Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1893

Spalte:

417-419

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Annales du Musée Guimet (Bibliothèque d‘études). Tome I 1893

Rezensent:

Winternitz, M.

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, jährlich 16 Mark.

N0' 17. 19- Auguft 1893. 18. Jahrgang.

Annales du MusSe Guimet, Li: Le Rig-Veda,
par Paul Regnaud, I. partie (Winternitz).

Büchler, Unterfuchungen zur Entftehung und
Entwicklung der hebräifchen Accente, I. Thl.
(Kautzfeh).

Meyer, Kritifch-exegetifcher Kommentar über
das N. T., 2. Abth. Das Johannes-Evangelium
, 8. Aufl. bearb. von Bernh. Weifs
(Schürer).

Jacob, Jefu Stellung zum mofaifchen Gefetz
(Schürer).

Fehr, Studia in oracula Sibyllina (Schürer).
Erbiceanu, Cronicarii greci (Ph. Meyer).
Hurt er, Nomenciator literarius recensioris theo-

logiae catholicae, t. II, ed. II (Reufch).
Glogau, Graf Leo Tolftoj (La Roche).

Gottfchick, Die Bedeutung der hiflorifch-kri-
tifchen Schriftforfchung für die evangelifehe
Kirche (Lobftein).

Wen dt, Die Norm des echten Chriftentums
(Derf).

Roberty, Quelques rdflexions sur l'autoritd du

Christ (Derf.).
Smyth, Christian ethics (Clemen).
Schwartzkopff, Der Herr ift mein Licht und

mein Heil, Predigten (Diegel).
Behrmann, Die Gleichnifse unferes Herrn Jefu

Chrifti (Wächtler).
Stockmann, Die Verforgung der Prediger-

Wittwen und -Waifen in der evangelifch-

lutherifchen Kirche der Prov. Schleswig-Hol-

ftein (Köhler).

Annales du Musee Guimet (bibliotheque d'etudes). Tome I. den fo gewöhnliche Wörter wie bliümi und prithivi

Paris, E. Leroux, 1892. (gr. 8.)

Inhalt: Le Rig-Veda et les origines de la mythologie indo-euro-
pfenne par Prof. Paul Regnaud I. partie. (VIII, 421 S.)

Regnaud ift nicht der erfte Vedenerklärer, der Sä-
yana's Commentar zum Rigveda und die ganze Tradition
der Inder verwirft. Er ift aber der erfte, der nicht nur
Säyana und die Tradition, fondern den ganzen Zufam-
menhang zwifchen vedifcher und claffifcher Sanskritliteratur
und damit Alles, was bisher von Yäska angefangen
bis auf Pifchel und Geldner geleiftet worden
ift, über den Haufen wirft. Das letzte Wort in der Veden-
erklärung ift ja noch nicht gefprochen und wird lange
nicht gefprochen werden. Wenn aber ein Forfcher fich
auf die Tradition ftützt und auf ihr weiterbaut, wenn ein
anderer, von ftrengen Regeln der Sprachvergleichung
ausgehend, mit Hilfe deren Gefetze der Interpretation
fchwieriger Stellen beizukommen fucht, wenn ein dritter
von der fpäteren claffifchen Literatur ausgeht und von
ihr aus Rückfchlüffe macht, wenn wieder ein anderer
durch die Vergleichung aller Stellen, wo ein und das-
felbe Wort vorkommt, fchwierige Punkte der Veden-
Exegefe aufzuklären fucht — fo wird bei all dem etwas
herauskommen; man wird nicht immer das Richtige treffen
, aber die Wiffenfchaft wird gefördert werden. Regnaud
aber macht fich eine Idee von dem, was er, und nur er,
im Rigveda erwartet, und darauf hin erklärt er ins Blaue
hinein, unbekümmert um die traditionelle Bedeutung, unbekümmert
um die Bedeutung der Wörter im claffifchen
Sanskrit. Er erklärt den Rigveda wie eine Keilinfchnft,
die in einer gänzlich unbekannten Sprache gefchrieben
und noch nie entziffert worden ift. Nach ihm find die
Hymnen des Rigveda nichts als metaphorifche, halb
myftifche Schilderungen des Opfers, und Sorna, die Opfer -
libation, und Agni, das Feuer, in dem geopfert wird,
find das Um und Auf des ganzen Veda. In diefes Pro-
kruftesbett der Soma-Agni-Erklärung mufs fich alles
hineinfügen. Nur darum nimmt er an, dafs zwifchen dem
claffifchen und dem vedifchen Sanskrit nicht nur ein
Bruch befteht, fo dafs die älteften Erklärer des Veda das
vedifche Idiom zum Theile nicht mehr verftanden
haben — das wird ja Niemand leugnen —, fondern dafs
die ganze lexikographifche fowohl wie exegetifche Tradition
zu verwerfen fei. Ja, gewiffe Wortbedeutungen im
claffifchen Sanskrit follen angeblich nur auf falfchen
Veda-Interpretationen beruhen. Kein Sanskritift wird ihm
das glauben

