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Ausgabe:

1893 Nr. 14

Spalte:

355-357

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mommsen, Th.

Titel/Untertitel:

Zweisprachige Inschrift aus Arykanda 1893

Rezensent:

Preuschen, Erwin

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 14.

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tens', ,falfche Bethätigung der Sittlichkeit durch Entfinn-
lichung' abgehandelt wird, beruht auf der richtigen Er-
kenntnifs von dem ftarken Einflufs, den die Philofophie
der abendländifchen Eklektiker auf Tertullian ausgeübt
hat; ebenfo das, was im 3. Abfchnitt juriftifche Faffung
des Verhältnifses zwifchen Gott und Menfch' ausgeführt
ift, auf der Beobachtung, dafs Tert. in feinem ganzen
Denken Jurift geblieben ift. Aber für die gerechte Be-
urtheilung Tert.'s fcheint mir es doch wichtig zu fein,
zu conftatiren, 1) dafs der Begriff vom Lohn, der doch
den des Verdienftes einfchliefst, bereits im N. T. im
Keime vorliegt und 2) dafs Tert.'s Verdienftbegriff bereits
vollkommen deutlich im Hirten ausgefprochen ift
sim. V, 3, 3: säv äs zi äyaiXov noiijorß ixzog zrtg svzo-
Xrjg zov ü-eov, osavzcp neQnvovrür] d6g~av nEguJOozkgav, xai
eorj sväo^ozsgog jzagä ztjt &eo>, ov BLisXXsg sivat. Tertullian
hat alfo den Begriff überhaupt nicht erft aufgebracht
(fo Wirth in der Vorrede), fondern übernommen und in
feiner Weife formulirt.

Auf Einzelheiten weiter einzugehen, mufs ich mir
hier verfagen; über einen Punkt, den Satisfactionsbegriff
bei Tcrt. (S. 25 ff.), hoffe ich demnächft an anderem Orte
ausführlich zu handeln.

Die Fortfetzung diefer Unterfuchung, die der Verf.
verfpricht, wird die Frage ohne Zweifel noch mehr fördern
, wenn W. fich noch mehr bemüht, die Dinge im
Fluffe der Entwicklung zu fchauen und bei ihrer Be-
urtheilung ohne die Brille irgend einer Schuldogmatik (wie
hier S. 52 f. 62 Anm. 1) zu fehen.

Berlin. Erwin Preufchen.

Mommsen, Th., Zweisprachige Inschrift aus Arykanda. [Aus:
Archäologifch-epigraphifche Mittheilungen aus Oefter-
reich. Wien, F. Tempsky, 1893. (S. 93—102 u. 108.
gr- 8.)]

Einen kirchengefchichtlich fehr werthvollen Infchrif-
tenfund hat Mommfen in der vorftehenden Publication
bekannt gemacht. Die Infchrift, um die es fich handelt,
wurde in der Stadt Arykanda im füdöftlichen Lycien bei
der letzten öfterreichifchen Expedition nach Lycien entdeckt
und abgeklatfcht. Leider ift fie nur fehr trümmerhaft
erhalten: der ganze obere Theil, der ganze linke
Rand fowie ein Stück des rechten fehlen. Wenn dennoch
eine Herftellung des Fragmentes zu einigermafsen befriedigendem
Ergebnifs geführt hat, fo ift das in erfter
Linie dem Scharffinn Harnack's zu verdanken, der die
Verwandtfchaft mit dem von Elufeb [h. e. IX, 7) aufbewahrten
Maximinedicte erkannt hat.

Die Situation, in die die Infchrift hineingehört, wird
von Eufebius, h. e. IX, 2 sqq. gezeichnet (vgl. dazu den
Anonym., de mortib. persecut. 36 und Tillemont, Me-
moires pour servir l'histoire eccles. V2, p. 104 s.) Nachdem
Maximin die Herrfchaft im Offen übernommen
hatte, fetzte er eine zwar nicht officiell organifirte, aber
doch nicht minder wirkungsvolle Chriftenhetze in Scene.
Er veranlafste indirect die Städte — es werden von
Eufeb. namentlich Antiochien (//. e. IX, 2,2, vgl. 6,3), Ty-
rus (/. C. 7, I sqq.), Nikomedien (/. c. 9, 17. 19) und
andere ,Städte' (vgl. /. c. 4, 1) genannt — fich mit Eingaben
an ihn zu wenden, in denen ein Verbot der
Anfiedelung von Chriften im Stadtgebiete gefordert
wurde. IX, 2,2 heifst es . .. zovg ^ivzioyeojv zzoXizag nag-
oginjoag (näml. Maximin) s/ri zb iiiqäaiicbg ziva Xgiozia-
vvjv zijv avzüv olxsiv srzzzQsrzsad-az nazgiäa. Ein folches
Beifpiel wirkt anffeckend, und die Gewifsheit, fich bei
der Regierung durch folch einen wohlfeilen Act der
Frömmigkeit beliebt zu machen, hat mehr als eine Stadt
auf denielben Weg geführt. Diefer Bericht Eufeb's wird
durch den Fund von Arykanda in willkommenfter Weife
beftätigt, der von einer gleichartigen Petition von Lycien
und Pamphylien Kunde giebt.

Als die Zeit diefer Petition hat Mommfen 311 oder
wahrfcheinlicher 312 ermittelt. Die Adreffe, die freilich
auch z. Th. ergänzt werden mufs, richtete fich an Maximin,
Conftantin und Licinius —fetzt alfo einerfeits voraus, dafs
Galerius todt ift (f nach 30/4. 311) und andererfeits, dafs
der Bruch mit Maximin noch nicht erfolgt war (Winter
312/313). In die Zeit zwifchen diefen beiden Daten fällt
demnach Petition und Refcript. Die genauere Anfetzung
auf 312 (mit Benutzung vonEufeb., h. e. IX, 10,12) fcheint
mir etwas gewagt.

