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Ausgabe:

1893 Nr. 24

Spalte:

587-588

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schumann, G.

Titel/Untertitel:

Die Wellhausen‘sche Pentateuchtheorie, in ihren Grundzügen dargestellt und auf ihre Haltbarkeit geprüft 1893

Rezensent:

Horst, L.

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587

Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 24.

588

letzten chaldäifchen Könige die Herrfchaft über Babel
angetreten hätte, geradezu ausfchliefsen. Dennoch lefen
wir S. 535: ,Je glänzender die Schilderungen lauteten,
welche Deuterojefaja in Uebereinftimmung mit den
Weisfagungen Jeremia's und Ezechiel's von der mit der
Rückkehr aus dem Exile beginnenden Zukunft des Heiles
entwarf, defto leichter konnte fich, da in diefen Schilderungen
zwifchen den Anfängen und der Vollendung
der Heilsverwirklichung nicht unterfchieden war, die irrige
Erwartung bilden, als werde fich an die Rückkehr aus
dem Exil als den Anfang der Heilsverwirklichung fofort
die vollftändige,abfchliefsendeVerwirklichung anfchliefsen.
Um diefer Erwartung und der aus ihr fich ergebenden
Gefahr, dafs die Gläubigen, wenn der Abfchlufs auf fich
warten liefse, darüber an ihrem Glauben irre würden,
von vornherein vorzubeugen, gab Gott einem frommen
Ifraeliten, Namens Daniel, welcher zufammen mit Jojachin
in's Exil geführt und dort von feinem Gotte wiederholt
mit der Enträthfelung bedeutungsvoller aufsergewöhn-
licher Ereignifse vor den chaldäifchen Königen beauftragt
vvorden war, in der Form von Apokalypfen Auffchlufs
über den allmählichen Verlauf, in welchem fich die Heilsverwirklichung
vollziehen werde, und über die Trübfale,
welchen die Gemeinde theils zur Läuterung, theils zur
Züchtigung vor der Heilsvollendung noch entgegen zu
fehen habe'.

Der Raum verbietet mir ein näheres Eingehen auf
die fehr zahlreichen Stellen, wo ich Irrthümer zu finden
glaube. Um fo lieber betone ich, dafs diefes Buch, worin
z. B. S. 555—557 die Identität von Schefchbazzar mit
Serubbabel vortrefflich bewiefen wird, auch viele guten,
fowohl pofitiv als negativ für die Wiffenfchaft förderlichen
Ausführungen enthält, nicht nur intereffante Notizen wie
die von Dr. Blanckenhorn (S. 563). Darum zweifle ich
nicht, dafs gleich mir viele Lefer, mögen fie der theo-
logifchen Richtung des Verfaffers nicht angehören oder
fie billigen, ihm aufrichtigen Dank fchulden werden für
die mannigfache Belehrung, welche fie aus der mit grofser
Liebe und Treue fo lange Jahre gepflegten Arbeit zu
entnehmen haben.

Bonn. Adolf Kamphaufen.

Schumann, Ffr. G., Die Wellhausen'sche Pentateuchiheorie,

in ihren Grundzügen dargeftellt und auf ihre Haltbarkeit
geprüft. Karlsruhe, Reiff, 1892. (93 S. 8.)
M. 1. 20.

Einzelne Verfuche, die Echtheit des Pentateuchs als
eines Werkes Mofes' gegen die böfe Kritik in Schutz zu
nehmen, werden immer noch gewagt: fo in diefem Jahre
katholifcherfeits von Mgr. d'Hulft, proteftantifcherfeits im
vergangenen Jahr von G. Schumann, in einem in fympto-
matifcher Hinficht intereffanten Büchlein.

Es giebt für den Glauben ungefährliche, aber auch
gefährliche literarhiftorifche Theorien. Ungefährlich ift es,
anzunehmen, dafs der Pentateuch aus einem jehoviftifchen,
einem deuteronomifchen Text beftehe, und aus einem
Prieftercodex. Man kann fogar zugeben, dafs entweder
JE und D, oder P.C. nicht aus Mofe's eigener Feder ge-
floffen ift (S. 73 Anm., ein folgenfchweres Zugeftändnifs!),
wenn nur der Inhalt als echt mofaifch anerkannt wird.
Einige Irrthümer und fpätere Interpolationen können
auch angenommen werden, ohne dafs die gute Sache gefährdet
wird. Sonftweifs Herr Schumann alles ganz fchön und
ohne Mühe in Ordnung zu bringen. P.C. giebt fich als
Gefetzgebung aus der erften Zeit des Auszugs und ift
zunächft auf die Verhältnifse der Wüftenwanderung berechnet
. Das Deuteronomium dagegen datirt aus dem
40. Jahr des Auszugs und hat fein Abfehen auf die
unmittelbar bevorftehende Befitznahme des Landes der
Verheifsung und die mit dem Sefshaftwerden des Volkes
wefentlich veränderten Verhältnifse; ferner ift das Deuteronomium
Volksgefetzgebung, der P.C. Prieftergefetz zur
Regelung des officiellen Cultus. ,Wir halten diefe beiden
Gefichtspunkte für ausreichend zur Erklärung der allerdings
bedeutenden formellen und inhaltlichen Verfchie-
denheiten des Deuteronomiums und des P.C.' (S. 59).
Vor etlichen Jahrhunderten nahmen es manche mit den
Schwierigkeiten der traditionellen Anficht bereits nicht
mehr fo leicht, z. B. jener Ibn Efra, welcher fagte: Es
ift ein Geheimnifs um diefe Sache; wer es verlieht, der
offenbare es nicht.

