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Ausgabe:

1893 Nr. 21

Spalte:

521-523

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schaumkell, E.

Titel/Untertitel:

Der Kultus der heiligen Anna am Ausgange des Mittelalters. Ein Beitrag zur Geschichte des religiösen Lebens am Vorabend der Reformation 1893

Rezensent:

Enders, Ernst Ludwig

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 21.

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aux peintres de manuscrits eleves dans Lecole de Saint- I würde fich der Mühe lohnen, nachzuforfchen, inwiefern
Call', als vielmehr für ein Verzeichnifs von llluftrationen, die gegen Ende des 15. und zu Anfang des 16. Jahrweiche
der Schreiber des Cod. d vielleicht in der grie- ; hunderts zahlreich entftandenen Annen- und Selbdritt-
chifchen Handfchrift, welche ihm als Vorlage diente, fand j Bildwerke (d. h. Darftellungen, welche Anna, Maria und

und der Reihe nach kurz befchrieb, ohne zu beachten,
dafs fie fich nicht in der urfprünglichen Ordnung befanden
. Vielleicht gehörten zu der verfprengten Markusgruppe
noch die bei Matthäus aufgeführten Bilder 7iagu-
bvcixog portans yqaßaixov (y.qüßazzoo kommt bei Matth,
nicht vor) und Ya'iong (der Name fehlt bei Matth.). Aber
auch fonft finden fich Confufioncn. Petrus auf dem Meere

das Jefuskind geben) auf Einflufs der Franziskaner oder
auch der mit ihnen in gleicher Weife für die Ausbreitung
der Immaculata conceptio thätigen Karmeliten zurückzuführen
find. In den zu Ehren der heil. Anna verfafsten
Schriften, eines Trithemius z. B., tritt diefer Zufammen-
hang noch unverkennbarer auf, wie fich auch aus den
vom Verf. aufgenommenen Belegftellen ergiebt.

{dominus mattUM pctro mergenti porrigit) gehört nicht j im 3> (Schlufs-)Capitel unterfucht der Verf. die ,Be-
zu Lukas, fondern zu Matthäus (14, 28 ff.), und die Auf- I deutung der heil. Anna für das religiöfe Leben jener Zeit',
erweckung des Lazarus erfcheint an falfcher Stelle (vor der die er darin findet, dafs die tief religiöfe Sehnfucht,
Hochzeit zu Kana). j welche damals neben, oder vielmehr trotz des allgemein

Auf die kunflgefchichtlichen Erörterungen, welche herrfchenden kirchlichen Verderbens die Gemüther er-
B. an feinen Fund knüpft, kann hier nicht näher einge- i fünte, ihre Befriedigung in einer leidenfchaftlichen Vergangen
werden. Mögen fie aber auch noch fo gegrün- 1 ehrung der Heiligen fucht, in deren Mitte die heil. Anna
detem Widerfpruch begegnen, fo wird man jedenfalls ftehtj welche als Mutter der Jungfrau ebenfo wie diefe
dem Herrn Verf. für diefe anregende kleine Schrift dank- zu einer Heilandin des menfchlichen Gefchlechts gemacht
bar fein. 1 wurde, die, wie Maria um Fürbitte bei ihrem Sohne,

Leipzig. O. v. Gebhardt.

ebenfo um ihre Fürbitte bei Maria angefleht wurde.

Ein Anhang, welcher neben zwei Urkunden htera-
rifche Nachweife über die Annen-Legenden, -Hymnen,
-Gebete, -Bilder und -Bruderfchaften giebt, bildet den

Schaumkell, Gymn.-Lehr. Lic. E., Der Kultus der heiligen

Anna am Ausgange des Mittelalters. Ein Beitrag zur j $^hTufs"

Gefchichte des religiöfen Lebens am Vorabend der j In Bezug auf Einzelnes bemerken wir noch: zu S. 9,
Reformation. Freiburg i/B., J. C. B. Mohr, 1893. (V, uber den wahrfcheinlichen Urfprung des Namens der
92 S. gr. 8.) M. 2. — j Grofsmutter Jefu, den weder die Evangelien noch die

Am Vorabend der Reformation, in den letzten zwei j Gerichte ke"n|n> V8L Ne"le in ^en ^Ibh:/r ProTteft'
Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts, gelangte eine bis dahin ! TheoL l8f S 642 der ihn aus dem Magn.ficat Luc.
in Deutichland ziemlich wenig beachtete Heilige zu be- [ 2> 35, vgl mit i. Samuel. 1,2 ableitet. - Zu S. 22.
fonderer Verehrung, nämlich die angebliche Grofsmutter I Paf v.°n Alexander VI. 1494 approbirte Gebet zu der

