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Ausgabe:

1893

Spalte:

17-20

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lipsius, R. A.

Titel/Untertitel:

Luthers Lehre von der Busse 1893

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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iS

obiger Schriften, an welche fich zahlreiche Aeufserungen
aus der unmittelbaren Gegenwart anreihen liefsen (ich
erwähne u. A. Harnack, Holtzmann, Rade, Kattenbufch),
durfte Ref. als durchgehende Beftätigung der Methode
und der Refultate, welche er in feiner 1890 erfchienenen
franzöfifchen Monographie über die Jungfrauengeburt entwickelt
hatte, dankbar begrüfsen.

Strafsburg i. E. P. Lobflein.

unterfchieden habe. Die erftere werde angefangen durch
das den Sünder ftrafende Gefetz, die zweite habe ihren
Urfprung in der Liebe zur Gerechtigkeit, die aus dem
Glauben hervorgehe. Melanchthon habe in der Apologie
diefe Unterfcheidung fallen laffen, habe nun aber auch
den Anfang des Sinnesänderung in jeder Beziehung in
der zerfchmetternden Wirkung des Gefetzes gefunden.
Die Lehre Luther's, wie er fie zu fehen meint, hält L.
im Allgemeinen für richtig. Er vermifst daran nur, dafs
Luther fo wenig wie Melanchthon von einem Begriffe
Kattenbusch, Prof. D. Ferd., Zur Würdigung des Aposto- der gratia pracvenicns Gebrauch gemacht habe (S. 75
licums. Gefchichtliche Skizzen mit einem Nachwort. ; u- 142). von welchem er fich eine Auflöfung der von uns
ru rU .n, -t 01 t r i empfundenen Schwierigkeiten verfpricht. Leider hat L.

Hefte zur .Chnftl. Welt', Nr. 2.1 Leipzig, Orunow, I . r . , .. & .__r _ r>__:cc n d

L ' J r & nicht mitgetheilt, was er unter diefem Begriffe verftand,

1892. (48 S. gr. 8.) M. .40. j w:e er :jln begründete und angewendet wiffen wollte.

Die in der Chrifllichen Welt zuerft veröffentlichte i Ich kann aber vor Allem nicht finden, dafs es L. auch
Studie Kattenbufch's, welche mir erft nach Abfendung nur gelungen wäre, feine Auffaffung von dem hiftorifchen
obiger Rezenfionen zukam, tritt den Abhandlungen von Befunde widerfpruchslos darzuftellen. S. 108 findet fich
Achelis und dem Vortrage Bornemann's theils ergänzend, der Satz: ,Er (Agricola) überfah dabei nur, dafs es fich
theils beflätigend zur Seite. Der Schwerpunkt der Schrift : im Streite mit Eck um die rechte Chriftenbufse, in den

Artikeln Melanchthon's aber um den rechten Weg zum
Glauben, im Gegenfatze zu einer leichtfertigen Glaubenspredigt
handelte'. Aber L. hat doch S. 75 einräumen
müffen, es komme in Luther's Ausführungen gegen Eck
dadurch ,einige Unklarheit, dafs der urfprüngliche Gefichts-

liegt in der auf gründlichen Spezialforfchungen beruhen
den Erörterung der Entftehung des Apoftolicums, vornehmlich
in der Charakteriftik der die Grundlage des
Ap. bildenden altrömifchen Formel, deren urfprünglichen
Sinn und fpätere Zufätze K. in geiftvoller und origineller

Weife zu behandeln weifs. Ob in der Würdigung diefes punkt, nach welchem es fich um die täglichen Bufse des
altrömifchen Symbols K. gegen Harnack Recht behalten j Chriften im Gnadenftande handelt, nicht fcharf feftgehal-

wird, ift mir allerdings fehr fraglich. In dem Urtheil
über Luther's Auffaffung des Apoftolicums begegnet fich
K. mit Achelis und Bornemann. Auch feine praktifchen
Folgerungen halten im Wefentlichen diefelbe Linie inne,
fie entlehnen aber der vorangehenden gefchichtlichen
Skizze eine überrafchende und in den meiften Fällen
überzeugende Wirkung.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

ten ift. Gelegentlich redet er wieder fo, als ob er die conversio
impii befchreiben wolle'. Dies Eingeftändnifs gewinnt
an Bedeutung, wenn man bemerkt, dafs L. eben
gar nicht bewiefen hat, dafs in den Verhandlungen mit
Eck allein die Chriftenbufse mit Ausfchlufs der conversio
impii in Frage gekommen fei. Niemand wird auch
das beweifen wollen, der bemerkt, wie Luther fich
(E. A. var. arg. III, 187) auf das Beifpiel Chrifti beruft:
Christus nunquam peccatores coegit timore adpoenitentiam,
sed suavitcr allexit, quoscumque vocavit. Von diefen
Lipsius, R. A., Luthers Lehre von der Busse. [Aus: Jahrbb. Menfchen, die doch offenbar erft in den Gnadenftand
f. prot. Theol.'l Braunfchweig, Schwetfchke & Sohn, j verfetzt werden follten, fagt Luther dort, es fei
isVv> r.Ro ^ crr K M c— ihnen nicht möglich gewefen, ferrc conversioncm sui,

ioy^. (,iöu o. ör. o.) ivi. ;,. wenn ihnen nicht etwas von dem timor £>ei fiHaiis ;ns

