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Ausgabe:

1893 Nr. 17

Spalte:

422

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fehr, Emil

Titel/Untertitel:

Studia in oracula Sibyllina 1893

Rezensent:

Schürer, Emil

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 17.

422

geben hatten, bereits in den früheren Auflagen zum Aus- I Fehr, Emil, Studia in oracuia Sibyliina. Commentatio aca-
druck gebracht hatte. demica. Upsaliae 1893, Akadem. Buchh. (119 S. 8.)

Kiel. E. Schürer. M. 2. 40.

I ! " TTT. • u Diefe commentatio acadennca eines jüngeren fchwe-

Jacob, Pfarrverw. Lic. Leonh., Jesu Stellung zum mosaischen difchen Gelehrten ift nicht nur ein Solides spornen erudi-
Gesetz. Ein Beitrag zum Leben Jefu und zur Ethik. 1 tionis, fondern fie enthält auch beachtenswerthe Beiträge
Mit einem Vorwort von Frof. D. Baldensperger. zur Erklärung der fibyllinifchen Orakel. Die Haupt-
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1893. (IV, 46 S. , Ab, ht, des y«^"?. eine Ueberflcht über den Ge-
Vr j dankenkreis der Sibylhnen zu geben und dabei auch nach

gr. b.) M. 1. 20. | den Quepen diefes Gedankenkreifes zu fragen. Die jü-

Eine lefenswerthe Schrift eines jüngeren Theologen. , difchen und chrifüichen Stücke werden gemeinfam be-
Vorfichtige Beurtheiler, zu welchen auch Ref. gehört, I handelt, was infofern berechtigt ift, als die Grenze zwifchen
werden allerdings finden, dafs der Verf. zu ftark con- j beiden eine fliefsende ift und fleh vielfach gar nicht mit
ftruirend verfährt. Die pfychologifche Analyfe der Sicherheit entfeheiden läfst, ob die Stücke jüdifchen oder
inneren Gedankenbewegungen und Stimmungen Jefu , chriftlichen Urfprungs find. Nach einer allgemeinen Ueber-
wiegt in folchem Mafse vor, dafs darüber die Genauig- 1 ficht über die uns erhaltenen Bücher nebft kurzer Erör-
keit und Vollftändigkeit in der Behandlung des Einzelnen ] terung ihrer Entftehungsverhältnifse (S. I —14; behandelt
einigermafsen zu kurz kommt. Der Verf. charakteriflrt ; der Verf. in Abfchnitt I (S. 15—24) die Gotteslehre der
zuerft das Wefen des mofaifchen Gefetzes, fucht dann Sibyllinen. Sie tritt mit Bewufstfein und Abficht der
zu zeigen, dafs das meffianifche Selbftbewufstfein Jefu heidnifchen Götterlehre entgegen und verkündigt mit
der Ausgangspunkt fei, durchweichen feine Auffaffung vom Nachdruck den einen, wahren Gott, den Herrn Himmels
Wefen des Gefetzes und feine Stellung zu demfelben und der Erde, wobei die jüdifchen und chriftlichen Verbedingt
fei, und ftellt endlich diefe felbft an der Hand faffer fleh aber doch an manche Erfcheinungen der philo-
der Quellen in ihren Grundzügen dar. Die Auffaffung fophifchen und religiöfen Literatur der Griechen anlehnen
des Verf.'s kommt am kürzeften in folgenden Sätzen zum können. Abfchnitt II (S. 24—42) ftellt die Kosmologie
Ausdruck: Jefus fühlt fleh von vornherein religiös an , dar: die Lehre von der Schöpfung und von der Ge-
das Gefetz gebunden, felbftverftändlich an das Gefetz fchichte der Welt und der Menfchen. In der Darfteilung
wie es in feiner Anfchauung lebt. Als er nun gar zur der verfchiedenen Zeitalter des Menfchengefchlechtes
Gewifsheit feiner Mefflanität gekommen war, mufste er werden wiederum heidnifche Vorbilder benützt. Ab-
fprechen: Leichter vergehen Himmel und Erde als ein fchnitt III (S. 42—75) handelt von den Zukunftsbildern
Strich des Gefetzes (Luc. 16, 17). Nicht aufzulöfen bin der Sibyllinen, ihren Androhungen eines künftigen Geich
gekommen, fondern zu „erfüllen" (Mth. 5, 17). Wie richtes und ihren Verheifsungen einer mefflanifchen Se-
Luther die Symbole der alten Kirche, obwohl fie feine Hgkeit. Fehr findet, dafs der Text unferer Sibyllinen in
reformatorifche Anfchauung nur fehr unficher wieder- diefen Stücken dem Erklärer befondere Schwierigkeiten
geben, beibehält, weil er fie im Lichte diefer feiner An- , bereite, die keineswegs alle gelöft feien. In de>: That
fchauung betrachtet, alfo unbewufst umdeutet, fo dafs er 1 macht er auf manche dunkle Punkte aufmerkfam. Der
fie für den adäquaten Ausdruck der Rechtfertigung durch 1 Gedankenkreis der Sibyllinen ift hier der fpeciflfch jü-
den Glauben halten kann, fo hält in ähnlicher Weife difch-chrirtliche; Anlehnungen an aufserjüdifches und
Jefus am Gefetz feft. Er mufste als Meffias diefes Gefetz aufserchriftliches find fchwächer und feltener als in der
„erfüllen" beftätigen, er fühlte fich aber auch 111 feinem Gotteslehre und Kosmologie; doch fehlen fie auch hier
religiös-fittlichen Bewufstfein an diefes Gefetz gebunden, nicht. Fehr macht namentlich aufmerkfam auf die Lehre
Damit war aber ganz von felbft eine Umdeutung diefes vom Weltbrand (Zerftörung der Welt durch Feuer, sy-
Gefetzes gegeben, ein Erfüllen im Sinne der Vervoll- nvoiooig), die nicht auf jüdifch-chriftlichem Boden er-
kommnung' (S. 28—30). wachfen ift. Für ihre Aufnahme in jüdifch-chriftlichen

