praktifch normirt'
in dem Sinne, wie ihn Kaftan febgebellt hat. Freilich
fcheint der Verf. deffen Werke über das Wefen und
über die Wahrheit der chriblichen Religion nicht zu
kennen. Und das ib entfehieden ein Mangel feines
Buchs. Denn da er fich in dem Ausgangspunkt und
auch fonb zuweilen mit Kaftan berührt, fo würde ihm
eine gründliche Auseinanderfetzung mit diefem für den
Erwerb einer gröfseren Vorficht, Umficht und metho-