Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1893 Nr. 19

Spalte:

477-478

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Swete, H. B.

Titel/Untertitel:

Euaggelion kata Petros. The Akhmîm fragment of the apocryphal gospel of St. Peter 1893

Rezensent:

Schürer, Emil

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

477

Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 19.

478

meiften in die Augen fallend ift die Bereicherung des
Stoffes durch die Aufnahme der Partikeln. In der^ zweiten
Lieferung find für die Partikeln ye, dry, diu, dinn, luv,
ei, eig, ix, ixel, h> fämmtliche Stellen, an welchen fie
vorkommen, mitgetheilt, während bei Trommius manche
diefer Partikeln gar nicht aufgenommen find und für
andere nur eine Auswahl von Belegftellen geboten wird.
Ungern verm ifst man in diefer Lifte die Partikeln ycrß
und de. Beide werden in der neuen Concordanz durch
die lakonifche Bemerkung passim abgefunden. Eine
Statiftik über fie wäre aber befonders erwünfcht gewefen,
da gerade die Häufigkeit oder Seltenheit des Gebrauchs
diefer Partikeln für den griechifchen oder ungriechifchen
Charakter des Stiles einer Schrift bezeichnend ift. Eine
zweite Claffe der Stoffbereicherung bilden die zahlreichen
Mittheilungen aus Aquila, Symmachus und Theodotion.
Trommius konnte hiefür nur Montfaucon's Hexapla
benützen, während den neuen Herausgebern die viel
ergiebigere Sammlung Field's. zu Gebote ftand. Wie
«rofs der Stoffzuwachs auf diefem Gebiete ift, fleht man
z B. bei den Artikeln diddvai, dvo, dwonv, eigcpirj, auch
b ei elg, ix, sv. Eine dritte Claffe von Ergänzungen
bilden die hier viel vollftändiger als bei Trommius mit-
getheilten hebräifchen Worte, welche in die griechifchen
Verfionen unüberfetzt aufgenommen worden find. Aber
auch fonft ift es den Herausgebern gelungen, die Nachweife
von Trommius vielfach zu ergänzen. Hervorgehoben
fei aus diefer zweiten Lieferung noch, dafs bei
den Verbis ylyvaö&ai und tivai alle Fund-Stellen angeführt
werden, während Trommius bei beiden nur eine ganz
kleine Auswahl giebt und im übrigen für die zahlreichen
mit diefen Verbis zufammengefetzten Redensarten auf
die betreffenden Stichworte, welche in den Zufammen-
fetzungen gebraucht find, verweift. Ein nicht geringer
Vorzug ift es endlich, dafs in dem neuen Werke auch
die Varianten der wichtigften Handfchriften, welche
Trommius noch nicht kannte, angegeben werden.

Kiel. E. Schürer.

1. Gebhardt, Ose. v., Das Evangelium u. die Apokalypse des
Petrus. Die neuentdeckten Bruchftücke nach einer
Photographie der Handfchrift zu Gizeh in Lichtdr.
hrsg. Leipzig, J. C. Hinrichs, 1893. (52 S. m. 20 Licht-
dr.-Taf. gr. 8.) geb. M. 12.50.

2. Swete, H. B., EvayyeXiov xaxu JlexQov. The Akhmim
fragment of the apocryphal gospel of St. Peter.
Edited with an introduetion, notes and indices. London
, Macmillan, 1893. (XLVIII, 34 S. m. 2 Fcfm.-
Taf. 8.) 5 s.

Seit unferem Berichte in Nr. 7 der Theol. Litztg.
ift wieder Mancherlei über die Petrus-Apokryphen,
namentlich das Petrus-Evangelium erfchienen. Durch
Reichhaltigkeit und Sorgfalt der fachlichen Unterfuchung
ragt aus diefer Literatur die Arbeit von Schubert's
hervor, über welche die Theol. Litztg. eine eingehendere
Befprechung bringen wird (von Schubert, Die Compo-
lltion des pfeudopetrinifchen Evangelienfragments, 1893).
Für die genauere Feftftellung des Textes find die werth-
vollften Arbeiten die beiden obengenannten von v. Gebhardt
und Swete.

