Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1893 Nr. 17

Spalte:

432-434

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schwartzkopff, Aug.

Titel/Untertitel:

Der Herr ist mein Licht und mein Heil. Predigten über die Evangelien des Kirchenjahres 1893

Rezensent:

Diegel, J. Gustav

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

43i

Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 17.

432

wie Lowell fagt, das Recht auf Einfamkeit begründet
(347fr.). Aber wenn man lieft, mit welcher Takt-, ja
Schamlofigkeit neulich wieder unmittelbar nach dem Tode
des Bifchofs Phillips Brooks in Bofton fenfationsfüchtige
Reporter in das Trauerhaus eingedrungen find und dann
jede Aeufserung nicht nur, fondern jede Miene der Leidtragenden
vor das grofse Publicum gezerrt haben: dann
erfcheint jene Polemik wohl begründet. Auffällig bleibt,
dafs in diefem Zufammenhange nirgends die Frauenfrage
geftreift wird; denn gelöft ift fie doch auch in den Ländern
englifcher Zunge noch keineswegs, während fie allerdings
in Deutfchland bisher überhaupt nur für einige wenige
Theologen und Philofophen zu exiftiren fcheint. Als
eigenthümlich merke ich endlich noch die confequente
Durchführung des ethifchen Gebots gegenüber äufser-
lichen Sitten und Gebräuchen (335f.), die Rathfchläge
über das Verhalten gegenüber dem Tod (336ff.) und die
Auseinanderfetzung über den rechten Univerfalismus und
Specialismus an (353f.). Ob es freilich dem Verf. gelungen
ift, all das auch fchon als urchriftlich oder wenigftens
mit dem urchriftlichen Ideal in Einklang flehend zu
erweifen?

Auch bezüglich der Pflichten gegen andere, von denen
der nächfle Abfchnitt handelt, bleibt diefer Zweifel beliehen
, fo beachtenswerthe Einwendungen S. auch hier
gegen die asketifche Auffaffung des Urchriftenthums bei
Paulfen und Ziegler vorzubringen hat. Aber können wir
uns wirklich vorftellen, dafs Jefus nöthigenfalls auch in der
Schlacht den Heldentod geftorben wäre? (381 vgl. 405). I
Darf man fagen, dafs er auch die politifchen Intereffen
Israels nichtaufzulöfen, fondern zu erfüllen gekommen fei? j
(415 f.). Um fo werthvoller find entfprechende und ähnliche
Vorfchriften in einer modernen chriftlichen Ethik,
wo fie fonft faft immer nur nebenbei und mehr als Con-
ceffionen vorkommen. Leider kann ich darüber hier
unmöglich eingehender referiren und unterlaffe es daher
lieber, auch nur fpärliche Andeutungen zu machen.

Eigenartig ift endlich noch die Beurtheilung der focia-
liftifchen Forderung eines Gewinnantheils für alle. S.
beftimmt denfelben genauer fo: to each according to Iiis
power of production and capacity of appropriating the
good of being in harmony witn the same law for all (451).
Dagegen macht er wider die Verftaatlichung der Pro-
ductionsmittel aufser volkswirthfchaftlichen Bedenken be-
fonders das Wort Jefu geltend: wer da hat, dem wird
gegeben werden u. f. w. (453), gewifs eine höchft bedenkliche
Argumentation, die doch fchon J. St. Mill und
H. George mit Recht gebrandmarkt haben.

Umgekehrt ift wiederum S.'s nachdrückliche Betonung
der ethifchen Seite der focialen Frage immer
von neuem beachtenswerth, wenngleich freilich fein Hinweis
auf die urchriftliche Gemeinde zur Warnung vor
Communismus ohne fittlichen Halt nicht ganz zutreffend.
Die Kirche hat ja in Grofsbritannien und Amerika fchon
längft ihre fociale Aufgabe erkannt und zu erfüllen begonnen
, fo dafs unfer Verfaffer darüber nicht erfl viel
Worte zu verlieren braucht.

Bleibt auch die Einführung eines befonderen Cap. über
Pflichten gegen Gott und vollends deren Zerlegung in
Pflichten gegen den unbekannten und den bekannten
Gott anfechtbar, fo finden fich doch auch hier viele
werthvolle Gedanken. Freilich das pafst eben nur auf
englifche Verhältnifse, dafs jeder eine religiöfe Gemein-
fchaft, die ihm zufage, finden könne und deshalb auf-
fuchen müffe; aber dafs Intereffe an der Kirche vielfach
der Wahrheit beffer entfprechen würde, als die aus Ge-
wiffenhaftigkeit zur Schau getragene Gleichgiltigkeit gegen
jene, das wäre auch vielen unferer Gebildeten entgegenzuhalten
. Und ebenfo ift es für die Theologie eine Forderung
von unabfehbarer Tragweite, ihre Dogmatik der
Ethik konform zu geftalten, alle Widerfprüche jener
gegen 'diefe aber zu betrachten as the zvork of the Evil
One, even though as of old he quote scripture to lead us

to donbt the true God (476). Doch kann ich auf die
eigenen dogmatifchen Ausführungen des Verf.'s nicht näher
eingehen, zumal fie ja auch eigentlich dem Zweck feines
Werks ferner liegen.

