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Ausgabe:

1893 Nr. 21

Spalte:

527-530

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rocholl, R.

Titel/Untertitel:

Die Philosophie der Geschichte. 2. Bd. Der positive Aufbau 1893

Rezensent:

Hartung, Bruno

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527 Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 21. 528

Rechtfertigungsglaube, pfychologifch dargelegt werden,
nicht aus; da verwendet der Verf. felbft inhaltsvollere
Begriffe, häufig auch bildliche Ausdrücke, wie gelegentlich
den, dafs ,das Drama der Comoedia Divina auf Golgatha
eine ariftotelifche „Reinigung" in fich berge'. —■
Wir wollen hoffen, dafs der Verf., deffen Schrift ,über
die Principien der Ethik und Religionsphilofophie Lotze's'
fich Anerkennung, auch in diefer Zeitung (vgl. Col. 87 f.)
erworben hat, in der ,Pfychologie des Glaubens', die er
in Ausficht ftellt, uns durch forgfaltige, folide Arbeit darin
fördere, chriftliches Glaubensleben und chriftliche Glau-
benserkenntnifs in ihrer Art und Begründung zu verliehen.
Vorerfl läfst fich über feine ,theologifchen Zukunftspläne'
nur fagen, was er felbft von der Schrift ,Rembrandt als
Erzieher' fagt, dafs ,feine Gedankenblitze aus pfycholo-
gifchen Raketen leuchten'.

Giefsen. Max Reifchle.

Rocholl, R., Die Philosophie der Geschichte. 2. Bd. Der

pofitive Aufbau. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht,
1893. (XVI, 612 S. gr. 8.) M. 12.—

Im Jahre 1878, alfo vor 15 Jahren, ift der erfte Band
erfchienen als preisgekrönte Löfung einer von der phi-
lofophifchen Facultät zu Göttingen geftellten Aufgabe:
,Die Philofophie der Gefchichte, Darfteilung und Kritik
der Verfuche zu einem Aufbau derfelben'. Damals
fchon hatte der Verf. den Vorfatz gefafst, der Kritik
eine felbftftändige Arbeit folgen zu laffen. Eine Fülle
gefammelten und geachteten Stoffes beweift, dafs fie nicht
nur der Gedanke, fondern die Arbeit diefer Jahre ge-
wefen ift. Jeder Satz des umfangreichen Bandes legt davon
Zeugnifs ab. Wir erhalten keine Syftematifirung in fertigen
oder werdenden Kategorien, auch keine Gefchichts-
philofophie, als wäre die Gefchichte Naturgefchichte und
darum die Gefchichtsphilofophie Naturphilofophie. Die
Einflüffe des Natürlichen, wie Klima, Bodengeftaltung,
auf das Leben der Menfchen und Völker werden anerkannt
, aber auch ihre Schranken nachgewiefen. Denn
wie der Menfch, fo gehört auch feine Gefchichte einer
doppelten Welt an, der geiftigen und der phyfifchen,
und hinein ragt und wirkt der göttliche Factor. Der
Zweck ift das Geheimnifs aller Bewegung und Ent-
wickelung, und vom Zweck aus, der innerhalb der
Menfchheitsgefchichte, aber auch aufserhalb zu fuchen
ift, ift allein Philofophie der Gefchichte möglich, aber
auch zum Verftändnifs der Gefchichte nothwendig.

Hat ein kürzerer erfter Theil bis S. 68, der von den Fac-
toren und der Arbeit der Gefchichte im Allgemeinen handelt
, in diefem Sinne die allgemeinen Gefichtspunkte entwickelt
, fo führt ein zweiter Haupttheil S. 69—511, der
uns befonders feffelt, in die Gefchichte aller Völker. In
drei grofsen Völkerkreifen hat die Menfchheit vor Chrifto
fich entwickelt, dem turanifch-mongolifchen, wo
die Pleimath der Weltgefchichte ift, dem indogerma-
nifchen, als deffen örtlicher Zweig die Inder, als deffen
weltlicher die Völker Europa's anzufehen find, dem rö-
mifchen, denn das römifche Reich ift das grofse
Becken, in dem die vorherige Gefchichte fich fammelt,
Indogermanen und Semiten, Morgenland und Abendland.
Diefe Kreife entwickeln fich nacheinander, aber ragen
auch ineinander hinein. Die Geifteswelt China's und Indiens
zeugt noch heute vom erften und zweiten Völker-
kreife. Nachdem fie fich entwickelt und zugleich er-
wiefen haben, dafs fie aus fich felbft heraus den Zweck
der Weltgefchichte nicht erfüllen können, kommt die
Mitte der Zeiten in Chrifto, der logifch, phyfifch, ethifch
die Vermittelung und Verföhnung bringt, logifch, fofern
das Unendliche, deffen Betrachtung im Morgenland,
im Endlichen, deffen Betrachtung im Abendland
überwiegt, erfcheint, phyfifch, fofern die Erlöfungs-

