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1893 Nr. 1

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20

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Im Kampf um die Weltanschauung. Bekenntnisse eines Theologen. 10. - 12. Aufl 1893

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 1.

20

der meinigen an, dafs er die grofse praktifche Bedeutung
diefes Punktes fchärfer hervorhebt. Er hat ganz
Recht darin, dafs durch eine packende Auslegung des
Gefetzes dem Sünder immer wieder klar gemacht werden
mufs, dafs er felbft fich unfelig macht. Aber ich benreite
, dafs der Sünder durch diefes Werk des Gefetzes,
in welchem das Gericht feinen Anfang nimmt, auf den
Weg der Erlöfung gebracht werde. Denn das Gefetz
kann nicht lebendig machen. Zahlreiche Worte Luther's
ftehen mir darin zur Seite. Aber allerdings hat Luther
nur einmal, in dem sermo de poenitentia, das klar bezeichnet
, was allein auf allen Stufen des Chriftenlebens
ein ineipere poenitentiam bewirken kann. Nur durch ein
perfönliches Leben, das reiner und ftärker ift, als er felbft,
kann ein Menfch fittlich gehoben werden, fo dafs er
nicht mehr nur aus feiner Unfeligkeit herauskommen,
fondern auch von feiner Sünde loskommen will. Diefe
Wahrheit ift in ihrer grofsen praktifchen Bedeutung
damals nicht gewürdigt worden. Deshalb hat fich fchon
bei den Reformatoren die fpäter befeftigte und auch von
L. vertretene Vorftellung entwickeln können, dafs das
Gefetz, indem es den Sünder unfelig mache, das Verlangen
nach Erlöfung in ihm wecke und ihn fo gefchickt
mache, den in dem Evangelium dargebotenen Gnaden-
troft zu ergreifen. Dafs diefer Ausdruck der Sache fich
auch bei Luther findet, leugne ich nicht. Aber diefe
Darfteliung ift erftens irreführend. Denn fie legt die
Vorftellung nahe, dafs das, was das Gefetz in dem Sünder
wirken foll: Gefühl der Unfeligkeit, Verlangen nach
Seligkeit, Verzweiflung an aller Hilfe, ein inneres Loskommen
vom Böfen und damit den Anfang der Bekehrung
bedeutet. L. hat diefe Vorftellung, denn er redet
von einer unter der Hülle des Gefetzes wirkenden Gnade,
die Luther nicht näher ins Auge gefafst habe (S. 97),
und kann es nicht verltehen, dafs es ein fündiges Verlangen
nach Seligkeit geben foll. Luther allerdings ift
von diefem Fehler frei geblieben. Er bleibt bei der
Paulinifchen Erkenntnifs, dafs das Gefetz in dem Sünder
die Sünde nur fteigern kann, und dafs daher alle jene
Wirkungen des Gefetzes nur eine weitere Entfaltung der
Sünde find. Er weifs, dafs der Erlöfte fich eingeftehen
mufs, dafs er nach dem, was ihm zum Theil geworden
ift, nicht einmal verlangt hatte. Das Gefetz foll nach
Gottes Willen die Sünde mehren und das Gericht wirken.
Aber einen Anfang der Bekehrung zum Guten hat Luther
darin nicht gefehen. Er meint vielmehr wahrzunehmen,
dafs der Sünder, der lediglich durch das Gefetz zu einem
Verlangen nach Erlöfung getrieben wird, dabei in Wahrheit
danach verlangt, das Gefetz los zu werden. Aber
jene Darfteilung ift zweitens auch unvollftändig. Und in
diefer Beziehung finde ich allerdings bei Luther fchon
denfelben Fehler wie bei L. Auf den durch das Gefetz
hilflos gemachten und nach einer Erlöfung verlangenden
Menfchen foll die Verkündigung, dafs im Evangelium
ein Gnadentroft dargereicht werde, fo wirken, dafs er
diefe Hilfe begierig ergreift. Das ift die Verkürzung der
Sache, aus der das finnlofe Vertrauen auf die Heilsmacht
blofser Lehre erwachfen ift, an der wir noch heute leiden.
Alfo der Sünder, der bei feinem Verlangen nach Erlöfung
im Stillen fich danach fehnt, das Gefetz los zu werden,
foll durch die blofse Verkündigung, dafs in Folge einer
wunderbaren Veranftaltung das Evangelium einen Gnadentroft
einfchliefse, ein Anderer werden und den Troft erlangen
, der ihn erlöft. Es ift zwar richtig, wenn man
hinzufügt, der h. Geilt gebrauche die Verkündigung, um
den Sünder zu erlöfen. Aber der h. Geilt wirkt die Erlöfung
nicht durch Fingerfpitzen, Zauberformeln und Gebräuche
. Er erlöft uns durch Erweifungen perfönlichen
Lebens. Nur durch das perfönliche Leben Chrilti und
der Menfchen, denen Chriftus die Schlüffel des Himmelreiches
gegeben hat, feiner Erlöften, kann der Sünder
über den Gefichtskreis der Sünde erhoben werden. Das
gilt von allen Stufen der Sinnesänderung. Nicht eine

blofse Lehre, fondern die Erfahrung jener realen Macht
kann uns frei machen oder gänzlich verftocken.

