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Ausgabe:

1893 Nr. 17

Spalte:

426-427

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Glogau, Gust.

Titel/Untertitel:

Graf Leo Tolstoj, ein russischer Reformator. Ein Beitrag zur Religionsphilosophie 1893

Rezensent:

La Roche, Joh.

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425 Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 17. 426

vieler von ihnen, z. B. von P. Quesnel, G. Gerberon,
werden nur fehr unvollftändig verzeichnet, die von P.
Nicole mit der ausdrücklichen Bemerkung (S. 440): prae-
termissis iis, quae pro sccta janseniana scripsit. S. 442
wird erwähnt, dafs kein Buch, das Nicole unter feinem
Namen herausgegeben, im Index ftehe. Einige anonyme
und pfeudonyme Schriften von ihm ftehen im Index,
nicht die unter dem Namen W. Wendrock 1658 veröffentlichte
lateinifche Bearbeitung von Pascal's Provincialbriefen
, wohl aber die von dem Jefuiten Honoratus
Fabri unter dem Namen Bernard Stubrock veröffentlichte
Gegenfchrift, die H. gar nicht erwähnt. Servatius
(nicht Gervafius) Hoffreumont wird S. 1031 erwähnt, aber
nicht fein Buch La faillibiliti des Papes (Index 2, 743).
Nie. Broederfen (Index 2, 847) fleht S. 1543, aber nicht
im Regifler. Der eifrige Gegner der Janfeniften, Adrian
van Wijck (Index 2, 708) wird S. 692 mit vier Zeilen
abgemacht. Den merkwürdigen P. Fr. Le Courayer (Index
2, 506) wird wohl H. nicht zu den katholifchen Schrift-
flellern zählen, obfehon er in feinem Teftamente fagt,
er fterbe als Mitglied der katholifchen Kirche. Da aber
S. 1018, 1161 u. 1333 Schriften gegen ihn verzeichnet
werden, hätten doch auch feine Schriften erwähnt werden
muffen.

Von dem Exjefuiten Julius Clemens Scotti, von Chr.
Dodd und anderen werden nur einige Schriften erwähnt,
von dem Jefuiten Rapin nicht die Schrift über das Regalienrecht
, von J. Dez nicht das Unionsprogramm (Index
2, 416), von G. Hevenefi nicht Cura salutis, von G.
Daniel nicht die Schrift gegen die Provincialbriefe, von
Le Tellier nicht die Schrift gegen Arnauld. Die Schriften
ftehen zwar im Index und gereichen den Jefuiten nicht
gerade zur Ehre, find aber doch bedeutender als viele,
die im Nomcnclator ftehen. Von dem Jefuiten Buffier wird
fein Streit mit dem Erzbifchof Colbert von Rouen (Moral-
ftreitigkeiten S. 617) S. 1139, aber nicht im Regifler erwähnt
. Den Jefuiten A. Maes hat H. S. 406 aufgenommen,
.obfehon er kaum etwas hat drucken laffen', um fich
über die ,philofophifche Sünde' auszufprechen (ähnlich
im Kirchenlexikon 8, 434); aber warum hat er die Contro-
verfe, die ja eine eingehendere Befprechung verdiente
(Index 2, 536; Deutfcher Merkur 1892, 164), nicht bei Le
Tellier, der auch darüber gefchrieben hat, zur Sprache
gebracht? — Von Henricus a S. Ignatio werden die Anti-
jesuitica gar nicht erwähnt, auch nicht die Gegenfchriften
des Jefuiten A. Huylenbroucq.

Sehr viel ift in diefem Bande von den Moralftreitig-
keiten die Rede. Dafs H. darüber anders urtheilt als
Döllinger und ich, ift ja felbflverftändlich; aber er hätte
nach unferm Buche auch feine Darfteilung des Thatfäch-
lichen vielfach berichtigen und vervollftändigen können.
Der Jefuit B. Benzi und feine ,Mamillartheologie' wird
gar nicht erwähnt. S. 1245 wird der fpätere Bifchof
Perrea y Porres als Verfaffer einer Schrift gegen den Je-
fuitengeneral Gonzalez genannt; S. 923 wird richtig angegeben
, die Schrift fei unter deffen Namen von einem
andern, .vielleicht' (fo gut wie ficher) von dem Jefuiten
B. Sartolo (geft. 1700, nicht 1780) herausgegeben worden.

H. giebt mit Recht bei den Büchern, die im Index
ftehen, diefes an. Bei wenigftens zwanzig hat er diefes
aber unterlaffen. S. 1025 wird angegeben, de Backer ver-
fichere, ein Buch von C. a Craneberch (dem Jefuiten G.
Fontaine) ftehe feit 1770 nicht mehr im Index. Ein Blick
in den Index hätte H. überzeugen können, dafs diefe
Verficherung falfch ift. Das (anonyme) Buch des Jefuiten
J. Croifet, La devotion au sacre coeur, erwähnt er S. 1267
nicht; fonft hätte er beifügen können, dafs diefes 1704
von der Inquifition verboten, 1887 aber, was ein fehr fel-
tener Fall ift, aus dem Index entfernt worden ift.