Schon Lods konnte für feine zweite Ausgabe das
von der franzöfifchen Mission arclieologique in Kairo
mittelft Photographie hergeftellte Facfimile der ganzen
Handfchrift benützen. Letzteres ift inzwifchen in den
Memoires der genannten Gefellfchaft erfchienen (t. IX
fasc. 3, ausgegeben im Mai diefes Jahres). Aber Gebhardt
hat Recht daran gethan, feine fchon lange vorher
geplante Facfimile-Ausgabe nicht zurückzuhalten, vor
allem weil die Publication der franzöfifchen Gefellfchaft
wegen ihres hohen Preifes nur weniger zugänglich ift,

während die Gebhardt'fche Ausgabe durch einen ver-
hältnifsmäfsig niedrigen Preis fich auszeichnet. Sodann
aber glaubt Gebhardt auch Spuren davon gefunden zu
haben, dafs bei Herftellung der franzöfifchen Tafeln hier
und da Retouche angewandt fei, während bei der Geb-
hardt'fchen Ausgabe darauf völlig verzichtet wurde. So
erhalten wir denn auf den zwanzig Lichtdrucktafeln Gebhardts
ein fchlechthin getreues Facfimile des vollftändigen
Textes der Petrus-Fragmente, foweit die Handfchrift fie
enthält. Der Text ift freilich nicht überall deutlich lesbar.
An folchen Stellen mufs alfo die Ausgabe Bouriant's
und die Collation Bensly's mit zu Rathe gezogen werden.
Aber es find doch nur verhältnifsmäfsig wenige Stellen,
von welchen dies gilt; und ,in den allermeiften Fällen
handelt es fich dabei nur um einzelne Worttheile, deren
Ergänzung ohnehin keinem Zweifel unterliegt' (Gebhardt,
Vorwort). Die 52 Seiten Text, welche Gebhardt den
Lichtdrucktafeln vorangefchickt hat, enthalten 1) eine
äufserft forgfältige Befchreibung der Handfchrift und
ihres Schriftcharakters, 2) erläuternde Anmerkungen zu
den Tafeln über einzelne Stellen, deren Lefung fchwierig
ift oder die durch irgend welche Unregelmäfsigkeiten
auffallen, 3) ein fehr reichhaltiges Verzeichnifs der bisherigen
Literatur über die Fragmente, und 4) den Text
derfelben nach der eigenen Recenfion von Gebhardt's.
Von behenderem Werthe ift es, dafs fich jetzt auf Grund
der Tafeln auch ein beftimmteres Urtheil über das Alter
der Handfchrift gewinnen läfst. Während Bouriant einen
Spielraum vom 8. bis 12. Jahrh. gelaffen hatte, ftimmt
Gebhardt mit anderen gewiegten Paläographen darin
überein, dafs die Entftehung der Handfchrift in den Anfang
diefes Zeitraumes zu fetzen fei: Omont (bei Lods,
2. Ausg. S. 15) läfst die Wahl zwifchen dem 8. und 9.
Jahrh., Gebhardt ift für das 8. Jahrh. Je höher man
die Handfchrift hinaufrücken darf, defto eher wird es
auch erklärlich, dafs man diefe von den kirchlichen
Autoritäten längft verworfenen Pfeudepigraphen noch ab-
gefchrieben hat.

Die oben genannte Ausgabe von Swete ift bereits
die dritte von diefem beforgte. Sie umfafst nur das
Evangelium, nicht auch die Apokalypfe des Petrus. Der
erfte Druck Swete's (November 1892) ruhte nur auf der
Ausgabe von Bouriant. Für den zweiten Druck (Febr.
1893) konnte er eine neue Collection von dem inzwifchen
verdorbenen Bensly benützen. Für die jetzt vorliegende
dritte Ausgabe ift aufserdem auch das Facfimile der
franzöfifchen Mission arclieologique verwerthet. Diefe
dritte Ausgabe unterfcheidet fich aber ferner von den
früheren dadurch, dafs ihr reichhaltige Prolegomena und
Anmerkungen beigegeben find, fo dafs fie nunmehr alles
bietet, was zum hiftorifchen Verftändnifs des FVagmentes
erforderlich ift. Vorangeftellt ift ein Facfimile von zwei
Seiten der Handfchrift (7 u. 8) nach der franzöfifchen
Ausgabe.

In der hiftorifchen Würdigung des Evangeliums trifft
Swete mehr mit Zahn und von Schubert als mit Harnack
zufammen. Er hält es für wahrfcheinlich, dafs der Verf.
unfere vier Evangelien benützt hat (S. XIII—XX), ja für
möglich, dafs ihm bereits das Diateffaron Tatian's vorgelegen
hat (S. XX—XXV).

Sichere Spuren der Benützung des Evangeliums
findet er noch nicht bei Juftin, überhaupt nicht vor dem
Ende des zweiten Jahrhunderts n. Chr. (S. XXVIII—
XXXV). Als wahrfcheinlichfte Zeit der Abfaffung gilt
ihm die Zeit um 165 n. Chr. (S.XLV). — Wie die Prolegomena
fo find auch die reichhaltigen Anmerkungen
unter dem Texte mit voller Beherrfchung des Materiales
gefchrieben. Die Arbeit nimmt fomit einen ehrenvollen
Platz in der Literatur über das Petrusevangelium ein und
wird auch in Deutfchland nicht unbeachtet bleiben dürfen.

Kiel- E. Schürer.