Von denBefcheiden, die Maximin auf derartige Eingaben
ertheilte, ift uns von Euseb. [h. e. IX, 7,3 sqq.) der
an die Tyrier gerichtete erhalten, der von einer in Tyrus
aufgeftellten Säule entnommen ift {avziygaqiov igitr/vsiag
zrjg Mai-iu.ivov itgbg zä xa&'rjiitov yjrjWioitaza dvtiyQaq>ijg,
C7cd zi]g sv Tlqui ozzjXiqg LiszaXrppötiorig, vgl. dazu IX,
7, 1). Der Schlufs diefes Refcriptes lautet (/. c. § 13 sq.):
'Iva äs eiärjzs, bog) ngoöqpiXrjg rjiiiv yeyovev rj visgi zovzor
ät-icootg vitcöv xai yiogig pr(piaiidr(av xai ycogig ÖErjotiog
avlXaigezg) ßovXrjoEi r; id'Bzega ngoltviiozazrj tpiXayadiaig
ipvXrl > s/izzosnoatv zf vpEztga xaDooituosi, onoiav Ö av
ßovXrjtXrjzs itByaXoäcogsav, ävzi zavxrjg viuov zfjg qpiXoitsov
TZQofJ-soswg aizrjoai. Kai jjärj iiev zovzo noisiv xai Xaßeiv
agjicuoazt' zsvigsoiXs yäg avzrjg yiogig zivog vzzsgd tOEtog'
zjzig TzagaoxEÜziaa zfj viiezsqo: nöXsz eig arzavza zbv
aiiöva zijg zzsyi zovg üiraväzovg Dsovg cpiXolXsov ivoeßsiag
tzüqs^ez iiagzvgiav, zov äs biiäg äg~iu>v htälrXiov ZBZvyrp
xevaz nagä zijg 'gUBzigag cpiXayaiXiag zavzgg viiüv bvbxbv
zig zov ßiov ngoaigiosiog, vioig zs xai sxybvoig vubzb-
goig smäsLyO-poEzai. Das lateinifche Stück der Infchrift
von Arykanda, deffen Anfang freilich fehlt, läfst mit
Sicherheit folgende Worte refp. Buchftaben erkennen:
.... entkam voU ...[... ere tarn nunc li(p . . . | . . .
cet impetraturi ea . . . . . . am nostram : iuxta deos . . .

. . . tur quam vero condigna pra(e . . . | . . . ei)
uientia consecutos liberis ac (po . . . Dafs dies fich ziemlich
genau ebenfo in dem Schlufs des tyrifchen Edictes
findet, wie Harnack gefehen hat, kann keinem Zweifel
unterliegen. (pet)ere iam nunc h{oc): aizrjoai- xai r)ör
itiv zovzo; impetraturi: zbv^bo{Xb; {t)am nostram iuxta
deos: zijg izsgi zoig . . . IXsovg; quam vero condigna pra(e-
mid): ä§iwv sTtdirXzov; (clepnentia consecutos: ztzvyjp/.srui
. . . (piXayatXlac; liberis ac (posteris): vlotg zs xai h/.yovoig.
Hätten wir vom tyrifchen Refcript noch das Original,
fo würde die Identificirung noch augenfcheinlicher zu
machen fein. Rufin hat das Stück ausgelaffen (etwa, weil
er fich — vergeblich — um das Original bemühte?). Auf
den lateinifch in den Stein eingegrabenen Befcheid Maxi-
min's folgt die griechifche Eingabe der beiden Provinzen
Lykien und Pamphylien. Auf die inhaltliche Ueber-
einftimmung diefer Petition mit derjenigen von Tyrus,
| foweit fich diefe noch aus dem Befcheide erkennen läfst,
hat bereits Harnack (bei Mommfen S. 98) hingewiefen.
Auch eine Reihe von fprachlichen Parallelen läfst fich
dafür anführen: zu Z. 13 ßaoiXelg, oig fj Vgrjoy.ELa iiEzis.Xrpzai
vgl. Eufeb., h. e. IX, 7, 7: . . . bßtog s^aigszöv eozi xal
Xulitzqov xai otozrjQidjÖEC, iiszä zov orpszXoLisvov asßäo^ia-
zogzij Q-qviaxzla ... zav atraväzwv frsiov Tzc-oonvai (vgl. 7,6);
zu Z. 15 xaXcög eyezv söoxiLiai>au.BV xazacptysiv vgl. 7,6:7r(;öc
zr)v rpiezsQav etaeßeiav, ücmeg zcgng iirpvooßroXiv jzaocöv
deoaeßaiwv, yiogig zivog iieXXnosojg xazicpvyev . .; zu Z. 17
zrjv aiizijv vöoov (äiazrjQOv~vza)g vgl. 7, 11: tboäv ix ysiiudvog

a/ZQnoäoy.rjzov r< vöoov ßageiag änoonaad-svzeg.....,

zu Z. 19 (tiowoxsla}) ziv zoig d-eoig ö(p£iXoiisvriv 7iagaßaivEiv
vgl. 7i7-7, 12 Liezä zov (iojBlXoiibvov oBßuo/aazog; 9, 14
Big zrpv d-gvoxBiav zcüv Q-bojv ävaxXw&nvai.

Zur Wiederherftellung der Infchrift kann man fich
daher, wie es Mommfen mit Erfolg gethan hat, der Infchrift
von Tyrus als Grundlage bedienen. Einzelne Differenzen
in der Faffung find dadurch verardafst, dafs
jenes Edict an zwei Provinzen, diefes an eine Stadt gerichtet
war.

In der Beftimmung der Lückengröfse weichen