Für den Glauben gefährlich aber ift die Leugnung
der Echtheit des Pentateuchs. Dann geht alles zu Grund:
keine heilige Gefchichte mehr und keine Heilsgefchichte,
fondern Mythen und Legenden; keine Infpiration mehr
des A.T., fondern eine literarifche Fälfchung; die Autorität
der heiligen Schrift ift theilweife ruinirt, Jefus'
Autorität und der Apoftel angetaftet; ,und wie fleht es
mit dem göttlichen, aller Menfchen Gewiffen verpflichtenden
Anfehen des Dekalogs, wenn er nicht von Gott
durch Mofe gegeben, fondern von irgend einem Priefler
zur Zeit des Königs Manaffe verfertigt ift? Vielleicht ift
dann auch der Satz: „Eigenthum ift Diebftahl" discutabel
und die „freieLiebe"einFortfchrittgegenüber dem ö.Gebot'
(S. 47). Ferner: ,Wir wollen den Bogen nicht überfpanncn
mit der Behauptung, dafs die Annahme der Wellhau-
fen'fchen Theorie das göttliche Anfehen der heiligen
Schrift überhaupt und in allen ihren Theilen vernichte,
können aber doch nicht umhin, darauf hinzuweifen, dafs,
wie die Erfahrung lehrt, der in der Pentateuchkritik
herrfchende Geift der Negation auch vor den Schriften
der Propheten, Evangeliften und Apoftel keineswegs Halt
macht und eifrigft an der Arbeit ift, um die ganze Bibel
zu zerpflücken. Darum: caveant consules —!' (S. 46).

Charakteriftifch, nicht wahr? Sonft ift zu fagen, dafs
das Büchlein in drei Capitel zerfällt: I. Wellhaufen's Anficht
über den Pentateuch; II. die gefchichtlichen und
religiöfen Confequenzen der Wellhaufen'fchen Theorie;
III. Kritik der Wellhaufen'fchen Pentateuchkritik.

Strafsburg i. E. L. Horft.

Westphal, Lic. Alexandre, Les sources du pentateuque.

Etüde de critique et d'histoire. I. Le probleme litte-
raire. II. Le probleme historique. 2 vols. Paris, Fischbacher
, 1888. 1892. (XXX, 320 u. XXXVIII, 416 S. 8.)

Der erfte Band der Schrift Alex. Weftphal's, gegenwärtig
Privatdocenten, um den deutfchen Ausdruck zu
gebrauchen, an der theologifchen Facultät von Mon-
tauban, ift bereits 1888 erfchienen. Er enthält eine fehr
ausführliche und forgfältige Gefchichte des Pentateuchs,
um, angefichts der wefentlichen Uebereinftimmung der
Gelehrten in der Quellenfcheidung, zu dem Ergebnifs
zu gelangen, dafs die literarifche Erage nun als gelöft
zu betrachten fei, und das Vorhandenfein der vier
grofsen Quellenfchriften PJED endgiltig feftgeftellt. Seine
eigene Quellenfcheidung theilt er am Anfang des zweiten
Bandes mit, aber ohne für die, allerdings nicht fehr
wichtigen Eigenthümlichkeiten derfelben die Beweife zu
liefern.

Diefer zweite Band erfchien erft 1892. Er ift der
hiftorifchen Frage gewidmet. Das Buch Jofua bleibt
aufserhalb der Unterfuchung; denn der Verf. glaubt, dafs
einige unferer Quellenfchriften fich noch weiter als das
Buch Jofua verfolgen laffen, ja bis in das erfte Königsbuch
hinein; daher mager nicht vom Hexateuch fprechen
und befchränkt feine Arbeit auf die fünf erften Bücher.
Die Unterfuchung beginnt mit einer allgemeinen Charak-
teriftik der Quellenfchriften, welche fich beim Deuteronomium
zu einer vollftändigen ,etude critique1 desselben
erweitert. Eine ähnliche Arbeit wäre für P erwünfeht
gewefen, und auch die Frage von der Zufammenfetzung
von J und E läfst fich nicht mehr einfach bei feite fchieben,