Von dem merkwürdigen Buche des Cardinais Albizzi
De inconstantia circa virtutes fidei etc. follte der Inhalt
genauer, wenigftens der Titel richtig angegeben werden
(Index 1,434); auch feine Risposta gegen P. Sarpi (Rom

1678) war zu erwähnen. — Von Petitdidier wird S. 1067
die Apologie des Lcttres provincialcs (Index 2, 489) nicht
erwähnt. Die Thcologia supplex wird nicht nur ,von
einigen' (S. 1042), fondern allgemein und mit Recht dem Dominicaner
Serry zugefchrieben. Neben Montfaucon's Ausgabe
der Hexapla war nicht der werthlofe Auszug von
C F. Bahrd (Bahrdt), fondern die Ausgabe von Fr. Field
(Oxford 1875) zu nennen. Von der Schrift von T. W.
Bachufius (Backhufius) über van Efpen u. f. w. ift 1827
eine neue Ausgabe (von de Ram) erfchienen; fie ift alfo
kein Uberperrarus mehr. Die Schrift über die Inquifition
hat J. Marfollier nicht sub nomine ficto Petri Marteau
„gefchrieben" (S. 1210), fondern in dem bekannten fin-
girten Verlag von Pierre Marteau a Colognc erfcheinen
laffen. Der Herausgeber von M. Strunk's Wcstplialia saneta
(S. 1203) heifst nicht W. E. Siefers, fondern Giefers und
die Ausgabe ift nicht 1754 — 55, fondern 1854—55 erfchienen
. Der Verfaffer der (unbedeutenden) Schrift ,Das
fchwarze Buch und die Moral der Jefuiten' heifst nicht
Penn (S. 260), fondern Henn. Bei M. M. Struggl S. 1274
wird der Tag, aber nicht das Jahr der Geburt angegeben.
S. 862 lies Thuillier ft. Thouillier, 871 Frefchot ft. Fre-
fchiott, 1413 Erneftius ft. Erneftus u. f. w. Im Allgemeinen
ift der Druck fehr correct.

Ich wiederhole zum Schluffe, dafs der Nomenciator
ein nützliches, in manchen Fällen kaum zu entbehrendes
Nachfchlagebuch und es darum um fo mehr zu bedauern
ift, dafs die neue Auflage zwar vermehrt, aber nicht fo
gründlich und forgfältig verbeffert worden, wie es möglich
und nöthig gewefen wäre.

Bonn. F. H. Reufch.

Glogau, Prof. Dr. Guft., Graf Leo Tolstoj, ein ruffifcher
Reformator. Ein Beitrag zur Religionsphilofophie.
Kiel, Lipfius & Tifcher, 1893. (51 S. gr. 8.) M. I.-

An einem befonderen Beifpiele will Glogau den Werth
der religiöfen Weltanfchauung des Menfchen vor Augen
ftellen (S. 7). An Tolftoj könne man mit gröfster
Deutlichkeit die Motive erkennen, durch welche (ich der
Menf ch überhauptSchritt für Schritt in eine überflnnliche
Wahrheit gedrängt fleht (S. 13). Wer aus Glogau's
gröfseren Werken (bef. Abrifs der Philofoph. Grund-
wiffenfehaften und Grundrifs der Pfychologie) weifs, mit
welch' zäher Gründlichkeit er gerade der allmählichen
Entwickelung der Menfchenfeele nachgegangen ift, und
mit welchem Ernft er den metaphyflfch-religiöfen Dingen
gegenüberfteht, der wird mit Spannung und mit grofsem
Vertrauen dies Büchlein in die Hand nehmen, welches
feinem Umfang nach (51 S.) eine Brofchüre, nach feinem
Gehalt und den zu Grunde liegenden fpeciellen Studien
ein wiffenfehaftliches Werk zu nennen ift. — Die Einleitung
(S. 7—il) bietet eine Erörterung des praktifchen
Lebensräthfels (Glück oder Pflicht?), in welches jede
tiefere Natur fich gehellt fleht. Die grofsen Leuchten der
Menfchheit, zeigt er, lebten vor Allem den Weg der
Wahrheit; nicht äufsere Beobachtung, nicht erklügelte
Weisheit hätte fie auf den Weg geführt, fondern das
Innewerden ihres tieferen Wefens, und dies Innewerden
bedeutete ihnen dieErkenntnifs Gottes. Unter diefem
Gefichtspunkt ftellt uns nun der Verf. den inneren Ent-
wickelungsgang Tolftoj's und deffen fchliefslich gewonnene
Lebensauffaffung dar (S. 13—45); und zwar fo objectiv,
dafs wir nur Tolftoj felbft darin fehen und hören. Graf
Tolftoj, als Jüngling ein Idealift. durchmifst die allerver-
fchiedenften Lebenssfphären: das dünkelhafte, exeluflve
Leben eines ariftokratifchen Studenten, wiffenfchaftl.
Studien, finnlichen Genufs, Kriegsleben, Dichterruhm
u. f. w. Nichts von alledem befriedigt ihn; auch ein fehr
glückliches Familienleben vermochte die Frage nicht zu
bannen: ,Wozu? und was dann?'; mit Mühe rettete er
fich vor Selbftmord. Er fucht einen Halt. Bei den Ge-

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