Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1893

Spalte:

489-494

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Norden, E.

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Geschichte der griechischen Philosophie 1893

Rezensent:

Wendland, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N£= 20.

30. September 1893.

18. Jahrgang.

Norden, Beiträge zur Gefchichte der griechi-

fchen Philofophie (Wendland).
Zeller, Ueber eine Berührung des jüngeren

Cynismus mit dem Chriftenthum (Derf.).
Elter, Gnornica I (Derf.).

The sacred books of the Old Testament ed. by

Haupt, P. 17: The book of Job ed. by

Siegfried (Budde).
Novum Testamentum secundum editionem S.

Hieronymi recc. Wordsworth et White.

P. I fasc. 3 (v. Gebhardt).
Kunze, Das.neu aufgefundene Bruchftück des

fogen. Petrusevangeliums (v. Schubert).

Lundborg, Det Petrusevangeliet (Derf.).
Völter, Petrusevangelium oder Aegypterevan-

gelium? (Derf.).
V e r i n g, Lehrbuch des katholifchen, orientalifchen

und proteftantifchen Kirchenrechts (Frantz).
De Galatia Romana provincia (Ramsay).
Schlufswort hierzu (Schürer).

Einiges aus philologischer Literatur.

I. Norden, E., Beiträge zur Geschichte der griechischen
Philosophie. Leipzig, Teubner, 1892. (Fleckeifens
Jahrb. Suppl.-Bd. XIX S. 368—462. gr. 8.)

H. Zeller, E., Ueber eine Berührung des jüngeren Cynismus
mit dem Christenthum. Sitzungsber. der preufs. Akad.
d. Wiff. 1893.

III. Elter, A., Gnornica I. Sexti Pythagorici, Clitarchi,
EuagriiPontici sententiae. Leipzig, Teubner, 1892. (LIV
S. gr. 4. u. 4 S. gr. 8.) M. 2.40.

Der Zweck diefer Zeilen ift es, auf einige philolo-
gifche Erfcheinungen hinzuweifen, die die chriftliche
Literatur nur gelegentlich berühren und der Beachtung
der Theologen leicht entgehen könnten.

I. In feinem Buch über die heraklitifchen Briefe
hatte Bernays gezeigt, dafs der 4., 7. und 9. Brief von
einem Juden oder Chriften gefälfcht fei, für den 4. Brief
aber eine heidnifche Grundlage angenommen, die erft
fpäter chriftlich überarbeitet fei. Die überzeugende
Widerlegung diefer letzten Annahme giebt Norden Gelegenheit
, S. 387 ff. 457 auf intereffante Berührungen der
chriftlichen Literatur mit dem Heidenthum hinzuweifen.
Wenn Bernays an der Verwerthung des Heraklesmythus
Anltofs nahm, fo möchte ich noch verweifen auf die
in meinem Neu entdeckten Fragm. Philo's behandelte
Nachbildung der prodikeifchen Allegorie durch Philo.
Wenn Norden als felbftverfländlich vorausfetzt, dafs
diefe das Original für die chriftliche Literatur von den
zwei Wegen ift — ein Gedanke, den De Lagarde fchon
vor Entdeckung der Jiduyj ausfprach —, fo fcheint er
mit der neueren theologifchen Literatur nicht fehr vertraut
zu fein. Norden zeigt, dafs von Juden und Chriften
religiöfe und mythologifcheVorftellungen desHeidenthums
befonders verwandt wurden in Schriften, die fich an ein
weiteres Publicum wenden (für Philo f. noch ein Beifpiel
in meiner letzten Schrift S. 86), ferner in folchen Schriften
, die in feft beftimmten Formen antiker Literatur ge-
fafst find (Briefe, Gedichte, rhetorifche Schriften). Aber
auch in efoterifchen Schriften werden Ausfagen nach-
gewiefen, die lebhaft an die Freiheit der Humaniften
auf diefem Gebiete erinnern. Die Aeufserungen chrift-
licher Schriftfteller über heidnifche Literatur hätten,
z. B. aus Hieronymus und Auguftin, vermehrt werden
können. — Für die Vergötterung des Heraklit, die Bernays
bedenklich erfchien, weift der Verf. auf die Idee der
Vergottung des Weifen1) bei Philo hin. Auch an

