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Ausgabe:

1893 Nr. 2

Spalte:

550-551

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hülsmann, J.

Titel/Untertitel:

Beiträge zur christlichen Erkenntniss für die gebildete Gemeinde. Aus Aufzeichnungen und Briefen. Neue verm. Ausg 1893

Rezensent:

Hartung, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 22.

und das Eigenleben aller Einzelvvefen der Welt in Gott : So ift auch die ganze vorliegende Schrift von fpecula-
findet, wo er erkennt, dafs Wefen (=Gott) den Gliedbau tiven Unterfuchungen über Gottes Wefen und fein
aller endlichen Wefen und den gefammten Verlauf ihres , Verhältnifs zur Welt durchzogen, befonders über Gottes
Eigenlebens, und darin auch unfer Ich und feinen Lebens- : Allwiffenheit im Verhältnifs zum Zukünftigen und zur
verlauf in und unter fich befafst und auch in diefem fich j menfchlichen Freiheit. Mit Recht lautet daher der Titel
darleben will. Aber zugleich mit diefer Erkenntnifs mufs j ,zur Religionsphilofophie und fpeculativen Theologie',
das ganze Gefühl des Gottinnigen Gefühl der Gegenwart 1 Eine Theologie, die fich abmüht, die Art des göttlichen
Gottes um und in uns, fein ganzes Wollen mufs Liebe ' Wirkens auf die Welt, befonders das Transfcendenz- und
zu Gott, fein ganzes Thun mufs ,Gottdarlebung' werden; j ImmanenzverhältnifsGottes zu ihr, zu erkennen, kann viel-
fo wird er fchaufühlwollend Wefens inne, wie es den leicht aus keinem Fhilofophen fo viel fchöpfen wie aus
.Inwefengliedbau' der Welt in fich entfaltet; erft in Gott Kraufe. Wenn feine Gedanken gleichwohl viel weniger
wird er fich felbft heilig und achtbar, fein Geift und fein 1 verwerthet worden find als die von Sendling und Hegel,
Gemüth, fein Leib und feine leiblichen Gefühle (12. 83); i fo liegt der Grund dafür einerfeits, wie Pfieiderer in feiner
und ebenfo wird uns jede menfehliche Gemeinfchaft (Ehe, 1 gewandten Darftellung der Religionsphilofophie Kraufe's
Freundfchaft etc.) erft dadurch geheiligt, dafs wir fie in (Rel.-Pnil.2II,392) mit Recht bemerkt, darin, dafs diefer felbft
Gott fchauen, fühlen und wollen. die Verföhnung feiner Philofophie mit dem kirchlichen

Kraufe fucht diefen feinen Begriff der Religion gegen Dogma nicht gefucht hat, andererfeits in feiner Terminoden
Myfticismus abzugrenzen: während diefer, um zu logie, welche das Lefen auch der vorliegenden Schrift zur
Gott zu gelangen, die Mittelglieder überfpringt, braucht | fchwierigften Ueberfetzungsarbeit macht. Auch
der wahrhaft Gottinnige in feiner zu Gott fich erhebenden j diefe eigenthümliche Ausdrucksweife aber läfst fich beAndacht
keines Gefchöpfes zu vergeffen, nicht fein felbft, j greifen aus dem Beftreben, Gottes ewiges Wefen und fein
nicht des Blümleins, nicht der Blattlaus, nicht des Sonn- | VerhältniszurWelt wiffenfehaftlich zu beftimmen. Die

