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Ausgabe:

1893 Nr. 25

Spalte:

611-613

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

König, Ed.

Titel/Untertitel:

Einleitung in das Alte Testament mit Einschluß der Apokryphen und der Pseudepigraphen Alten Testaments 1893

Rezensent:

Siegfried, Carl

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6ll Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 25. 612

erfchöpft haben, und wünfchte vom Verf. durch die apo-
kryphifche und pfeudepigraphifche Literatur hindurch
noch auf die letzte fonnige Höhe des Evangeliums geführt
zu werden. Aber freilich verbot dies der Plan des
Buchs. — Einzelne Ausführungen hervorzuheben, bei
denen wir Bedenken haben, darauf verzichten wir in
diefem Falle, wo es uns darauf ankommt, nicht durch
Kleinlichkeiten den Eindruck abzufchwächen, den wir
beim Lefer von diefem fchönen Werke hervorzurufen
und durch den wir ihn zum Genufs desfelben anzureizen
wünfchten.

Jena. C. Siegfried.

König, Prof. Dr. Ed., Einleitung in das Alte Testament mit

Einfchlufs der Apokryphen und der Pfeudepigraphen
Alten Teflaments. [Sammlung theolog. Handbücher,
II, 1.] Bonn, E. Weber's Verl., 1893. (XII, 580 S.
gr. 8.) M. Ii.—

Eine Recenfion, welche diefem fo reichhaltigen und
folide gearbeiteten Buche völlig gerecht werden wollte,
müfste felber beinahe zu einem Buche oder doch zu einer
ausführlichen Abhandlung werden. Dies befonders aus
dem Grunde, weil man in den Punkten, wo man von
dem Verf. abweicht, nicht fo leichten Kaufs loskommt,
denn er hat faft für Alles eine Schaar von Beweifen, die
dann widerlegt oder entkräftet zu werden verlangen.
Wir müffen uns daher auf Ausführung einzelner Hauptpunkte
, im Uebrigen auf Andeutungen befchränken.

Zunächft ein Wort über die Anlage des Buchs.
Wir halten fie nicht für glücklich und auch nicht für
richtig. Wenn auch der traditionelle Name der Einleitung
nebenbei beibehalten werden mag, fo kann doch
nur zum Schaden der Sache von der durch Hupfeld-Reufs
gewonnenen, wiffenfchaftlich allein richtigen Definition
unferer üisciplin als einer kritifchen Gefchichte der Literatur
des A. T.'s abgewichen werden. Dafs die Ausführung
Schwierigkeiten macht (S. 12), kann kein Grund
fein davon abzuftehen und ift auch für den Verf. kein
Grund gewefen, wenigftens theilweife dem in der genanten
Definition liegenden richtigen Grundgedanken fich anzubequemen
. Er behandelt, wie bereits die Inhaltsüberficht
p. X f. zeigt, die prophetifche Literatur fowie die der
Chokma nach der von ihm für richtig angenommenen
hiftorifchen Reihenfolge der einzelnen Werke und auch
in der Darfteilung der hiftorifch-gefetzlichen Literatur
geht er aus von den .älteften Baumaterialien des Penta-
teuch' und läfst dann die drei Verarbeitungun des pen-
tateuchifchen Stoffs (die jehoviftifche, die deuteronomifche
und die efoterifch-priefterliche, wie er fie nennt) nach
ihrer hiftorifchen Reihenfolge vor den Augen des Lefers
vorüberziehen. Auch die hiftorifchen Bücher behandelt
er in den §g 51 —57 nach ihrer von der Kritik feftge-
fetzten Reihenfolge. Warum es alfo nicht gehen foll,
die Entwickelung der Literatur nach ihrer gefchichtlichen
Ordnung darzuftellen, fieht man nicht ein, wenn auch
zuzugeben ift, dafs im Einzelnen oft die Darfteilung
diefes Entwickelungsganges durch kritifche Unter-
fuchungen unterbrochen werden mufs. Ebenfo wäre die
Behandlung der apokryphifchen und pfeudepigraphifchen
Literatur beffer in ihrem ganz natürlichen hiftorifchen
Anfchluffe an die fogenannte kanonifche ausgeführt, ftatt,
wie es beim Verf. gefchieht, mit der Gefchichte des
Kanons verknüpft worden. Hier waren diefe Bücher
wohl in Bezug auf ihr Verhältnifs zur Kanonbildung zu
erwähnen, aber ihre literargefchichtliche Würdigung gehörte
doch jedenfalls als Anhang zu dem Abfchnitt über
die Literatur der kanonifchen Bücher. Anftatt jener
wiffenfehaftlichen Dispofition der Einleitung zu folgen
und auf die Literaturgefchichte die Kanonbildung und
die Gefchichte des Textes, der Ueberfetzungen und der

