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Ausgabe:

1893 Nr. 16

Spalte:

400-403

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schwarze, Alexis

Titel/Untertitel:

Untersuchungen über die äussere Entwicklung der afrikanischen Kirche mit besonderer Verwertung der archäologischen Funde 1893

Rezensent:

Preuschen, Erwin

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 16.

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des theils handfchriftlich vorhandenen, theils in fach-
wiffenfchaftlichen Publicationen bereits gedruckten Mate-
riales gegeben wird. Bisher find folche Texte nur im
Intereffe der flavifchen Philologie gedruckt worden. Lite-
rarhiftorifche Unterfuchungen über ihre Verwandtfchaft
und ihr Verhältnifs zu den griechifchen Vorlagen fehlen
noch fafl gänzlich. Das Verdienft, die Studien in die
letztere Bahn gelenkt zu haben, gebührt Prof. V. Jagic
in Wien, der eben auch feinen Schüler Kozak zu dem
oben genannten Auffatz angeregt hat. Er felbft verheilst
uns nun eine Reihe folcher literarhiflorifchen
Unterfuchungen und eröffnet diefelben mit einer Studie
über das Adambuch.

Die hier in Betracht kommenden Texte erzählen das
Leben Adams und Eva's vor und nach ihrer Vertreibung
aus dem Paradiefe und ihren Tod. Jagic hat nicht
weniger als neun Handfchriften nachgewiefen und verglichen
, welche diefe Erzählung enthalten. Sie (teilen
zwei verfchiedene Recenfionen dar. Der einen Recenfion
gehören vier Handfchriften an, der anderen fünf. Die
letztere, ruffifcher Herkunft, ift nach Jagic auf Grund der
erfteren entfianden. Für die Vergleichung mit etwaigen
griechifchen Texten kommt alfo nur die erftere, füd-
flavifche, in Betracht. Diefes füdflavifche Adam-Buch ift
nun zum gröfsten Theile identifch mit dem griechifchen
Adam-Buch, welches Tifchendorf als Apocalypsis
Mosis herausgegeben hat {Apocalypses apocryphae, 1866,
p. 1—23). Die Berechtigung zu diefem von Tifchendorf
gewählten Titel beruht darauf, dafs nach der Ueberfchrift
des griechifchen Textes der Inhalt dem Mofes geoffenbart
und von ihm erzählt worden ift. In dem flavifchen
Text fteht nun an einer Stelle (zwifchen § 2—27 und
§ 40—50 nach Jagic' Eintheilung) ein ziemlich grofses
Stück (§ 28—39), welches im Griechifchen fehlt. Eben
diefes Stück bildet aber den Anfang (§ 1—11) der
lateinifchen Vita Adae et Evae, welche Wilh. Meyer
herausgegeben hat (Abhandlungen der Münchener Akademie
, philof.-philol. Claffe, Bd. XIV, 1878). Da der flavifche
und lateinifche Text nur durch Vermittelung eines
griechifchen mit einander zufammenhängen können, fo
nimmt Jagic mit Recht an, dafs dem flavifchen Ueber-
fetzer eine griechifche Recenfion vorgelegen hat, welche
diefes Stück, und zwar in demfelben Zufammenhang wie
der flavifche Text, enthalten hat. Damit ift zugleich
erwiefen, dafs das Stück nicht erft eine bogumilifche
Einbehaltung in den griechifchen Text ift. Nur ein ganz
kleines Stück, welches im Lateinifchen fehlt (§ 33—34
bei Jagic), zeigt bogumilifchen Charakter: der Satan er-
fcheint hier als der eigentliche Weltfchöpfer. Die Be-
fprechung diefes Stückes giebt Jagic Anlafs zu einem
werthvollen Excurs, in welchem er aus anderen Texten
verwandtes Material zufammenftellt (S. 42fr.). Im Allgemeinen
ift aber der bogumilifche Einfiufs auf die Ge-
ftaltung diefer Texte nur ein fchwacher.

Zur Ergänzung der befprochenen Texte (teilt Jagic
auch noch fonftiges Material zur Adam-Sage aus der
flavifchen Literatur zufammen (S. 58ff.) und giebt am
Schlufs einen Abdruck des füdflavifchen Adam-Buches
nebft lateinifcher Ueberfetzung (S. 83—99).

Die theologifche Forfchung ift ihm für feine überaus
forgfältige und werthvolle Arbeit lebhaften Dank fchuldig.
Möge bald eine Fortfetzung folgen.

Kiel. E. Schürer.

