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Ausgabe:

1893 Nr. 24

Spalte:

597-599

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Christlieb, Th.

Titel/Untertitel:

Homiletik. Vorlesungen 1893

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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597

Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 24.

59»

Christlieb, weil. Prof. D. Th., Homiletik. Vorlefungen.
Hrsg. von Th. Haarbeck. Bafel, Jaeger & Kober,
1893. (VIII, 356 S. gr. 8.) M. 4.— ; geb. M. 5.20.

Das Manufcript der Homiletik ift von dem verewigten
Verfaffer nicht druckfertig hinterlaffen, alfo auch nicht
zum Druck benimmt worden; aus dem mit ,zahllofen
Randbemerkungen und Beilagen' verfehenen Collegienheft
hat der Herausgeber das Buch druckfertig gemacht.
Referent verfteht den pietätvollen Wunfeh der Söhne
des Entfchlafenen, das Lieblingscolleg des Vaters zum
bleibenden Gedächtnifs den ehemaligen Hörern in Buchform
zu übergeben, ob auch mancherlei Erfahrungen der
Pietät es zu rathen fcheinen, das von dem Verfaffer nicht
für den Druck Beftimmte auch nicht durch den Druck
zu veröffentlichen.

Das Werk wird in vier Capitel gegliedert, denen
Prolegomena (S. 1—51) über Begriff und Aufgabe der
Homiletik, über das Verhältnifs der Homiletik zur Rhetorik
, ein Ueberblick über die Entwicklungsgefchichte der
Homiletik, über ihre Stellung in der praktifchen Theologie
, über Eintheilung und Inhalt vorangcftellt werden.
Das erfte Capitel (S. 52—103) handelt von Begriff und
Wefen, Aufgabe und Zweck der Predigt, das zweite (S.
104—123) über die perfönlichen Erfordernifse zum Predigen
, das dritte (S. 124 — 281) über Stoff und Inhalt,
das vierte (S. 282—347) über die Form der Predigt als
Rede und Vortrag. Ein Namenregifter und ein Sach-
regifter, die beide jedoch an Vollftändigkeit viel zu
wünfehen übrig laffen, fowie ein Regifter der citirten
Bibelflellen befchliefsen das Werk. Ueber die Eintheilung
fei nur dies bemerkt, dafs das Verhältnifs der Homiletik
zur Rhetorik wohl nicht benimmt werden kann, bevor
über Begriff und Wefen, Aufgabe und Zweck der Predigt
gehandelt ift, und dafs diefer Inhalt des erften Ca-
pitels mit dem des zweiten, welcher über die perfönlichen
Erfordernifse fich verbreitet, fo nahe zufammengehört,
dafs die Trennung in zwei Capitel nicht völlig motivirt
erfcheint. Wohlthuend und erhebend berührt der tiefe
Ernft des Verfaffers, der in allen feinen Ausführungen
die Heiligkeit der Sache nicht aus den Augen verliert;
das unabläffige Bemühen, den Hörern bez. Lefern die
Hoheit der Aufgabe, Zeugen Chriffi zu fein, einzuprägen.
Zeugen Chrifti follen Prediger fein; das ift fo fehr dem
Verfaffer die Hauptfache, dafs er am liebften den Namen
Homiletik zu gunften der .Martyretik' daran gäbe. Be-
fonders das zweite Capitel enthält für jeden angehenden
und jeden geübten Prediger viel Beherzigenswerthes, wenn
auch das Urtheil des Verfaffers (S. 104 f.), dafs über die
perfönliche religiöfe Qualität des Predigers in den Homiletiken
nichts, oder nur beiläufig etwas, gefagt werde,
nicht berechtigt fcheint. — Es ift das Bemühen des Verfaffers
, alles, was er über die Predigtwiffenfchaft zu fagen
hat, aus der heil. Schrift abzuleiten; das giebt feinen
Darlegungen zwar einerfeits einen feften Halt, aber erweilt
fich auch, da die nöthige Unterfcheidung fehlt und
die Biblicität in Biblicismus ausartet, als nicht durchführbar
und bringt eine Menge von Widerfprüchen hervor
. Eine reine Gemeinde predigt (S. 52 ff.) erkennt
der Verfaffer nicht an; die Polemik gegen Schlciermacher
und Palmer durchzieht das ganze Buch; nicht nur dar-
Itellendes Handeln, fondern auch wirkfames Handeln
fei die Predigt, und bei dem Zuftand unferer Gemeinden
fei die Gemeindepredigt ftets auch Miffionspredigt. Denn
die Gemeinde beftehe der Mehrzahl nach aus Ungläubigen,
nur die Minderzahl feien Gläubige, der Zweck der
Predigt fei daher befonders Erweckung, dann auch Erbauung
, beides durch das Zeugnifs von Chrifto. Man
fieht, es fehlt dem Verfaffer der Begriff der einheitlichen
, gottesdienftlich verfammelten Gemeinde; er zerfpaltet
von vornherein die Hörerfchaft in Gläubige und
Ungläubige und fetzt den Prediger als Richter ein, ftatt
das grofse, von Gott gegebene Gemeinfame zu betonen,

