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Ausgabe:

1893

Spalte:

537-538

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Everett, Charles Canoll

Titel/Untertitel:

The gospel of Paul 1893

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 22.

28. October 1893.

18. Jahrgang.

Everett, The Gospel of Paul (Holtmann).
Feine, Der Jakobusbrief (Holtzmann).
Harnack, Gefchichte der altchriftlichen Litte-

ratur bis Eufebius, I. Thl. (Harnack).
James, Apocrypha anecdota [= Texts and Stu-

dies ed. by Robinson II, 3] (Preufchen).

Kraufe, Zur Religionsphilofophie und fpecu-
lativen Theologie (Reifchle).

H ü 1 s m a n n, Beiträge zur chriftlichen Erkenntnifs
(Härtung).

Julian, A Dictionary of Hymnology(v.Gebhardt).

Haupt, Biblifches Kafual-Text-Lexikon. 3. Aufl.
(Achelis).

Kaftan, Suchet was drobenift! Predigten (Hans).
Funcke, Jefus und die Menfchen (Hans).

Everett, Prof. Dean Charles Canoll, The gospel of Paul.

Boston, Houghton, Mifflin & Co., 1893. (XIII, 307 S.
8.) geb. $ 1,50.

Der Verfaffer diefer fcharffinnig und methodifch zu
Werk gehenden Abhandlung ift Profeffor der Theologie
der Harvard-Univerfität und Dekan der unitarifchen
Divinity shool in Cambridge bei Bofton. Er ift bereits
als theologifcher Schriftfteller vortheilhaft bekannt. Zuletzt
veröffentlichte die neugegründete Zeitfchrift The
new world 1892, S. 14 f. von feiner Hand einen Artikel
über den hiftorifchen und den idealen Chriftus, daraus
feine Vertrautheit mit Problemen, wie fie von der gegenwärtigen
deutfchen Theologie verarbeitet werden, erhellt.
Den gleichen Eindruck macht vorliegende Leiftung, die
in Parallele zu bekannten Beftrebungen in unferer Mitte
auf Eliminirung der Begriffe von ftellvertretender Ge-
nugthuung und zugerechneter Gerechtigkeit aus dem
Paulinismus, ja überhaupt aus der biblifchen Theologie
gerichtet ift. Zwar giebt er gelegentlich zu, dafs diefelben
dem Spätjudenthum nicht fremd find. Aber nichts follen
fie (ungeachtet der von Schmiedel im Hand-Commentar
zu 2 Kor. 5, 21 Excurs 4b angeführten Gegengründe) zu
thun haben mit dem Opfer, für welches durchaus nur
die bei Heiden und Juden allein mafsgebende Vorftellung
einer der Gottheit dargebrachten Gabe in Geltung bleibt.
Für die ältere Chriftenheit beweift Epistola ad Diognetum
3, 4.5 das Gleiche, während aus 9, 2—5 hervorgehen foll,
dafs diefem Autor wenigftens keine beftimmte Vorftellung
von der Verföhnung zu Gebote geftanden habe.
Vor Anfelmus hat die jetzt herkömmliche Lehre überhaupt
keinen Beftand gehabt; und auch feine Theorie
ftützt fich auf Betrachtungen über das was ,conveni?
oder ,non convenit, nicht aber auf Exegefe der pauli-
nifchen Briefe. Gleichwohl wird letztere bis zur Stunde
betrieben, als ob in der anfelmifchen Lehre ihr felbft-
verftändlicher Auslegungskanon gegeben wäre. Dann
müfste alfo Chriftus gekreuzigt worden fein in Folge des
auf der von ihm übernommenen Sünde der Menfch-
heit lallenden göttlichen Fluches, während doch in der
für unfern Verfaffer durchaus mafsgebenden Stelle Gal.
3, 13 das Gegentheil fteht: er wurde ein Fluch, weil er
gekreuzigt war, den Tod in einer Form erlitt, welche
levitifche Unreinheit mit fich brachte; feine Leiche verunreinigte
das Land. Ebenfo wird Paulus, wenn er
Gal. 2, 19.20 durch das Gefetz dem Gefetz geftorben,
mit Chriftus gekreuzigt ift, fagen wollen, dafs er mit
ihm die gefetzliche Unreinheit theile, als Chriftgläubiger
aus der jüdifchen Theokratie ausgefchloffen fei, vgl. Hebr.
13, 10—13. Einen Gekreuzigten als Meffias anerkennen
hiefs co tpso mit dem Gefetz brechen. Als Exilirter
des Judenthums mufste Paulus ein gefetzfreies Chriften-
thum verkündigen und der Angelpunkt feiner Predigt

