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Ausgabe:

1893 Nr. 21

Spalte:

530-531

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hart, James W. T.

Titel/Untertitel:

Judas Ischarioth. Eine Selbstbiographie. Charakterstudie 1893

Rezensent:

Hartung, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 21.

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welcher Weife die Chriften im römifchen Reich felbft fich
deffen bewufst geworden find.

Der dritte Theil (S. 514—604) handelt von den
Räthfeln der Gefchichte und vom Ertrag der Ge-
fchichte d. h. vom Fortfehritt und von der Weltvollendung
. Die Räthfel find: ,die Völkerbewegungen
und Völkerparoxismen', ,die Schwingungen im Völkerleben
', ,die Mafien und das Herrenthum', ,die Weltre-
gierung*. Der Fortfehritt ift phyfifch, intellectuell,
fittlich religiös, letzteres nicht in dem Sinn, dafs über
die Anfänge in Chrifto hinaus ein Fortfehritt für den
Einzelnen möglich fei, fondern nur die öffentliche
Meinung', man könnte fagen, der Volksgeift, wird mehr
und mehr von den fittlich religiöfen Gedanken beherrfcht.
Die Weltvollendung aber befteht darin, dafs ,die
Ueberfetzung des hohen Bildes des Mittlers aus der
Einheit in die Vielheit, die Ausbreitung der im Haupte
gegebenen Herrlichkeit auf die Vielen der zur Herrlichkeit
zu fuhrenden' zum Abfchlufs gekommen ift.

Freilich wie wird es mit dem Fortfehritt werden,
der unleugbar der Befitz der Gegenwart ift? Wird, wie
die littliche Zerfetzung des Volksgeiftes und erfchreckende
Kataftrophen befürchten laffen, fein Gebäude einmal
zufammenbrechen, wenn ein grofser Sturmwind kommt?
Hat, was wir jetzt Ertrag der Gefchichte nennen, irgendwie
eine Garantie der Dauer, oder warum ift es in der
That werth, dauernd zu fein? Oder find die wirklichen
Erträge der Gefchichte, ,die durch höhere Regierung
und Anordnung gefichert find' nur im Gottesreiche, ,im
engften von den drei concentrifchen Kreifen', um den
fich die beiden andern, die Menfchenwelt und die Naturwelt
in weiteren Ringen herumlegen, nur ,im Befitz
der Kinder Gottes' zu finden?

Das führt auf ein weiteres, auf ein Räthfel, das in
den oben erwähnten Räthfeln mit enthalten ift, auf das
Verhältnifs des Individuums zum Ganzen in der Gefchichte
. Denn mit dem Ganzen hat es die Gefchichte
zu thun, bei jedem Volk, in jeder Periode, und doch
lind es die Einzelnen, die Luft und Leid empfinden, die
Wahrheit und Gerechtigkeit fordern. Wie weit kommt
der Fortfehritt der Gefchichte den Einzelnen zu Gute,
wird er von ihnen empfunden oder müffen fie fich be-
fcheiden? Und das Verhältnifs der Einzelnen will auch
bei dem gröfsten Räthfel, bei dem der Weltregierung
Gottes beachtet werden. ,Nur aus der Gefchichte verliehen
wir Gott und nur in Gott verliehen wir die Gefchichte
'. Das ift eben fo gewifs wahr, wie das andere,
dafs uns diefe Thatfache über ,das bruchfiückartige Ver-
ftändnifs in der Gefchichte zu dem Organismus hinauf-
weift, in dem Himmel und Erde fich berühren'.

Aber welche Stelle nimmt die Mitarbeit desMenfchen
an diesem Werke ein? Auch in dem grofsen Haupttheil des
Ganzen, in der gefchichtlichen Darfteilung, die durch
alle Völkerkreife hindurchführt, ift die Darfteilung des
Antheils. den Einzelperfönlichkeiten an dem Gang der
Gefchichte haben, die fchwächere Seite. Und wird nicht
auch in der Vollendung der Dinge der menfehliche
Factor zu feinem bleibenden, felbfiftändigen Rechte
kommen?

Das find Fragen, wie fie uns befonders im Vordergrunde
ftehen, wenn wir eine Philofophie der Gefchichte
gelefen haben. Sie werden nicht übergangen, fie werden
beantwortet, aber in der Fülle des Gegebenen treten fie
nicht hervor, wie wir möchten, und wie fie verdienen.