Man wird diefer Auffaffung in der Hauptfache bei- , Kreifen hätte er (abgefehen von Justin. Apol. I, 20) auch
zuftimmen haben. Aber es wäre doch fchärfer hervor- nocb auf die pfeudo-fophokleifchen Verfe bei Justin, de
zuheben gewefen, dafs Jefus nur an den wefentlichen m0narc!iia c. 3 und Clemens Alex. Strom. V, 14, 121 —
Gehalt, an den Kern des Gefetzes fich gebunden weifs. I22 = Euseb. Praep. evang. XIII, 13, 48 ed Gaisford
Nur fofern die Gebote der Gottes- und Nächftenhebe die . auf die philonifchen oder pfeudophilonifchen Schriften
Summe des Gefetzes bilden, ift es ein adäquater Aus- : de incorruptibilitate ntundi und de Providentia fowie
druck des göttlichen Willens. Gegenüber den einzelnen auf Hippolyt. P/iilosophum. IX, 70 fin. und II Petri
Worten des ,alten' Gefetzes nimmt aber Jefus eine be- 3) 10—12 verweifen können (von anderer Art find Daniel
wufst polemifche Stellung ein; fie werden in den Anti- 7,9. Henoch r, 5—7. I. Kor. 3, 13. II Theff. 1, 8- vff
thefen der Bergpredigt (Matth. 5) ausdrücklich als unge- auch Origencs contra Cels. IV, 11). In Abfchnitt IV (S 7;
nügend charakterifirt, weil fie hinter dem fitthehen Ideal _g4) befpricht Fehr die politifchen Anschauungen der
der vollkommenen Gottes- und Nächftenhebe zurück- Sibylli nen, ihren Hafs gegen das Weltreich der Römer
bleiben. Jefus vervollkommnet' eben das Gefetz, indem Und den demokratifchen Zug, der durch fie hindurch-
er die einzelnen Sätze in Einklang mit den Grundgedanken, geht; endlich in Abfchnitt V (S. 84—89) die Poefie der
wie er fie auffafst, bringt. Sibyllinen. Angehängt find (S. 90—116) textkritifche und

Sehr zweifelhaft ift es mir auch, ob das meftianilche exegetifche Bemerkungen über einzelne Stellen nebft
Selbftbewufstfein Jefu den Ausgangspunkt bildet, durch Verbefferungsvorfchlägen.
welchen feine Stellung zum Gefetz bedingt ift. Das

Umgekehrte fcheint mir das innerlich Wahrfcheinlichere: ' ■ =»« ^cnurer.

Es lebte in ihm ein neues Sittlich^ , Erbiceanu^oricsi^^

Ideal Auf Grund deffen wird er lieh des belonderen -„ms„v t„ „„„„„ < • 1- • . r r-

Berufes bewufst als der in befonderer Gemeinschaft mit romani m eP0Ca fanariota. Bucuresti, tipografia ,Cärtilor
Gott Stehende'und von Gott Beauftragte diefes Ideal Bisencesci', 1890. (LXXII, 361S.gr. 4.) [Haraffowitz.
zur Verwirklichung in feinem Volk, ja in der Menfchheit Leipzig] 15 Mark.

zu bringen. Und diefes Berufsbewufstfein kleidet: fich für Diefes Buch des Profeffors Erbiceanu in Bukareft

ihn in die zeitgefchichthch bedingte Form des ,Meffias - enthält ? griechifche Chroniken und gefchichtlichrAuf-
Bewufstfeins. fätze aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die namentlich

Kiel. E- Schürer. I die Verhältnifse des heutigen Rumäniens, dabei aber auch