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Ausgabe:

1893 Nr. 20

Spalte:

494-497

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haupt, Paul (Ed.)

Titel/Untertitel:

The Sacred Books of the Old Testament. Part 17 1893

Rezensent:

Budde, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 20.

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von der Frage nach dem Verfaffer und der Entftehungs-
zeit des Urflorilegs, die Elter behandeln wird, möglich j
erfcheint. Ohne hier Erfchöpfendes geben zu wollen,
möchte ich einige Gedanken hervorheben, die für
den Standpunkt des chriftlichen Bearbeiters befonders
charakteriftifch find. Zunächft fpringt einem Jeden dne
Marke asketifche Tendenz in die Augen. Die eyxgaxeia
ift die Grundlage der Frömmigkeit (Nr. 86a. 294. 438
vgl. Hermas), das ganze Leben ein Kampf um heiliges
Leben (202=573). Man foll den Befitz aufgeben (264 a),
den weltlichen Dingen (14 ff'.), wie xotg xov owuaxng (78.
71a) entfagen, auch das Werthvollfte in den Schmutz werfen
(81). Die dvaloanxog ovota ift nicht Gottes (325), und
vom Fleifche ftammt nichts Gutes (271). Bedürfnifslofig-
keit und Befitzlofigkeit macht gottgleich. Und diefer
Grundfatz wird angewendet auf alle Gebiete des Lebens.
Viele Nahrung hindert die Keufchheit, Unmäfsigkeit verunreinigt
(,108a b, f. auch 265. 270. 345. 413), Fleifch-
enthaltung ift zu empfehlen (109). Die Verbindung von
Unmäfsigkeit und Unkeufchheit wird wie bei Clem. Alex,
auch fonft angedeutet (240. 428), und damit werden wir
auf die Auslagen über die Ehe geführt. Es ift erlaubt,
die Ehe zu meiden, um in beftändiger Gemeinfchaft mit
Gott zu leben1); und heirathen und Kinder zeugen foll
nur, wer fich klar gemacht hat, welchen Gefahren er fich
damit ausfetzt (230 a b vgl. Clem. Paed. II 94). Unkeufchheit
in der Ehe ift gleich dem Ehebruch (231, ebenfo
Clem. a. O. II 99). Denn die Ehe foll ein Ringen nach
ey/.güxeia fein (239). Der befte Schmuck des Weibes
ift die ouHpgoovri] (235), wie auch Clem. oft fagt. Wenn
Nr. 13. 273 für das Verleiten zum Böfen bei Matth. 5, 29
das Verführen zur Unkeufchheit eingefetzt ift, mufs der
Verfaffer auch an Selbftentmannung gedacht haben2).
Für Scherzen und Lachen werden zum Theil mit Clem.
Paed. II 45—56 genau übereinftimmende Vorfchriften
gegeben (278 fr.) 253 a eoxiv aorpnv xott vnvog eyygdcxeia
wird am bellen erläutert durch Clem. a. 0. II 77 ff. —
Den negativen, auf Enthaltung fich beziehenden Vorfchriften
flehen gegenüber unermüdliche Ermahnungen
zum Wohlthun. Nur die bezeichnendften feien erwähnt.
340 wird der Waifen gedacht. 267 wird, wie öfters in
der kirchlichen Literatur, empfohlen zu fallen, um Arme
nähren zu können, 47 das Almofen als Opfer bezeichnet.
Mit einer auf anderm Gebiete üblichen Uebertragung
heifst das reine Herz Irvaiaaxrigiov Gottes (46 b, die
Wittwen feit Polykarp oft fo genannt). 324 fcheint
gegen den Kriegsdienft gerichtet zu fein, 364 (363. 321.
322) auf Verfolgungen fich zu beziehen. Charakteriftifch
find noch die Aeufserungen über die Wirkfamkeit der
Dämonen (39. 305. 348. 349), die Lehre von der unter
Umftänden erlaubten Lüge (159. 165 c d), die wohl fonft
zuerft bei Clem. Alex, auftaucht (über Philo f. meine
Neu entd. Fragm. S. 88. 90), endlich die Aeufserungen
über den Kyniker (461—464, f. auch 392), die mit dem
oben angeführten Urtheil der Chriften und auch mit dem
Standpunkte des Clem. (Paed. II 78. 93) zufammentreffen.
Auch fonft finden fich bei dem Verfaffer, dem Chriften-
thum und Philofophie keine Gegenfätze, die Chriften die
Weifen find, auf den Philofophen bezügliche Aeufserungen
(227. 278. 392). Wenn 230 a wirklich mit 229 urfprüng-
lich durch yag verbunden wäre, was nicht wahrfcheinlich
ift, fo würde für den Philofophen Ehelofigkeit als die
Regel vorausgefetzt werden.

Es ift wohl nicht Zufall, dafs die Sentenzen des Sex-
tus gerade mit Clem. Alex, die zahlreichften Berührungen
aufweifen, dafs ferner, worauf hier nicht genauer eingegangen
werden kann, ftoifche Termini und Lehren einer-
feits, ein platonifcher Gottesbegriff und platonifche Ideen

1) Vgl. die Folgerungen, die z. B. Tatian bei Clemens (Hilgenfeld,
Ketzergefch. 390) und Tert. aus I Cor. 7, 5 ableiten.