ftäubchens' (83). Nicht minder entfehieden als Schleier-

des Panth eismus zurück, mit mehr Recht als die zwei letzteren
. Sein Recht dazu liegt weniger darin, dafs er Gott als
,Urwefen' über den Gliedbau der Welt, der nicht Gott, fondern
nur in und an Gott ift, erhebt (.Panentheismus' ftattPan-
theismus) oder dafs er Gott ein Selbftinnefein in Erkennen,
Empfinden, Wollen zufchreibt, als vielmehr darin, dafs er
die einzelne menfehliche Perfönlichkeit nicht als Theilglied
im Ganzen untergehen läfst, fondern als ein mit Freiheit
begabtes und zu ewigem perfönlichem Leben berufenes
Selbwefen anfleht, welches Gegenftand der eigenleblichen
Führung und Erziehung Gottes ift (164) und deffen Gebete
in Gottes Walten berückfichtigt find (44). Aber trotz
alledem gelingt es Kraufe nicht, die Feffeln des Myfticismus
und des äfthetifchen Pantheismus völlig abzuwerfen
. Der erftere ragt fchon dadurch herein, dafs der
Gedanke Gottes nicht auf eine Erfahrung des fittlich
ftrebenden Menfchen, fondern auf ein unmittelbares
Schaunifs unferes Ur-Ich begründet wird, in welchem auch
durch alle Beweife des Dafeins Gottes nur die urfprüng-
liche Gottahnung hervorgelockt wird. Zum äfthetifchen
Pantheismus aber führt die Anfchauung, dafs Gottes zartinniges
Liebe-Wirken für den Menfchen fich nicht der Art,
fondern nur der Stufe nach unterfcheidet von der liebenden
Fürforge, die Gott auch den Naturgefchöpfen widmet,
z. B. dem lechzenden Blatt, dem er feinen Waffertropfen
giebt. So kann Kraufe auch in einem Hymnus des Vanini,
abgefehen von der Form der Bilderreden, die Ahnung
der höchften Wahrheit finden (60-62); er kann davon
reden, dafs Wefen (Gott) in fich auch ich oder mich
wefet (145), dafs Gott im Gebete des reingottinnigen
Menfchen fich felbft anbetet (41) und dafs ich jeden
Menfchen, auch den morddrohenden Räuber, bitten mufs
in dem Sinn: ich bitte Gott, fofern Gott in fich auch du
ift und zugleich über dir und mir ift (58). Daher kommt
auch der Begriff der Schuld und Vergebung nicht zu
vollem Recht: ftatt über den Fehltritt anderer uns zu
ärgern, follen wir urtheilen, dafs fie, wenn fie gekonnt
hätten, auch das Gute gewollt hätten (107); und wenn
wir felbft fehlen und unterliegen, follen wir uns auch
dabei in Geduld tragen und in der Bitte um Vergebung
uns erinnern, dafs wir fähig find, an Gottes Hand wieder
aufzuftehen, unfere innere Gefundheit wiederherzuftellen
und in freiem fchönem Gebrauch unferer Kräfte an Gottes
göttlicher Natur theilzunehmen (16). — In der edelften Ge-
ftalt zeigt fich Kraufe's Ideal der Religion in feinem eigenen
Leben; ergreifende Gebetsworte und -feufzer unterbrechen
die Gedankenentwicklung (bef. H4ff.).

Aber die gefammtefubjectiveFrömmigkeitift durchaus
beherrfcht von den Gedanken des philofophifchen Syftems.

Denkkategorien und Anfchauungsformen, welche für den

macher, Schelling und Hegel weift er aber auch den Vorwurf Wahrnehmungsftoff zutreffen, erweifen fich für jene Sphäre

als inadäquat; es giltalfo, diePhantafie zu einem ahnenden
Schauen zu erweitern. Diefes ahnende Schauen kann man
in Analogie und Gleichnifs oder, wie Plato, in der Form
des Mythus auszufprechen verfuchen; Kraufe dagegen
fucht das Gefchaute auszudrücken, indem er eine neue
Sprache dafür fchafft. Befonders charakteriftifch für die
künftliche Erweiterung der Phantafie find die ungeheuerlichen
WorVufammenfetzungen wie ,urvereinewigverein-
zeitigwefentlich', ,Eigenlebwollbeftimmen' etc., befonders
die zufammengefetzten Präpofitionen, durch welche die
Analogie räumlicher Verhältnifse zugleich angewandt und
verwifcht werden foll, z. B. Gott ift an, in, unter, durch
fich das Individuell-Beftimmte; alles ift ,inunter' oder
,indurch' Gott: Gott ift ,inabeinwirkend'; Gott alsUrwefen
hat die Einzelwefen ,theil-aufser-unterfich' etc. Jenes ganze
Bemühen, das Verhältnifs von Gott und Welt, Ewigem
und Zeitlichem wiffenfehaftlich zu analyfiren, fällt für eine
erkenntnifskritifch gerichtete Theologie dahin. Aber auch
für diefe ift Kraufe's Religionsphilofophie beachtenswerth
als einer der bedeutendften, auch nicht unwirkfam gebliebenen
Verfuche, das Chriftenthum durch eine gefchichts-
lofe theiftifche Religion oder — nach Kraufe's freimau-
rerifchem Ausdruck — durch ,eine rein deiftifche Religion'
(76) zu überbieten.

Giefsen. Max Reifchle.

Hülsmann, f Prof. Gymn.-Religionslehr. J., Beiträge zur
christlichen Erkenntniss für die gebildete Gemeinde. Aus

Aufzeichnungen und Briefen. Neue verm. Ausg.
Mit biographifcher Charakteriftik u. dem Bildnifs des
Verf. Braunfchweig, Schwetfchke & Sohn, 1890. (VIII,
503 S. gr. 8.) 2 M. 4.—

Bücher wie das vorliegende, die aus einer grofsen
Reihe — über 60 — nicht zufammenhängender Auffätze
beftehen, können nicht in allen ihren einzelnen Theilen
befprochen und beurtheilt werden. Der Umftand, dafs
Ref. dies anfangs überfah, hat das Erfcheinen der Anzeige
über Gebühr verzögert. Inzwifchen hat fich durch Einblick
in einzelne Auffätze und Durchdenken der darin ausge-
fprochenen Gedanken ein überaus fympathifchesGefammt-
bild des Ganzen und feines Verfaffers ergeben. Hülsmann
(f fchon 1873) gehörte zu den gottbegnadigten
Männern, deren wir unferer ftudirenden Jugend recht viele
wünfehen möchten, die als Religionslehrer am Gym-
nafium einen unauslöfchlichen Eindruck zurückgelaffen
haben. Da find die ohne Papier und Tinte gefchriebenen
Bücher, in denen fein Name zunächft fortlebte. Da war