Das letzte Cap. desfelben über das chriltliche Motiv
zum fittlichen Handeln überrafcht wohl noch mehr, als
das vorhergehende. Man hätte dergleichen am Anfang
des Ganzen, in der Einleitung erwartet, aber hier dienen
diefe Ausführungen wohl nur dem fyftematifchen Intereffe,
entfprechend den fechs Capiteln des erften Theils, von
denen die letzten freilich auch fchon ein zweifelhaftes
Exiftenzrecht hatten, auch den zweiten Abfchnitt in
ebenfo viele Unterabtheilungen zu zerlegen. Im einzelnen
deckt fich ja auch die Schilderung der fittlichen Triebfedern
im alten Teftament mit dem fchon früher dargelegten
, wie denn auch fonft bei einer zweiten Auflage
manche Wiederholungen und Unebenheiten, wie fie
namentlich die wohl fpäter hinzugefügten, kleiner gedruckten
Zwifchenbemerkungen verurfachen, ausgeglichen
werden könnten. Druckfehler find mir faft nur in
deutfchen Namen und Citaten aufgeftofsen, nämlich S. 95
Z. 6 v. o. lies Schürer, S. 106 letzte Z. der Zwifchenbem.
lies: Leben Jefu, S. 292 Z. 5 der Zwifchenbem. lies: die
freiere Kulturgefellfchaft, S. 387 Not. 1 lies: 1 John I. 5,
S. 452 letzte Z. der Zwifchenbem. u. S. 463 Z. 15 v. o. lies:
Walch'fche Ausg.; das ebenda vom Verf. aus Martenfen
entlehnte, aber bei Luther nicht gefundene Citat fleht im
,chrifllichen Adel'. (Erl. Ausg. 21, 357 = Weim. Ausg.
6,466).

Halle a. S. Carl Clemen.

Schwartzkopff, weil. Pafl. Aug., Der Herr isf mein Licht
und mein Heil. Predigten über die Evangelien des Kirchenjahres
. Bremen, C. Ed. Müller's Verl., 1891.
(VII, 602 S. gr. 8.) M. 7. 50.

Am 10. Juni 1886 -ftarb der Verf. diefer Predigten.
Diefelben wurden nach deffen Tode von den nicht genannten
Herausgebern aus verfchiedenen Jahrgängen ausgewählt
. In der Vorrede heifst es: .Freilich dürfte das
gedruckte Wort demjenigen kaum genügen, noch auch
ihm feine befondere Predigtgabe völlig anfchaulich machen
, der ihn niemals predigen hörte und fah. Denn die
tiefe, feelenvolle Stimme, bald gleich dem Rollen des
Donners anfchwellend und bald ganz leife, aber immer
vernehmlich das Herz bewegend und das fchlafende Ge-
wiffen weckend, die Mienen feines Angeflehtes, welche
bald freudig ftrahlten im Widerfchein des göttlichen Erbarmens
und in der feiigen Gewifsheit des Glaubens, und
bald von tiefem Schmerze getrübt erfchienen über die
Lauheit und Gleichgültigkeit der Namenchriften und über
das tiefe Sündenverderben des Menfchengefchlechtes —
das alles macht feine Predigten zu dem, was fie waren'.
Ferner erwähnt die fehr kurze Vorrede, ,dafs feine Predigten
mit den zuvor gefchriebenen oft nicht durchaus
übereinftimmten', und ,dafs einige von ihnen aus verfchiedenen
Predigten über denfelben Text zufammen-
geflellt find mit pietätsvoller Fernhaltung alles Fremden,
auch wenn es zur Vermeidung von Härten und Sprüngen
in den Gedankenreihen und zur Erleichterung des Ver-
ftändnifses den Herausgebern bisweilen erforderlich Rheinen
mochte'.

Die zuletzt angedeuteten Mängel Rheinen feiten hervorzutreten
. Im Uebrigen weifen die angeführten Stellen
der Vorrede gut auf die Eigenart Schwartzkopff's hin.
Er ift ein eigenthümlicher, kraftvoller, feft im Bibelglauben
nach evangelifch-lutherifcher Auffaffung flehender, auch
poetifch-begabter Mann. Aus der Fülle biblifch-kirchlicher
Anfchauungen heraus bezeugt er mit vieler und
guter Anwendung von Schriftcitaten und Liederverfen
entfehieden und bündig die Heilswahrheiten, ohne fich
auf Löfung von Schwierigkeiten oder auf Vermittlungen