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Ausgabe:

1893 Nr. 21

Spalte:

524-525

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Maisch, G.

Titel/Untertitel:

Religion und Revolution nach ihrem gegenseitigen Verhältnis in drei Geschichtsbildern: I. Das Reich der Wiedertäufer zu Münster (16. Jahrh.), II. Die Revolution der Independenten in England (17. Jahrh.),

Rezensent:

Eck, Samuel

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523 Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 21. 524

ift das Werk des Jac. Polius doppelt, unter Nr. 6 u. Nr. 9, ! fein. Doch wäre eine ftrengere Correctur gut gewefen.

aufgeführt.

Von Druckfehlern — abgefehen von Kleinigkeiten —
fielen auf: S. 9 Z. 6, wo zu lefen in dubitationem; S. 67
Note 3: erwerwen (Ein Wort); S. 70 Z. 23 diefem (ft.
diefer, da es fich auf ,Dogma' bezieht); S. 74 Z. 8, schal
men (in 2 Wörtern); S. 79 in der Urkunde Z. 8 v. ü. ift
ft. andorum wohl anderem zu lefen; ebenfo S. 81 Z. 12
ft. yemier: ymmer; S. 83 Z. 14, laudem; S. 83 Z. 5 v. u.
der Antwerpener Drucker heifst nicht A. von Liesneldt,
fondern: Adriaen van Liefsueldt (Liefsveldt); S. 84 Nr. 8
ft. vond: vnnd; Nr. 10 war das vh des Originaldrucks
nicht in vnn, fondern in vnd aufzulöfen; S. 89 Z. 16
Dahme (ft. Dohme); S. 94 Z. 4 v. u. Jacobs.

Oberrad. Enders.

Luthers Werke für das christliche Haus. Hrsg. von Diac.
Lic. Dr. Buchwald, Prof. D. Kawerau, Confift.-R.
Prof. D. Köftlin, Pfarrern D. Rade, Ew. Schneider
u. A. Vollftändiges Namen- und Sachregifter. Bearb.
von Pfr. Rieh. Seil. Braunfchweig, Schwetfchke &
Sohn, 1893. (III, 92 S. 8.) M. —.90.

Mit Recht ift der Braunfchweiger Ausgabe von
Luther's Werken ein Regifter beigegeben worden, um
allen Lefern den reichen Gehalt derfelben leichter zugänglich
zu machen. Die leitenden Gefichtspunkte für
die Anlage desfelben: leichte Auffindung aller wichtigen
Lehren, Gedanken, Namen und Sachen, Zufammenftel-
lung der Hauptbegriffe und Gliederung derfelben, wie
Abendmahl, Chriftus, Glaube, Kirche, Vermeidung von
Weitfchweifigkeiten find nur zu billigen. Aber fie find
nicht confequent durchgeführt. Z. B. Official, Official-
buben, Officiales liefs fich in eines zufammenfaffen.
Manches liefse fich entbehren, wie Görresgefellfchaft und
Janffen. Vollftändigkeit ift von einem derartigen Regifter
nicht zu verlangen. Hier hat fich der Verfaffer redlich
bemüht, Hauptbegriffe der Dogmatik und Ethik wie
Glaube, Obrigkeit etc. möglichft vollftändig zu behandeln,
und fein Fleifs ift nur anzuerkennen. Aber Namen und
Sachen, welche für das Verftändnifs der mittelalterlichen
Welt wichtig find, mit der Luther aufzuräumen hatte,
werden vielfach fchmerzlich vermifst, z. B. egyptifche
Tage 7,56, Fünfmeffen 3,365, Guldenmeffe 3,365, Hele-
keppelin 7,62, Hungertuch 3,396; 7,201, Milchglaube
6,84, Niclasbifchöfe 3,386, Papftmonat 1,234, Seelbad
(ergänze) 3,394, Vierwochen 3,394, Wichtel 7,62. Zu
goldenes Jahr fehlt 1,246; 3,385. Neben Bifchofshut

wäre Bifchofsmantel 1,117,235 aufzunehmen. Ganz be- I — von Bezold, Gefch. der deutfehen Reform. S. 697.
fonders ift bei der Wichtigkeit der Heiligenwelt und 709 — ,in dem Radicalismus der Reformation, bei den
des Heiligencults für unfere Erkenntnifs des Volks- I fogenannten Wiedertäufern das uralte asketifche Ideal,

Ein Regifter darf keine falfche Namen wie Sachi ftatt
Sacchi, keine falfchen Worte wie Letzte ftatt Letze,
ossertorium ftatt offertorium bieten.

Nabern bei Kirchheim u/Teck. G. Boffert.