was in dem liegt, was Gott für fie alle und an ihnen allen
gethan hat. Daran find wir doch im Gemeindegottes-
dienft vornehmlich zu erinnern ; auch die verlorenen
Söhne find Kinder des Vaterhaufes, und heilfam zu
wirken zu Bufse und Glauben, des wir Alle bedürfen,
ift nur durch die Vergegenwärtigung der hohen Güter
des Vaterhaufes. Gleichwohl lehrt der Verfaffer (S. 87),
dafs die evangelifche Predigt fich an eine zur Freiheit
im Glauben berufene, mündige oder immer mehr der
Mündigkeit zuzuführende Gemeinde zu wenden habe.
Bedenklich ift die Stellung, die dem Prediger angewiefen
wird; während die Liturgie die fchon erreichte (?) Giaubens-
ftufe der Gemeinde darftelle (S. 72) und der Liturg
fomit als Mund der Gemeinde in der Gemeinde ftehe,
habe der Prediger feinen Platz (auch local) über der Gemeinde
; es ift eine Art altteftamentlichen Prophetenthums,
die in ihm fich darftellen foll, wenn auch der Verfaffer
feine Lieblingsbezeichnung für den Prediger, er fei der
Canal des göttlichen Wortes, fchwerlich auf diePropheten
würde anwenden wollen. Die Predigt felbft foll den Schrifttext
auslegen und anwenden, fie ift alfo interpretatto
papillaris, um mit A. Hyperius zu reden, und gehört der
Exegefe an; der Gebrauch des Textes ift daher principiell
nothwendig, und nur S. 132 f. wird erwähnt, dafsCl. Harms
anderer Meinung gewefen fei. Gleichwohl wird S. 288
und 296 davor gewarnt, die Predigt zur populären
Exegefe herabfinken zu laffen, da fie ja auch anwenden
(!) folle; und S. 124—138 finden wir eine ent-
fchieden freiere Schriftauffaffung unter dem Gefichts-
punkt, dafs nur Chriftus gepredigt werde; ja S. 324
wird gar gelehrt, dafs der auszuführende Gegenftand
nicht unmittelbar der Text, fondern das Thema fei.
S. 84 lefen wir von einem plötzlichen Drang des Geiftes
auf der Kanzel, von einem Wirkenwollen des Geiftes auf
gerade anwefende Zuhörer, von deren Anwefenheit der Prediger
keine Ahnung habe (ähnlich S. 2S6) — eine Ausführung
, welche jugendliche Prediger faft unfehlbar zu un-
folider Arbeit und zu Enthufiafterei verlockt, während S. 340
entfehieden auf das Concipiren des Wefentlichen und auf
wörtliches Memoriren Werth gelegt wird. S. 89 ff. lieht
eine polemifche Zurückweifung der rein didaktifchen Auf-
faffung von Aufgabe und Zweck der Predigt; und doch
wird S. 109 f. als einziges Charisma des Predigers die
Lehrgabe genannt. Aehnliche Widerfprüche laffen fich
noch mehr anführen.

In dem dritten Capitel, der f. g. matcrialen Homiletik
, giebt der Verfaffer, gewifs für manche Leute fehr
praktifch, eine übergrofse Menge von Bibelflellen zu Texten,
auch reiche Beifpiele von Propofitionen(,Dispofitionen' nennt
fie irrthümlich der Verfaffer) werden gegeben, freilich
nicht immer glücklich formulirt. Vor allem aber — ein
Hauptmangel des ganzen Werkes — wird alle wiffen-
fchaftliche Behandlung, alle Zurückführung auf klare
Grundanfchauungen vermifst (nur S. 186—201, wo über
freie Texte und Perikopenzwang gehandelt wird, auch
S. 259 ff., machen eine Ausnahme); man vergleiche
befonders das S. 272 ff. über Trau- und Leichenreden
Gefagte. Mit dem Stande der homiletifchen Wiffen-
fchaft .mit den Verhandlungen über homiletifche Fragen
werden die Lefer nicht bekannt gemacht; fo werden
fie nicht in den Stand gefetzt, ein felbftändiges Urtheil
fich zu bilden; nur das wirdmitgetheilt, was Chriftlieb für
richtig hält.

Der fchwächfte Theil des Ganzen ift das vierte Capitel.
In der Warnung vor Ueberfchätzung des Formellen ficht
der Verfaffer doch wohl gegen Dinge, die niemand heutzutage
behauptet, und erregt das Mifsverftändnifs, als
dürfe man über jede Form fich unbekümmert hinwegfetzen
. Mit Zuftimmung citirt er das Wort von R. Kübel,
dafs die homiletifche Wiffenfchaft aus etwas, was nun
einmal die Bibel nicht habe, ein verpflichtendes
Gefetz (NB! in formeller Hinficht) nicht machen dürfe.
Merkwürdig ift nur, wie er dabei noch für den Textge-