mufste das Kreuz des Meffias in Verbindung freilich mit
der den Fluch wieder aufhebenden Auferftehung fein.
Giebt es für den Chriften kein Gefetz mehr, fo folgt
auch aus den Uebertretungen des Gefetzes keine Schuld
mehr; der Schuldfchein ift an's Kreuz genagelt und vertilgt
Kol. 2, 13. 14; 1 Kor. 15, 56; Hebr. 9, 15. Eben
damit ift auch die Scheidewand zwifchen den bisher getrennten
Theilen der Menfchheit niedergeriffen, die Aufnahme
der Heiden in das Gottesreich ausgefprochen
Eph. 2, 11—20. So weit reicht der fefte Gedankenzu-
fammenhang, während Ausfprüche, welche eine Zurechtlegung
vom Heilswerth des Todes Chrifti vermitteln: der
Terminologie des Opferrituals enthalten, mehr der beweglichen
Bildnifs- und Gleichnifs-Sprache angehören.
Infonderheit müffen nach Gal. 3, 13, welche Stelle fo
freilich ganz aus ihrer natürlichen Verbindung mit Gal.
3, 10 losgelöft erfcheint, ausgelegt werden die loci classici
2 Kor. 5, 21 und Rom. 3, 25, weil fonft verfchieden
nebeneinander herlaufende Verföhnungstheorien fich ergeben
würden. Letzteres wird freilich für keine Unmöglichkeit
und auch für kein Unglück halten, wer
den umgekehrten Weg gehend 2 Kor. 5, 21. Rom.
3, 25 die sedes doctrinae, in Gal. 3, 13 eine gelegentliche
und beftimmt motivirte Nuancirung und Zu-
fpitzung des gemeinfamen Gedankens erblickt, welchem
überdies z. B. in Rom. 6—8 eine ganz anders, theils
myftifch, theils ethifch geartete Theorie zur Seite fteht.
Letztere entwickelt unfer Verfaffer allerdings erft am
Schluffe auf 13 Seiten, während er felbft fagt, dafs fie
die eigentliche Subftanz des Paulinismus enthalte, das
Uebrige nur als Einleitung und Vorbau in Betracht
komme. Am wenigften wird man ihm folgen können,
wenn er, um die Verbindung der Sündenvergebung mit
der Kreuzigung als einen, dem Evangelium des Paulus
eigenthümlichen, der Urchriftenheit fremden Zug zu er-
weifen, einerfeits fich auf das Fehlen einer folchen Com-
bination im Jakobusbrief beruft, andererfeits 1 Kor. 15, 3
naoelaßov ort XocOxbq dne&avsv vnsq xwv dpctoxiojv r^iöv
nach 1 Kor. II, 23 naotXaßov mib rov yivoiov auslegt,
wobei auch dem Sinne letzterer Stelle, fofern fie mit
Gal. 1, 11 —17 combinirt wird, Gewalt gefchieht.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Feine, Privatdoc. Oberlehr. Lic. Dr. Paul, Der Jakobusbrief
, nach Lehranfchauungen und Entftehungsver-
hältnifsen unterfucht. Eifenach, M. Wilckens, 1893
(VII, 153 S. gr. 8.) M. 3.-

Wer nur die erften beiden Capitel gelefen hat, wird
allerdings kaum zu fagen wiffen, was vorliegendes Buch
will und foll. Denn über ,Jakobus und feine Namensbrüder
im N. T.' (S. 1 f.) werden nur Dinge mitgetheilt,

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