Auf die dogmatifche Auseinanderfetzung mit Ritfehl
und mir will ich jetzt, wo ich auf meine Fragen keine
Antwort mehr erhalten kann, nicht näher eingehen.

Marburg. W. Herrmann.

Im Kampf um die Weltanschauung. Bekenntnifse eines
Theologen. 10.—12. Aufl. Freiburg i/B., J. C. B.
Mohr, 1893. (III, 95 S. 8.) M. 1.—

Die früher in diefem Blatt (1888, Num. 12) be-
fprochene Schrift liegt in 10. bis 12. Auflage vor. Der
Text ift derfelbe geblieben, nur die Ausftattung ift von
der der erften Auflagen etwas verfchieden. Der engere,
allerdings weniger gefällige Druck hat die Zufammen-
ziehung des Inhaltes von 150 Seiten auf 95 ermöglicht.
Wenn die entfprechende Herabfetzung des Preifes eine
noch weitere Verbreitung des bereits fehr bekannten und
beliebten Büchleins zur Folge hat, wird man fich über
die eingetretene Veränderung nicht beklagen dürfen.

Strafsburg i. E. P. Lobflein.

Gretillat, Prof. A., Expose de theologie systematique.

Tome II. Propedeutique. II. Apologetique. Cano-
nique. Neuchätel, Attinger freres, 1892. (XIV, 653 S.
gr. 8.) M. 10. —

Das grosse vierbändige Werk in feinem vorerft be-
abfichtigten Umfang — eine Ethik als fünfter Band
folgt vielleicht — ift nun beendet. Der erfte Band, die
Methodologie erfchien 1885, die erfte Hälfte der Dog-
matik — .Band 3 — 1888, die zweite Hälfte der Dog-
matik — Band 4 — 1890, nun bildet der zweite, jetzt
vorliegende Band den Abfchlufs. Diefe von dem Plan
abweichende Reihenfolge im Erfcheinen der einzelnen
Bände wird damit begründet, dafs die apologetifchen
und kanonifchen Fragen gerade in der Gegenwart fo
im Flufs feien, dafs der Aufenthalt einiger Jahre der Sache
nur zum Vortheil habe gereichen können, und gewifs
merkt man es dem Buche an, dafs fein Verfaffer diefe
letzten Jahre als aufmerkfamer Zeuge durchlebt hat. Allein
fchon von vornherein erheben fich Bedenken, ob eine
Wiffenfchaft, die nach Inhalt und Form fo eingeftan-
dener Mafsen der wechfelnden Zeitftrömung ausgefetzt
ift, wie die Apologetik, fich dazu eigne, für ein fo
feftes Gefüge, wie die fyftematifche Theologie doch fein
will, die Grundlage zu bilden.

Die Apologetik ift nach der aus der Methodologie
herübergenommenen Definition la verification de-
vant les falcultes naturelles de l'komme du fait chretien
considere dans ses elemcnts necessaires au salut de Phu-
manite et de Vindividti. In diefer Definition liegt ein
Doppeltes. Zunächlt hat darnach die Apologetik im
Sinn Schleiermacher's erft den Ort innerhalb des wiffen-
fchaftlichen Gefammtorganismus zu fichern, auf dem
die Theologie, insbefondere die fyftematifche, fich anbauen
kann. Sie enthält damit das, was wir fonft in den
Prolegomena zur Dogmatik, zum Theil auch in ,der Lehre
von Gott' zu finden gewohnt find. Indem fie aber zugleich
das Heilsnothwendige im Chriftenthum zu rechtfertigen
unternimmt, fafst fie zugleich das in fich, was

I unfere apologetifchen Werke im engeren Sinn zu be-

I handeln pflegen, und zwar wird die Auferftehung Chrifti,
ja die ganze Lehre von der Perfon Chrifti fchon in diefem
einleitenden Theil zu behandeln und wiffenfehaft-

■ lieh zu rechtfertigen gefucht.

Gegen diefes Letztere ift nun einzuwenden, dafs auf
diefe Weife Wiederholungen, Vorwegnahmen deffen,
was erft die Dogmatik vollftändig bringen und eingehend

' begründen kann, unvermeidlich find. Schwerer wiegt