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Ausgabe:

1893 Nr. 14

Spalte:

357-360

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Robertson, Archibald (Ed.)

Titel/Untertitel:

St. Athanasius, Select Writings and Letters 1893

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 14.

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Mommfen und die Wiener Gelehrten von einander ab.
Während erfterer von der ficheren Ergänzung von Z. lo
u. 11 ausgehend die Zahl der fehlenden Buchftaben des
linken Randes auf 7—12 Bft. (für den griechifchen Text)
berechnet und danach ergänzt, nehmen diefe einen Ausfall
von 12—18 Bft. an. Für letzteres läfst fich anführen,
dafs dann der Text etwas glatter herzuftellen ift und
dafs das Schlufswort, das in der Zeile freigeftellt ift, ungefähr
in die Mitte zu flehen kommt. Dennoch wird
Mommfen mit feiner Ergänzung im Rechte fein. Z. 17
wird vielleicht ftatt des von v. Gebhardt yorgefchla-
genen pavixovg, das fich bei Eufeb. in diefem Zufammen-
hange nicht findet, aoeßÜQ zu lefen fein, wenn auch v.
Gebhardt's Gründe viel Beftechendes haben. Z. 19 läfst
das Facfimile der Infchrift den Reft von v erkennen;
Mommfen's Ergänzung frowoxelq mufs daher, falls das
Facfimile genau ift, wohl der Wiener Ergänzung Üorp/.iiav
weichen. Die Conftruction wird allerdings dadurch recht
hart.

Auf Einzelheiten einzugehen fehlt hier der Raum,
foviel Gelegenheit dazu auch wäre. Den Entdeckern,
fowie Mommfen und allen denen, die fich um die Her-
ftellung verdient gemacht haben (Bormann, v. Gebhardt
, Harnack, Reinach, v. Wilamowitz) gebührt
der wärmfte Dank.

Berlin. Erwin Preufchen.

St. Athanasius, Select Writings and Letters, edited by A.
Robertson (Nicene and Postnic. Fathers, edited by
I [. Wace and Ph. Schaff. II. Series. Vol. IV). New York
1892, The Christian Literature Company. (XCI, 606 p.).

i 3- —

Von dem Inhalt diefes Bandes giebt, rein äufserlich
betrachtet, die Seitenzahl eine falfche Vorftellung. Die
Prolegomena umfaffen XCI Seiten: aber es ift dabei in
Betracht zu ziehen, dafs ein grofser Theil in fo compref-
fem, wenn auch durchaus lesbarem Druck gefetzt ift, dafs
das Ganze einen mindeftens 20 Bogen ftarken Octavband
von der Gröfse und Ausftattung des ,Wiener Corpus'
bilden würde. Und die 6c6 Seiten des Textes und der
Indices würden nach jenem Mafsftab das Doppelte und
Dreifache diefer Zahl repräfentiren. So ift es möglich
gewefen, in diefem einen Bande Alles von Bedeutung zu
vereinigen, was auf Athanafius zurückzuführen ift, mit
Ausnahme der Orationes IV ad Serapionen., der Libri II
c. Apollinarium (vgl. darüber weiter unten), der Schrift ad
Marcelünum und der exegetifchen Hinterlaffenfchaft.
Und das Alles in guter Ausftattung für den Spottpreis
von 3 Dollars!

Die Ueberfetzung ift zu einem Theil die des Cardinais
Newman, aus der Oxforder Ausgabe nach forgfältiger
Revifion herübergenommen; ein anderer Theil ift neu überfetzt
, meift von Robertfon, die vita Antonii von Rev.
Ellersham. Die Einleitungen zu den einzelnen Schriften
find durchweg von Robertion. Hier und in der
Herftcllung der allgemeinen Prolegomena und der Noten
liegt der Schwerpunkt feiner Arbeit. In den von Newman
überfetzten Tractaten find freilich deffen Noten der
Subftanz nach beibehalten, nur öfter befchnitten worden,
wenn es der befchränkte Raum forderte. Dies Verfahren
ift auch da geübt worden, wo Robertfon fich in Wider-
fpruch zu Newman's theologifchen, polemifchen und
hiftorifchen Urtheilen befand. Warum man die Achtung
vor der Arbeit des Cardinais fo weit getrieben hat, ift
für den Fernftehenden nicht leicht einzufehen. Ift es doch
nun unvermeidlich geworden, dafs die in Klammern ge-
fetztenZufätze Robertfon's das Gegentheil von dem behaupten
, was man foeben las. Bei einer derartigen Arbeit
fcheint mir fo weitgehende Pietät nicht am Platze. Es
handelte fich doch nicht um eine Herausgabe von Newman
's, fondern von des Athanafius Werken. Aber ich darf

darüber nicht ftreiten, da ich die Bedingungen nicht kenne,
unter denen die alte Ueberfetzung dem neuen Unternehmen
zur Verfügung gehellt worden ift.

