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Ausgabe:

1893

Spalte:

609-611

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smend, Rudolf

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der alttestamentlichen Religionsgeschichte 1893

Rezensent:

Siegfried, Carl

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 25. 9- December 1893. 18. Jahrgang.

Smend, Lehrbuch der altteftamentlichen Reli-

gionsgefcMchte (Siegfried).
König, Einleitungin das AlteTeftament(Siegfried).
Griinbaum, Neue Beiträge zur [emitifchen

Sagenkunde (Siegfried).
Tiefenthal, Die Apokalypfe des hl. Johannes

(Everling).

Heufsner, Die altchriftlichen Orpheusdarftel-
lungen (Dopffel).

Lud ewig, Die Politik Nürnbergs im Zeitalter
der Reformation (Virck).

Köft 1 i n, DieBegründungunferer fittlich-religiöfen
Ueberzeugung (Kaftan).

Walt her, Die chriftliche Glaubenslehre als

Wiffenfchaft vomLebensmutdargeftellt (Ritfehl).
Bartels, Die Sittenlehre der evangelifch-luthe-

rifchen Kirche (Ritfchl).
Beffer, Bibelftunden, Neues Teftament, 8. Bd.

St. Pauli 1. Brief an die Korinther, 2. Aufl.

(Everling).

Smend, Prof. Dr. Rud., Lehrbuch der alttestamentlichen
Religionsgeschichte. Freiburg i/B., J. C. B. Mohr, 1893.
(XIX, 550 S. gr. 8.) M. 12.— ; geb. M. 14.50.

Nachdem wir im letzten Jahrzehnt von einem wahrhaften
Strom von Bearbeitungen der altteftamentlichen
Theologie überfchwemmt worden find, unter denen auch
die beften dem hiftorifchen Princip nicht voll Rechnung
tragen, ift jetzt endlich in einer höchfi befriedigenden Weife
die Arbeit Vatke's vom Jahre 1835 wieder aufgenommen
worden. Der Verfaffer des oben angezeigten Werkes unternimmt
es auf Grund der literarkritifchen und hiftorifchen
Forfchungen, die uns die neuefte Zeit (befonders durch
Wellhaufen und Stade) gebracht hat, ein Bild der
Eni

religionsgefchichtlichen Entwickelung Israels zu zeichnen,
und zwar giebt er nicht nur Umriffe, fondern formvolle
und farbenfatte Ausführungen. In ausgedehnterer
Weife analyfirt er die Literaturwerke des Kanons,
gruppirt den in ihnen enthaltenen biblifch-theologifchen
Stoff, und nicht in trocknen Schematismen ftellt er ihn
dar, fondern in lebendigem Contact mit Israels Gefchichte
führt er uns das Werden feiner Religion vor. Ein tief
entworfenes, gehaltreiches Buch voller Belehrung und
Genufs bietet er dem Lefer dar. —

Der Aufbau des Werkes vollzieht fich in 3 grofsen
Abfchnitten. Im erften Theile: ,die Religion Israels1
fpürt er dem Urfprung diefer Religion nach, foweit das
eben möglich ift. Wir fehen, wie in diefer nomadifchen
Religion neben dem Dämonencult die Verehrung eines be-
ftimmten Stammesgottes nämlich Jahve's fichBahn bricht,
deffen Dienft von bleibender Bedeutung für die rehgiöfe
Entwickelung werden follte. Aufs Eingehendfte werden
die religiöfen Vorftellungen und Cultformen der älteften
Zeitbefchrieben, wie fie fich geflaltcten, bis der Fortfchntt
des Nomadenftammes zum Bauernvolk gemacht ward.
Diefer Fortfehritt, der hiftorifch mit der Einwanderung
ins heilige Land und der Eroberung desfelben aufs Engfte
zufammenhing, brachte zugleich die Nöthigung für die
israelitifche Religion, fich mit der kanaanitifchen auseinander
zu fetzen. Wir fehen, wie zeitweife Jahve friedlich
neben Baal beficht, bald gar mit ihm identificirt
wird. Aber die Entwickelung Israels zur politifchen
Macht brachte Erftarkung nicht nur des nationalen Gefühls
, fondern auch der religiöfen Anhänglichkeit an den
Jahve, der diefe Siege gegeben hatte. Jahve trat dem
Baal entgegen.

