Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1893 Nr. 25

Spalte:

620-622

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Köstlin, Julius

Titel/Untertitel:

Die Begründung unserer sittlich-religiösen Überzeugung 1893

Rezensent:

Kaftan, Julius

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

6ig

Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 25.

620

Die Seltenheit der Dardellung ift ein Beweis, dafs diefe
Art der Symbolifirung Chrifti lieh dem Gemeindegefühl
nicht empfahl. Andererfeits follte durch die Verbindung
des O. mit den Schafen eben das deutlich gemacht
werden, dafs nicht O., fondern Chriftus gemeint war.
Wie feltfam wäre diefes Mittel gewählt gewefen, wenn
dadurch hätte ausgedrückt werden follen, dafs man in
O. den Stifter der die Unfterblichkeit verbürgenden
Myfterien fehen folle! Und was die Beziehung auf die
fepulcralen Gedanken betrifft, fo ift im Grund ein Bild
des Myfterienftifters, zumal da die Bedeutung der Myfterien
in keiner Weife angedeutet wird, auch kein direc-
terer Hinweis auf das Leben nach dem Tod, als der auf
fymbolifche Weife zur Anfchauung gebrachte Chriftus,
der doch in jedem Fall den Chrilten an ihren Gräbern
das Leben verbürgte, welche Einzelgedanken fich auch
fonft noch mit der betreffenden Darltellung verbinden
mochten. — S. 22 ift es nicht klar, wie die ,Orans zwifchen
2 Schafen' die Abkürzung der Darftellungen fein foll,
welche ,die Orans direct im Hirtenbild zeigen', Eben-
dort ift fowohl das Ev. Joh. als die Anficht von Kraus
in nicht klarer Weife citirt.

Reutlingen. H. Dopffel.

Ludewig, Dr. Geo., Die Politik Nürnbergs im Zeitalter der

Reformation (von 1520—1534). Göttingen, Vanden-
hoeck & Ruprecht, 1893. (III, 156 S. gr. 8.) M. 3. 50.

Die Politik einer Commune von der Bedeutung
Nürnbergs im Zeitalter der Reformation in anziehender
Weife darzuftellen, ift nicht ganz leicht. Denn da die
Macht der Stadt zu unbedeutend war, als dafs fie irgendwie
entfeheidend in den Gang der Ereignifse hätte eingreifen
können, ift die Theilnahme, die uns ihre Politik
einflöfst, naturgemäfs gering, erheblich geringer z. B. als
die wir bei Betrachtung der inneren Entwickelung der
Stadt in jenem Zeitraum empfinden. Denn hier werden
wir auf leicht überfehbarem Schauplatz mit den die Welt
bewegenden Gegenfätzen bekannt gemacht und empfangen
aus den Veränderungen, die infolge des Ringens diefer
Gegenfätze in der Stadt vor fich gehen, eine unmittelbare
Anfchauung von den gewaltigen Umwälzungen, die
ein Sieg der neuen Gedanken für die gefammte damalige
Welt mit fich bringen mufste. Eine folche Wirkung aber
kann die Darfteilung der Politik der Stadt kaum und
jedenfalls nur dann ausüben, wenn es dem Verf. gelingt,
feine Erzählung fo eng einerfeits mit der inneren Entwickelung
der Stadt und andererfeits mit dem Gang der
grofsen Weltbegebenheiten zu verknüpfen, dafs die Politik
der Stadt gewiffermafsen nur als das nothwendige Product
jener beiden Entwickelungen erfcheint und letztere in
erfterer gleichfam ihr Spiegelbild finden. In der That
fcheint dem Verf. des oben genannten Werkes eine derartige
Darltellung vorgefchwebt zu haben. Darauf weifen,
wie mir deucht, die Ueberfchriften der Abfchnitte hin,
in die er feinen Stoff eingetheilt hat. Sie lauten: I. Nürnberg
vor der Reformation. II. Pirkheimer und Spengler
im" Bann. III. Die Reichstage zu Nürnberg. IV. Die
Durchführung der Reformation in Nürnberg. V. Nürnberg
und der Bauernkrieg. VI. Der Proteftantismus und
die katholifchen Stände. VII. Der Reichstag zu Speier
1529. VIII. Bündnifsbeltrebungen. IX. Der Reichstag zu
Augsburg. X. Nürnberg und der Schmalkaldifche Bund.
Mit grofser Sachkenntnifs hat der Verfaffer die für die
einzelnen Abfchnitte in Betracht kommende, ziemlich
umfangreiche Literatur heranzuziehen und durch Ausnutzung
der Nürnberger Briefbücher zu ergänzen ver-
ftanden. Auf diefe Weife gelingt es ihm, die für die
Nürnberger Politik in Frage kommenden Thatfachen in
grofser Vollftändigkeit zufammenzuftellen und uns fo von
dem Umfang der politifchen Thätigkeit der Stadt ein
zuverläffiges Bild zu entwerfen. Dafs hierdurch auch