2) Zur Ergänzung von Harnack's Bemerkung über das Verbot der
Entmannung (Medicinifches S. 275) ift zu vergleichen Bernays, Heraklit.
Briefe S. J08.

von Reinigung, Erleuchtung, Vergottung andererfeits in
ganz ähnlicher Mifchung mit chriftlichen Vorftellungen
bei Sextus wie bei Clem. auftreten. Wir werden vielmehr
kaum irren, wenn wir die Uebereinftimmung durch gleiche
Zeitanfchauungen und Bildung beider Autoren erklären
und die Schrift des Sextus in ihrer jetzigen Geftalt
etwa ans Ende des erften Jahrhunderts anfetzen. Einen
fichern terminus ante quem giebt die Erwähnung in Ori-
genes' Schrift gegen Celsus und desfelben Matthäus-
commentar. Die chriftliche Bearbeitung heidnifcher
Schriften legt ein befonders deutliches Zeugnifs ab für
die Verbindung und den Ausgleich des Chriftenthums
mit dem Hellenismus, der erreicht wurde, indem der fich
immer religiöfer ftimmende Hellenismus und das immer
mehr verweltlichte Chriftenthum fich auf halbem Wege
begegneten. Die Sprüche des Sextus find nicht das
einzige Beifpiel einer folchen Uebertragung der helle-
niftifchen Gedankenwelt ins Chriftliche. Auch Epiktet's
Enchiridion hat chriftliche Ueberarbeitung erfahren,
und Clemens hat grofse Stüeke aus Mufonius' loyal
fei nem Paedagogus einverleibt. — Zum Schlufs fei noch
hingewiefen auf die Uebereinftimmung von Sextus 243
ulrjirng 7iunojv ovx ai> e^tvgoig- onaviov yag xb ayu'anr
mit Philo Leg. all. I 32 (Harris S. 90) onäviov eaxi xb
aya&nv, xb de xaxbv rcolvyovr. öiä xovxxo ooipbv y.al
nioxbv /tiev evgelv evu /.wvov i'gyov, (pavlwv de xb nlrjd-og
dvagiO-^rjxov, von 283 mit Philo, Neu entd. Fragm. S.
39 und Clem. Paed. 1 81 (f. Gildemeifter S. 48), von 306
mit dem Briefe des Calanus (S. 192 Hercher = Philo Q.
o. pr. I. 14), von 183. 184 mit Philo, De iudice 1.

Berlin. p. Wendland.

Books, the sacred, of the Old Testament. A critical edition
of the Hebrew text, printed in colors, with notes by
eminent biblical scholars of Europe and America,
edited by Prof. Paul Haupt. Part 17. Leipzig, J. C.
Hinrichs, 1893. (Lex.-8.) M. 3. 50.

Inhalt: The book of Job. Critical edition of the Hebrew text
with notes by Prof. C. Siegfried. English translation of the notes
by Prof. R. E. Brünnow. (50 S.)

Die Anzeige diefer erften Lieferung eines neuen
Unternehmens hätte ich unter anderen Umftänden abgelehnt
, weil ich felbft einer der Mitarbeiter bin. Indeffen
find feit ihrem Erfcheinen fo viele Anfragen darüber an
mich gelangt, das Ganze fcheint dem Publicum gegenüber
noch fo fehr das Anfehen einer Sphinx zu haben,
dafs meine Mitarbeiterfchaft und Mitwifferfchaft mir vielmehr
ein Grund für die Annahme diefer Anzeige geworden
ift.

Eine gewiffe Ueberrafchung und Rathlofigkeit diefer
neuen Erfcheinung gegenüber ift wohl begreiflich, und der
Herausgeber und Verleger find nicht ganz unfchuldig daran.
Das Titelblatt fpricht lediglich von einer Ausgabe des
hebräifchen Textes und erweckt fo den Anfchein, als
wenn damit der ganze Umkreis des Unternehmens gezogen
wäre. Für dasjenige aber, was beim erften Auf-
fchlagen fofort das Auge auf fich zieht, was dem Unternehmen
recht eigentlich feinen Stempel aufprägt und
in engerem Kreife fchon den Scherznamen ,Regenbogenbibel
' eingetragen hat, den dreifachen farbigen Ueberdruck,
fucht der Lefer in den Anmerkungen vergeblich nach
einer Erläuterung. Endlich, auf der inneren Seite des
Umfchlags, findet er zwar die Aufklärung, dafs blau
; parallele, grün polemifche, roth in orthodoxem Sinne
berichtigende Einfchübe bezeichne; aber für die Gründe
der vollzogenen Ausfcheidungen fieht er fich auf ,die
erklärenden Anmerkungen zu der englifchen
Ueberfetzung des Buches' verwiefen. Das ift das
erfte Wort, das er davon hört, nicht einmal eine buch-
händlerifche Anzeige ift ihm zugekommen. Ift diefe Ueberfetzung
fchon erfchienen, und wo, und in welchem Verhält-