chriftlichen Parallelen fehlt es bekanntlich bis auf
Athanafius' Theologie (Harnack, Dogmengefch. I3 103. 156)
nicht. Vor Allem aber fei auf die gerade neuerdings
befeftigte Erkenntnifs hingewiefen, dafs Heraklit's Weisheit
nicht nur durch die Kanäle der ftoifchen, fondern
auch der fkeptifchen und medicinifchen Literatur verbreitet
wurde, wodurch feine Hochfehätzung auch bei
Angehörigen der biblifchen Religionsformen und die
häufige Benutzung in der chriftlichen Literatur fich erklärt
(Patin, Heraklitifche Beifpiele, Neuburg 1892 S. 4;
Sepp, Pyrrhoneifche Studien Freifing, 1893). Auch für
die Hochfchätzung der natdeia als des letzten Zieles
alles Strebens führt Norden chriftliche Parallelen an, und
an vielen Beifpielen liefse fich zeigen, dafs, wie früher
die Philofophie fich als Gipfel und Krönung der (enkyk-
lifchen) Wiffenfchaften zu betrachten pflegte, fo das
Chriftenthum fich wieder der Philofophie als höhere
Weisheit entgegenfetzte und über fle erhob, gar nicht
zu gedenken der Carricatur des tpilnabepog ßtng der
Asketen. Die S. 395 folgende Unterfuchung über den
28. Brief des Diogenes führt tief hinein in die inter-
reffanten Beziehungen zwifchen Kynismus und Chriftenthum
. Dem durch den pöbelhaften Ton des Briefes
(Anfang "Ei/.ijoiv oißUij'ßCetv, Aerzte Henker der Menfch-
heit, Herabfetzung des ganzen antiken Lebens 1)) beleidigten
Feingefühle von Bernays wollte es nicht eingehen,
dafs ein Grieche, wenn auch nur ein Epigone fchlech-
tefter Zeit, an diefem Machwerk Theil habe; ein Chrift
follte es verbrochen haben. Norden zeigt, dafs der
polternde Ton des Kynikers an Schroffheit hinter der
gehäfflgften Polemik des Chriften nicht zurückftand und
dafs eine gewiffe Verwandtfchaft zwifchen Chriften und
Kynikern auf beiden Seiten empfunden wurde. Den
Kynikern wirft Julian Or. 7 S. 224 BC vor, dafs fie wie
die Chriften das Vaterland verlaffen, ein vagabundirendes
Leben führen, der militärifchen Organifation des Reiches
die gröfsten Schwierigkeiten bereiten. Dafs derfelbe
den Chriften ihre Verwandtfchaft mit den Kynikern vorgerückt
habe, wird aus Eunomins Apol. c. 17 ge-
fchloffen, wo N. unter dem Jioytvovg enaivhyg eben
Julian verlieht. An Ausfagen des Johannes Chryf.

1) Für diefen ftoifchen Gedanken verweife ich auf Bernays, Die heraklitifchen
Briefe S. 135

489

i) Ad I. Vgl. Lucian, Vitarum audio 14, wo Heraklit ausruft:
eydß de xeloftai näoiv ijßtjöbv ol/xw^eiv. 2. P/in. N. H. XXIX, 13
mox a saevitia secandi urendique ttansisse nornen in carnifictm et in
taedium artem omnesque medicos (Harnack, Medicinifches S. 94), und
fchon Heraklit, der für den aus dem Stoicismus geborenen jüngeren Kynismus
auch eine Autorität ift, fagt Fr. 68: Die Aerzte behaupten, indem
fie die Kranken fchneiden, brennen und auf alle Weife übel plagen, nicht

hoch genug belohnt werden zu können (vgl. die Parallelen bei Bywater)._

Ueber eine andere Verwendung der platonifchen Floskel xoivbq öt)fxiog
f. mein Buch: Philos Schrift über die Vorfehung S. 56. 3. S. noch den
falfchen Brief des Darius an Heraklit, wo es heifst, dafs die Griechen
die Anleitung wiffenfchaftlicher Männer gering zu fchätzen pflegen.

490