Auslegung folgen zu laffen, ift der Verf. wiederum zu
einer lediglich empirifchen Raffung des Begriffs der Einleitung
zurückgekehrt und fafst diefe als eine Zufammen-
ftellung ,der Gegenftände, deren Kenntnifs auf eine
fruchtbringende Leetüre fpeciell des A. T.'s vorbereitet'
(S. 8). Aber wir möchten fehr bezweifeln, dafs jemand
auch nur einen Paragraphen diefer hier vorliegenden
grundgelehrten Einleitung verftehen würde, der nicht
bereits eine recht fruchtbringende Leetüre des A. T.'s
getrieben hätte. Und andererfeits fehen wir kaum die
Möglichkeit, die Leetüre des A. T.'s recht fruchtbringend
zu treiben, ohne mit Grammatik, Lexikon, Archäologie,
Geographie, Gefchichte etc. recht gründlich ausgerüstet
zu fein. Man darf bei wiffenfehaftlichen Definitionen
nicht irgend einen praktifchen Zweck als den mafsgeben-
den fetzen, fondern nur mit Kategorien verfahren, die
in der Disciplin felbft liegen. —■ Jene empirifche Definition
hat auch nachtheilig auf die Ausführung eingewirkt.
Der Verf. beginnt mit dem Texte und feiner Gefchichte,
als dem, was uns zunächft in die Hände fällt. Dabei
werden die Ueberfetzungen mit abgehandelt. Das irritirt
den Lefer. Nicht alle Ueberfetzungen kommen ja für
die Textkritik in Betracht, manche intereffiren uns nur
um der Wirkung willen, welche die Bibel durch fie auf
das geiftige Leben der Völker ausgeübt hat. Diefe wie
z. B. die deutfehe Bibel gehören jedenfalls nicht unter
diefen Abfchnitt. Der Verf. hätte fie alfo eigentlich fort-
| laffen müffen. Ihre Behandlung S. 128 f. dicht vor der
! Zufammenfaffung der Ergebnifse der Textgefchichte führt
i den Lefer irre. — Ein handgreiflicher Fehler der DL-
j pofition des Verf.'s, der auf Textgefchichte die Literatur-
! kritik, auf diefe die Gefchichte des Kanons und zuletzt
die der Auslegung folgen läfst, tritt aber im Beginn von
Theil 3 hervor, wo die Kanongefchichte über Theil 2
(Literaturgefchichte) hinweg an Theil 1 anknüpfen mufs,
fo dafs er fich genöthigt fieht, S. 437 die Ergebnifse aus
der Textgefchichte zu recapituliren. —■

Stellen wir aber diefe allgemeinen Bedenken zurück
und halten uns an die Ausführung des Einzelnen, fo
müffen wir uns dem Verf. zu Dank verpflichtet fühlen
für den aufserordentlichen Reichthum des Stoffs und für
die Gründlichkeit, mit der er in die Erörterung der
j einzelnen Fragen eingeht. Es ift kaum eine Seite, auf
der man nicht irgend etwas Neues fände. Seine Belefen-
heit ift wahrhaft phänomenal. Nicht nur Bücher und
Abhandlungen, auch Differtationen, Programme, ja
manchmal einzelne Bemerkungen in Recenfionen find
gebucht, berückfichtigt oder beurtheilt. Es ift fehr
fchwer, dem Verf. in diefer Beziehung hier noch irgend
einen Dienft zu erweifen. Nur auf ein paar Punkte erlauben
wir uns hier aufmerkfam zu machen. Der fonftigen
Vollftändigkeit gegenüber ift uns aufgefallen, dafs der
Verf. nicht näher auf Budde's weitere Zergliederung der
Jahviftifchen Quelle in der, übrigens von ihm mehrfach
erwähnten, Urgefchichte eingegangen ift. Ebenfo vei-
mifsten wir eine nähere Berückfichtigung der Arbeiten
von Kloftermann und Horft über das Heiligkeitsgefetz.
Die neuefte Arbeit darüber von B. Baentfch hat dem
Verf. noch nicht vorgelegen. — Für den Abfchnitt der
Textgefchichte möchten wir auf L. Low, graphifche
Requifiten und Erzeugnifse bei den Juden 1871 aufmerkfam
machen. Zu S. 19 befonders auch auf
A. Harkavy und H. L. Strack, Katalog der hebr.
Bibelhandfchriften der kaiferlichen öffentlichen Bibliothek
zu St. Petersburg 1875, zu S. 24 auf die Mittheilung von
S. Margoliouth in Ac. vom 2. April 1892 über den
Pentateuchcodex des britifchen Mufeums Ms. Or. 4445,
zu S. 33fr. auf die Arbeiten von B. Koenigsberger über
die Maffora im jüdifchen Literaturblatt 1891 Nr. 29—31
und in feiner Schrift: Aus Maforah und Talmudkritik
Heft 1. Berlin 1892. Zu S. ioöff. wäre vielleicht Einiges
aus M. Joel, Blicke in die Religionsgefchichte, 1880 zu
benutzen gewefen.