Jefu, die heilige Anna. Sie wurde die Modeheilige, deren
Cultus ,wie eine religiöfe Epidemie ganz Deutschland
ergriff und innerhalb weniger Jahre felbft den Marien-
dienft faft überwucherte' (Kawerau), und zwar nicht nur
bei dem gemeinen Manne, da auch die Gebildeten, die

heil. Anna findet fich fchon unter einem im Germa-
nifchen Mufeum befindlichen Ablafsbild aus demfelben
Jahre, den Selbdritt vorflellend, dann weiter auf 2 Holz-
fchnitten aus dem Jahre 1496, von denen der eine in
Nürnberg (oder Regensburg?) durch Meifter Gafpard, der

Humaniften, ein Erasmus, Eobanus Heffus u. A, es nicht i andere in der Schweiz gefertigt wurde, wo das Gebet
verfchmähten, in ihrer Verehrung durch Gedichte zu wett- die Ueberfchnft fuhrt : ,Pür die Peftilenz'; ebenfo haben
ejfern es die verfchiedenen Ausgaben des Hortulus animae und

Wie diefer Cultus, deffen Anfänge auf das Morgen- ! <jTes Officium b. Mar. Virg. aufgenommen. - Der S. 87
land und bis in's 4. Jahrhundert zurückweifen, in Deutfch- gr. » angeführte Annen-Hymnus des Erasmus fleht nicht
land fich am Ausgang des Mittelalters ausbreitete, wie ' "ofs in W.cels Schrift von 1557, fondern auch in des
der heil. Anna nicht nur Meffen, Bruderfchaften, Kirchen Erasmus ^/>. z. B. ed. Oerie V, 1326 - Zu S 87. Zu
und Wallfahrten geftiftet, fondern ihr zu Ehren eine Sjen . * teften Darftellungen des Selbdritt gehört ohne
heute noch blühende Stadt - Annaberg in Sachfen - Zweifel das aus dem Jahr 1351 flammende Siegel d

h

umgetauft wurde, (teilt der Verf. unter guter Beherrfchung
des ziemlich weitfehichtigen Materials im r. Capitel ,Die
Verbreitung des Annencultus' dar. Unferes Erachtens
hätte hier nur mit mehr Nachdruck hervorgehoben werden
follen, wie die Annenverehrung in Zufammenhang fleht
mit der durch die Franziskaner eifrig im Volke verbreiteten
, allerdings erft in unferer Zeit zum katholifchen
Dogma erhobenen Lehre von der immaculata conceptio.
Es wird diefer Zufammenhang von dem Verf. S. IO zwar
vorübergehend geftreift, aber nicht näher auf ihn eingegangen
. Wie frühe aber fchon beides^ in Verbindung
miteinander gefetzt wurde, beweift die Thatfache, dafs
die angeblich von der Kaiferin Helena an dem Orte, wo

die immaculata conceptio ftattfand, nämlich dem Haufe v«i gegeoenen

des heil. Joachim und Anna in Jerufalem, an Stelle einer Ausgabe neben einander:
der Tradition nach von den Jüngern Johannis des Täufers " Legende ss. matronae Annae, Legenda fettssime matrone
errichteten Capelle ,zu Ehren der unbefleckten Empfängnifs genitricis Manae matris et anne genetricis ig/s ina-rie
der allerfeligften Jungfrau' erbaute Kirche unter dem- Jesu Christi aviae. Lubecae matris: hiefiu crifli auie.—
felben Titel, nach ihrer Wiederherftellung aus den Trüm- impressumperM.Lotter 1498. Impreffum Lyppk p Mel-
mern im 10. Jahrhundert den Namen ,St. Annenkirche' 16. Octobris feliciter tcrvu- chiorem Lotter. Anno dm.
erhielt und bis auf den heutigen Tag führt. natum. M.CCCC.xcviij. xvi. vero

Noch entfehiedener aber tritt diefer Zufammenhang octobris kalendas foelicitcr

hervor, wenn wir von dem mehr das ftatiftifche Material terminatum.
darbietenden erften Capitel zu dem zweiten uns wenden, In ähnlich ungenauer und unvollftändiger Weife ift

welches von ,St. Anna in Wort und Bild' handelt. Es der Titel von Nr. 6 gegeben. — Zu S. 92, Annenliteratur

es

Klolters Annenborn in Weftfalen, welches Anna"fitzend
und die Maria tragend, die felbft wiederum das Chriftus-
kind trägt, zeigt, vgl. W. L. Schreiber, Manuel de Vama-
teur de la gravure sur bois et sur metal au XV. siede.
Berlin 1892. T. II, 7. — Zu S. 82, Nr. 9. Die hier angeführte
, von Melchior Lotter gedruckte Annen-Legende ift
nicht in Lübeck (Lubecae), fondern in Leipzig gedruckt,
wo auch fchon im J. 1497 Lotter eine folche ausgehen
liefs. Der Verf. fcheint durch eine falfche Aufiöfung
des Siglums Lyp^k auf Lübeck gekommen zu fein.
Ueberhaupt ift der Titel diefer Ausgabe, bei dem der Verf.
anmerkt, dafs der volle Titel bei Falk fehlt, auch
von dem Verf. fehr ungenau wiedergegeben. Wir (teilen
den vom Verf. gegebenen und den wirklichen Titel diefer