Die Schilderung diefes Kampfes erfüllt befonders den | fchichte fchreiben wollte, war an die Schranken des
zweiten Theil unferer Schrift, der von der Religion der Pro- Kanons gebunden. Ein gewiffes Unbehagen erweckt es
pheten handelt. Die Seher Israels und die ihnen anhangen- doch, wenn man die Bewegung, welche fich zu fo im-
den Bünde der Nafiräer arbeiten auf völlige Befeitigung pofanter Hohe entwickelt hat, bei Koheleth fo traurig
Baal's und des Kanaanitismus hin. Dies konnte aber nur enden Geht Man hat die Empfindung, dafs die grofsen
erreicht werden, wenn Jahve wirklich aufhörte, blofs der Inebkrafte, die in der Sache Becken, fich noch nicht
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Stammesgott Israels, aber im Uebrigen dem Baal wefent-
lich gleich zu fein. Er mufste etwas Höheres werden.
Dies war das Werk der grofsen Propheten des achten Jahrhunderts
. Arnos, Hofea, Jefaja erkannten ihn als den
Gott der Gerechtigkeit. Nur ein ethifcher Gott konnte
als der allein Heilige gelten. Aber die Erkenntnifs
des ethifchen Wefens Jahve's hatte zur Folge, dafs er
ethifche Forderungen auch an fein Volk, ja an diefes
vorzugsweife richtete. Und je länger es offenbar ward,
dafs diefes denfelben nicht genügte, defto klarer ward
es, dafs Jahve es (trafen und verwerfen mufste. Wie die
genannten Propheten dies Gefchick für Israel als unvermeidlich
erkannt hatten, fo Jeremia fürjuda. Es mufste
aus dem verworfenen Volk eine Gemeinde gewonnen
werden, die den wahren Jahvedienft auf fich nahm.

Diefe Entwickelung fchildert der dritte Theil, der von
der Religion des älteren Judenthums handelt. Die Prophetenreligion
wird Gemeindereligion. Die, welche Jahve
wirklich dienen wollen, fchaaren fich zu einem Bunde
zufammen; fie fühlen fich als das wahre Israel, als Gottes
auserwähltes Volk, das ein folidarifches Gemeinfchafts-
gefuhl der gefammten Heidenwelt gegenüber verbindet.
Das ethifche Programm des Deuteronomiums erwies fich
als unzureichend, um eine gröfsere Gemeinde dauernd
zufammenzuhalten. Ezechiel verfuchte für feine Thora
möglichft viel Individuen zu gewinnen. Allmählich
fchweifstc die Noth des Exils eine kleine Gemeinde —
den wahren Israel — zufammen, die feft entfchloffen war,
dem Willen Jahve's nachzuleben. Wohl war es bereits
eine Gefetzesreligion, aber fie war doch noch reich an
innerlichen Zügen (f. die fchöne Schilderung S. 348—375).
Der Kampf mit dem Heidenthum und noch mehr mit
dem innern Abfall zeitigte herbere, abftofsendere Seiten,
ohne doch die anderen eben erwähnten Charakterzüge
ganz zu verdrängen. Die Schilderung diefer fpätjüdifchen
Theologie nach dem Exil S. 375—473 gehört zu dem
Schönften, was je über diefe Sache gefchrieben ift. —
Den Ausgang des Werkes bildet die Darftellung des
jüdifchen Individualismus, wie der Verf. es nennt: d. h.
der Auseinanderfetzung des jüdifchen Geiftes mit den
Problemen, welche die damalige zu einer Theologie gewordene
Religion über die Fragen der göttlichen Weltregierung
und dem, was menfehliche Weisheit erfinnen
und erfinden mochte, Bellte und zu deren Löfung fie
anreizte. —

Der Verf., der eine altteBamentliche Religionsee-

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