Maisch, G., Religion und Revolution nach ihrem gegenseitigen
Verhältnis in drei Gefchichtsbildern: I. Das Reich der
Wiedertäufer zu Münfter [16. Jahrh.], II. Die Revolution
der Independenten in England [17. Jahrh.], III. Die
Revolution der Freidenker in Frankreich [18. Jahrh.]
dargeftellt. Leipzig, R. Werther, 1892. (VIII, 215 S.
gr. 8.) M. 3.—

Auf dem Wege ,der lebensvollen gefchichtlichen
Anfchauung' will der Verf. das Verhältnifs zwifchen Revolution
und Religion ,diefer ausnehmend focialen
Geiftesmacht' verfolgen. In den drei Revolutionen des
16—18. Jh., zu Münfter, in England und Frankreich,
glaubt er ,alle denkbaren Phafen und Wandlungen' diefes
gegenfeitigen Verhältnifses darlegen zu können. Das
wird ihm nun wohl ebenfo wenig zugeftanden werden,
wie die Behauptung, dafs die gefchilderten Revolutionen
,alle drei, mittelbar oder unmittelbar, auf den umwälzenden
und grundlegenden Ideen der Reformation des
16. Jh.' beruhen. Beides geht auf denfelben Fehler zurück
, auf die ,doctrinäre' und nicht ,gefchichtliche' Behandlung
,der Religion'. Der Verf. operirt faft durchweg
mit einem Allgemeinbegriff von Religion, ohne die bebenderen
gefchichtlichen Erfcheinungsformen derfelben
genau im Auge zu behalten. Die Frage nach der prin-
cipiellen Stellung von Katholizismus, Lutherthum und
Calvinismus zur Revolution taucht bei ihm nirgends auf.
Und doch durfte diefe Frage gar nicht umgangen werden,
wenn ,alle denkbaren Phafen und Wandlungen' jenes
Verhältnifses auch nur geftreift werden füllten. Zudem
war der Verf. diefen grofsen Ausprägungen ,der Religion'
feit dem 16. Jh. es geradezu fchuldig, darauf einzugehen.
Denn die drei von ihm gefchilderten Revolutionen fpie-
len fich auf dem Boden je einer der drei Confeffionen
ab. Ift es nun blofser Zufall oder foll es der Eigentümlichkeit
der betreffenden Confeffion entfprechen,
dafs ,die Religion' fich in Münfter, auf dem Boden des
Lutherthums, am aggreffivften, in Frankreich, auf dem
Boden des Katholizismus, am paffivften beweift? Im
erfteren Falle darf der Verf. daran erinnert werden, dafs
jetzt auch ein Hiftoriker, dem dogmatifche oder gar con-
feffionelle Engherzigkeit nicht vorgeworfen werden wird,

glaubens confequente und vollftändige Behandlung
der Heiligennamen zu erwarten. S. Laurentius ift
S. 48 genannt, es fehlt aber 7,78. Weiterhin fehlen
Agnes 1,250, Anna 7,79. 3,385. S. Agatha'sfeft 3,399.
S. Marx Proceffion 3,398 . 7,64. S. Blafius Feft 3,399,
S. Stephans Haber 3,399. Die wichtige Stelle 7,7 u. ff.
hätte ganz ausgezogen werden follen. Hier genügt die
Bemerkung S. 38 .Aufzählung der Abgötterei bei ver-
fchiedenen Heiligen 7,72 ff.' nicht. Wie wichtig ift
Luther's Nachweis der Zerfplitterung der Andacht durch
die Heiligen! Jeder Beruf, jedes Handwerk, jedes Volk
hatte feinen eigenen Heiligen 7,89. Uns Kindern des
19. Jahrhun ierts ift es fo fchwer, die eigenartigen Gedankengänge
in den Vorftellungen des Volks über feine
Heiligen zu verfolgen. Wie gerne leugnen die ultramontanen
Eiferer, dafs oft der blofse Name Anlafs gab, den
Heiligen ihre eigenartige Hilfsthätigkeit zuzufchreiben,
wie S. Valentin in der Fallfucht, S. Vincentius beim
Finden verlorener Dinge 7,75. Hier hätte das Regifter
mit wirklicher Vollftändigkeit gute Dienfte geleiftet, aber
das kleine Büchlein wird auch fo manchem Lefer nützlich

wie es der Weltanfchauung des Mittelalters zu Grunde
liegt', als treibende Kraft anerkannt hat. Von hier aus
wird auch die englifche Revolution ein anderes Geficht
bekommen. Ihr Charakter ift viel complicirter gewefen,
als die Darfteilung des Verf.'s erkennen läfst. Allerdings
hat die politifch-religiöfe Art des Calvinismus viel ent-
fchiedenere Antriebe zu rückfichtslofem Handeln als das
,leidfame' Lutherthum. Aber diefer Hintergrund macht
das bunte Gewirr independentifcher Charakterköpfe noch
nicht verftändlich. Der Verf. nennt unter feinen »Quellen'
Weingarten's Revolutionskirchen nicht. Ich vermuthe,
-dafs er dies Buch auch nicht benutzt hat. Es hätte ihm
fehr dienlich fein können, nicht nur zu einem befferen
Verftändnifs der Leveller (S. 114. 127. 207 vgl. Weingarten
S. 286 ff.) und Quäker, die unter den Gefichts-
punkten, die der Verf. verfolgt, nicht mit einem kurzen
Satz abgethan werden durften (S. 140), fondern für den
ganzen Ton und die allgemeine Färbung feiner Darftel-
lung. Cromwells .krankhafte Schwermuth' beifpielsweife
dürfte in jenem Jahrhundert des religiöfen Bufsenthufias-
mus eine andere Bezeichnung verdienen als englifchen