fehnfucht, die durch alle Völker geht, in ihm erfüllt
ift, ethifch, fofern er das Ideal der Menfchheit ift.
Von ihm aus geht nun die Gefchichte wieder durch die
drei Völkerkreife hindurch, aber in umgekehrter Ordnung.
Denn im römifchen Völkerkreife, zu dem auch Ifrael gehört
, ift Chriftus geboren und das Chriftenthum entftanden.
Von da hat es fich zu den Indogermanen fortgepflanzt.
Und in unferen Tagen erleben wir es, wie auch der erfte
Völkerkreis, der lange Zeit dem Leben der Gefchichte
entzogen war, wieder dahin eintritt. Der Humanitätsgedanke
wird Wahrheit und wird Wirklichkeit, aber
es fcheiden fich die in ihm befchloffenen Gegenfätze,
auf der einen Seite die auf fich geneilte, Gott fich entfremdende
Menfchheit, die einmal im Menfchen der
Sünde nach Verwirklichung ringen wird, auf der andern
Seite das gottgewollte, aus Chriftus geborene Menfch-
heitsideal, das an der Erfcheinung deffen, durch den die
Menfchheit geworden ift und neu geworden ift, feinen
Abfchlufs finden foll.

Der diefer ganzen Entwickelung zu Grunde liegende
Gedanke wird durch eine Fülle von feinen Bemerkungen
und überrafchenden Thatfachen, wie allgemein giltigen
Beobachtungen bewiefen. Es ift wahr, wenn wir Miffion,
wie Civilifation zu den uralten Völkern und Culturen
Abens wandern fehen, dann empfinden wir, wie wir dem
Ende eines Kreislaufs nahe kommen, deffen Anfang der
Anfang der Menfchheit ift — inwiefern reicher, als im
Anfang? — das ift die grofse Frage, die die philofo-
phifche Betrachtung der Gefchichte beantworten foll.
Es hätte indefs, was bei dem Reichthum der Einzelheiten
zurücktritt, noch mehr hervorgehoben werden können, dafs
auch in jenen Völkerkreifen, fofern fie Völkerperioden
find, die Menfchheit, wenn auch manchmal keinem einzelnen
Gliede bewufst, ein Gefammtleben lebt. Denn
wie in der Symphonie manchmal diefem, manchmal jenem
Inftrument das Leitmotiv übertragen ilt, während
doch alle Stimmen zufammenklingen, fo würde ein
Ohr, das alles erlaufchen könnte, auch in dem
grofsen Völkerconcert jede einzelne Nation an ihrer
Stelle finden; eben das find die gefchichtlichen Völker,
denen der leitende Gedanke, der den Fortfehritt der
Zeiten bedeutet, übertragen wurde.

Nun ftimmen wir felbftverftändlich dem Verf. bei, dafs
Chriftus die Mitte der Zeiten ift, und es kann nicht ener-
gifcher betont werden, als er es thut, dafs nur vom Chriftenthum
aus eine befriedigende Löfung feiner Aufgabe möglich
ift. Aber wir wiederholen die Frage, die ihm fchon bei
der Anzeige des erften Bandes in.diefen Blättern vorgehalten
wurde, warum er die eigentlichen Schriftgedanken,
die befonders bei Paulus die Grundlinien einer Philofophie
der Gefchichte ziehen und dann fchon von den erften chrift-
lichen Schriftftellern und weiterhin ausgeführt werden,
nicht mehr hervorgehoben hat. Gewifs, es mufs ein fol-
ches Werk aus feinem Stoff heraus fich entwickeln, In-
duetion und Deduction aufeinander folgen laffen. Aber
was dabei herauskommt, find doch jene chriftlichen
Grundgedanken. Die ganze Arbeit ift im betten Sinne
eine Apologie des Chriftenthums, aber fie würde es noch
mehr fein, wenn fie es deutlicher erkennen liefse, dafs
das, was hier aus der Betrachtung der Gefchichte gewonnen
ift, auch den erften und heften Vertretern des
Chriftenthums geläufig gewefen ift. Was heifst es z. B.,
dafs die Vermittelung und Verföhnung für die vorchrift-
liche Zeit ,logifch, phyfifch, ethifch' in Chrifto gegeben
ift? Wer ordentlich darüber nachdenkt, verfteht es.
Aber viel fchlichter und klarer, und dabei nicht minder
wahr, läfst es fich ausdrücken, dafs Chriftus die Erfüllung
der Zeiten ift. So find an die Stelle der verfchmähten
doch wieder andere Kategorien getreten. Es ift wahr,
dafs der römifche Völkerkreis das Bette ift, in dem die
Ströme der Gefchichte vor Chrifto münden und von dem
fie nach Chrifto ausgehen, aber es hätte diefen Gedanken
nur heben können, wenn wir deutlicher erführen, in