Ueberhaupt ift diefe Fülle dem Verftändnifs des
Ganzen ebenfo hinderlich, wie fie andererfeits es intereffant
und belehrend macht. In einzelne Sätze ift oft eine
Menge philofophifcher Gedanken und gefchichtlicher
Beziehungen zufammengedrängt, dafs man fie wiederholt
lefen mufs, um auch darin enthaltene Anfpielungen zu
verliehen. Dazu geht auch die Sprache vielfach wie auf
dem Cothurn einher. So kann ich fagen, dafs feiten die
Arbeit und Zeit, die ich auf ein Buch verwendet habe, fo im

Mifsverhältnifs zu dem Ergebnifs, nicht zu dem inneren
für den Lefer, fondern zu dem äufseren, das fich in den
kurzen vorftehenden Zeilen ausdrückt, geftanden haben.
Es ift ja nicht möglich, auf alle die Einzelheiten einzugehen
, die, wie es die Natur eines folchen Werkes mit
fich bringt, nur angeführt, nicht ausgeführt, fich uns entgegendrängen
. Manches, was ich fagen wollte, habe
ich wieder zurückgeftellt. Wie der Verfaffer felbft durch
die Kritik, die er vor 15 Jahren in feiner Preisarbeit lieferte
, zu feinem felbfiftändigen Werke angeregt wurde,
fo könnte auch feine Darfteilung nur in einer pofitiven
Flntwickelung die entfprechende Beurtheilung finden.

Das ift kein Tadel, fondern vielleicht die belle Anerkennung
, die ihm ausgefprochen werden kann. Denn
diefe Darfteilung würde aus der Sammlung, Sichtung,
Auffaffung des gebotenen Stoffes fehr viel lernen können
und auch den Hauptgedanken nur zuftimmen und fie beftä-
tigen. Denn es ift wahr, was fchon der erfte Band fagte
und der zweite zu Ende beftätigt: Das Syftcm der Ge-
fchichtsphilofophie trägt fich nicht felbft, es muls getragen
werden, getragen werden von Vorausfetzungen,
die fich an fich nicht beweifen können, die aber eine befriedigende
Ueberficht des Völkerlebens allein ermöglichen
. Und auch diefe Arbeit giebt, wahrhaft befriedigend
allerdings, wie Verf. felbft anerkennt, nur für die,
die jene Voraufetzung theilen, den Beweis, dafs nur von
der chriftlichen Welt- und Gefchichtsanfchauung aus Ge-
ftalt und Einheit in das Getriebe der Weltgefchichte
gebracht werden kann.

Leipzig. Härtung.

Hart, Rev. James W. T., M. A., Judas Ischarioth. Eine
Selbftbiographie. Charakterftudie. Uebertragen ins
Deutfche v. H. Ballhorn. Leipzig, Dürr'fche Buchh.,
1893. (110 S. gr. 8.) M. 2.—

Der Weinbergsbefitzer Judas in Karioth fehnt fich
über die engen Verhältnifse feiner Vaterftadt hinaus. Er
hält nichts von dem Glauben und den Hoffnungen feines
Volkes, felbft von den weltlichen Meffiashoffnungen
nichts. Wenn es nur nicht zu viel Steuern giebt, dann
mögen die Römer immerhin im Lande herrfchen. Aber
er felbft möchte reich und mächtig fein. Da hat er gehört
, dafs am galiläifchen See durch Fifchfang viel zu
verdienen fei, verkauft fein kleines Befitzthum, wandert
nach Galiläa aus und wird dort zunächft Fifchergchilfe
bei dem Schiffsherrn Zebedäus und feinen Söhnen Johannes
und Jakobus. Es ift die Zeit, in der Jefus auftritt
. Jakobus und Johannes verlaffen ihr Gewerbe, um
ihm nachzufolgen. Judas wird Capitän des grofsen
Schiffes an Stelle des Jakobus, den Kopf fchüth !nd über
die Schwärmerei der Brüder und erfreut, dafs er nun
die erfte Staffel zu Macht und Reichthum erftiegen hat.
Er felbft hat manches von Jefu gehört, ift auch Zeuge
des wunderbaren Fifchzugs gewefen, perfönlich hat er
keinen Eindruck von ihm empfangen. Da bringt ihm
Andreas die Ladung Jefu, zu ihm zu kommen. Er hört ihn
predigen. Mächtig ergreift ihn befonders die Verheifsung,
dafs feine Jünger auf zwölf Stühlen fitzen und die
zwölf Gefchlechter Ifraels richten werden. Sie
bildet in den Hoffnungen auf weltlichen Gewinn, die
fie erweckt, fpäter in ihrer Nichterfüllung, den Angelpunkt
der Entwickelung. Zögernd nimmt Jefus den Judas
als Jünger auf, der, obfehon ihn äufsere Rückficht zu
ihm geführt, doch durch den gewaltigen Eindruck feiner
Perfönlichkeit auch innerlich gefafst wird. Er folgt nun
dem Siegeszug des Herrn, den er mit den Jüngern als
Mehlas erkennt, immer von neuem erwägend, wie diefer
mächtige, aber doch fo milde Mann den Heeren der
Römer begegnen werde, mit denen es doch einmal zum
Zufammenftofs kommen muffe. Da erfährt er eines Tages,
dafs der römifche Wucherer Aeneas, bei dem er fein kleines