unfere Kenntnifs der allgemeinen deutfehen Gefchichte
in mancher Beziehung eine werthvolle Bereicherung erfährt
, verlieht fich von felbft. Leider aber begnügt fich
der Verfafler allzu fehr mit der Fedftellung der Thatfachen
und macht viel zu wenig den Verfuch, diefe zu
erklären und zu würdigen. So bleiben wir z. B. über
die Motive, die den Nürnberger Rath bei feinem Verhalten
gegenüber dem Schwäbifchen Bunde leiten, obwohl
der Verfaffer hier und da eine Andeutung darüber
giebt, im Grofsen und Ganzen doch recht im Dunkeln.
Wir erfahren nicht einmal, ob Nürnberg die Auflöfung
des Bundes wünfehte und darauf hinarbeitete oder nicht.
Und doch wäre eine Aufklärung gerade hierüber bei der
ungemeinen Wichtigkeit, die der Bund auf die Geftaltung
der Dinge im füdlichen Deutfchland ausübte, von dem
höchften Intereffe gewefen. Ebenfo unklar bleibt es ferner,
was den fonft fo vorfichtigen Rath veranlafste, in den
Pack'fchen Wirren in fo auffallender Weife Partei für die
evangelifchen Fürften zu ergreifen, eine Thatfache beiläufig
, mit der wir, foweit dem Referenten bekannt ift,
erft durch Ludewig in ihren Einzelheiten bekannt werden.
Und derartige Beispiele liefsen fich noch viele anführen.
Mit diefem nach des Referenten Anficht gröfsten Mangel
des Buches hängt ein anderer zufammen, dafs nämlich
die einzelnen Thatfachen oft ganz unvermittelt im Chro-
nikenftil neben einander geftellt werden. Dies tritt fchon
im VI. Capitel ziemlich ftark hervor, am meiden aber
id es in dem letzten Abfchnitt der Fall, der mir überhaupt
der am wenigden gelungene von allen zu fein
fcheint. Vielleicht hätte der Verfaffer diefen Abfchnitt
wefentlich gekürzt, wenn er O. Winckelmann's Buch:
,Der Schmalkaldifche Bund (1530—1532) und der Nürnberger
Religionsfriede' gekannt hätte, der die in Betracht
kommenden Verhältnifse auch unter Berückfichtigung der
Nürnberger Politik unmittelbar vor ihm in mudergültiger
Weife behandelt hat. Auch der Auffatz desfelben Ver-
faffers: ,Die Bedeutung der Friedensfchlüffe von Kadan
und Wien' in der Zeitfchrift für Kirchengefchichte Jahrg.
1890 fcheint ihm entgangen zu fein, da er fond wohl
nicht S. 149 die Behauptung Ranke's wiederholt hätte,
dafs infolge des Friedens zu Kadan die Proceffe des
Kammergerichtes gegen die Protedanten fidirt feien.
Ein gröfseres Verfehen id auf Seite 139 dehen geblieben.
Der Verfaffer berichtet dort, dafs die oberdeutfehen
Städte aufser Strafsburg auf dem Frankfurter Tage im
Juni 1531 ihre Theilnahme an dem Schmalkaldener Bunde
von derZulaffung der Schweizer abhängig gemacht hätten.
Das id nicht richtig. Vielmehr hatten die Oberländer
den Bund felbd fchon am 3. Februar angenommen. In
Frankfurt handelte es fich nur- um die von den bürden
vorgelegte Bundesverfaffung, deren Berathung die Oberländer
von jener oben erwähnten Bedingung abhängig
machten.

Weimar. H. Virck.

Köstlin, Oberkonfid.-R. Prof. D. Julius, Die Begründung
unserer sittlich-religiösen Überzeugung. Berlin, Reuther
& Reichard, 1893. (IV, 124 S. gr. 8.) M. 2. —

Zum Ausgangspunkt feiner Erörterung nimmt der
Verf. eine kurze Skizze der Sätze Luther's und der re-
formatorifchen Theologie über den Glauben und feine
Begründung (S. 6—18). Im Gegenfatz zu König dellt
er fed, dafs keineswegs die intellectuellen Vorgänge
für Luther das Erde und Begründende im Glauben find:
vielmehr dänden bei ihm assensus und fiducia in unlösbarem
Zufammenhang, fo aber, dafs auf letztere das
entfeheidende Gewicht gelegt werde. Es folgt eine Betrachtung
über die Beweisführungen der nachfolgenden
Dogmatik und Apologetik ,von Grotius bis auf Ed. König
' (S. 19—52). Und zwar wird gezeigt, dafs die fogen.
Beweife für das Dafein Gottes und gefchichtliche Er-