Sehe ich von diefem Uebelftand ab, fo habe ich an
Robertfon's Arbeit fchlechterdings nichts auszufetzen
gefunden. Der Mitherausgeber der ganzen Library Henry
Wace fagt in der Vorrede: ,Wir übergeben diefen Band
— — den Subfcribenten und dem weiteren Leferkreis
mit tiefgefühltem Dank gegen Herrn Robertfon. Wir
glauben, dafs darin eine umlaffendere und gründlichere
Einführung in das Studium des Athanafius geboten wird,
als man fie fonft finden kann, und der hingebende Fleifs
der darauf verwendet wurde, ift über alles Lob erhaben.' Ich
unterfchreibe das und glaube, jeder, auch der bedenk-
lichfte Recenfent wird es thun. Das Einzige, was mir
nicht ganz verftändlich geworden ift, ift die Behandlung
der Eigennamen im Regifter. Es follten alle aufgenommen
werden, da R. der Gefahr entgehen wollte, zwifchen
wichtigen und unwichtigen Perfönlichkeiten eine ftets nur
■ fubjective Linie zu ziehen: the nobodüs of history may
I occasionnlly be iniportant mitntsses. Offenbar fpricht er
! nur von den bei Athanafius felbft vorkommenden Namen.
Er hat aber gelegentlich, wie die römifchen Ziffern be-
weifen, auch auf die Prolegomena zurückgegriffen, und
da ift mir das Princip nicht klar, nach welchem z. B.
: Paul von Samofata und Lucian aufgeführt werden, die
j Theodote, Sabellius, Lucifer, Cosmas Indicopleuftes (vgl.
S. 500) und fo mancher Andere nicht.

Die allgemeinen Prolegomena bringen zunächft eine
treffliche Ueberficht der Ausgaben (im Ganzen 26) und
der Literatur. Von einem Gelehrten, der von Gwatkin
und Harnack viel gelernt zu haben bekennt, erwartet
j man eine verftändige und richtige Auswahl, und diefe
j Erwartung wird vollauf beftätigt. Die zweite Nummer
! umfafst einen ausführlichen Abrifs des Lebens und giebt
eingehenden Bericht über den Arianismu.s. Von diefer
(wie überhaupt von feiner) Arbeit fagt Robertfon im
] Vorwort befcheiden genug, dafs er eigenes Verdienft da-
| für nicht in Aufbruch nehme, fondern beftrebt gewefen
1 fei, ftets die bellen Autoritäten heranzuziehen und nach
ihnen feinUrtheil zu bilden. Er hat damit doch nur gethan,
! was felbftverftändlich war, und was er geleiltet hat, erhebt
fich fo weit über das Niveau der blofsen Compila-
tion, dafs ich nicht anftehe, diefen Abfchnitt für die licht-
vollfte, überfichtlichfte, kurz befte Darfteilung zu erklären,
die wir überhaupt befitzen. Die Arbeit ift natürlich nach
Gwatkin und Harnack relativ leicht gewefen,aber ihre
treffliche Ausführung fetzt doch nicht wenig voraus und
ift höchft dankenswerth. Insbefondere die Darfteilung der
Antecedentien des Arianismus ill durchaus treffend, wenn
ich auch in der letzten, fozufagen abfoluten, nicht der
hiftorifchen (relativen) Würdigung z. B. Paul's von Samo-
I fata vom Verf. abweichen wurde. Aber damit haben wir
; es hier nicht zu thun, und ich würde es gar nicht erwähnen
, hätte nicht R. an mehreren Stellen auch fein ,ab-
folutes' Urtheil über die Erfcheinungen kräftig betont,
ohne aber fich als Hiftoriker davon mehr als billig be-
einfluffen zu laffen. Daraus erkläre ich mir auch die
i ,Ehrenrettung' des Eufebius, die eben als folche mir über-
flüffig erfcheint, wenn auch R. fachlich im Rechte ift.
Was nun R.'s kritifche Stellung zu den Werkendes
. Athanafius betrifft, fo hält er, was er aufgenommen hat,
; natürlich für echt. Die Historia Arianorum ift ihm un-
mittelbar ein Werk des Äthan. Gwatkin's Ueberarbeitungs-
hypothefe weift er zurück. Weingarten's Zweifel (RE.
X771), die auch mir unberechtigt erfcheinen, erwähnt
er nicht. Dafs die Abfaffung der Vita Antonii durch Athanafius
von grofsen Schwierigkeiten gedrückt ift, verkennt
er nicht, aber er hält fich nicht für berechtigt, das Buch
I deshalb ihm abzufprechen; die überwiegende Wahrfchein-
lichkeit fieht er doch auf Seiten der EchtheitserklärunCT.
; Die Bedenken, die fich gegen die 4. Oratio adv. Arianos
I erheben laffen, weifs er zu würdigen (vgl. bef. S. 401 f.).