Steuer, Dr. Wilib., Die Gottes- und Logoslehre des Tatian

mit ihren Berührungen in der griechifchen Philofophie.
Leipzig, [Veit & Co.], 1893. (113 S. gr. 8.) M. 2.—

An diefer Arbeit läfst fich zunächft ausfetzen, dafs
fie fehr anfpruchsvoll gefchrieben ift. Die leichte Art,
mit der in der Einleitung auf einem Dutzend weitgedruckter
Seiten die allgemeine Stellung des Chrilten-

thums zur Philofophie, die philofophifchen Gedanken im
erften und zweiten Jahrhundert und der nothwendige
Gegenfatz der griechifchen Philofophie zum Chriftenthum
abgehandelt werden, dürfte dem kaum anflehen, der
.während feines Studiums' (S. 20) auf fein Thema auf-
merkfam wurde; auch dann nicht, wenn er, wie Steuer,
bereits .mehrere Specialarbeiten in (?) der Gefchichte
des zweiten Jahrhunderts verfafst' hat (S. 20). In Steuer's
allgemeinen Bemerkungen findet fich neben manchem
Richtigen, was nur nicht gerade neu ift, auch manches
fchiefe, gewagte oder unklare Urtheil. Dahin rechne ich
Bemerkungen wie diefe: ,Der Stoicismus hat in ganz hervorragender
Weife dem Chriftenthum vorgearbeitet und
auf dasfelbe gewirkt, fodafs man das Chriftenthum vielleicht
einen Compromifs zwifchen altteftamentlichen und
(toifch-platonifchen Gedanken nennen könnte' (S. 82).
,Hi(torifch erklärt ift das Chriftenthum die Vollendung
eines allgemeinen Verlangens' (S. 81). .Philos Gottesbegriff
ift das transcendentmetaphyfifche (!) Sein in feiner
Unzugänglichkeit' (S. 93). Die S. 20 ganz unvermittelt
eingeführte Bemerkung darüber, dafs die Lehre vom
Logos kein Theologumenon ift, bekenne ich nicht ganz
verbanden zu haben. Warum auf S. 9 von der orthodoxen
(pofitiven) und liberalen Richtung als im Chriftenthum
tief begründet geredet werden mufste, ift mir nicht
klar geworden. Der Verfaffer fchreibt keineswegs fehlerlos.

Die Darfteilung der Gottes- und Logoslehre Tatian's
(S. 27—76) ift correct, und die angeführten Stellen ausreichend
und richtig verwendet. Dafs Steuer S. 66
Harnack's Notiz zu Cap. XII (Ueberfetzung 1884)
wörtlich abfehreibt, hätte er immerhin fagen können.
Wenigftens aber hätte er durch Harnack's Bemerkung,
dafs Tatian von feiner Anthropologie aus zu Anflehten
gelangen konnte, welche den ,gno(tifchen' verwandt
waren, fich zu einer genaueren'Unterfuchung gerade diefer
Frage anleiten laffen follen. Gegen Harnack betont St., wie
ich glaube mit Recht, dafs nach Tatian's Auffaffung die
Materie nicht nur ein indifferenter Stoff ift. Die Unter-
fuchung des Verhältnifses von T.'s Gottes- und Logoslehre
zur griechifchen Philofophie (S. 77—m) beruht
wohl nur auf fecundärer Kenntnifs der letzteren. Ich
kann nicht finden, dafs fie die Sache über das hinaus,
was wir fchon wufsten, gefördert hätte. Uebrigens ift
mir nicht fo ficher wie dem Verfaffer, dafs Tatian fich
gerade an Philo und überwiegend an ihm gebildet hat.

Giefsen. G. Krüger.

Schwarze, Paft.Dr. Alexis, Untersuchungen über die äussere
Entwicklung der afrikanischen Kirche mit befonderer Verwertung
der archäologifchen Funde. Göttingen, Van-
denhoeck & Ruprecht, 1892. (IX, 194 S. m. 2 Text-
abbildgn., 3 Taf., 1 Plan u. 1 Karte, gr. 8.) M. 7 —

Dafs eine Fortführung der Unterfuchungen von Mor-
celli und Münter — Yanoski L'Univers, 1844, Afrique
II (Abfchnitt EAfrique chretienne) fchreibt lediglich
Morcelli aus, ohne von Münter Kenntnifs zu haben —
über dasEntftehen und die Entwicklung der afrikanifchen
Kirche ein Bedürfnifs ift, fleht aufser Frage. Die reichen
Ergebnifse der archäologifchen Forfchung mufsten endlich
auch für die KG verwerthet werden. V. Schultze's
Ausführungen (Unterg. d. Heident. II, S. 147 ff. vgl.
NKZ II, S. 516ff.) konnten wenigftens das zeigen, was
hier noch zu machen ift.

S. hat nun mit feinen .Unterfuchungen' diefem Mangel
abzuhelfen gefucht. Er hat mit Fleifs das oft weit zer-
ftreute Material gefammelt, was umfo mehr Anerkennung
verdient, als es für einen Landpaftor nicht eben leicht
ift, fich diefe Fülle von Zeitfchriftenliteratur zu verfchaffen.
Leider hat er die Fortfetzung des VIII. Bandes des CIL
von R. Cagnat und J. Schmidt nicht mehr benutzt.
Er hätte dann nicht allein für die Byzacena und Pro-