(Erde), rajas und antarikshaJLuft) ohne jeden Schein
von Berechtigung als ,Libation' bedeutend erklärt. Selbft
Dyaus bedeutet nach Regnaud ,Tag' und darum ,la li-
bation enflammee qui est comme le Jour'; dyäväprithivi
(Himmel und Erde) find ebenfo wie arani (die beiden
Reibhölzer) nichts als zwei verfchiedene Arten der Liba-
tion. Parvata und andere Wörter, die immer ,Berg'
bedeuten, grävan (Prefsftein), barhis, brahman, prit
und andere Wörter, die ,Schlacht' bedeuten — fie alle
bedeuten nach Regnaud ,la libation'. Um das Mafs der
Tollheit voll zu machen, wird Manu als ,Soma' und gelegentlich
auch als ,Agni' erklärt; werden die Maruts
als ,Flammen Agni's', Rudra als ,Soma', Prihni als Ja
vache-libation' erklärt.

Wenn irgend ein Hymnus des Veda klar ift, fo ift
es Rv. X, 163. Dafs es ein Krankheitszauber und zwar
eine Befprechungsformel gegen die Auszehrung ift, liegt
auf der Hand. Von dem Verfaffer der Anukramaiü angefangen
, hat es bisher Niemand bezweifelt. Apaftamba
(im Gyihyasütra 9,10) befchreibt den Zauber ausführlich.
Nun kommt Regnaud, erklärt yakshma (Auszehrung)
als ,Agni' und findet den Hymnus Jres obsa/r', nur um
feine Ideen auch in diefen Hymnus hineinzutragen. Ein
Beifpiel wird genügen. Vers öheifst es: ,Aus jedem Glied,
aus jedem Haar, in welchem Gelenk immer fie fich findet
, aus deinem ganzen Körper entferne ich dir diefe
Auszehrung'. Regnaud (p. 119) überfetzt: ,Je tire ce
yakshma {Agni) de tout le corps {de Vancien) lui qui est
issu de chaque membre, de chaque poil (de celui-ci), dans
chaque libation {que fai falte)'.

Regnaud (pp. 256—287) fucht den metaphorifchen
Urfprung der Mythe von Aurora (Ushas) zu erweifen.
Zu diefem Behufe überfetzt er in feiner Weife Rv. I, 123.
In dem ganzen Hymnus wird Sorna mit keinem Worte
erwähnt. R. fchleppt ihn faft in jedem Vers herein. Nach
ihm wäre z. B. pürvä viivasmäd bhuvanäd abodhi
(,als die erfte von allen lebenden Wefen ift fie erwacht') in
Vers 2 zu überfetzen: ,Elle s'est reveillee {ou allumee) en
dvant {au dessus) de tout le fecondant {somaf. Savt'tri,
Bhaga, Sürya find für R. einfach Namen Agni's; Üs-
has ift für ihn nicht die Morgenröthe, fondern ein Name
der Flammen Agni's.

So macht fich R. eine falfche Theorie zurecht und
gründet darauf eine falfche Interpretation, durch welche
die falfche Theorie ihrerfeits geftützt werden foll. Ludwig
, Roth, Bergaigne und anderen Vedenerklärern ift es
hie und da paffirt, dafs fie etwas falfch überfetzt haben,

Auf Grund diefer rein willkürlichen Annahmen wer- I wie es nicht anders möglich ift; aber Regnaud's Ueber-
417 418