Herz gegeben wäre. Die Behauptung alfo (S. 103) Luther
habe niemals die Meinung gehegt, dafs die auf ihn wirkende
Liebe allein den Menfchen auf den ,Weg zur Er-
löfung' bringe, ift unbegreiflich bei dem, was L. ielbft

Der inzwifchen aus einer reichen Wirkfamkeit ab
gerufene Verf. hat uns in diefer Abhandlung noch einmal
den Beweis feines Fleifses, feines Scharfflnns und
feines religiöfen Ernftes gegeben. Bei der Anzeige

feines letzten Beitrags zu den gemeinfamen Aufgaben | als Luther's Meinung zugeftehen mufs. Es ift überhaupt
begleitet mich der Schmerz darüber, dafs es mir nicht i nicht möglich, in diefe Sache Klarheit zu bringen, wenn

gelungen ift, mich mit ihm über unfere theologifchen
Differenzen zu verftändigen, trotz der freundlichen Ge
flnnung, die er feit einer Reihe von Jahren mir bewiefen

man die conversio impii und die Chriftenbufse als zwei
inhaltlich verfchiedene Vorgänge fefthält, wie auch L. noch
thut. Wenn es fleh doch beide Male darum handelt, dafs

hat. Diefe Gefinnung kommt hier auch zu einem mir | ein Sünder zu Gott geführt werde, fo mufs der innere
erfreulichen Ausdruck. Aber ebenfo kann ich auch hier 1 Vorgang auch hier wie dort diefelben Momente aufweifen,
wieder fehen, dafs es mir bisher nicht gelungen war, bei ! Ich habe diefe Momente bezeichnet als ,Weg zur Erlöfung'
ihm die Vorurtheile zu überwinden, die eine Verftändi- I und, Erlebnifs der Erlöfung'. Beides mufs in der conversio
gung erfchwerten. impii und in der Chriftenbufse in wefentlich gleicher

L. beginnt mit einer Darftellung der Beiträge, die | Weife zu finden fein. Ich glaube, dafs L. die Verhandlung

Köftlin, Ritfehl, Harnack, Loofs und ich zu der Frage
geliefert haben. Dann folgt die Darfteilung von Luthers
Lehre vor dem Ablafsftreit, feit dem Ablafsftreit bis zum
Streit mit den Schwarmgeiftern, bis zum erften Streit
mit Agricola 1520—27, dann die feitdem von Luther
nicht mehr veränderte Lehre. Hieran fchliefst fich die
Darfteilung der Lehre Melanchthon's bis zur Apologie
mit einer kurzen Ausführung über Calvin. Endlich folgt,
was für L. bei der ganzen Abhandlung wohl die Hauptfache
gewefen ift: die Lehre von der Bufse nach Ritfehl
und Herrmann. Gegen unfere Verfuche einer Weiterbildung
der Lehre will L. die lutherifch orthodoxe Faf-
fung, bei der es auch in Zukunft bleiben werde, ver-
theidigen.

Bei der hiftorifchen Unterfuchung wird leider mehr
vorausgefetzt als bewiefen, dafs Luther mit zunehmen-

beffer gefördert hätte, wenn er hierzu Stellung genommen
und durch feine umfaffenden Studien vor Allem
die Frage zur Entfcheidung gebracht hätte, ob Luther
die conversio impii und die Chriftenbufse als inhaltlich
gleiche oder verfchiedene Vorgänge anfehe. Bei allen
Schwankungen im Ausdruck fcheint Luther mir an der
Erkenntnifs feftgehalten zu haben, die er z. B. in der
Auslegung des 5. Pfalms ausfpricht (E. A. lat. 14, 241):
iste inquam est modus non so/um primae gratiae in/un-
dendae sed et euiushbet eins sequentis augmenti. Die Elemente
, die Luther in jedem der beiden Vorgänge wahrnimmt
, find tunor servilis, d. h. das durch das Gefetz
gewirkte Gefühl der Unfeligkeit, und timor flüa/is, d. h. Liebe
zum Guten und zu Gott. Dafs das Gefetz, von dem das
perfönliche Leben nicht loskommt, den Sünder unfelig
mache, hat Luther oft und ftark betont. Ich erkenne

der Klarheit zwifchen conversio impii und Chriftenbufse 1 es gern als einen Vorzug der L.'fchen Darfteilung vor